Regelfall 3 – Lösung

von Klaus Schumacher, November 1999

V.Akopjan – M.Tschiburdanidse, WchT Luzern 1997

Regelfall 3

In der Diagrammstellung zog der damals amtierende »Vizeweltmeister« von Las Vegas 1997 gegen die ehemalige Damenweltmeisterin bei der 4. Mannschafts-WM in Luzern 109.Kh5 und beantragte beim Schiedsrichter gemäß Artikel 10.2 der FIDE-Regeln Remis, da die Stellung für Schwarz nicht mehr zu gewinnen sei.

Die Partie befand sich in der Endspurtphase mit einer Restbedenkzeit von Weiß mit weniger als zwei Minuten.

FIDE-Regeln 2005 – Artikel 10.2

Wenn der Spieler, der am Zuge ist, weniger als zwei Minuten Restbedenkzeit hat, darf er, bevor sein Fallblättchen gefallen ist, remis beantragen. Er hält die Uhren an und ruft den Schiedsrichter herbei.

  1. Falls der Schiedsrichter darin übereinstimmt, dass der Gegner keine Anstrengungen unternehme, die Partie mit normalen Mitteln zu gewinnen, oder dass die Partie mit normalen Mitteln überhaupt nicht zu gewinnen sei, erklärt er die Partie für remis. Andernfalls schiebt er seine Entscheidung hinaus oder lehnt den Antrag ab.
  2. Falls der Schiedsrichter seine Entscheidung hinausschiebt, dürfen dem Gegner zwei zusätzliche Minuten Bedenkzeit zugesprochen werden, und die Partie wird fortgesetzt, wenn möglich im Beisein des Schiedsrichters. Später während der Partie oder nachdem ein Fallblättchen gefallen ist, bestimmt der Schiedsrichter das Spielergebnis. Er muss die Partie für remis erklären, falls er zu der Überzeugung gekommen ist, dass die Endstellung mit normalen Mitteln überhaupt nicht zu gewinnen ist oder der Gegner keine genügenden Anstrengungen unternimmt, die Partie mit normalen Mitteln zu gewinnen.
  3. Falls der Schiedsrichter den Antrag abgelehnt hat, werden dem Gegner zwei zusätzliche Minuten Bedenkzeit zugesprochen.
  4. Die Entscheidung des Schiedsrichters in Bezug auf 10.2(a), (b) und (c) ist endgültig.

Der Schiedsrichter Horst Metzing stellte seine Entscheidung zurück und die Partie wurde fortgesetzt (ob er »Maja« zwei zusätzliche Minuten gab ist mir nicht bekannt). Es folgte:

Regelfall 3b 109...Tg3 110.Kh6 Kf5 111.Kh7 Kf6 112.Lc4 Tg7+ 113.Kh8 Kg6 114.Ld3+ Kh6 115.Lc4 Tc7 116.Lb3 Kg6 117.La2 Tb7 118.Ld5 Tb8+ 119.Lg8 Kf6 120.Kh7 (siehe Diagramm)

nun erklärte Horst Metzing die Partie (noch vor dem finalen »Blättchenfall«) für Remis!

Beide Entscheidungen des Schiedsrichters sind nach meiner Meinung vollkommen korrekt. Nach der Remisreklamation entschied er zunächst auf weiterspielen, solange Fehler (auch grobe!) möglich sind, sollte der Schiedsrichter immer diese Option wahrnehmen.

Nach dem 120. Zug von Weiß ist eine theoretische Remisstellung auf dem Brett (alle Versuche von Schwarz die Beweglichkeit der weißen Figuren weiter einzuschränken führen zu einer Pattstellung). Ich hätte eventuell den endgültigen »Blättchenfall« bzw. das Erreichen einer Pattstellung abgewartet.

Der Artikel 10.2 ist für den Schiedsrichter die derzeit größte Herausforderung in den FIDE-Regeln, denn er muss hier wie ein Fußballschiedsrichter Tatsachentscheidungen treffen. Eine (voreilige) Remisentscheidung kann sich im nachhinein durchaus als klare Fehlentscheidung herausstellen.

Dieser prominente Fall fand natürlich auch in der Schachpresse sein Echo. Dirk Poldauf widmete ihm die Kolumne in der Ausgabe 12/97 der Zeitschrift Schach. Im Schach Magazin 64 Ausgabe 22/97 gab GM Lothar Schmid, der in Luzern Turnierdirektor war Dagobert Kohlmeyer ein Interview.

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