Drachenvariante - B76

Zikeli, Saskia (1664)
Alsheimer, Christoph (1535)

Deutsche-Jugendeinzelmeisterschaft U12,
Winterberg, Runde 9, 24.05.2002

 

Saskia ZikeliAls ich die folgende Partie erstmals nachspielte, war ich beeindruckt. Eine tolle Angriffspartie für ein 12-jähriges Mädchen. An der Korrektheit des weißen Konzepts hatte ich aber Zweifel. Erste Analysen mit Fritz 7 bestätigten meinen Verdacht. Im 20. und vor allem im 21. Zug hätte Schwarz mit Se5-f7 anscheinend ins Spiel zurückfinden können. Als ich meinem Analysepartner dann aber den Schlüsselzug Dg5-h4 vorsetzte, stellte sich nach und nach heraus, dass Schwarz auch danach verloren ist.

1.e4 d6

Die sizilianische Zugfolge, um die Stellung nach dem 9. Zug von Weiß zu erreichen lautet: 1...c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 g6 6.Le3 Lg7 7.f3 0-0 8.Dd2 Sbd7? 9.g4

2.d4 Sf6 3.Sc3 g6 4.Le3 Lg7 5.f3

Ganz modern ist hier 5.Dd2 c6 [oder 5...Sg4 6.Lg5 h6 7.Lh4] 6.Lh6 Lxh6 7.Dxh6 um sich die Möglichkeit f2-f4 nebst Sg1-f3 offen zu halten.

5...0-0?!

Dies kommt den weißen Absichten entgegen. Der König sollte in diesem Abspiel nicht so früh zum Königsflügel dirigiert werden. Oft steht er im Zentrum oder auf dem Damenflügel sicherer. Schwarz muss vor allem ein Gegenspiel am Damenflügel organisieren. Er muss aktiv spielen und darf keine Zeit verlieren, sonst landet er schnell in einer hoffnungslosen Stellung.

In der Glanzpartie Kasparov-Topalov, Wijk aan Zee 1999 folgte beispielsweise 5...c6 6.Dd2 b5 7.Sge2 Sbd7 8.Lh6 Lxh6 9.Dxh6 Lb7 10.a3 e5 11.0-0-0 De7 12.Kb1 a6 13.Sc1 0-0-0 14.Sb3 mit einer komplizierten Stellung, welche Kasparov nach einer Ungenauigkeit von Topalov in großem Stil gewinnen konnte.

6.Dd2 Sbd7 7.g4 c5?

Damit steuert Schwarz die Drachenvariante der Sizilianischen Verteidigung an, was an dieser Stelle wirklich nicht zu empfehlen ist. Der schwarze Damenspringer steht hier auf d7 einfach miserabel. Eine bessere Möglichkeit war 7...c6 8.Sge2 e5 um im Zentrum Fuß zu fassen.

8.Sge2 cxd4

Etwas besser war 8...Sb6, aber nach 9.Sg3 [9.dxc5?! Sc4] 9...cxd4 10.Lxd4 würde ich mich auch viel lieber an die weiße Seite des Brettes setzen.

9.Sxd4 a6?!

Es fällt leicht diesen Zug zu kritisieren, da der Bauernangriff gegen die lange Rochade von Weiß im Drachen viel zu langsam ist. Ich hätte 9...Se5 gespielt. Dazu habe ich in der Mega 2002 sogar 22 Partien gefunden. Mit nur 14% der Punkte ist die Statistik für Schwarz aber deprimierend. In der Partie mit den bekanntesten Spielern folgte 10.0-0-0 Da5 11.Sb3 Dc7 12.g5 Sh5 13.Sd5 Dd8 14.Dg2 Le6 15.f4 Lg4 16.fxe5 Lxd1 17.Kxd1 und Weiß gewann (Psakhis-Porper, Tel Aviv 1991).

10.0-0-0 b5? 11.h4

Mit 11.Sc6! hätte man die Schwächung des Feldes c6 sofort bestrafen können: 11...De8 12.g5 b4 [ganz schlecht ist 12...Sh5? 13.Sd5 Se5 14.Sdxe7+ Kh8 15.Dxd6] 13.Sxb4 Sh5 14.Scd5 Tb8 15.c3 und Schwarz hat nicht den Hauch von Kompensation.

11...Te8 12.h5 Lb7 13.hxg6 fxg6?

Dieser Zug lässt den Abtausch des "Drachenläufers" auf g7 zu, was einer Bankrotterklärung gleichkommt. Aber auch nach dem besseren 13...hxg6 bekommt Weiß nach 14.Lh6 Lh8 15.Dh2 einen gewaltigen Angriff.

14.Se6 Da5 15.Sxg7 Kxg7 16.Kb1!

Fritz 7 bevorzugt hier das direkte g4-g5, aber nach meiner Meinung ist der Partiezug besser. Zum einen verteidigt der König auf b1 natürlich den weißen a-Bauer. Ein weiterer, sehr wichtiger Punkt ist, dass nun bei einer schwarzen Batterie auf der c-Linie (z.B. Dame auf c7 und Turm auf c8) auf dem Feld c2 kein Matt mehr droht. Die Variante von Fritz lautet: 16.g5 Sh5 [16...b4 17.gxf6+ Sxf6 18.Sb1 Dxa2 19.Dxb4] 17.Dd4+ Kg8 18.Lh3 mit Vorteil für Weiß.

16...b4 17.Se2 Se5 18.Lh6+!?

Ich weiß natürlich nicht, wie weit Saskia während der Partie in die Stellung eingedrungen ist, aber dieser Zug ist der Auftakt zu einer bemerkenswerten Konzeption. Im nächsten Zug geht die Dame nach g5. Dann folgt ein Dreiecksmanöver, bei dem die Dame und der Läufer die Plätze tauschen. Danach stehen die weißen Figuren so gewaltig, dass der schwarze König nicht mehr verteidigt werden kann.

Noch besser gefällt mir aber 18.Ld4!, was die schwarzen Springer fesselt und der weißen Dame den direkten Zugang nach h6 ermöglicht. Eine mögliche Folge ist 18...Tac8 [schlecht ist 18...Sxf3? wegen 19.Lxf6+ Kxf6 (19... exf6? 20.Dh6+ überlebt der schwarze König nicht.) 20.Df4+ mit Figurengewinn.] 19.g5 Sh5 [oder 19...Sxe4 20.De3! Dc7 21.Lh3! und Weiß gewinnt Material.] 20.Lh3 Tc7 21.De3 Da4 22.f4 Dxc2+ nun zeigt sich, wie wichtig der Sitestep nach b1 war. Statt matt zu sein, geht der König mit 23.Ka1 ins Eck und Weiß gewinnt eine Figur.

18...Kg8 19.Dg5!?

Bei diesem Zug war ich zunächst überaus skeptisch. Was ist, wenn Schwarz in der Folge Se5-f7 spielt? Die Dame muss ziehen und Schwarz kann den schönen Angriffsläufer auf h6 abtauschen. Auch mein Analysepartner Fritz 7 schraubte bei der Stellungsbewertung die weißen Aussichten merklich zurück.

Zu dem Damenzug gab es natürlich Alternativen. Ein typisches Beispiel für einen "Drachentöter" ist folgende (natürlich nicht erzwungene) Variante: 19.Sd4 Dc5 20.Le3 Sc4 21.Lxc4+ Dxc4 22.g5 Sh5 23.Txh5! gxh5 24.Dh2 Tac8 25.Dxh5 e5 26.g6!! Te7 27.Tg1 Tg7 28.Sf5! und Weiß gewinnt.

19...Dc7

19...Sf7?? geht hier natürlich wegen 20.Dxa5 noch nicht.

20.Sd4 Tac8

Auf den kritischen Zug 20...Sf7 folgt 21.Dh4! Sxh6 22.Dxh6 e5 [oder 22...e6 23.g5 Sh5 24.Txh5! gxh5 25.Sxe6 Df7 26.Lc4 und Weiß gewinnt.] 23.Sf5!! d5!? [das Endspiel nach 23...gxf5 24.Dxf6 Tf8 25.De6+ Df7 26.Dxf7+ Txf7 27.Txd6 Tc8 28.gxf5 gewinnt Weiß locker.] 24.g5! Tac8 [interessant ist 24...Sxe4!?, nach 25.fxe4 gxf5 26.exf5 Tac8 folgen die Kraftzüge 27.Ld3! e4 und 28.g6!! mit weißer Gewinnstellung.] 25.Td2! Sh5 26.Txh5! gxh5? 27.Df6 h6 28.g6 nebst Matt in zwei Zügen.

21.Le2!

Alle Achtung! Saskia bleibt ganz cool. Die Drohung Se5-f7 wird weiter ignoriert. Statt dessen überdeckt sie den schwachen Punkt f3 und macht so den Springer auf d4 wieder beweglich.

21...Dd7?

Die schwarze Dame will nach a4, um von dort gemeinsam mit dem Turm c8 den Bauern auf c2 anzugreifen. Wie die Partie zeigt, ist dies für Weiß aber völlig ungefährlich. Der einzig kritische Test für den weißen Aufbau war natürlich 21...Sf7, wonach Fritz 7 zunächst sogar die schwarze Seite bevorzugt. Sogar wenn man ihm den Schlüsselzug 22.Dh4! eingibt, benötigt er einige Minuten, um wieder ins weiße Lager umzuschwenken. 22...Sxh6 [auch nach 22...e5 23.Dxf6 Sxh6 24.Txh6 exd4 25.Ld3 steht Weiß klar besser.] 23.Dxh6 e5 24.Sf5! gxf5 25.Dxf6 Tf8 [25...fxe4 führt forciert zum weißen Sieg: 26.Lc4+!! Dxc4 (oder 26...d5 27.Txd5!) 27.Dg5+ Kf8 28.Dh6+ Kf7 29.Dxh7+ Kf8 30.Dh6+ Kf7 31.Txd6 Te6 32.Txe6 Dxe6 33.Dh7+ Kf8 34.Dxb7 und Schwarz muss die Dame geben, um matt zu verhindern. 25... Dxc2+ hilft auch nicht: 26.Ka1 Tc7 27.gxf5 Tg7 28.Tdg1! und Schwarz kann aufgeben.] 26.Dg5+ Kh8 [oder 26...Dg7 27.Dxg7+ Kxg7 28.Txd6 mit einem gewonnenen Endspiel.] 27.gxf5 Dxc2+ 28.Ka1 Dc7 [nach 28...Dxe2? wird Schwarz mattgesetzt: 29.Txh7+! Kxh7 30.Th1+ Dh2 31.Txh2 matt] 29.Dh6! obwohl (noch) materielles Gleichgewicht herrscht, steht Weiß nun klar auf Sieg, z.B. 29...a5 30.Txd6 Dg7 31.Dh4 a4 32.Th6 Tc7 33.f6

Nun folgt das beim 18. Zug von Weiß angekündigte Dreiecksmanöver.

22.Dh4! Da4 23.Lg5 Sed7 24.Dh6

Vollzug! Die Dame und der Läufer haben die Plätze getauscht.

24...e5

Die letzte schwarze Hoffnung. Wenn der angegriffene Springer zieht, hängt c2 und danach der weiße Läufer auf e2. Auch nach 24...Sf8 ist Schwarz verloren: 25.Lxf6 exf6 26.Sf5! Dxc2+ 27.Ka1 Tc7 [oder 27...gxf5 28.gxf5 Kf7 29.Txd6!] 28.Tc1 und Schwarz muss die Dame geben.

25.b3 Da5

Die nun folgende Kombination, sollten Sie in aller Ruhe genießen. Jeglicher Kommentar ist überflüssig. Besser kann man die Stellung einfach nicht spielen.

26.Sf5! gxf5 27.Txd6!! Txc2 28.Lc4+!! Txc4 29.Txd7 Sxd7 30.Dxh7+ Kf8 31.Lh6 matt!

Was bleibt als Fazit? Saskia spielte eine Partie "aus einem Guss"! Dabei kann sie unmöglich alles durchgerechnet haben. Aber ihre Intuition stimmte, ihre mutigen Entscheidungen konnten selbst von einem Taktikmonster wie Fritz 7 nicht widerlegt werden. Die Abschlusskombination würde jedem Taktiklehrbuch gut zu Gesicht stehen!

Kommentar: Klaus Schumacher