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Diagramm 22-2006
 
Diagramm 22 – 2006
In dieser Stellung stellte Weiß seine Dame nach e5 und erwartete von Schwarz die Aufgabe. Dieser spielte aber weiter und zog …
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Offene Computer-WM in Paderborn 1999 - Teil 1
Turnierbericht von Peter Schreiner - August 1999
 
In früheren Zeiten bildete die Computerschachszene einen kleinen, in sich geschlossenen Kreis. Mittlerweile hat sich der früher von vielen "normalen" Schachspielern eher belächelte Bereich des Schachspiels voll in der Szene etabliert. Es dürfte nur noch sehr wenige ernsthafte Turnierspieler geben, die auf die phantastischen Möglichkeiten der modernen Generation von Schachsoftware für das eigene häusliche Training und die Analyse verzichten wollen.
 
Aus diesem Grund nahm die von dem bewährten Team um Rainer Feldmann und Ulf Lorenz von der Universität Paderborn ausgerichtete Offene Computerschachweltmeisterschaft (14.06. - 20.06.99) einen ganz besonderen Stellenwert im diesjährigen Terminplan der zahlreich anwesenden Vertreter der Schachpresse und der "Macher" in der Szene ein. Manche Produzenten von kommerziellen Programmen hatten im Stil der Formel 1-Szene aufgerüstet und traten mit einer phantastischen Hardware an, von der andere Teilnehmer nur träumen konnten.
 
So spielten z.B. die beiden ChessBase-Vertreter Fritz und Junior in speziellen Parallelversionen auf dem Hochleistungsserver Primergy mit vier parallel geschalteten XEON-Prozessoren der Firma Siemens; einem der teuersten kommerziell verfügbaren Computer der Welt. Überhaupt zeichnete sich bei dem Turnier ein Trend für angestrebte, zukünftige Spielstärkesteigerungen ab: bei der Programmierung zielt die Weiterentwicklung eindeutig in den Bereich Parallelisierung. Zu dem Thema Hardware und den diversen Techniken später noch mehr.
 
 
Die ICCA
Logo ICCAWie bereits seit vielen Jahren wurde auch diese Veranstaltung unter der bewährten Führung der 1977 gegründeten ICCA (International Computer Chess Association) durchgeführt. Die große Bedeutung der Veranstaltung dokumentierte sich unter anderem an der Präsenz der kompletten Führungsriege der ICCA: in Paderborn 99 waren sowohl ICCA-Präsident Tony Marshland, Vize David Levy, Don Beal und wie gewohnt, der bewährte Turnierleiter und Schiedsrichter Professor Jaap van den Herik anwesend.
 
An dieser Stelle halte ich es für angemessen, den zahlreichen Lesern, die noch nie von der ICCA gehört haben, die Aktivitäten dieser für das Computerschach eminent wichtigen Organisation einmal etwas genauer vorzustellen. Die ICCA wurde im Jahr 1977 gegründet und hat vor allem das Ziel, Forschungsergebnisse und Neuerungen im Computerschach zu koordinieren und sowohl ihren Mitgliedern als auch einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Weitere Aktivitäten sind u.a.
  1. Organisation und Veranstaltung der regelmäßig stattfindenden Computerschachweltmeisterschaften. Die ICCA nimmt die Anmeldungen entgegen und vergibt die Teilnahmeplätze an die einzelnen Bewerber.
  2. Präsentation und Anbindung des Computerschachs an die "normale" Schach- und Turnierszene. So wurde z.B. seinerzeit das weltweit beachtete Match von Kasparov - Deep Blue von dem Vizepräsidenten der ICCA, IM David Levy, organisiert.
  3. Unterstützung von nationalen Computerschachverbänden oder Turnierveranstaltern.
  4. Publizierung und Förderung von wissenschaftlichen Arbeiten und Studien, soweit sie das Thema Computerschach betreffen. Dies geschieht sowohl via Internet als auch über das wohl wichtigste Projekt der ICCA: der Publizierung des unter der Leitung von Prof. Jaap van den Herik erstellten ICCA-Journals.
Diese ausgezeichnete Zeitschrift beschäftigt sich in erster Linie mit den wissenschaftlichen Aspekten des Computerschachs und stellt daher eine unverzichtbare Informationsquelle und Pflichtlektüre für interessierte Programmierer dar. Dabei ist aber zu beachten, dass das Studium des sehr akademisch und technisch aufgemachten Magazins für den normalen, unbedarften Computerschachfreund etwas schwierig nachzuvollziehen sein dürfte und daher leicht zu einem unerwünschten, traumatischen Erlebnis ausarten könnte ...
 
Hauptsponsor der Veranstaltung war das Heinz-Nixdorf-Forum in Paderborn, wo die Veranstaltung in mustergültig durchgeführt wurde. Jedem Teilnehmer, der keine eigene Hardware zum Turnier mitbringen konnte, wurde ein erstklassig ausgestatteter Rechner mit eigenem Internetzugang und einem hervorragenden LCD-Bildschirm zur Verfügung gestellt.
 
Im Foyer des Austragungsortes standen übrigens für die Besucher des Hauses eine ganze Reihe von Rechnern mit Internetzugang und vorinstallierten Spielen zur Verfügung. Der Turniersaal war an Großzügigkeit kaum noch zu überbieten und bot den Teilnehmern als auch den zahlreichen Zuschauern ideale Rahmenbedingungen.
 
Ich selbst bediente, wie bereits in Paris 97 und Paderborn 95, während des Turniers die aktuellste Version von MChess Pro. Naturgemäß betrachtet man als aktiver Teilnehmer die Ereignisse aus einer völlig anderen Perspektive als ein unbeteiligter Beobachter. Erstmals musste ich mit MChess Pro bei einem wichtigen Turnier gleich drei Niederlagen in Folge wegstecken. Da man die Aktivitäten des betreuten elektronischen Schützlings ohne eine Möglichkeit zum Eingreifen nur hilflos verfolgen kann, lagen die Nerven beim Verfasser dieser Zeilen zwischenzeitlich etwas blank. Erst nachdem Kollege und Freund Detlef Pordzik zum Turnier eintraf, konnte sich MChess Pro wieder dazu entschließen, seine Partien nicht zu verlieren, bzw. zu gewinnen.
 
 
Die Teilnehmer
Die Offene Weltmeisterschaft in Paderborn zeichnete sich im Unterschied zu den vergangenen ICCA-Veranstaltungen dadurch aus, dass fast alle bekannten Top-Programme am Start waren. Für die Interpretation der Abschlusstabelle ein nicht ganz unwichtiger Aspekt. Subjektiv habe ich nur 2 Telnehmer schmerzlich vermisst:
 
Der zehnfache Weltmeister Chess Genius von Richard Lang war auch bei diesem Turnier leider nicht anwesend. Wie mir Richard mitteilte, war die für den Herbst anstehende 32Bit-Fassung seines mehrfachen WM-Programms noch mitten in der Entwicklungsphase und für einen harten Praxistest wie eine WM noch nicht ausgereift.
 
Nachdem der ChessMaster 6000 auf Anhieb einen überragenden Einstand in der aktuellen SSDF-Liste hatte, hätte man gerne die aktuelle Fassung des De Konig-Programms unter den Teilnehmern gesehen. Leider Fehlanzeige! Bezeichnenderweise schien es aber nicht an dem Autoren zu liegen. Programmautor Johan de Koning war während des Turniers als Zuschauer präsent und spielte in den Pausen eifrig Blitzpartien gegen das holländische Mac-Programm Arthur. Gerüchten zu Folge gab es eine relativ einfache Erklärung für die Nichtteilnahme des superstarken CM 6000: angeblich hatte der Distributor Mindscape die Teilnahme des Programms untersagt, um einem eventuellen Misserfolg vorab aus dem Weg zu gehen.
 
Dafür war nach langer Abstinenz wieder einer der Macher der ersten Stunde dabei: Ed Schröder war zum ersten Mal seit 1992 wieder bei einem offiziellen WM-Turnier dabei! Das Rebel-Programm war in den letzten Jahren das erfolgreichste Schachprogramm im Spiel gegen Menschen. Ed war nach Paderborn gekommen, um den zahlreichen Kritikern zu beweisen, dass Rebel auch in reinen Computerturnieren eine Extraklasse repräsentiert.
 
Ansonsten war von Seiten der Programme eigentlich alles dabei, was Rang und Namen hatte. Neben etablierten kommerziellen Vertretern wie z.B. Fritz, Nimzo, MChess, Hiarcs, Shredder, Junior usw. gab es noch zahlreiche Programme, die sich alle noch Hoffnungen auf den Titel machen konnten. Zum engeren Favoritenkreis musste man auch noch die ChessBase-Vertreter Nimzo und Hiarcs 7.32 zählen. Insbesondere Programme wie Zugzwang, PConners oder Cilkchess, die eher im Verborgenen an einer Universität entwickelt werden und auf teilweise schwindelerregender Hardware (Zugzwang z.B. auf einer CRAY T3E mit 512 (!) parallel geschalteten Prozessoren) abliefen, waren im Vorfeld natürlich sehr schwierig einzuschätzen.
 
Insgesamt also ein sehr stark besetztes Turnier, so dass im Vorfeld die Festlegung auf einen Favoriten sehr schwierig war. Am Abend vor Turnierbeginn gab es dann eine Besprechung für die Teilnehmer, wo von Turnierleiter Prof. Jaap van den Herik unter anderem die Regeln und der weitere organisatorische Ablauf erläutert wurde. Die Bedenkzeit betrug für die ersten 40 Züge einer Partie 120 Minuten, die nächsten 30 Züge waren in 60 Minuten zu absolvieren und für den Rest der Partie blieben nach Absolvierung der vorgenannten Bedenkzeiten noch 30 Minuten übrig. Eventuelle Remisangebote und Partieaufgaben durften nur nach Rücksprache mit Turnierleiter und Schiedsrichter Jaap van den Herik vorgenommen werden.
 
Anlässlich der Besprechung wurde von Seiten der ICCA eine diskussionswürdige, meiner Ansicht nach sehr befremdliche Einteilung der teilnehmenden Programme in zwei Gruppen bzw. Ranglisten vorgenommen. Einmal wurde eine sogenannte Top-Gruppe mit den angeblich "stärkeren" Programmen erstellt; der Rest der Teilnehmer musste sich mit der Einteilung in eine von den Teilnehmern salopp bezeichnete "Patzergruppe" abfinden. Insbesondere über die Rangfolge, wer denn bitte schön in die Top-Gruppe gehört, war ich einigermaßen verblüfft. So rutschte z.B. der späterer Sieger, Shredder von Stefan Meyer-Kahlen, gerade noch in diese Gruppe hinein, obwohl das Programm des jungen Dortmunder Informatikers bereits 1996 einmal Mikro-Weltmeister der ICCA (!) war und in Paris 1997 immerhin den 3.Platz bei der damaligen WM belegen konnte.
 
 
Die Materialschlacht
Im Unterschied zu den 1995 in Paderborn und 1997 in Paris ausgetragenen Mikro-Computerweltmeisterschaften gibt es bei den Offenen Weltmeisterschaften einen entscheidenden Unterschied: im Prinzip darf alles mitspielen, was irgendwie Schachspielen kann und kein Mensch ist. Was also bei den Mikro-Weltmeisterschaften zu Recht kritisiert wird - nämlich stark unterschiedliche Hardware für die teilnehmenden Programme - ist bei einer Offenen Computer-WM normal und damit völlig legitim.
 
Jeder Teilnehmer konnte also auf Wunsch eine beliebige Hardware mitbringen und benutzen. Alle 30 Teilnehmer konnten bereits am Sonntag, einen Tag vor dem Turnierbeginn, ihre Hard- und Softwarekombination abstimmen. Wer keinen eigenen Rechner mitbringen konnte, dem wurde von dem Ausrichter ein gut ausgestatteter Pentium II/450 MHz zur Verfügung gestellt.
 
Die Profis unter den Teilnehmern gaben sich naturgemäß damit nicht zufrieden und brachten eigene Hardware mit. So startete z.B. Ed Schröder mit seinem Rebel auf einem mit 600 MHz hochgetakteten AMD-K6/2, der mit Hilfe eines ausgeklügelten Kühlsystems seine Dienste einwandfrei und störungsfrei verrichtete. Von den bekannten kommerziellen Vertretern liefen die beiden ChessBase-Programme Fritz und Junior auf einer besonders kostspieligen Hardware: einem Highend Primergy Server mit vier parallelen XEON-Prozessoren. Kostenpunkt für die Turniermaschine: um die 100.000.- DM!
 
Zumindest im Fall des Titelverteidigers Fritz (das Programm gewann seinerzeit die letzte Offene WM in Hongkong 1995) gab es wohl noch einige Probleme hinsichtlich der Parallelisierung und Anpassung des Programms an die exklusive Hardware. Im Schnitt bewertete der bekannte Schnellrechner um die 800.000 - 900.000 Stellungen pro Sekunde, was in Anbetracht der Performance des Programms auf einem handelsüblichen Standard-PC keine beeindruckende Performance darstellt.
 
Auch der amtierende Mikro-WM von 1997, das Programm Junior von Amir Ban und Shay Bushinsky, hatte gewaltig aufgerüstet und konnte auf die Dienste eines Primergy zurückgreifen. Im Unterschied zu dem Programm von Frans Morsch beeindruckte das Programm mit einem gewaltigen, der exklusiven Hardware entsprechenden Zuwachs bei der Performance (teilweise über 1.000.000 nodes/second). Den besonderen Stellenwert der Veranstaltung für das israelische Team dokumentierte sich auch noch an einer anderen Tatsache: als einzigstes Team hatte man gleich noch den israelischen Großmeister Boris Alterman "im Gepäck", der ganz offensichtlich für die Analyse und schachliche Beratung im Junior-Team zuständig war.
 
Der Weltmeister von 1996, Stefan Meyer-Kahlen, ist ganz offensichtlich ein sehr pragmatischer Zeitgenosse. Vor dem Turnier diskutierten wir, welche Hardware er bei der Veranstaltung denn einsetzen solle. Immerhin gibt es Shredder sowohl in einer Version für einen Single-Prozessor als auch für ein Multi-Prozessor-System. Nach eingehender Diskussion kamen wir beide zur der Ansicht, dass für ein stark wissensbasiertes Schachprogramm wie Shredder nicht alleine nur superschnelle Hardware ausschlaggebend ist. Da bei dem Turnier neben dem Titel des "Absoluten Weltmeisters" noch der für kommerzielle Programmierer ebenfalls sehr wichtige Titel des "Mikroweltmeisters" vergeben wurde, stand die Entscheidung sehr schnell fest. Warum nicht eine Option auf beide Titel offen halten? Im Unterschied zu den anderen Favoriten Fritz oder Junior startete Stefan Meyer-Kahlen mit einer Maschine, die keineswegs exotisch und damit auch für den Normalverbraucher durchaus erschwinglich ist: Pentium III/550 MHz, 512 KByte Cache, Asus Board P2B-S, 1024 MByte (1GB!) SDRAM Hauptspeicher, usw. sind durchaus keine exotischen Komponenten.
 
Wie sich hinterher herausstellte und wieder einmal bestätigte, kommt es im Computerschach eben nicht nur auf superschnelle Hardware, sondern auch auf ein ausgezeichnetes Programm an. Dass Shredder als einzigstes Programm dieses schwere Turnier ohne Niederlage überstehen konnte, spricht wohl eindeutig für die Qualitäten dieses Spitzenprogramms. Eines der stärksten Programme bei den Turnieren der ICCA in den letzten Jahren war das amerikanische Programm Ferret von Bruce Moreland. Seit Paderborn 1995 konnte Bruce immer wieder ausgezeichnete Resultate erreichen. Diesmal spielte Ferret ebenfalls auf einer Parallelmaschine mit vier Xeon-Prozessoren. Wie bereits erwähnt, klotzten vor allem die an Universitäten entwickelten Programme bei der Hardware-Power richtig ran. Neben dem bereits erwähnten Zugzwang galt im Vorfeld noch das Programm P.ConNers mit 60 parallel geschalteten Pentium II Prozessoren als Geheimtipp.
 
Bleibt letztendlich noch die Frage zu klären, welche Folgerungen man nun als Normalanwender aus dieser Materialschlacht ziehen soll? Für mich war es vor allem faszinierend, die aktuellen Programme am oberen Limit des technisch machbaren agieren zu sehen. Natürlich wird sich der Normalanwender keinen Primergy ins Arbeitszimmer stellen können; faszinierend waren diese Kombinationen von Soft- und Hardware aber allemal. Ein Trend zeichnete sich bereits in Paderborn ganz deutlich ab. Die Multi-Prozessor-Systeme werden in Zukunft erschwinglicher werden und eine immer wichtigere Rolle spielen. Für das Computerschach ergeben sich bei entsprechend optimal angepassten Parallelalgorithmen und Optimierung völlig neue Perspektiven. Ich bin sicher, dass bei der nächsten Offenen WM kaum noch ein Single-Prozessor-Programm an den Start gehen wird.
 
Andererseits demonstrierte der souveräne Sieg von Shredder ohne eine einzige Niederlage eine von mir immer wieder vertretene These: es kommt eben nicht nur auf hohe Rechengeschwindigkeit und schnelle Programmausführung an! Nachdem es einige Zeit so aussah, als würden die Vertreter der "Schnellrechnerfraktion" die Oberhand im Computerschach gewinnen, demonstrierte Shredder nachhaltig, dass man auch auf einer für den Endverbraucher erschwinglichen Maschine mit einem wissensbasierten Programm in einem solch starken Turnier bestehen und erstklassige Leistungen erbringen kann.
 
 
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