»Schachkultur«

Anlässlich seines Turnierberichts vom Travermünder Open 1999 äußerte sich Raj Tischbierek in der Zeitschrift "Schach" Ausgabe 2/2000 auch zum Thema Schachkultur. Er schrieb:

… Sehr positiv aufgefallen ist mir die Schachkultur an der Küste, oder hatte ich einfach nur Glück mit meinen Gegnern? Was verstehe ich unter »Schachkultur«? Zur Erklärung dienen vielleicht am einfachsten einige Negativbeispiele.

Die weitverbreitetste und übrigends auch regelwidrige Unsitte ist die des Remisanbietens, während der Gegner am Zug ist. Wie oft ist es mir passiert – oft sogar in Blitzpartien! –, dass mich mein Gegner mit einem »Remis?« aus meiner Konzentration riss. Häufig geschieht dergleichen nur aus Unwissenheit, dieses zumindest entnahm ich dem folgenden Erlebnis:

Bei einem Schnellturnier im letzten Jahr in Willingen traf ich auf einen mir unbekannten Gegner, patzte so vor mich hin und geriet in ein remisliches Turmendspiel. Promt kam das klassische falsche Angebot. Ich antwortete etwas in der Art wie »Bitte nicht, wenn ich über meinen Zug nachdenke« und setzte die Partie fort. Ziemlich schnell wandelte sich das Blatt zu meinen Gunsten, bevor ich wieder danebengriff und den Sieg damit in Frage stellte. Mein Gegner zog und ich wurde des Ungemachs gewahr. Mir blieb vielleicht noch eine halbe Minute, bis das neuerlich launige »Remis?« von der Gegenseite ertönte. Zu meinem Ärger über mich gesellte sich der über meinen Gegner. War ein Gewinn in den mir noch verbliebenen zwei Minuten realistisch? Sollte ich beim Schiedsrichter die mir gemäß Fide-Regeln zustehende Zeitgutschrift beantragen? Wie auch immer, die Zeit verstrich und als ich kaum noch etwas auf der Uhr hatte, fügte ich mich immer noch kopfschüttelnd ins Remis. Ärgerlich stammelte ich einige Verhaltensmaßregeln, worauf mich mein Gegner, der – bedingt vielleicht durch mein im Hessischen nicht eben verbreitetes Sächsisch – nicht alles verstanden haben mag, mit einem »Diese Großmeister haben ihre eigenen Regeln« entließ.

Das ist einer der Punkte für das nicht immer einfache Miteinander von Profis und Amateuren. Ein korrektes Remisangebot sieht folgendermaßen aus:

Man führt seinen Zug aus und bietet unmittelbar darauf die Punkteteilung an, um den Gegner nicht in seiner nachfolgenden Konzentration zu stören. Statthaft ist es auch, Remis anzubieten, wenn man selbst am Zug ist, aber dann kann der Gegner stets noch die Ausführung des Zuges verlangen und sich danach überlegen, ob er das Angebot annimmt oder nicht.

Neben der beschriebenen regelwidrigen Form gibt es viele andere ungeschriebene Gesetze. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als 14-jähriger Wicht in meinem ersten internationalen Turnier dem großen Rainer Knaak in einem Endspiel mit Minusbauern – objektiv gesehen nicht gänzlich abwegig – Remis anbot. Und selbiges peinlicherweise kurze Zeit später in völliger Unkenntnis der Gepflogenheiten wiederholte.

Rainer spricht inzwischen wieder mit mir; was ich sagen will ist, dass der stärkere Spieler in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle versuchen wird, den letzten Blutstropfen aus einer besseren, wenn auch objektiv nicht zum Gewinn ausreichenden, einer ausgeglichenen und vielleicht sogar etwas schlechteren Stellung herauszupressen und das Remis selbst vorschlagen wird, wenn er keine Möglichkeiten mehr sieht, den vollen Punkt einzufahren.

Natürlich sind auch längst nicht alle Großmeister mit Schachkultur gesegnet. Zum Beispiel sieht man in anderen Breitengraden als den unseren das "Ausdrücken" als eine völlig legitime Art des Kampfes an.

Diesen Reigen könnte man beliebig fortsetzen, aber ich wollte hier keinen Schach-Knigge verfassen, sondern lediglich meinen diesbezüglich erfreulichen Erfahrungen in Travemünde Ausdruck verleihen. Ich spielte fünf meiner sieben Partien gegen »Nobodys« und es passierte … Nichts! Danke! …

Rochade-Europa