Artikel 10.2 – Teil 1

Dirk Poldauf widmete die Kolumne der Zeitschrift Schach Ausgabe 12/97 der Remisentscheidung von Horst Metzing in der Partie Akopjan – Tschiburdanidse bei der 1997 in Luzern augetragenen Mannschaftsweltmeisterschaft, welche auch beim Regelfall 3 diskutiert wurde. Er schrieb:

Die Hand Gottes

Dass die Schiedsrichter im Fußball Gott spielen und manche Spiele im Alleingang entscheiden, hat jedem Fan schon Verdruss bereitet. Doch auch im Schach ist den »Männern in Schwarz« durch die seit dem 1. Juli 97 geltenden neuen FIDE-Regeln mehr Entscheidungsbefugnis zugewachsen, insbesondere was die sogenannte Endspurtphase, d.h. das Spielen bis zum Blättchenfall betrifft.

»Wenn der Spieler weniger als zwei Minuten hat« so heißt es, »darf er, bevor sein Fallblättchen gefallen ist, remis beantragen.«

Das tat Wladimir Akopjan bei der Mannschafts-WM in Luzern gegen Maja Tschiburdanidse in folgender Stellung:
Weiß (Akopjan) – Kh5, Le2; Schwarz (Tschiburdanidse) – Kf4, Tg7

»Falls der Schiedsrichter zur Überzeugung kommt, der Gegner unternehme keine Anstrengungen, die Partie mit normalen Mitteln zu gewinnen, erklärt er die Partie für remis. Anderfalls schiebt er seine Entscheidung hinaus (…) Falls der Schiedsrichter seine Entscheidung hinausgeschoben hat, darf er die Partie auch später noch für remis erklären, selbst nachdem ein Fallblättchen gefallen ist.«

Letzteres tat Schiedsrichter Horst Metzing und lag damit goldrichtig. Er wartete ab, bis Akopjan die Remisidee demonstriert, d.h. mit dem König nach h8 gelaufen und auf das Turmschach auf b8 die »Tür« mit Lg8 hinter sich zugeschlagen hatte. Diese Stellung ist theoretisch remis, was die protestierenden Georgierinnen (und ein ausflippender Zuschauer) nicht wussten (bzw. nicht zu wissen vorgaben), wohl aber Metzing.

Dem Unparteiischen im Schach, in dessem Ermessen Grenzfälle liegen, werden nicht gering zu veranschlagende schachliche Kenntnisse abverlangt!

Rochade-Europa