Kuriositäten 6

Zu den Diagrammstellungen berichtete Christian Zickelbein seinerzeit auf der Homepage des Hambuger Schachklubs:

Chaos on Board

nennt Ullrich Krause in feiner Abwandlung von Alexej Schirows Buchtitel und Spielkonzept Fire on board seinen Bericht vom »Eklat in Lübeck« (so titelt das Schach Magazin 64 Ausgabe 22/99, Seite 616), veröffentlicht im BASS Nr. 184

Agdestein – Schirow, Bundesliga 1999/2000, Runde 3

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Stellung nach 35...Te8
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Stellung etwa 15 Züge später

Achten Sie auf die Stellung der schwarzen Läufer!

Die Synopse zweier Momentaufnahmen der dramatischen Partie am Spitzenbrett des Duells zwischen dem Lübecker SV und dem Delmenhorster SK lässt nur ahnen, was sich im Fiskekrogen des Holiday Inn in Lübeck zwischen Agdestein und Schirow inmitten vieler Zuschauer ereignet hat: eine Zeitüberschreitung, aber erst ein paar Züge nach dem 40. Zug in einer irregulären Stellung – der Ld7 wurde irgendwann nach g5 gezogen oder dort aufgestellt –, schließlich eine Remisvereinbarung, mit der auf faire Weise ein möglicher Eklat vermieden wurde.

Da ich selbst nur einen Teil der Verhandlungen während der Unterbrechung der Partie nach der Zeitüberschreitung als Augen- und Ohrenzeuge miterlebt habe, stütze ich meine Darstellung der Ereignisse auf die beiden vorliegenden Berichte im SM und im BASS sowie auf telefonische Auskünfte des Schiedsrichters Bruno Retzke.

Tatsächlich hatte der Elmshorner Schiedsrichter in dieser Bundesliga-Runde alle Hände voll zu tun. In beiden Wettkämpfen gab es mehrere Zeitnotbretter. Er selbst war an einem anderen Brett mit einem soweit voraussehbar noch kritischerem Zeitnotduell beschäftigt und hatte deshalb das Spitzenbrett Ullrich Krause, dem Lübecker Jugendwart und Zweitligaspieler, »geschenkt«.

Nach dem 25. Zug übernahm Ullrich Krause, der übrigens gerade bei der Deutschen Meisterschaft 1999 eine IM-Norm erspielt hat, die Aufsicht an dem Brett, auch fünf Züge später war die Dramatik der Zeitnotphase noch nicht abzusehen: Schirow hatte noch sechs Minuten, Agdestein zwei Minuten Zeit. Nach 34 Zügen aber blieb beiden Spielern nur je eine knappe Minute, und sie

»explodierten auf einmal beide. In den nächsten Sekunden begannen sie, in einer Geschwindigkeit Züge auf das Brett zu schleudern, in der normale Sterbliche noch nicht einmal die Uhr abwechselnd drücken können. Meinen Vorsatz, mindestens mitzustricheln, gab ich nach drei Zügen auf und sah nur noch staunend zu, was jetzt geschah.
Agdestein zog eine Figur (welche? und wohin?) in die schwarze Stellung und warf dabei einige Figuren um. Schirow drückte die Uhr mit den Worten "Was soll das?" (frei übersetzt), worauf Agdestein mit dem Kommentar "Was ist los?" (frei übersetzt) ebenfalls die Uhr drückte.
Daraufhin machten beide mit den stehen gebliebenen Figuren einige Züge um das Chaos auf der d- und e-Linie herum und brachten nach und nach auch die liegenden Figuren wieder ins Spiel, indem sie diese einfach irgendwohin stellten.
Etwa im 45.Zug nahm Schirow seinen Läufer d4 in die Hand, bemerkte seinen anderen Läufer auf g5, wollte Le4+ spielen und gab seinen Vorsatz auf, als der Schiedsrichter (endlich) einschritt und die Partie unterbrach.«

Soweit der »Live-Bericht« Ullrich Krauses im BASS. Das Eingreifen des Schiedsrichters »(endlich)« hat Ullrich Krause offenbar als Befreiung empfunden; auch im SM-Bericht ist es früher erwartet worden:

»In der Eile verpasste der Schiedsrichter einzugreifen, während der mitschreibende Hilfsschiedsrichter schon längst keine Chance mehr hatte.«

Auch der Schiedsrichter aber hatte keine Chance gehabt: In der Enge des Raumes hatte er sich, gerufen von einem Lübecker Schachfreund, nur mit Mühe an der Zuschauertraube am ersten Brett vorbeidrängeln und das gefallene Blättchen in der Diagrammstellung zweifelsfrei feststellen können.

Bruno Retzke sorgte zunächst für den Umzug der Diskussionsgruppe um die beiden Zeitnot-Kontrahenten in einen anderen Raum, um die Zeitüberschreitung zu prüfen und die Stellung vor dem ersten regelwidrigen Zug in Ruhe und ohne Störung für laufende Partien zu ermitteln. In dieser Diskussion fungierte der Lübecker Schachfreund als Dolmetscher, der schon am Brett nach dem Schiedsrichter gerufen hatte – einige Zuschauer hielten ihn für den Lübecker Sponsor Wilfried Klimek.

Schnell war klar, dass deutlich mehr als 40 Züge geschehen waren, eine Zeitüberschreitung also nicht vorlag. Agdestein akzeptierte Schirows Kritik an seinem Verhalten während der Zeitnotphase, doch Schirows radikaler Vorschlag, die Partie noch einmal mit dem ersten Zug zu beginnen, fand nicht seinen Beifall; zu deutlich war der Vorteil, den er sich herausgearbeitet hatte. Die Lübecker brauchten einen Sieg am Spitzenbrett, wenn sie den Wettkampf noch halten wollten; sie riefen nach den FIDE-Regeln, um, wenn nötig, einen Protest vorzubereiten. "Die FIDE-Regeln kommen gleich!" Der Schiedsrichter aber hatte sie im Kopf und stellte sie den streitenden Parteien gern selbst zur Verfügung, damit sie die einschlägigen Paragraphen, aufgrund derer er entschied, nachlesen konnten.

Seine Entscheidung war eindeutig: Die Partie sollte nach Artikel 7.4 der FIDE-Regeln aus der letzten zweifelsfrei ermittelbaren korrekten Stellung heraus fortgesetzt werden; Schirow erhielt aufgrund »des (unabsichtlich) inkorrekten Verhaltens von Agdestein« (Ullrich Krause) während der Zeitnot eine Zeitgutschrift von zwei Minuten, im übrigen wurde die bis zur Zeitkontrolle verbleibende Bedenkzeit nach Artikel 6.14 nach besten Ermessen geschätzt: je 1½ Minuten für beide Spieler, so dass Schirow aufgrund der Zeitgutschrift 3½ Minuten gehabt hätte – allerdings die schwierigere (und im Gewinnsinne aussichtslose) Stellung.

Den Versuch, den Partieverlauf über den 35. Zug von Weiß hinaus zu rekonstruieren, gaben die beiden Spieler schnell auf, und weder GM Rogers noch andere Zuschauer konnten dabei helfen. Selbst auf die in Agdesteins Formular, aus dem ich die Partie in ChessBase eingegeben habe, noch notierten Züge 35...Txb3 36.d6 waren nicht mehr zweifelsfrei. Dem Wunsch seiner Mannschaftsführung, die Partie im Hinblick auf den Stand des Wettkampfes auf Sieg weiterzuspielen, mochte Schirow nicht folgen.

Da war es für alle Beteiligten entlastend, dass der Wettkampf inzwischen mit der zweiten Lübecker Niederlage in einer anderen Partie entschieden war: So konnte Schirow den Vorschlag Agdesteins, die Partie mit einer Remisvereinbarung fortzusetzen, akzeptieren – und während wir als Zuschauer den friedlich beigelegten Streit noch lange diskutierten (und bis in unsere Berichterstattung schleppen), analysierten die Gegner als Partner miteinander – »als sei gar nichts gewesen« (SM 64 – Ausgabe 22/99, S. 616).

Das Schlusswort zum Fall soll Otto Borik haben, der sich beim Schiedsrichter mit den Worten verabschiedete, er haben selten einen Schiedsrichter erlebt, der in einer äußerst schwierigen Situation so souverän entschieden habe: In der Tat hat Bruno Retzkes Sicherheit im Gespräch mit den Parteien wesentlich zur friedlichen Beilegung des möglichen Eklats beigetragen.

Rochade-Europa