Logo "blaue" Seiten

 
 
 
 
- Anzeige -
Für den Erwerb von Schachartikeln empfiehlt Ihnen der SC Leinzell den
 Schachversand Dreier 
 
 
Testen Sie Ihr Schach!
 
Diagramm 21-2006
 
Diagramm 21 – 2006
Weiß fand hier einen eleganten Weg, das Problem mit seiner angegriffenen Dame zu lösen. Sie können es ihm sicher gleichtun?!
 zur Lösung 
 
 
 
zur Startseite
 News | Sitekalender | Sitemap | Team | Kontakt 
Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Offene Computer-WM in Paderborn 1999 - Teil 2
Turnierbericht von Peter Schreiner - August 1999
 
 
1. Runde Montag 14.06.1999
Wie bereits beschrieben, wurden in der ersten Runde die laut ICCA-Rangliste besonders starken Programme gegen die vermeintlich schwächeren Programme ausgelost. In der Tat konnten die meisten Favoriten ihrem Status gerecht werden und ihre Partien gewinnen. Lediglich das hochfavorisierte Paderborner Parallelprogramm Zugzwang tat sich in seiner Partie gegen den vermeintlichen Außenseiter IsiChess von Gerd Isenberg sehr schwer und erreichte nur ein Remis.
 
 
2. Runde Dienstag 15.06.1999
An diesem Tag wurden zwei Runden gespielt. Nach den deutlichen Siegen der Favoriten kam es in dieser Runde zu den beim Schweizer System nicht unwichtigen, direkten Zusammentreffen einiger starker Programme. Absolutes Highlight dieser Runde war das direkte Zusammentreffen des zu diesem Zeitpunkt noch amtierenden Weltmeisters Fritz auf Primergy gegen Shredder. Shredder brachte dabei einem der Hauptfavoriten des Turniers eine empfindliche Niederlage bei. Ein weiteres Spitzenduell war das Aufeinandertreffen der beiden etablierten Programme MChess Pro und Hiarcs 7.32 in der brandaktuellen Windows-Version für ChessBase. Beide lieferten sich einen zähen Kampf der erst nach einem üblen Fehler von MChess entschieden wurde.
 
 
3. Runde Dienstag 15.06.1999
Shredder muss sich am Nachmittag direkt wieder mit einem seiner Vorgänger auf dem Weltmeisterthron auseinandersetzen. Rebel konnte bekanntlich seinerzeit 1992 in Madrid den Titel des Absoluten Weltmeisters erringen. Offensichtlich hat das Programm von Stefan Meyer-Kahlen einen Lauf: gegen das superstarke Programm von Ed Schröder kann Shredder einen Sieg in einem komplizierten, brillant geführten Endspiel einfahren.
 
 
4. Runde Mittwoch 16.06.1999
Shredder spielt gegen einen weiteren Mitfavoriten, Nimzo, zum ersten Mal remis. Die neueste Version von Rebel macht dagegen relativ kurzen Prozess mit dem im Vorfeld des Turniers hochgehandelten Parallelrechner P.ConNers.
 
 
5. Runde Donnerstag 17.06.1999
In der fünften Runde kam es wieder zu etlichen sehr spannenden Paarungen. Shredder musste erneut gegen einen sehr starken Gegner, nämlich Hiarcs 7.32, antreten. Die Partie endete nach einigen taktischen Verwicklungen und trotz etwas besserer Stellung für Hiarcs mit Remis. Besonders großes Interesse rief das hausinterne ChessBase-Duell zwischen Junior und Fritz jeweils auf den sehr teuren Primergy-Maschinen hervor. Fritz spielte gegen den gekünstelten Aufbau von Junior einen schnörkellosen Sieg heraus.
 
Rebel gehört normalerweise zu den Programmen, die sich durch eine besonders gute Behandlung von figurenarmen Bauernspielen auszeichnen. In der Partie gegen den ChessBase-Vertreter Nimzo schätzte das Programm von Ed Schröder die Bauernmehrheit von Weiß mit dem daraus resultierenden Freibauern jedoch völlig falsch ein, und muss sich geschlagen geben.
 
 
6. Runde Freitag 18.06.1999
Shredder demonstrierte in seiner Partie gegen Ferret eine weitere bemerkenswerte Fähigkeit des Programms: eine unglaubliche Turnierhärte und bemerkenswerte Zähigkeit in verlustträchtigen Stellungen. Nach einem Evansgambit endete die Partie nach unglaublich hartem Kampf mit Remis. Fritz konnte dagegen den hausinternen Konkurrenten Hiarcs ziemlich sicher gewinnen. Auch Junior hatte einen guten Tag, indem er Nimzo auf dem falschen Fuß erwischte und dabei den Stromverbrauch seines Primergy nicht über Gebühr strapazieren musste.
 
 
7. Runde Samstag 19.06.1999
Vor der letzten Runde wurde es natürlich ungemein spannend. Etliche Programme konnten sich noch Hoffnung auf den Titel machen. Ein Blick auf die Zwischentabelle hilft, die Situation für die einzelnen Programmierer und damit die Dramatik der Schlussrunde zu verdeutlichen:
  1 Fritz            -1 +0 -1 +1 -1 +1  5.0/6
  2 Junior           +1 -1 +1 -½ +0 +1  4.5/6
  3 Shredder         +1 -1 +1 -½ +½ -½  4.5/6
  4 Ferret           -1 +1 -0 +1 -1 +½  4.5/6
  5 Hiarcs           +1 -1 +1 +½ -½ -0  4.0/6
  6 Rebel            -1 +1 -0 +1 -0 +1  4.0/6
  7 Nimzo            -½ +1 -1 +½ +1 -0  4.0/6
  8 DarkThought      -1 +0 -1 +½ -1 -½  4.0/6
  9 Cilkchess        +1 -1 -0 +½ -1 +½  4.0/6
 10 ChessTiger       -0 +0 -1 +1 -1 +1  4.0/6
Das erfolgsgewohnte ChessBase-Team wird diesen Tag sicherlich noch lange als traumatisches Erlebnis verbuchen. Alle im Wettstreit um die beiden wichtigen Titel noch aussichtsreich im Rennen liegenden Programme der Hamburger Firma verloren die letzte Runde! Zuerst musste Titelverteidiger Fritz seine Hoffungen auf eine Titelverteidigung gegen den direkten Konkurrenten Ferret begraben. Nicht besser erging es Hiarcs gegen CilkChess, der sich noch gewisse Chancen auf den wichtigen Titel des Mikro-WM ausrechnen konnte. Damit war der Weg frei für Shredder, der mit Junior den Mikro-WM von 1997 auf dem superschnellen Primergy besiegen konnte.
 
 
Der Endstand
Sie können sich alle Partien der WM von der Downloadseite der Millennium2000 GmbH im pgn-Format herunterladen.
Endstand - WCCC99 Paderborn 1999
  1 Shredder         +1 -1 +1 -½ +½ -½ +1  5.5/7
  2 Ferret           -1 +1 -0 +1 -1 +½ +1  5.5/7
  3 Fritz            -1 +0 -1 +1 -1 +1 -0  5.0/7
  4 Cilkchess        +1 -1 -0 +½ -1 +½ -1  5.0/7
  5 Junior           +1 -1 +1 -½ +0 +1 -0  4.5/7
  6 DarkThought      -1 +0 -1 +½ -1 -½ +½  4.5/7
  7 Rebel            -1 +1 -0 +1 -0 +1 -½  4.5/7
  8 Nimzo            -½ +1 -1 +½ +1 -0 +½  4.5/7
  9 ChessTiger       -0 +0 -1 +1 -1 +1 -½  4.5/7
 10 Hiarcs           +1 -1 +1 +½ -½ -0 +0  4.0/7
 11 LambChop         +1 -0 +1 -½ +0 -1 +½  4.0/7
 12 Francesca        +0 -1 +1 -½ +0 +½ -1  4.0/7
 13 Virtual_Chess_X  +0 -1 +1 -0 +1 -0 +1  4.0/7
 14 GromitChess      +1 -0 +0 -1 +0 +1 -1  4.0/7
 15 EUGEN            -0 +1 -0 +1 -½ +½ -1  4.0/7
 16 Zugzwang         +½ -1 +0 -1 +0 -½ -½  3.5/7
 17 MChess           -1 +0 -0 +0 -½ +1 +1  3.5/7
 18 P.ConNerS        -0 +1 -1 -0 +0 +1 -0  3.0/7
 19 Isichess         -½ +½ -0 +1 -1 -0 +0  3.0/7
 20 Diep             +0 -0 +½ -1 +1 -½ +0  3.0/7
 21 Patzer           -0 +1 +0 -0 +1 -0 +1  3.0/7
 22 Mini             +½ -0 +½ -0 -0 +1 -1  3.0/7
 23 Now              -½ +0 -0 +0 +½ -1 -1  3.0/7
 24 SOS              -1 +0 -1 -0 +½ +0 -0  2.5/7
 25 Arthur           +0 -1 +0 -0 +½ -1 +0  2.5/7
 26 Ikarus           +½ -½ +0 +1 -0 -0 +0  2.0/7
 27 Centaur          +0 -0 +1 -0 +1 -0 +0  2.0/7
 28 RuyLopez         -0 +0 -½ +0 -½ +0 -½  1.5/7
 29 XXXX2            +0 -0 +0 -1 -0 +0 -0  1.0/7
 30 Neurologic       -0 +0 -½ +0 -0 -0 +½  1.0/7 
 
Der Stichkampf
Damit war ein wichtiges Teilziel für Shredder geschafft. Der Titel des Mikro-Weltmeisters war für Shredder auf jeden Fall schon einmal gesichert! Punktgleich mit Shredder belegte jedoch Ferret von Bruce Moreland den geteilten ersten Platz. Da Ferret im Unterschied zu Shredder auf einem Parallelsystem mit vier Xeon-Prozessoren lief, musste ein Stichkampf um den enorm wichtigen Titel des Absoluten Weltmeisters ausgespielt werden. Die große Bedeutung für diesen Titel liegt im Unterschied zum Titel Mikro-WM darin, dass er für die nächsten drei Jahre, also bis zum Jahr 2002 Gültigkeit hat. Das Los wies Stefan Meyer-Kahlen die weißen Steine zu; ein Remis sollte für Shredder aufgrund der besseren Feinwertung bereits zum Titel "Absoluter Weltmeister" ausreichen. Die Spielbedingungen für die finale Entscheidungspartie waren mit denen des Hauptturniers identisch. Um 15:00 Uhr ging es dann endlich los.
 
Am Samstagabend gegen 22:00 Uhr hatte es Stefan Meyer-Kahlen also endlich geschafft und den totalen Triumph errungen: die beiden Titel "Mikro-WM" und "Absoluter Weltmeister" gingen an den jungen Dortmunder Programmierer! Selten hatte ich Gelegenheit, bei einer solch nervenaufreibenden und spannenden Schachveranstaltung dabei zu sein. Die Spannung während des Finales war an Dramatik kaum noch zu überbieten und die zu später Stunde noch verbliebenen Enthusiasten kamen voll auf ihre Kosten! Nochmals auch von dieser Stelle aus herzlichen Glückwunsch an Stefan Meyer-Kahlen, der diesen grandiosen Erfolg quasi als Einzelkämpfer ohne jegliche fremde Hilfe errungen hat!
 
 
Einige Impressionen
Man kann jedem Computerschachfan nur dringend dazu raten, einmal persönlich eine solche Veranstaltung zu besuchen. Eine bessere Gelegenheit, mit den Programmierern und den "Machern" in der Szene persönlich in Kontakt zu treten, gibt es einfach nicht. Wenn man in der Regel das ganze Jahr über im stillen Kämmerlein hockt und die meisten Kontakte ausschließlich via Email pflegt, ist es oft ein hochinteressantes Erlebnis, die Menschen, mit denen man bisher vielleicht nur via Internet Kontakte gepflegt hat, einmal persönlich kennen zu lernen. Die Bedeutung der diesjährigen WM dokumentierte sich unter anderem auch darin, dass diesmal im Unterschied zu den letzten Mikro-WM's wirklich fast alle wichtigen Macher und Programmierer direkt vor Ort waren.
 
Ein echter Fixpunkt während des gesamten Turniers war der eloquente Münchener Vertriebshändler Ossi Weiner, der umgehend die Funktion eines Co-Kommentators übernahm und jedermann - ob gewollt oder ungewollt - umgehend über die spezifischen Feinheiten der jeweiligen Partien aufklärte. Den wenigsten Lesern dürfte bekannt sein, dass der Münchener Geschäftsmann und Geschäftsführer der Firma Millennium 2000 nicht nur ein sehr erfolgreicher Spieler in der Schachbundesliga war, sondern auch einige Meriten im Fernschach, z.B. den Titel eines Deutschen Jugendmeisters, sammeln konnte. Insofern waren seine Ausführungen und Hinweise zu den Partien für viele Zuschauer sicher nützlich und hochwillkommen.
 
Auch die ChessBase-Crew war größtenteils persönlich vor Ort. Sehr angenehm fand ich die durchgehende Anwesenheit von ChessBase Geschäftsführer und Programmierer Matthias Wüllenweber, der ebenfalls bereitwillig Fragen zu den teilnehmenden CB-Programmen und der benutzten Hardware beantwortete.
 
Ansonsten ist ein solches Turnier einfach eine tolle Gelegenheit, bestehende Kontakte zu pflegen, neue zu knüpfen oder ganz einfach Abende hindurch mit den verschiedensten Leuten fachzusimpeln. Besonders gefreut habe ich mich über die Teilnahme von Ed Schröder und seinem Eröffnungsexperten Jeroen Noomen, die beide zu den sympathischsten Erscheinungen in der Szene gehören.
 
Auf jeden Fall möchte ich noch einmal die phantastische Organisation durch die Ausrichter erwähnen. Unmittelbar nach jeder Runde standen die Partien bereits vorbildlich aufbereitet im Internet. Den Zuschauern wurde ein sehr attraktives Rahmenprogramm geboten. GM Thomas Luther kommentierte nach jeder Runde ausführlich an einer Projektionsleinwand die interessantesten Partien für die zahlreichen Interessenten. Zusätzlich stand der Großmeister täglich für eine Simultanveranstaltung zur Verfügung: ein Angebot, das besonders dankbar angenommen wurde. Nicht nur den Teilnehmern, sondern auch den Besuchern des Turniers standen im großzügig konzipierten Foyer des Heinz-Nixdorf-Forums etliche Rechner mit Internetzugang zur Verfügung. Für mich hat sich jedenfalls der einwöchige Aufenthalt gelohnt und ich bin mit einer Vielzahl von Eindrücken und Anregungen wieder nach Hause zurückgekehrt. Was will man mehr?
 
 
Fazit
Generell sollte man natürlich bei der Interpretation eines Turniers mit nur sieben Runden Schweizer System eine gewisse Vorsicht bei der Interpretation der Resultate walten lassen. Fakt ist aber, dass Shredder sich in diesem hochkarätigen Feld ohne aufwendige Spezialhardware als einzigster Teilnehmer ohne Niederlage durchsetzen konnte. Nachdem Shredder bereits in diesem Jahr das privat ausgerichtete Computerschachturnier in Aufsess überzeugend gewinnen konnte, bestätigte Stefan Meyer-Kahlen mit diesem Triumph nachhaltig die Behauptung, dass Shredder ohne wenn und aber ein absolutes Spitzenprogramm ist!
 
Die Gründe für den Sieg des deutschen Programms sind gar nicht so schwierig auszumachen: Shredder spielt für ein Computerprogramm ein erstklassiges Positionsspiel und "versteht" eine ganze Menge vom Schach. Das Endspiel ist für einen Computer absolute Extraklasse. Als hervorragendste Eigenschaft des aktuellen WM-Programms sehe ich die bemerkenswerte Zähigkeit des Programms an. Gerät Shredder in kritische oder schlechte Positionen, legt das Programm eine unglaubliche Turnierhärte an den Tag und verteidigt sich extrem erfindungsreich.
 
Verbesserungswürdig ist mit Sicherheit die Eröffnungsbibliothek des Programms, die im Verlaufe des Turniers die Nerven von Stefan einige Male über Gebühr strapazierte. Aus diesem Grund wird das aktuelle WM-Programm auch erst in einige Monaten mit einer neu konzipierten Bibliothek auf den Markt kommen. Uns liegt übrigens exakt die WM-Version von Paderborn zum Test vor, die wir gründlich unter die Lupe nehmen und vorstellen werden.
 
Bei aller Euphorie über den deutschen Weltmeister sollte man unbedingt noch die Leistung des Amerikaners Bruce Moreland würdigen, der ja nur ganz knapp den möglichen Titel verpasst hat. Genau wie Stefan Meyer-Kahlen hat Bruce ja ebenfalls kein professionelles Team hinter sich und macht wirklich alles - auch die Bibliothek - weitgehend alleine. Seine sportliche Haltung nach dem für Ferret tragischen Verlauf der Finalpartie nötigt einfach nur Respekt ab. Ein Sportsmann im wahrsten Sinne dieses Wortes.
 
Für ChessBase verlief das Turnier diesmal sehr tragisch: nach der letzten Runde kam ein Schachfreund auf mich zu, der mich nach der Bedeutung des Zeichen "0-0-0" fragte. PS: "Natürlich für die lange Rochade." Antwort: "Nein, das steht für ChessBase in der letzten Runde." Wie immer im Leben; wer den Schaden hat ...
Abgesehen davon, war es hochinteressant zu beobachten, wie professionell die Hamburger Firma ihre Autoren supportet. Diesmal hat es eben nicht gereicht.
 
Unbedingt erwähnen möchte ich noch das sehr gute Abschneiden des Dark Thought-Teams von der Universität Karlsruhe. Die beiden Autoren Markus Gille und Ernst Heinz erzielten bei sämtlichen Weltmeisterschaften in den letzten Jahren ganz ausgezeichnete, leider hierzulande nur wenig beachtete Resultate. Die sehr gute Platzierung inmitten einer Phalanx etablierter Spitzenprogramme spricht für sich: vielleicht reift hier ein weiteres deutsches Spitzenprogramm heran?
 
Peter Schreiner
 
zum Seitenanfang zurück |