Drachenvariante - B72

Jünk, Stefan (1558)
Lechler, Walter (1609)

DJK Ellwangen II - SC Leinzell I
Landesliga 9900, Runde 5, Brett 7, 20.12.1999

 

Stefan JünkObwohl man ihn beim Übungsabend mittlerweile nur noch selten antrifft, hält Stefan seinem Verein "eisern" die Treue. Seit 1983 hat er kaum einen Einsatz in den Mannschaftskämpfen verpasst. Seine Partien sind zwar selten fehlerfrei, aber immer sehenswert und originell. In der folgenden Partie zeigt er sich zumindest am Schluss von seiner besten Seite.

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.h3 Sc6 4.Sc3 Sf6 5.d4 cxd4 6.Sxd4 Ld7 7.Le3 g6

Schwarz wählt den Übergang zur Drachenvariante. Nach einigen ungewöhnlichen Zugumstellungen hat die Stellung damit ein "Gesicht".

8.Sxc6

Dieser Zug verdirbt zwar nichts, aber er kann natürlich kein echter Test für den Drachen sein. Mit dem h3-Bauern war z.B. 8.Dd2 Lg7 9.0-0-0 0-0 10.g4 Tc8 11.Kb1 Se5 12.f4 wie (durch Zugumstellung) in der Partie Timman-Sosonko, Holland 1987 stellungsgerechter.

8...Lxc6 9.f3 Lg7 10.Dd2 0-0

Interessant war 10...Sh5!?, um die schwarzfeldrigen Schwächen am weißen Königsflügel auszunützen. Nach 11.Tg1!? Sg3 [nach 11...Da5 12.Sd5 Dxd2+ 13.Kxd2 hat Weiß das angenehmere Endspiel.] 12.Ld4 Sxf1 13.Txf1 entsteht eine Stellung mit beiderseitigen Chancen.

11.Lh6 Da5 12.Lxg7 Kxg7 13.Lc4 a6 14.0-0-0 b5 15.Lb3 Tac8

Eigentlich ist dies immer ein nützlicher Zug. In der konkreten Situation war aber 15...b4! konsequenter. Nach 16.Sd5 Lxd5 17.exd5 Db5 18.g4 a5 hat Schwarz die Initiative.

16.h4! b4 17.Sd5 Lxd5

Auch nach 17...Sxd5 18.exd5 La4 19.Kb1 hat Weiß die besseren Aussichten, z.B. 19...h6 20.Dd4+ Kg8 21.h5 g5 22.f4! wonach sich der schwarze König sehr unwohl fühlen dürfte.

18.exd5 h6?

Dies gibt Weiß nur eine zusätzliche Angriffsmarke. In Stellungen mit heterogenen Rochaden kann jedes Tempo partieentscheidend sein. Schwarz sollte deshalb mit 18...Db5 seinem a-Bauern den Weg frei machen. Eine mögliche Folge ist 19.The1 a5 20.De2! Dxe2 21.Txe2 Tc7 22.Tde1 Te8 23.g4 Kf8 und Schwarz sollte sich halten können. Nach 24.g5 Sh5 kann der Springer über g3 nach f5 überführt werden, wo er nicht nur den weißen h-Bauern angreift, sondern auch den eigenen e-Bauern überdeckt.

19.a3?

Auch Stefan hat die Stellung (noch) nicht im Griff. Das Ziel von Weiß ist nicht ein möglicher Bauerngewinn, sondern die Jagd auf den weißen König. Diese Jagd hätte er mit 19.g4! eröffnen sollen. Nun droht g4-g5 mit Angriff auf h6 und f6. Schwarz muss wohl 19...Sd7 spielen, aber nach 20.Dd4+ Kh7 [oder 20...Kg8 21.De3! Sc5 22.Kb1 und ein schwarzer Bauer fällt.] 21.h5 g5 22.f4! gxf4 23.De4+ Kg8 [oder 23...Kg7 24.g5!] 24.Dxf4 steht Weiß klar besser.

19...Tb8 20.a4 Dc5?!

Das Feld c5 sollte sich Schwarz für den Springer reservieren. Am flexibelsten war wohl 20...Tbc8 mit der möglichen Folge 21.g4 Sd7 22.Dd4+ Kg8 23.De3 Sc5 24.Kb1 Sxb3 und Schwarz hat keine Probleme.

21.The1 Tfe8 22.g4 Sd7 23.f4!?

Logischer scheint 23.h5 zu sein. Die folgende Variante ist zwar viel zu lang um "wahr" zu sein, aber sie zeigt sehr schön die weißen Möglichkeiten auf: 23...Se5 24.hxg6 fxg6 25.Th1 Th8 26.g5 h5 27.f4 Sc4 28.De2 De3+ 29.Dxe3 Sxe3 30.Tde1 Sf5 31.Lc4 a5 32.Ld3 Kf7 33.Te6 mit klarem Vorteil für Weiß.

23...Sb6?!

Wie schon erwähnt, sollte der schwarze Springer danach streben, auf dem Feld c5 zu landen. Ein sehr ernsthafter Kandidat war deshalb 23...Dc8!? womit nicht nur c5 gräumt, sondern auch g4 angegriffen wird.

24.f5?!

Stefan gibt damit dem schwarzen Springer völlig unnötig Zugang zum Feld e5. Viel besser war 24.Te4! a5 25.Tde1 Tbc8 26.h5 und für den schwarzen König wird es sehr ungemütlich.

24...Sc4 25.Dd3 Se5 26.Dxa6 Sf3?!

Ab hier gerät Walter mit jedem Zug mehr auf die schiefe Bahn. Da er ein notorischer Zeitnotkandidat ist, nehme ich an, dass er hier noch höchstens drei Minuten auf der Uhr hatte. Auch nach 26...Sxg4? 27.fxg6 fxg6 28. h5! bekommt Weiß einen gewaltigen Angriff. Notwendig war 26...gxf5 27.gxf5 und nach 27...Df2!? ist die Lage trotz des weißen Mehrbauern unklar.

27.Te4! Se5? 28.fxg6 fxg6 29.h5! g5? 30.Txe5!! dxe5?

Nun wird Schwarz mit einer gnadenlosen Serie von Schachs zusammengeschoben. Er hätte wenigstens 30...Tb6 versuchen müssen. Weiß setzt am besten mit 31.Txg5+! hxg5 32.De2! fort, und es droht der vernichtende Damenzug nach e6.

31.Dg6+ Kh8 32.Dxh6+ Kg8 33.d6+ e6 34.Lxe6+ Txe6 35.Dxe6+ Kh8 36.Df6+ Kh7 37.h6 De3+ 38.Kb1 Tg8 39.d7 De2 40.d8=D 1-0

Kommentar: Klaus Schumacher