Regelfall 12 – Lösung

von Klaus Schumacher, Juni 2005

J.Dorfman – N.Raschkowski, London 1995

Regelfall 12

Obwohl es sich hier um das Ende einer Schnellschachpartie handelt, ergeben sich einige interessante regeltechnische Fragen. Beide Spieler befanden sich in rasender Zeitnot.

Schwarz spielte 1...g1 und verwandelte den Bauern nicht extra in eine Dame, da er erwartete, dass Weiß ihn automatisch mit seinem Turm schlagen wird. Weiß dachte jedoch gar nicht daran, seinen wertvollen Turm gegen den seltsamen Bauern auf g1 einzutauschen und gab dem schwarzen König lieber ein Seitenschach, also 2.Ta3+ Kg2.

Jetzt wurde der Schiedsrichter gerufen, der diese eigenartige Stellung beurteilen sollte.

Wie hätten Sie entschieden?

Zunächst ist festzuhalten, dass Schwarz den Bauern hätte umwandeln müssen.

FIDE-Regeln 2005 – Artikel 3.7 e

Sobald ein Bauer diejenige Reihe erreicht hat, die am weitesten von seinem Ursprungsfeld entfernt ist, muss er als Teil desselben Zuges gegen eine Dame, einen Turm, einen Läufer oder einen Springer derselben Farbe ausgetauscht werden. Die Auswahl des Spielers ist nicht auf bereits geschlagene Figuren beschränkt. Dieser Austausch eines Bauern für eine andere Figur wird »Umwandlung« genannt, und die Wirkung der neuen Figur tritt sofort ein.

In der Schlussstellung haben wir es also eindeutig mir einer regelwidrigen Stellung zu tun. Im Normalschach ist die Sache eindeutig:

FIDE-Regeln 2005 – Artikel 7.4

  1. Wenn während einer Partie festgestellt wird, dass ein regelwidriger Zug, unter Einschluss einer Bauernumwandlung oder dem Schlagen des gegnerischen Königs, vollständig abgeschlossen wurde, wird die Stellung unmittelbar vor dem Regelverstoß wiederhergestellt. Falls die Stellung unmittelbar vor dem Regelverstoß nicht bestimmt werden kann, wird die Partie aus der letzten bekannten Stellung vor dem Regelverstoß heraus weitergespielt. Die Uhren werden gemäß Artikel 6.14 gestellt. Artikel 4.3 wird angewandt auf den Zug, der den regelwidrigen ersetzt. Daraufhin wird die Partie aus der so erreichten Stellung heraus weitergespielt.
  2. Nachdem die Erfordernisse des Artikels 7.4(a) erfüllt worden sind, fügt der Schiedsrichter für die ersten beiden regelwidrigen Züge eines Spielers je zwei zusätzliche Minuten zur Bedenkzeit des Gegners hinzu; nach dem dritten regelwidrigen Zug desselben Spielers erklärt der Schiedsrichter die Partie für diesen für verloren.

Im Schnellschach ist es im Moment (Juni 2005) noch nicht so klar. Dies wird sich zum Glück ab dem 1. Juli 2005 ändern, denn ab dann gelten die aktualisierten FIDE-Regeln:

FIDE-Regeln 2005 – Schnellschach Anhang B6

Sobald die Uhr des Gegners in Gang gesetzt wurde, ist ein regelwidriger Zug abgeschlossen. Der Gegner darf dann reklamieren, dass der Spieler einen regelwidrigen Zug gemacht hat, bevor der Reklamierende seinen Zug ausgeführt hat. Nur nach einer derartigen Reklamation darf der Schiedsrichter eingreifen. Wenn allerdings beide Könige im Schach stehen oder eine Bauernumwandlung nicht abgeschlossen wurde, greift der Schiedsrichter nach Möglichkeit ein.

Beim Blitzschach würde die Partie interessanterweise mit dem schwarzen Bauern auf g1 fortgesetzt werden:

FIDE-Regeln 2005 – Blitzschach Anhang C3

Ein regelwidriger Zug ist abgeschlossen, sobald die Uhr des Gegners in Gang gesetzt worden ist. Daraufhin, bevor er selbst seinen Zug ausgeführt hat, ist der Gegner berechtigt, den Gewinn zu beanspruchen. (…) Sobald der Gegner seinen eigenen Zug ausgeführt hat, kann ein regelwidriger Zug nicht mehr berichtigt werden.

Rochade-Europa