Artikel 10.2 – Teil 3

Das nachfolgende Urteil wurde in der Zeitschrift Rochade-Europa Ausgabe 2/2001 veröffentlicht.

Bundesturniergericht

Entscheidung des Bundesturniergerichts des Deutschen Schachbundes vom 12.01.2001 zu Nr. A-12.2 der Turnierordnung des DSB zur Remisreklamation nach Artikel 10.2 der FIDE-Regeln (kurz gefasst):

Aus dem Sachverhalt:

Die Mannschaft des beschwerdeführenden Vereins G. (Gastverein) spielte in der 2. Bundesliga des DSB gegen die Mannschaft des Vereins H. (Heimverein) in H. Beim Stand des Mannschaftskampfs von 3,5:3,5 wurde die letzte noch offene Partie beendet, als das Blättchen von W. (Weiß, Verein G) zuerst fiel, ohne dass sie zu diesem Zeitpunkt durch einen anderen Tatbestand beendet worden wäre. Der Schiedsrichter erkannte auf Gewinn für S. (Schwarz, Verein H.) und damit auf eine Gesamtwertung des Wettkampfes von 4,5:3,5 für H.

Gegen die Wertung des Wettkampfes legte Reinhard M. als Mannschaftsführer der Mannschaft des Vereins G. Protest ein und beantragte, die Partie als Remis zu werten und das Gesamtergebnis auf 4:4 zu ändern. Er stützt seinen Anspruch auf folgenden Sachverhalt:

Beim 94. Zug hätten W. noch König und Springer, S. noch König und Turm gehabt. W. habe noch eine Minute Restbedenkzeit gehabt, S. noch drei bis vier Minuten. Der König von W. sei zentral gestanden. W. habe seinem Gegner deutlich Remis angeboten, was dieser durch Weiterspielen offensichtlich abgelehnt habe. Die Stellung sei daraufhin über mehr als 20 Züge ohne wesentliche Stellungsveränderung weitergeblitzt worden. Gewinnversuche von S. seien nicht erkennbar gewesen. W. habe mehrmals, wiederholt und in gut vernehmlicher Lautstärke, sowohl an den Gegner wie eindeutig mehrmals an den schräg hinter ihm stehenden Schiedsrichter gewandt, Unentschieden reklamiert. Der Schiedsrichter habe nicht reagiert.

Der Schiedsrichter bestätigte im wesentlichen die Sachverhaltsdarstellung im Protestschreiben des Protestführers. Jedoch habe W. ihn nicht direkt angesprochen, sondern vielmehr ratlos in den Raum gesprochen und die Umstehenden wissen lassen, »das sei doch remis und man müsse doch was machen«. Der Verein H. führte zum Sachverhalt aus, dass nicht erkennbar gewesen sei, dass der Spieler W. den Schiedsrichter angesprochen habe und dessen Eingreifen erwartet habe. Vielmehr habe er Hilfe von seinem Mannschaftsleiter gesucht, weil er nicht gewusst habe, wie er Remis reklamieren könne.

Der Sportdirektor Reinhold Kasper hat den Protest abgewiesen. In seiner Begründung führt er zunächst aus, dass das Endspiel König + Turm gegen König + Springer nicht automatisch remis sei, so dass der Schiedsrichter keinen Anlass gehabt habe, in die laufende Partie einzugreifen. Das Unterbrechen der Partie hätte nur einer der Spieler selbst herbeiführen können, indem er gemäß Artikel 10.2 die Uhren angehalten hätte. Dies sei nicht geschehen, stelle aber ein zwingendes Muss dar. Die Remisangebote an den Gegner stellten ebenfalls keine Remisreklamation dar.

Hiergegen legte der Rechtsanwalt R. für den Verein G. unter Vorlage einer Vollmacht des Abteilungsleiters A. der Schachabteilung des Vereins G. Berufung beim Bundesturniergericht ein und beantragte, die Wertung der Partie des Wettkampfes aufzuheben und diese Partie mit Remis zu werten, sowie das Gesamtergebnis des Wettkampfes mit 4:4 zu werten, hilfsweise den Protest zur erneuten Entscheidung an den Sportdirektor zurückzuverweisen und diesen zu verpflichten, unter Beachtung der Rechtsauffassung des Bundesturniergerichts erneut zu entscheiden.

Das Bundesturniergericht hat die Berufung zurückgewiesen.

Aus den Gründen:

… Protest und Berufung sind … aus sachlichen Gründen der Erfolg zu versagen, weil der Schiedsrichter die Partie zu Recht als für S. gewonnen gewertet hat. Der Spieler W. hat verloren, weil er nach dem insoweit unstreitigen Sachverhalt, wie er sich insbesondere aus dem eigenen Sachvortrag des Berufungsführers ergibt, vor dem Fallen seines Blättchens nach der gesamten ihm zur Verfügung stehenden Bedenkzeit von drei Stunden und 30 Minuten nicht alle Züge ausgeführt hat, die für den Gewinn der Partie nach Artikel 1.2 der FIDE-Regeln (»Matt«) oder für ein Remis nach Artikel 1.3 (»Patt«) oder für eine Stellung nach Artikel 6.9 Satz 2 erforderlich sind. Andere partiebeendigende Tatbestände sind nicht gegeben.

Der Berufungsführer kann sein Begehren, die Partie für Remis zu erklären insbesondere nicht auf Artikel 10.2 der FIDE-Regeln stützen, weil nach dem geschilderten Sachverhalt eine entsprechende Remisreklamation des Spielers W. nicht vorgelegen hat. Die Bestimmung schreibt hierzu vor: »Er (scil. Der Spieler) hält die Uhren an und ruft den Schiedsrichter herbei.« Dies hat der Spieler W. unstreitig nicht getan. Damit bestand für den Schiedsrichter keine Veranlassung, eine Entscheidung nach Artikel 10.2 Buchstabe a) oder b) zu treffen.

Eine Auslegung der zitierten Regel dahingehend, dass das Anhalten der Uhr durch den Spieler nicht erforderlich ist, geht am eindeutigen Wortlaut der Bestimmung vorbei. Eine andere Auslegung ist auch mit dem Sinn der Bestimmung nicht vereinbar. Richtig ist zwar, dass sich aus den Umständen mit hinreichender Deutlichkeit ergeben muss, dass ein derartiger Antrag gestellt wird. Um aber einem Streit darüber, wann ein »hinreichend deutliches« Remisbegehren vorliegt, zu entgehen, schreiben die FIDE-Regeln vor, dass der reklamierende Spieler die Uhr »anhält«. Diese Auslegung wird durch einen Vergleich mit anderen Regeln, nach denen ein Spieler ein Einschreiten des Schiedsrichters fordern kann, bestätigt.

Anders als in Artikel 6.12b, wo allerdings das Anhalten der Schachuhr in das Ermessen des Spielers gestellt ist, geht es bei Artikel 10.2 nicht um irgendeine Schiedsrichterentscheidung oder um dessen Hilfe, sondern um die Herbeiführung eines Tatbestandes, der die Partie beenden soll. Dies zeigt der Vergleich mit Artikel 9.5: Sowohl die in Artikel 9 geregelten Remistatbestände, die auf einem entsprechenden Antrag eines Spielers beruhen, wie auch Artikel 10.2 verlangen das Anhalten der Uhr durch den reklamierenden Spieler. Nur durch Anhalten der Uhr zeigt der Spieler die Ernsthaftigkeit seines Begehrens. In beiden Fällen ist daher das Anhalten der Uhr auch zwingende Tatbestandsvoraussetzung für die Prüfung des Remisbegehrens durch den Schiedsrichter.

Ein Einschreiten des Schiedsrichters war auch nicht wegen angeblicher »Unsportlichkeit« veranlasst. Artikel 12 und 13 der FIDE-Regeln bieten dem Schiedsrichter keine Handhabe, in eine Partie nur wegen deren, den Regeln entsprechenden Verlauf einzugreifen. Die Tatbestände, nach denen der Schiedsrichter in den Verlauf einer Partie eingreifen kann, sind in den Regeln eindeutig beschrieben. Der Fall des »über die Zeit Hebens« in der Qickplay-Finish-Phase ist in Artikel 10.2 geregelt, so dass es keines Rückgriffs auf andere Regelungen bedarf.

Das Abstellen der Uhr kann auch nicht »im allgemeinen als Zeichen der Aufgabe gedeutet werden«. Das Abstellen der Uhr ist für sich genommen ein neutraler Vorgang, der erst in Verbindung mit einer weiteren Erklärung des Spielers einen Sinn macht: Remisbegehren, Annahme eines Remisangebots, Reklamieren eines Gewinns, Hilfe durch den Schiedsrichter (vgl. Artikel 6.12.b der FIDE-Regeln) u.ä. …

Abwegig ist die vertretene Ansicht, die Verpflichtung zum Anhalten der Uhr stelle eine »für den Spieler unnötige Hürden auftürmende Auslegung« dar. Von einem Bundesligaspieler kann Kenntnis der Schachregeln erwartet werden; ebenso von einem Verein mit einer Bundesliga-Mannschaft, dass er seine Spieler beim Saisonstart mit den Regeln vertraut macht. Dass ein Spieler, dem die Zeit davonzulaufen droht, die Uhr anhält, wenn er die Hilfe des Schiedsrichters benötigt oder dessen Entscheidung will, ist aber auch bis in die untersten Klassen hinein für Spieler, die – wie ein Bundesligaspieler – mehrere Dutzend Turnierpartien im Jahr spielen, allgemeiner Kenntnisstand.

Ralph Alt, Vorsitzender

Damit Sie sich ein Bild machen können, folgen hier zwei Diagramme, wie sie vom Vorsitzenden der Schachabteilung im SV Werder Bremen als betroffener Verein in einem Leserbrief im Schach Magazin 64 Ausgabe 5/2001 veröffentlicht wurden:

Dia 1
Stellung nach dem
95. Zug von Weiß

Dia 2
Stellung nach mehr als
20 weiteren Zügen
(Blättchenfall)

Rochade-Europa