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Diagramm 20-2006
 
Diagramm 20 – 2006
Die Stellung sieht auf den ersten Blick harmlos aus. Aber Schwarz am Zuge fand eine hübsche Kombination und stellte die Weichen auf Sieg.
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Mit besonderem Flair, die WM 1997 in Paris - Teil 1
Turnierbericht von Peter Schreiner - Dezember 1997
 
Logo ICCADie 1977 gegründete ICCA (International Computer Chess Association) organisiert seit Jahren die von der Schachöffentlichkeit vielbeachteten WMs für Mikro-Computer. Austragungsort der 15. Mikro-WM war die unter Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts erbaute Kultstätte des französischen Finanzwesens, die altehrwürdige Pariser Börse. Die Bedeutung des Schauplatzes der WM dokumentierte sich unter anderem an den extrem gründlichen Sicherheitskontrollen, denen sich die Teilnehmer oder interessierte Zuschauer vor Betreten des Turniersaals unterziehen mussten. Chris Wittington verglich den Spielort scherzhaft mit Fort Knox ...

Als aktiver Teilnehmer an diesem Turnier (ich bediente während des gesamten Turniers MChess Pro 7.0) betrachtet man die Ereignisse natürlich aus einer etwas anderen Perspektive als ein völlig unbefangener Beobachter. Schließlich sitzt man mit angespannten Nerven vor dem Rechner und kann die Aktivitäten des betreuten Schützlings nur hilflos mitverfolgen, ohne selbst eingreifen zu können ...
 

 
Profis, Halbprofis, Amateure und einiges Gerangel ...
Auch in diesem Jahr vermisste man schmerzlich einige der führenden Top-Programme, wie z.B. Genius, Rebel, The King oder Hiarcs. Natürlich wird die Aussagekraft einer WM durch das Fehlen der stärksten Programme immer etwas entwertet; bleibt also die Frage zu klären , warum die vorgenannten Kandidaten der WM fernblieben. Am erfolgreichsten bei den von der ICCA veranstalteten WM's war bisher der Engländer Richard Lang, der für sein Fernbleiben eine plausible Erklärung parat hatte. Richard arbeitet zur Zeit intensiv an einer ganz neu konzipierten Version seines Genius und hatte zum Zeitpunkt des Turniers noch gar keine spielfähige Version fertig.
 
Von Johan de Koning war keine offizielle Stellungnahme zu bekommen; es gab während des Turniers einige Gerüchte, dass die Firma Mindscape, die den CM5500 mit Schachengine von de Koning kommerziell äußerst erfolgreich vertreibt, keinen Misserfolg in einem WM-Turnier riskieren wollte. Ed Schröder, der das Turnier in der Vergangenheit bereits zweimal gewinnen konnte, wollte sich ebenfalls nicht klar zu seiner Nichtteilnahme äußern. Ich vermute einmal, dass Ed sich nicht ganz zu Unrecht kurz vor der Produktion seines Rebel 9.0 davor scheute, die mit einer Turnierteilnahme verbundenen hohen Kosten und zeitaufwendige Turniervorbereitung auf sich zu nehmen.
 
Das Fernbleiben des Spitzenreiters der Eloliste der SSDF, Hiarcs 6.0, ist allerdings eindeutig auf das recht sture und fast schon an das Gebaren mancher Bürokraten erinnernde Verhalten der ICCA Funktionäre zurückzuführen. Die ICCA nimmt schon seit Jahren eine recht willkürliche Einstufung der einzelnen Programme in bestimmte Kategorien vor: 1.) Profi 2.) Halbprofi 3.) Amateur. Für die einzelnen Autoren hat diese Einstufung beträchtliche finanzielle Konsequenzen, da z.B. der "Profi" 1000 $, der Halbprofi lediglich 100 $ und der Amateur für eine Turnierteilnahme gar nichts berappen muss.
 
Mark Uniacke entwickelt Hiarcs komplett in seiner Freizeit und geht einem ganz normalen Brotberuf nach, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Also reklamierte der Engländer - meiner Ansicht nach völlig zu Recht - den Amateur- oder zumindest den Status eines Halbprofi. Dies wurde von der ICCA unverständlicherweise kategorisch abgelehnt und das Turnier durch die Nichtteilnahme des durchaus spielwilligen Mark Uniacke erheblich entwertet.
 
In einem Telefonat gab mir Mark Uniacke noch einige Details zu den Verhandlungen bekannt: Mark wäre sogar durchaus bereit gewesen, die 1000$ für eine Teilnahme zu bezahlen! Lediglich das sture Nichtanerkennen seines Status durch die Funktionäre veranlasste Mark dazu, nicht am Turnier teilzunehmen. Ich selbst kann diese Haltung überhaupt nicht nachvollziehen, da man doch annehmen muss, dass es im Interesse der Organisatoren liegen sollte, dass möglichst viele der Top-Programme an einem WM-Turnier teilnehmen.
 
In dieser Hinsicht gab es noch viele Ungereimtheiten: warum wurde beispielsweise der Österreicher Chrilly Donninger, der schon seit einigen Jahren als Profi im Computerschach tätig ist und auch ganz offen dazu steht, als Halbprofi geführt? Merkwürdig war auch die Beförderung des englischen Programms CHESSTAL von Chris Wittington zum "Profi". Chris Wittington hat zwar eine Softwarefirma, die sehr erfolgreich Unterhaltungsspiele produziert. Auf eine kommerzielle Version des CHESSTAL mussten die Freaks aber bis vor kurzem warten; also konnte Chris in der Zwischenzeit wohl kaum von der Schachprogrammierung gelebt haben ...
 
Bisher war dieses Thema in den Statuten der ICCA eigentlich recht klar geregelt: Profi ist derjenige Autor, der mehr als 25% seines Einkommens durch die Schachprogrammierung erzielt. Eine klare Regel, die aber diesmal einfach ignoriert wurde und deshalb Anlass für heftige Diskussionen bot.
 
Auch Marty Hirsch geht seit längerer Zeit einer "normalen" Tätigkeit nach und arbeitet ausschließlich in seiner Freizeit an MChess Pro. Da lag es natürlich nahe, ebenfalls den finanziell leichter zu ertragenden Status eines Halbprofi oder Amateurs zu beantragen. Dieses Anliegen wurde von den Funktionären mit einer interessanten Begründung abgelehnt, die sinngemäß in etwa so ausfiel: entscheidend für die Einstufung zum Profi ist nicht das Einkommen des Autoren durch die Schachprogrammierung, sondern die generelle Verbreitung und der Bekanntheitsgrad eines Schachprogramms. Ein interessanter Standpunkt, trotzdem hätte eine konsequente Anwendung der bisher angewandten Regel bei den Beteiligten einer weniger schalen Nachgeschmack hinterlassen; übrigens hat Marty Hirsch zähneknirschend die 1000 $ bezahlt.
 
Ich vertrete die Ansicht, dass diese Regelung an der Lebenssituation der Programmautoren völlig vorbeigeht. Eine Schattenseite des PC-Booms besteht für viele Programmierer darin, dass es kaum noch möglich ist, ausschließlich von der Schachprogrammierung zu leben. Die wenigen Ausnahmen (R.Lang, E.Schröder, C.Donninger oder F.Morsch) ändern nichts an dieser Tatsache. In den früheren Glanzzeiten von Mephisto, Saitek war diese Form der Auffrischung des Spesenkontos sicher noch berechtigt, aber heute?
 
Viele Teilnehmer stellten sich in Paris die Frage, inwieweit in Anbetracht der finanzkräftigen Sponsoren diese Zahlung überhaupt notwendig war? Meiner Ansicht nach sollte die ICCA auf diese Klassifizierung und die Geldforderung generell verzichten und das Turnier - wenn möglich - ausschließlich aus den zur Verfügung gestellten Mitteln der Sponsoren bestreiten.
 
 
200 MHz, 233 MHz, 300 MHz, 533 MHz oder 767 (!) MHz ...
Wer bietet mehr?
Alle 34 Teilnehmer trafen am Samstag (einen Tag vor Turnierbeginn) im Spielsaal ein, um ihre Software auf den vom Sponsor AMD bereitgestellten Maschinen einzurichten. Die Stimmung derjenigen Teilnehmer, die keinen eigenen Rechner mitbringen konnten, war - gelinde gesagt - etwas gedrückt. Erst wenige Tage vor Beginn wurde von Seiten der ICCA via Email mitgeteilt, dass AMD die im Vorfeld versprochenen K6-Rechner mit 233 MHz Taktfrequenz nicht liefern konnte! Die Firma konnte den Teilnehmern lediglich mit 200 MHz getaktete Maschinen anbieten. Einige Leser werden sich jetzt vielleicht fragen, was denn bitte schön an 200 MHz schnellen K6-Rechnern auszusetzen ist?
 
Im Prinzip gar nichts, bis auf die Tatsache, dass anderen Teilnehmern eben bedeutend schnellere Maschinen zur Verfügung standen. Beispielsweise agierten Fritz5, VirtualChess II oder ChessTal auf den superschnellen, mit 300 MHz getakteten, Pentium II Rechnern von Intel und andere Programme wie z.B. Shredder, Crafty liefen auf Alphas mit 533 MHz. Den Rekord stellten Ferret und Dark Thought auf, die auf superschnellen 767 (!) MHz Alphas von Digital liefen.
 
Laut dem Reglement der ICCA dürfen bei der Mikro-WM nur Rechner eingesetzt werden, die zum Zeitpunkt des Turniers auch kommerziell verfügbar sind. Anhand des bei der WM ausgelegten Werbematerials von DEC handelte es sich aber bei den mit 767 MHz getakteten Rechnern noch um Prototypen, die zum Zeitpunkt des Turniers gar nicht kommerziell verfügbar waren (Obergrenze bis dahin 600 MHz).
 
In der Spielerbesprechung protestierte dann Chris Wittington meiner Ansicht nach völlig zu Recht gegen die Nutzung der 767er und verlangte die konsequente Anwendung der Statuten. Der ICCA-Präsident schmetterte den Einwand sinngemäß mit dem Hinweis ab: die Maschinen sind hier im Turniersaal, also sind sie auch verfügbar! Welchen Schluss kann man aus der beschriebenen Materialschlacht ziehen?
 
Für mich stellt sich die Sache so dar, dass man bei den unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen die einzelnen Programme an den Start gingen, wohl kaum davon ausgehen kann, dass bei dieser WM unbedingt das stärkste Programm gewonnen hat. Die Chancengleichheit war in Paris einfach nicht gewahrt und einige Programme gingen mit einer beträchtlichen, hardwarebedingten Vorgabe an den Start. Daher würde ich beim Betrachten der Abschlusstabelle unbedingt berücksichtigen, welche Hard- und Softwarekombination den Titel gewonnen hat. Auch in Paris war es wie im richtigen Leben: alle sind gleich, manche etwas gleicher ...
 
Aber ganz klar: ein schlechtes Programm würde natürlich auch auf einer ultraschnellen Hardware keine großen Erfolge haben, sondern seine schlechten Züge halt nur früher ausspielen. Die ganze Veranstaltung wäre aber meiner Ansicht nach für den interessierten Beobachter wesentlich aussagekräftiger gewesen, wenn alle Teilnehmer auf identischer oder zumindest in der Leistung ähnlicher Hardware gespielt hätten.
 
 
Regeln und Spielbedingungen
Am Samstag vor Turnierbeginn fand die Spielerbesprechung statt, um eine endgültige Regelung für die Bedenkzeitkontrollen und den weiteren organisatorischen Ablauf zu finden. Viele Teilnehmer konnten sich immer noch nicht so recht mit den von AMD zur Verfügung gestellten "lahmen" 200 MHz - Turniermaschinen anfreunden und setzten dem Turnierleiter Prof. J. van den Herik (der natürlich gar nichts dafür konnte) gehörig zu. Nach einer heftigen, nicht immer sachlich geführten Diskussion, fand sich dann eine Mehrheit für die folgende Regelung:
 
1.) Die Bedenkzeit betrug für die ersten 30 Züge 60 Minuten, für die nächsten 40 Züge 60 Minuten und danach noch einmal 60 Minuten für 40 Züge bis zum 110.Zug. Sollte danach keine Entscheidung gefallen sein, wurde die Partie vom Turnierleiter abgeschätzt. Bevor ein Remis angenommen oder die Partie aufgegeben werden durfte, musste vorher der Schiedsrichter informiert werden.
 
2.) Alle Teilnehmer, die mit einem der bereitgestellten K6/200 MHz Rechner spielen mussten, sollten pro Zeitkontrolle zusätzliche 10 Minuten Bedenkzeit bekommen, wenn sie gegen ein Programm auf schnellerer Hardware spielten. Diese Regel galt nur für die 200 MHz K6 Rechner, dazu später mehr.
 
3.) Die Turnierleitung entschied sich für ein sogenanntes "beschleunigtes" Paarungssystem für die erste und die zweite Runde. Für diese beiden Runden wurde das Teilnehmerfeld in zwei Gruppen aufgeteilt; einmal in eine sogenannte Top-Gruppe mit den stärkeren Programmen und in eine zweite Gruppe mit den nach Ansicht der Turnierleitung etwas "schwächeren" Programmen. Ab der dritten Runde sollte dann völlig normal nach Schweizer System jeder gegen jeden ausgelost werden.
 
Insbesondere die Punkte 2 und 3 waren Gegenstand einer sehr kontrovers geführten Diskussion. Nehmen wir einmal die Regelung 2 (nur gültig für K6/200 MHz) etwas genauer unter die Lupe, denn indirekt gab die Turnierleitung damit ja eine Benachteiligung der Programme auf langsamerer Hardware zu. Was war aber jetzt mit den Programmen (MChess, Hydra), die z.B. auf einem K6 233 MHz liefen und dann gegen einen der superschnellen Alphas oder gegen einen Pentium II/300 spielen mussten? Trotz des recht geringen Hardwarevorteils im Vergleich zum K6/200 kamen diese Programme nicht in den Genuss eines zusätzlichen Zeitvorteils, wenn sie gegen schnellere Rechner antreten mussten.
 
Meiner Ansicht nach war diese Regel in höchstem Maß inkonsequent und diente wohl in erster Linie dazu, die etwas aufgebrachten Gemüter in der Spielerversammlung zu beschwichtigen. Berücksichtigt man dann noch die Tatsache, dass das Programm auf dem schnelleren Rechner durch das Permanent Brain ebenfalls von der zusätzlichen gegnerischen Bedenkzeit profitierte, fällt es mir auch jetzt noch sehr schwer, den Vorzug dieser Regelung zu erkennen. Einige Teilnehmer schlugen deshalb vor, dass man einfach alle Programme (falls möglich) auf einem der Standard-Rechner mit 200 MHz spielen lassen sollte; dieser vernünftige Vorschlag stieß aber auf heftigen Widerstand der besser ausgerüsteten Teilnehmer ...
 
Auch die in Punkt 3 aufgeführte Lösung mit der etwas willkürlichen Einstufung der Programme war umstritten. Nicht jeder Teilnehmer wollte die Schmach akzeptieren, sich in die später scherzhaft als "Patzergruppe" bezeichnete Gruppe II einstufen zu lassen. Zu Recht wurde auch bemängelt, dass sich die Einstufung bei einer späteren Feinwertung durchaus nachteilig für ein Programm erweisen konnte, das zu Beginn in dieser Gruppe spielen musste.
 
Leider konnte die Turnierleitung keine plausible Begründung und Antwort für die Grundlagen dieser Einstufung vorweisen. Orientierte sich die ICCA an der SSDF-Liste oder an der Reputation? Orientiert man sich an der Hardware? Wie stuft man Programme ein, die kommerziell gar nicht verfügbar sind und die keiner kennt? Turnierleiter Prof. van den Herik gab z.B. offen zu, dass er überhaupt nichts über die französischen Programme wusste, bestand aber konsequent auf der Beibehaltung der vorgenommenen Klassifizierung.
 
Gespielt wurde in einem wunderschön ausgestatteten Saal mit echten Deckenmalereien im ersten Stock der Pariser Börse. Vom Gang aus konnte man in den Spielpausen das hektische Treiben der Börsianer beobachten, das sehr oft in tumultartigen Szenen ausuferte und dessen Rituale dem Nichteingeweihten völlig verschlossen sind. Bemerkenswert fand ich die hohe Zahl von Ordnungskräften, die reichlich damit zu tun hatten, die oft erhitzten Gemüter zu beruhigen und eine Eskalation der Ereignisse zu verhindern. Leider konnte man die Fenster des Spielsaales - wohl aus Sicherheitsgründen - nicht zum Lüften öffnen und in den ersten beiden Tagen gab es lediglich einen Kaffeeautomaten für alle Teilnehmer.
 
Das Bulletin mit den Partien wurde in den ersten Runden von Matthias Feist und später von Frederic Friedel mit ChessBase erstellt und war spätestens zu Beginn der nächsten Runde in sauber ausgedruckter Form incl. Fortschrittstabelle verfügbar. Dies war für die ICCA gar nicht so einfach, da die Sponsoren der ICCA keinen Kopierer zur Verfügung stellen wollten und Prof. Tony Marshland extra zu einem Kopierladen gehen musste, um den Teilnehmern ein Bulletin anbieten zu können! Vorbildlich fand ich, dass man unmittelbar nach jeder Runde auf Wunsch die gespielten Partien im PGN-Format auf Diskette bekommen konnte, um die Partien im Hotelzimmer nachzuspielen oder zu analysieren. Wie in den letzten beiden Jahren wurde das Turnier mit 11 Runden ausgespielt, was natürlich bei 34 Teilnehmern geradezu ideal ist und die Rolle des Zufalls bei der Vergabe der Spitzenplätze eingrenzte.
 
 
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