Die FIDE-Schachregeln

Wichtige Neuerungen in den FIDE-Regeln 2005

von Rolf Mäser in der Rochade-Europa vom April 2005

Die meisten Neuerungen sind Präzisierungen, die sehr willkommen, aber wenig erklärungsbedürftig sind. Im folgenden Artikel werden Neuerungen von größerer Tragweite im vollen Wortlaut vorgestellt und kurz kommentiert. Die Neuerungen sind fett hervorgehoben.

Artikel 1.2
Das Ziel eines jeden Spielers ist es, den gegnerischen König so "anzugreifen", dass der Gegner keinen regelgemäßen Zug zur Verfügung hat. Der Spieler, der dieses Ziel erreicht, hat den gegnerischen König "mattgesetzt" und das Spiel gewonnen. Es ist nicht erlaubt, den eigenen König im Angriff stehen zu lassen, den eigenen König einem Angriff auszusetzen oder den König des Gegners zu schlagen. Der Gegner, dessen König mattgesetzt worden ist, hat das Spiel verloren.

Endlich wird klar ausgesprochen, worauf wir schon so lange gewartet haben. Der König darf nicht geschlagen werden! Eine solche FIDE-Regel gab es noch nie. Da ist eine historische Tat vollbracht worden.

Artikel 4.4 d
Wenn ein Spieler einen Bauern umwandelt, ist die Auswahl der Figur endgültig, sobald die Figur das Umwandlungsfeld berührt hat.

Hier gilt es zu unterscheiden zwischen Zug und Umwandlung. Der Zug ist abgeschlossen, wenn die neue Figur auf dem Umwandlungsfeld losgelassen wurde. Damit entsteht die Erlaubnis für das Betätigen der Uhr. Die Umwandlung selbst ist aber bereits abgeschlossen, wenn die neue Figur das Umwandlungsfeld nur schon berührt hat. Danach darf sie nach Belieben gequetscht, hochgehoben und herumgeschwenkt werden, nur ausgetauscht werden darf sie nicht mehr.

Artikel 8.1 – 1. Absatz
Im Laufe der Partie ist jeder Spieler verpflichtet, seine eigenen Züge und die seines Gegners auf korrekte Weise aufzuzeichnen, Zug für Zug, so klar und lesbar wie möglich, in algebraischer Notation (Anhang E), auf dem für das Turnier vorgeschriebenen "Partieformular". Es ist verboten, Züge im voraus aufzuschreiben, außer der Spieler reklamiert ein Remis gemäß Artikel 9.2 oder 9.3.

Der erste Absatz des Artikels 8.1 hat einen Zusatz erhalten. Die Begründung für die Neuerung scheint klar zu sein. Bisher war es gestattet, Züge mit erzwungenen Antworten im voraus zu notieren, und zwar die eigenen wie die gegnerischen, um dann in der Zeitnotphase mehrere Züge nacheinander hinblitzen zu können. Dass dieses Vorgehen nun unterbunden wird, ist verständlich. Die Konsequenz ist aber, dass alle, die gerne ihren Zug vor der Ausführung notieren, um noch eine Fehlerkontrolle einzuschalten, nun auf eine liebgewonnene Gewohnheit verzichten müssen. Es sind auch Großmeister unter ihnen.

Anmerkung Klaus Schumacher:
Die von Rolf Mäser angesprochene Fehlerkontrolle wurde leider (vor allem in Jugendturnieren) für betrügerische Zwecke missbraucht. Der vor der Ausführung notierte Zug wurde nur dann auch ausgeführt, wenn ein »Betreuer« durch ein verstecktes Zeichen seine Zustimmung gab. Kam diese nicht, wurde der Zug durchgestrichen bzw. ausradiert und durch einen neuen »Kandidaten« ersetzt. Der neue Zusatz ist also sehr zu begrüßen, da er diese Betrugsmöglichkeit nun ausschließt.

Artikel 12.2 b
Das Mitbringen von Mobiltelefonen oder anderen elektronischen Kommunikationsmitteln, die nicht vom Schiedsrichter genehmigt wurden, in das Turnierareal ist streng verboten. Falls das Mobiltelefon eines Spielers während der Partie im Turnierareal läutet, hat der Spieler die Partie verloren. Das Ergebnis des Gegners legt der Schiedsrichter fest.

Artikel 13.7 b
Der Gebrauch eines Mobiltelefons ist für Jedermann im Turnierareal und in jedem vom Schiedsrichter bestimmten Bereich verboten.

Zugegeben, das Piepsen eines Handys stört alle. Aber die Bestrafung scheint mir noch zu wenig präzesiert zu sein. Offensichtlich gilt sie auch, wenn ein Störenfried seine Partie bereits gewonnen hat. Gilt sie auch in einem Ausscheidungswettkampf, wo ein Resultat von 0-0 keinen Sinn macht? Was geschieht, wenn ein Fehlbarer seine Partie bereits verloren hat? Was geschieht, wenn er an diesem Tag das Freilos hat und nur zuschaut? Und was geschieht, wenn das Handy eines Schiedsrichters piepst? Siehe Artikel 13.7. Die neue Regel mag der letzte Schrei sein, das letzte Wort ist sie sicher noch nicht.

Anmerkung Klaus Schumacher:
Gemäß Artikel 12.4 gelten Spieler, die ihre Partie beendet haben, als Zuschauer. Da Zuschauer keine Partien (mehr) verlieren können, verstehe ich die Einwände von Rolf Mäser nicht. Die Störung durch den Klingelton eines nicht abgestellten Mobiltelefons ist nach meiner Meinung nur ein Teilaspekt der Problematik. Mit einem modernen Mobiltelefon bzw. PDA ist es problemlos möglich, sich online zur Verfügung gestellte Informationen jeglicher Art in sehr kurzer Zeit zu beschaffen. Da die Geräte immer leistungsfähiger (= schneller) werden, wird sich das Problem noch verschärfen. Es macht also durchaus Sinn, das Mitführen dieser Geräte (streng) zu verbieten.

Schnellschach B6
Sobald die Uhr des Gegners in Gang gesetzt wurde, ist ein regelwidriger Zug abgeschlossen. Der Gegner darf dann reklamieren, dass der Spieler einen regelwidrigen Zug gemacht hat, bevor der Reklamierende seinen Zug ausgeführt hat. Nur nach einer derartigen Reklamation darf der Schiedsrichter eingreifen. Wenn allerdings beide Könige im Schach stehen oder eine Bauernumwandlung nicht abgeschlossen wurde, greift der Schiedsrichter nach Möglichkeit ein.

Der Inhalt des Artikels B6 ist nicht neu, gibt aber eine willkommene Präzisierung. Im Bezug auf Artikel 4 soll der Schiedsrichter nicht von sich aus eingreifen, in Bezug auf Artikel 3 aber soll er.

Anmerkung Klaus Schumacher:
Beim Lesen des Regeltextes komme ich zu einer anderen Interpretation als Rolf Mäser: Im Bezug auf Artikel 4 darf der Schiedsrichter nicht von sich aus eingreifen, in Bezug auf Artikel 3 aber soll er nur dann von sich aus eingreifen, wenn beide Könige im Schach stehen oder eine Bauernumwandlung nicht abgeschlossen wurde. Wenn aber z.B. ein Läufer regelwidrig von a1 nach b1 gezogen wird, darf der Schiedsrichter nach meiner Meinung nicht von sich aus eingreifen.

Rochade-Europa