Elektronische Schachuhren

Anlässlich seines Turnierberichts vom Lloyds Bank Masters in London 1994 berichtet John Nunn in der Zeitschrift "Schach" Ausgabe 10/1994 über den ersten universellen Einsatz der elektronischen Schachuhren. Er schrieb:

Eine interessante Neuerung beim Lloyds Bank war der universelle Einsatz der elektronischen Schachuhren. Ich kannte diese Uhren schon aus Monaco, sie waren mir also weniger fremd als fast allen anderen. Sie erzeugten ein einziges Chaos, und eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Partien endeten durch Zeitüberschreitung.

In der ersten Runde war nicht einmal den Schiedsrichtern klar, in welchem Moment "das Blättchen gefallen ist". Gespielt wurden 40 Züge in zwei Stunden, danach 20 Züge in einer Stunde plus eine stunde für den Rest. Die Uhren wurden also auf 2:00 eingestellt, nach einer Sekunde zeigten sie 1:59 an. Bei einer verbleibenden Zeit von 0:20 sprangen sie auf eine Anzeige von Minuten und Sekunden um und zeigten also als nächstes 19:59 an. Das ging dann so weiter bis 0:01 und dann 0:00. Die Frage ist nun: Hat man bei 0:00 schon auf Zeit verloren oder nicht? Anfangs dachten einige Schiedsrichter, ja, aber das wäre unlogisch. Zeigt die 1:59, so ist in Wirklichkeit 1:59:00 plus einige Sekunden gemeint, also entsprechend bei 0:00 eine Zeit zwischen 0:01 und 0:00, man hat also immer etwas mehr Zeit als gerade aufleuchtet.

Für mich war das Herumspringen zwischen den beiden Zeitanzeigen Stunden:Minuten und Minuten:Sekunden sehr verwirrend, und mehr als einmal wusste ich bei der Anzeige 1:00 nicht, ob mir nun noch eine Stunde oder eine Minute bis zur nächsten Zeitkontrolle zur Verfügung stand. Andere Teilnehmer erklärten, dass der Anblick der dahinschwindenden Sekunden eine hypnotische Wirkung auf sie ausübte.

Viele Spieler verloren jedenfalls auf Zeit, sei es nun, weil ihnen die elektronische Uhr zu fremd oder neuartig war, sei es, weil sie sich nicht ausreichend auf den Unterschied zwischen einer mechanischen oder einer elektronischen eingestellt hatten. Eine mechanische Uhr braucht erst einen Moment, nachdem der Knopf gedrückt wurde, um ihr Laufwerk in Gang zu bringen. Tatsächlich gelingt es einigen Blitzspezialisten ihre Züge praktisch in null Zeit herunterzuspulen. Eine elektronische Uhr ist da bedeutend genauer, sie zählt die Sekunden unverzüglich ab Knopfdruck. Es ist also ziemlich unmöglich, weniger als eine Sekunde für einen Zug zu verbrauchen, besonders, wenn man etwas schlägt. Ein anderer Fakt ist die psychologische Seite. Bei den herkömmlichen Uhren weiß man nie so genau wann das Blättchen fällt, man fängt also meist viel zu früh an zu blitzen. Anders bei den elektronischen, sie vermitteln durch ihre genaue Anzeige ein falsches Gefühl von Sicherheit.

Die meisten dieser Einwände resultieren gewiss daraus, dass die Digitalanzeige einfach neu ist, vieles erledigt sich bei entsprechender Erfahrung von selbst. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die perfekte Schachuhr noch nicht erfunden ist.

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