Logo "blaue" Seiten

 
 
 
 
- Anzeige -
Für den Erwerb von Schachartikeln empfiehlt Ihnen der SC Leinzell den
 Schachversand Dreier 
 
 
Testen Sie Ihr Schach!
 
Diagramm 18-2006
 
Diagramm 18 – 2006
Hier wurde eine »Schachmaschine« demontiert. Wie zerlegte Weiß am Zuge die misslungene schwarze Partieanlage?
 zur Lösung 
 
 
 
zur Startseite
 News | Sitekalender | Sitemap | Team | Kontakt 
Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Mit besonderem Flair, die WM 1997 in Paris - Teil 3
Turnierbericht von Peter Schreiner - Dezember 1997
 
 
7. Runde - Mittwoch 29.10.1997
Turnierleiter Jaap van den Herik informiert mich darüber, dass Herr Borgstädt, der Autor von Goliath, einen offiziellen Protest gegen die Wertung in der Partie gegen MChess Pro eingereicht hat. Herr Borgstädt hat die kritische Stellung zu Hause getestet und konnte die geschilderten Probleme nicht nachvollziehen. Laut Herrn Borgstädt musste also ein Defekt an der Hardware vorliegen, was aufgrund der gescheiterten Umrüstaktion des AMD-Technikers vom Montagabend durchaus möglich war. Mir wurde weiter mitgeteilt, dass am Abend ein Komitee über den Protest entscheiden würde und ich mich für eine Befragung bereithalten solle.
 
Zuerst aber muss ich mit MChess Pro gegen den aufgerüsteten Junior von Amir Ban antreten. Ich erinnere mich, dass Amir Ban in der Spielerbesprechung am Samstag vehement dafür eingetreten ist, Programmen auf langsamerer Hardware einen Extrabonus an Bedenkzeit zukommen zu lassen. Da mein K6/233 MHz deutlich langsamer als Amir's nagelneuer PII-Rechner ist, frage ich mal scherzhaft nach, ob er mir den zusätzlichen Zeitbonus zugesteht. Leider Fehlanzeige! Die anschließende Partie nimmt dann einen für MChess ungünstigen Verlauf.
 
Für Fritz 5 mit den Betreuern Frans Morsch und Matthias Feist ist das Turnier bisher sehr unglücklich verlaufen. Endlich ist mit Frederic Friedel moralische Verstärkung aus Hamburg angekommen und das holländische Programm gewinnt seine erste Partie in Paris gegen das im Vorfeld ebenfalls sehr hoch eingestufte Kallisto. Die 7.Runde ist vorüber und Virtual Chess II führt mit 6/7 vor Junior 5,5/7 und Guru mit 5/7.
 
Jetzt muss ich mich noch vor dem Komitee zum Verlauf der Partie zwischen MChess und Goliath äußern. Das Komitee setzt sich aus IM David Levy und den Programmierern Francois Baudot (Virtual Chess) und Tom King (Francesca) zusammen. Zuerst schildert Turnierleiter J. van den Herik dem Komitee die Situation. Seiner Ansicht nach konnte man nicht unbedingt von einem Hardwarefehler ausgehen. Wahrscheinlich wäre das Problem leichter einzugrenzen gewesen, wenn der Operator besser mit der Funktionsweise von Goliath - wie in den Regeln vorgeschrieben - vertraut gewesen wäre.
 
Ich selbst sehe das genauso und gebe gegenüber dem Komitee zu bedenken, dass das Turnier in dem fortgeschrittenen Stadium durch die Neuansetzung u.U. verzerrt werden könnte. Während das Komitee berät, muss ich draußen warten und ärgere mich sehr darüber, dass ein unmittelbarer Konkurrent im Turnier (Baudot) in diese Entscheidung über MChess mit eingebunden ist. Nach längerem Beraten entscheidet das Komitee, dass die Partie am spielfreien Nachmittag des Donnerstag genau in der Position fortgesetzt wird, an der Goliath abstürzte. Ich akzeptiere diese Entscheidung; leider fällt damit der geplante Bummel am Montmartre flach.
 
 
8. Runde - Donnerstag 30.10.1997
Allmählich wird es für alle Beteiligten ernst, wenn es mit einer guten Platzierung noch etwas werden soll. Die Favoriten des Turniers geben sich keine Blöße und gewinnen ihre Partien. Junior gewinnt seine Partie gegen das ebenfalls an der Spitze liegende französische Programm Chess Guru. Virtual Chess II verteidigt seine Führung souverän in seiner Partie gegen das spanische Programm Eugen und wird schon voreilig als der neue Mikro-WM gefeiert. Heute bietet sich die Gelegenheit für mich, bei einem Sieg mit MChess über den auf einem der 767er Alpha laufenden Ferret mein zweites Freibier von Prof. Althöfer zu gewinnen und gleichzeitig Revanche für die Schlappe gegen Ferret in Paderborn zu nehmen. Beides gelingt! Titelverteidiger Shredder kommt allmählich in Fahrt und hat sich mit einem Sieg über Diep mittlerweile auf den 4.Platz in der Tabelle hinter Virtual Chess II, Junior und MChess Pro festgesetzt.
 
Die anderen Teilnehmer könnten jetzt den freien Nachmittag genießen; aber fast alle wollen die Fortsetzung der Partie MChess Pro gegen Goliath sehen. Kurz vor der Partie schildere ich Eric Caen den Grund für unsere "Sonderschicht", der mir daraufhin erzählt, dass Autor Michael Borgstädt via Email über den Internetzugang von Sponsor Titus eine brandneue Version an seinen Operator geschickt hat. Bevor die Partie beginnt, rufe ich Turnierleiter Prof. van den Herik und verlange, dass die Partie genau mit der gleichen Version von Goliath fortgesetzt wird, die in der 4.Runde abstürzte; angeblich war ja die Hardware an den Problemen des Programms schuld.
 
Außerdem bin ich ziemlich sauer über den Versuch der Gegenseite, mit einer Version die Partie fortzusetzen, die nachweislich nach dem Absturz erstellt wurde. Immerhin liegen ja zwei Tage dazwischen und man könnte in der Zwischenzeit Goliath auf die Partiefortsetzung eingestellt haben. Der Turnierleiter schließt sich meiner Auffassung an und ich muss jetzt erst einmal längere Zeit warten, bis der Vertreter von Goliath die entsprechende Version auf dem neuen Rechner installiert hat. Die Partie wird von MChess sicher gewonnen.
 
Nach all diesen Aufregungen bin ich ziemlich erschöpft. Am heutigen Abend veranstaltet die Pariser Börse eine Party mit einem tollen Menü. Leider besteht eine Kleiderordnung und ich habe weder Anzug noch Krawatte dabei; daher muss ich mit CSTal Bediener Thorsten Czub und Gandalf-Programmierer Dan Wulff in ein etwas obskures arabisches Restaurant mit weniger noblem Ambiente essen gehen.
 
 
9. Runde - Freitag 31.10.1997
Sehr humorvoll wurden die zahlreiche Stürze mit den merkwürdig konstruierten Klappstühlen aufgenommen. Auch Betreuerin Estelle Giron vom Sponsor Titus musste dran glauben; nach der intern geführten Strichliste war sie bis dahin das 13. Opfer des gefährlichen Mobiliars ... Die Schlüsselbegegnung dieser Runde ist das Aufeinandertreffen des amtierenden Weltmeisters Shredder gegen Virtual Chess II, welches von Shredder gewonnen wird. Junior gewinnt seine Partie gegen Gandalf und ChessSystem Tal stößt mit seiner Gewinnpartie gegen Goliath in die Spitzengruppe vor. In Führung liegt jetzt Junior mit 7,5 Pkt. vor Virtual Chess II 7 Pkt., Shredder 2.0 mit 6.5 Pkt., MChess mit 6 Pkt. und ChessTal mit 6 Pkt. MChess kann sich den Titel wohl abschminken, aber bei den drei erstplazierten Programmen ist noch alles drin und für Spannung ist gesorgt.

Am heutigen Freitag Abend wurden alle Teilnehmer von den Sponsoren in ein erstklassiges, vornehmes Restaurant in luftiger Höhe im Eifelturm eingeladen. Ich sitze beim Bankett neben dem Ehepaar Louwman und der Computerschach-Veteran Jan unterhält uns während des hervorragenden Essens mit Anekdoten aus den vergangenen Zeiten. Nach Abschluss des Bankettes möchten wir mit dem Taxi ins Hotel zurück. Leider gibt es kein reguläres Taxi mehr, aber ein inoffizieller Fahrer offeriert uns für pauschal 100 Francs seine Dienste; wir lassen uns darauf ein. Ich habe mich schon während des ganzen Aufenthaltes in Paris gewundert, wieso hier nur so wenige Unfälle im Straßenverkehr passieren. Nach der rasanten Fahrt - stellenweise war es ein traumatisches Erlebnis - verstehe ich es erst recht nicht ...
 

 
10. Runde Samstag - 01.11.1997
Heute ist wieder ein volles Programm angesagt, da neben der 10. Runde noch das Blitzturnier ausgetragen wird. Die Top-Paarung dieser Runde ist die Partie von Shredder 2.0 gegen den führenden Junior. Wenn Stefan seinen Titel verteidigen will, muss er heute unbedingt gewinnen. Aber Junior hat jetzt einen echten Lauf und gewinnt die Partie nach zähem Ringen. Virtual Chess II bleibt dran mit einem Sieg gegen ChessSystem Tal. MChess Pro 7.0 gewinnt seine Partie gegen Chess Guru und nach der 10.Runde führt Junior mit 8,5 Pkt. vor Virtual Chess II mit 8 Pkt., MChess Pro 7.0 mit 7 Pkt. und Shredder 2.0 mit 6,5 Pkt.
 
Am heutigen Samstag ist auch die Blitz-WM angesagt, an der ich mit MChess Pro nicht teilnehmen möchte. Von den Bedienern ist jetzt echte Fitness gefordert, da die Maschinen für jede Runde durch den Turniersaal transportiert und neu aufgebaut werden müssen. Sie können sich vielleicht lebhaft vorstellen, was für chaotische Verhältnisse herrschen, wenn 34 Teilnehmer zwischen den Runden ihre Maschinen im Saal herumkarren. CSTal-Bediener Thorsten Czub ist von dem andauernden Stress als Live-Berichterstatter und Bediener sichtlich erschöpft und will ChessSystem Tal nicht während des Blitzturniers bedienen. Chris Wittington fragt mich, ob ich vielleicht Lust habe, das Programm während des Blitzturniers zu bedienen; ich bin einverstanden.
 
Da ich ein gebrochenes Bein habe und mit den Krücken nicht den Rechner transportieren kann, stellt Chris beim Turnierleiter den Antrag, dass ich mit dem Computer einen festen Platz einnehmen kann und nicht immer umziehen muss. Prof. van den Herik stimmt zu und schon gibt es den nächsten Protest! Titelverteidiger Bruce Moreland (Ferret gewann die Blitz-WM 1996) sieht darin einen unzulässigen Vorteil, da ich mich nicht der anstrengenden Transportprozedur unterziehen muss. Der Turnierleiter entscheidet daraufhin, dass ich nur auf Verlangen eines anderen Teilnehmers umziehen soll ...
 
Die Bedenkzeit beträgt insgesamt 7 Minuten für die komplette Partie und die bekannt starken Blitzer Ferret, Hydra und Junior müssen feststellen, dass mit Shredder 2.0 auch im Blitz nicht gut Kirschen essen ist. Ferret war das dominierende Programm im Blitzen und gab lediglich zwei halbe Punkte ab. Mit dem 767 MHz/Alpha ging Ferret meiner Ansicht nach aber mit einem deutlichen Vorteil an den Start. Von den vier Top-platzierten finde ich das Ergebnis von Chrilly Donninger's Hydra bemerkenswert, das sich trotz der relativ langsamen Hardware glänzend gegen die Konkurrenz behaupten konnte und als echtes Blitzmonster auftrat.
Blitz-WM 1997
 1. Ferret            10.0
 2. Shredder           8.5
 3. Hydra              8.0
 4. Junior             8.0
 5. Fritz              7.0
 6. Chess Guru         6.5
 7. Diep               5.5
 8. Chess Tiger        5.5
 9. Dark Thought       5.5
10. Virtual Chess      5.0
11. SOS                5.0
12. Chess System Tal   5.0
13. Capture            5.0
14. Isichess           5.0
15. Comet              5.0
16. Gandalf            5.0
17. Crafty             4.5
18. The Crazy Bishop   4.5
19. Eugen              4.0
20. Nightmare          3.5
21. XXX2               3.0
22. Patzer             2.0 
 
11. Runde - Sonntag 02.11.1997
Heute geht das Turnier zu Ende und die letzte Runde ist spannend. Shredder 2.0 gewinnt überzeugend gegen MChess Pro 7.0 und belegt einen verdienten dritten Platz. Virtual Chess II büßt seine Chancen durch eine Niederlage gegen das superstarke deutsche Programm Dark Thought ein. Damit war die Entscheidung schon gefallen, Junior war auf jeden Fall der neue Weltmeister! Der neue Mikro-WM schloss das Turnier aber mit einem Sieg über Fritz 5 standesgemäß ab. Herzlichen Glückwunsch an die neuen Weltmeister Amir Ban und Shay Bushinsky aus Israel, die mit dem überzeugenden Auftritt von Junior in Paris verdient den Titel gewonnen haben!
15th WMCC Paris  1997
 1 Junior/P2_300            +9 =1 -1   9.5
 2 Virtual Chess 2/P2_300   +7 =2 -2   8.0
 3 Shredder 2.0/Alpha 533   +7 =1 -3   7.5
 4 MChess 7.0/K6_233        +5 =4 -2   7.0
 5 Ferret/Alpha 767         +5 =4 -2   7.0
 6 Dark Thought/Alpha 767   +5 =4 -2   7.0
 7 Toledo 2000/P2_300       +6 =2 -3   7.0
 8 Hydra/K6_233             +6 =2 -3   7.0
 9 Comet/K6_200             +6 =1 -4   6.5
10 ChessSystem Tal/P2_300   +4 =4 -3   6.0
11 Arthur/K6_200            +4 =4 -3   6.0
12 Eugen 7.2/K6_200         +3 =6 -2   6.0
13 Gandalf/K6_200           +5 =2 -4   6.0
14 Chess Guru/Alpha 500     +6 =0 -5   6.0
15 Diep/P2_300              +4 =4 -3   6.0
16 Fritz/P2_300             +3 =6 -2   6.0
17 Kallisto/K6_233          +4 =4 -3   6.0
18 Crafty/Alpha 500         +4 =3 -4   5.5
19 Crazy Bishop/K6_200      +5 =1 -5   5.5
20 IsiChess/K6_200          +5 =1 -5   5.5
21 Goliath/K6_200           +4 =2 -5   5.0
22 Woodpusher/K6_200        +4 =2 -5   5.0
23 XXXX II/P2_300           +4 =2 -5   5.0
24 Stobor/K6_200            +4 =2 -5   5.0
25 Patzer/K6_200            +4 =2 -5   5.0
26 SOS/K6_200               +5 =0 -6   5.0
27 Chess Tiger/P2_300       +3 =3 -5   4.5
28 AnMon/K6_200             +3 =3 -5   4.5
29 Techno Chess/K6_200      +4 =1 -6   4.5
30 Capture/K6_200           +2 =3 -6   3.5
31 Francesca/K6_200         +1 =4 -6   3.0
32 Nightmare/P2_266         +2 =2 -7   3.0
33 Dragon/K6_200            +2 =2 -7   3.0
34 Ananse/K6_200            +0 =0 -11  0.0 
 
Fazit
Bei einem Turnier mit 11 Runden Schweizer System sollte man bei der Interpretation der Ergebnisse natürlich vorsichtig sein. Die souveräne Vorstellung und der Spielstil von Junior hat mich persönlich sehr beeindruckt; wer nur 1,5 Punkte in einem solch starken Feld abgibt, verfügt mit Sicherheit über ganz besondere schachliche Klasse! Ich würde das Programm mit dem soliden, ausgewogenen Spielstil eher in die Klasse der wissensbasierten Programme als in die der sturen Brüter (nach dem Motto: "schnell aber dumm") einstufen.
 
Über das ganz hervorragende Anschneiden von Virtual Chess II habe ich mich besonders gefreut, weil dieses Programm neben der ausgezeichneten Spielstärke noch über eine phantastische Benutzerführung verfügt und schon seit langem zu meinen Lieblingsprogrammen gehört. Nach dem guten Abschneiden bei dieser WM in Paris wird die Szene dieses Programm wohl endlich als ernsthaften Konkurrenten zur Kenntnis nehmen müssen.
 
Titelverteidiger Shredder dürfte mit seinem dritten Platz endgültig einige Vorurteile widerlegt haben, die den Titelgewinn in Jakarta vom Vorjahr lediglich auf die Abwesenheit anderer Spitzenprogramme zurückführten. Meiner Ansicht nach gehört das positionell ausgelegte Shredder zu den absoluten Top-Programmen und wird zukünftig bei dem Rennen um die Nr.1 ein wichtiges Wort mitzureden haben.
 
MChess Pro 7.0 konnte mit seinem Abschneiden (4.Platz) auf relativ langsamer Hardware zufrieden sein. Die Interpretation der Stellungsbewertung bei dem amerikanischen Programm ist immer eine schwierige Angelegenheit, da das Programm positionelle Kriterien oft zugunsten von Material etwas überbewertet. Die beiden Siege gegen die schnellen 767er-Maschinen (Ferret, Dark Thought) mit dem damit verbundenen Freibier haben mich natürlich besonders gefreut. Zumindest kann sich MChess mit dem leider nicht vergebenen Titel - bestes Programm auf einem AMD K6 - schmücken.
 
Der Stolz und die Hoffnung Österreichs Hydra alias Nimzo 98 hatte etwas Pech mit der Abstimmung seiner Eröffnungsbibliothek. Das Programm wählte oft sehr scharfe, materiell ungleiche Varianten, die eher besser zum Spiel gegen Menschen als gegen Computer passen. Meiner Ansicht nach ist Nimzo 98, das jetzt ebenfalls auf Windows läuft, ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem Dos-Vorgänger. Chrilly Donninger hat das Programm in einigen wichtigen Bereichen (Zuggenerator, Bewertungsfunktion) erheblich auf mehr Schnelligkeit getrimmt, ohne das konkrete Schachwissen des Programms zu reduzieren. Im Blitzturnier unterstrich Hydra seine Qualitäten und ich bin sicher, dass auch Nimzo 98 noch für Furore sorgen wird.
 
Frans Morsch und Matthias Feist waren mit dem Abschneiden des populären Fritz in Verbindung mit der tollen Hardware natürlich kaum zufrieden. Vielleicht lag es an der riesigen Eröffnungsbibliothek, die besser durch eine speziell auf den Spielstil Fritzens abgestimmte Bibliothek ersetzt worden wäre.
 
Insgesamt kann man aber festhalten, dass das allgemeine Niveau im Computerschach deutlich gestiegen ist. Jeder kann jeden schlagen - das war für mich das wichtigste Fazit aus dem Turnier. Es gibt aber noch einen Aspekt, der mir bei der Betrachtung der Abschlusstabelle und den persönlichen Einzelresultaten aufgefallen ist. Vor einigen Jahren wurde in Expertenkreisen heftig darüber diskutiert, mit welchem grundsätzlichen Ansatz die schachliche Qualität der Programme zu steigern ist.
 
Auf der einen Seite gibt es die Befürworter eines sehr pragmatischen Ansatzes, dessen Motto lautet: Schnell, schnell und nochmals schnell ..., um möglichst große Rechentiefen zu erreichen. Bei dieser Philosophie wird auf die Implementierung von konkretem Schachwissen weitgehend verzichtet, um den Programmcode möglichst kompakt zu halten und damit eine möglichst schnelle Ausführungsgeschwindigkeit zu garantieren. Vielversprechender scheint mir der zweite Ansatz zu sein: nämlich eine möglichst effektive Ausbalancierung zwischen konkretem Schachwissen und noch zu vertretender Geschwindigkeit. Motto: Geschwindigkeit ist nicht alles; das Programm soll auch etwas vom Schach "verstehen".
 
Betrachtet man jetzt einmal aufmerksam die Situation innerhalb der Eloliste der SSDF, so fällt die momentan dominante Position der wissensbasierten Programme, wie z.B. Hiarcs, Rebel, MChess, Genius usw. auf. Dieser Trend hat sich in Paris bestätigt. Die an der Spitze liegenden Programme sind alle Vertreter der sogenannten "intelligenten" Programme und ich bin mir ziemlich sicher, dass der Weg für echte Steigerungen nur über diese Schiene führen wird. Die Voraussetzungen sind schon mit den Möglichkeiten der heutigen Hardware-Generation ideal; zukünftige Großtaten der Ingenieure bei INTEL, AMD oder DEC sind mit Sicherheit zu erwarten.
 
Ein Extremfall für die wissensbasierten Programme ist das in Paris auffällig in Erscheinung getretene englische Schachprogramm ChessSystem Tal von Chris Wittington. Dieses Programm wird mit dem sehr ehrgeizigen Anspruch entwickelt, möglichst angriffslustig im Stil eines Michael Tal zu spielen. Normalerweise bewerten Schachprogramme den Faktor Material sehr hoch, bei diesem Programm ist das jedoch völlig anders. ChessSystem Tal ist jederzeit bereit, auch unter Materialverlust Stellungen anzustreben, die vollgespickt mit taktischer Möglichkeiten sind.
 
Dieses Konzept wurde in der Vergangenheit oft belächelt, wenn sich die spekulativen Opfer des Programms später als nicht ganz stichhaltig erwiesen. In Paris kam ChessSystem Tal trotz schneller PII/300 MHz-Hardware im Schnitt auf ca. 6000 bewertete Positionen pro Sekunde (die umfangreichen Algorithmen gehen auf Kosten der Geschwindigkeit) und spielte trotzdem ein ausgezeichnetes Turnier; mit etwas Glück wäre noch ein besseres Resultat drin gewesen. Vielleicht opfert uns Chesstal in zwei bis drei Jahren alle gnadenlos nieder ...
 
Besonders gut gefallen hat mir die freundschaftliche Atmosphäre unter den Teilnehmern. Ein ganz wichtiger Aspekt bei diesen Veranstaltungen ist die Möglichkeit, im direkten persönlichen Gespräch Erfahrungen auszutauschen oder neue Kontakte zu knüpfen. Turnierleiter Prof. Jaap van den Herik bewunderte ich für seine Energie und Geduld, mit der er auch in schwierigsten Situationen immer eine für alle Teile befriedigende Lösung fand.
 
Kritisch beurteile ich einige Versäumnisse bei der Organisation durch die ICCA im Vorfeld (keine Internet-Präsenz, willkürliche Regelauslegung usw.); allerdings hatte der Verband auch einiges Pech mit den Sponsoren. Trotz einiger organisatorischer Detailschwächen hat sich aber die Teilnahme am Turnier gelohnt, denn es besteht ja Hoffnung, dass die ICCA aus den diesjährigen Problemen für die nächste Veranstaltung die richtigen Schlussfolgerungen zieht.
 
Falls der Verband allerdings auch in Zukunft auf der etwas befremdlichen Klassifizierung mit Profi - Semiprofi oder Amateur und den damit für die Autoren verbundenen Kosten besteht, sind erhebliche Zweifel angebracht, ob der Verband bei zukünftigen Mikro-WM's wieder ein komplettes Teilnehmerfeld mit allen Top-Programmen zusammenbekommt. Zum Schluss noch eine letzte Information: insgesamt 18 Zusammenbrüche gab es laut Strichliste mit den vorhandenen Klappstühlen ...
 
Peter Schreiner
 
zum Seitenanfang zurück |