Regelfall 9 – Lösung

von Klaus Schumacher, Juni 2005

N.N – N.N

Regelfall 9

Diese doch etwas befremdliche Stellung hat ihren Ursprung in folgender Email: »In einer Blitzpartie drückt Weiß die Uhr, worauf Schwarz zieht und seinerseits die Uhr drückt. Jetzt reklamiert Weiß auf unmöglichen Zug, da Weiß bei Partiebeginn am Zug sei. Schwarz erklärt, dass Weiß die Partie erst eröffnen muss, bevor die Partie beginnt, und so kann Weiß nur auf falsche Stellung reklamieren. Wer bekommt nun den Punkt?«

Zunächst ist festzuhalten, dass jede Schachpartie, die mit einer Schachuhr gespielt wird, damit beginnt, dass die Uhr des Spielers mit den weißen Figuren in Gang gesetzt wird.

FIDE-Regeln 2005 – Artikel 6.5

Zu dem für den Partiebeginn festgesetzten Zeitpunkt wird die Uhr des Spielers mit den weißen Figuren in Gang gesetzt.

Danach ziehen die Spielpartner abwechselnd ihre Figuren, wobei der Spieler mit den weißen Figuren beginnt.

FIDE-Regeln 2005 – Artikel 1.1

Das Schachspiel wird zwischen zwei Gegnern gespielt, die abwechselnd ihre Figuren auf einem quadratischen Spielbrett, »Schachbrett« genannt, ziehen. Der Spieler mit den weißen Figuren beginnt die Partie. Ein Spieler »ist am Zug«, sobald der Zug seines Gegners ausgeführt worden ist.

Im vorliegenden Fall zog der Spieler mit Weiß jedoch keine Figur, drückte aber die Uhr. Dieser »Nullzug« ist sicher nicht regelkonform, denn Weiß erfüllte nicht die Zugpflicht. »Passen« oder »Schieben« ist beim Schach bekanntlich nicht erlaubt. Schwarz hätte sicherlich die Uhr wieder abstellen und den Schiedsrichter zu Hilfe rufen können.

FIDE-Regeln 2005 – Artikel 6.13 b

Ein Spieler darf die Uhren nur anhalten, um den Schiedsrichter zu Hilfe zu rufen, …

In unserer »Partie« unternahm Schwarz aber nichts, sondern setzte seinen Springer von g8 nach f6 und drückte die Uhr. Daraufhin beanspruchte Weiß gemäß Anhang C3 der FIDE-Regeln den Gewinn.

FIDE-Regeln 2005 – Blitzschach Anhang C3

Ein regelwidriger Zug ist abgeschlossen, sobald die Uhr des Gegners in Gang gesetzt worden ist. Daraufhin, bevor er selbst seinen Zug ausgeführt hat, ist der Gegner berechtigt, den Gewinn zu beanspruchen. (…) Sobald der Gegner seinen eigenen Zug ausgeführt hat, kann ein regelwidriger Zug nicht mehr berichtigt werden.

Weiß bekommt natürlich keineswegs den Punkt, denn 1...Sg8-f6 ist definitiv kein regelwidriger Zug. Für den Schiri stellt sich aber die Frage, ob Schwarz überhaupt am Zuge war. Dies ist zu Verneinen, wie wir beim Artikel 1.1 gesehen haben, muss Weiß die Partie mit einem Zug beginnen. Ich hätte analog zu Artikel 7.5 die Grundstellung wiederhergestellt und die Uhr von Weiß in Gang gesetzt.

FIDE-Regeln 2005 – Artikel 7.5

Wenn während einer Partie festgestellt wird, dass Figuren von ihren Feldern verschoben worden sind, wird die Stellung vor dem Regelverstoß wiederhergestellt. Falls die Stellung unmittelbar vor dem Regelverstoß nicht ermittelt werden kann, wird die Partie aus der letzten bekannten Stellung vor dem Regelverstoß heraus weitergespielt. Die Uhren werden gemäß Artikel 6.14 gestellt. Daraufhin wird die Partie aus der so erreichten Stellung heraus weitergespielt.

Außerdem hätte die beiden Kontrahenten verwarnt und sie daraufhingewiesen, dass man sich ans Schachbrett setzt um Schach zu spielen und nicht um regeltechnische Kapriolen zu produzieren. Im Wiederholungsfall hätte ich ihnen die Artikel 12.8 und 12.9 der FIDE-Regeln »angedroht«.

FIDE-Regeln 2005 – Artikel 12.8

Andauernde Weigerung eines Spielers, sich an die Schachregeln zu halten, wird mit Partieverlust bestraft. Die vom Gegner erzielte Punktzahl wird vom Schiedsrichter bestimmt.

FIDE-Regeln 2005 – Artikel 12.9

Wenn sich beide Spieler gemäß Artikel 12.8 schuldig machen, wird für beide das Spiel für verloren erklärt.

Rochade-Europa