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Diagramm 18-2006
 
Diagramm 18 – 2006
Hier wurde eine »Schachmaschine« demontiert. Wie zerlegte Weiß am Zuge die misslungene schwarze Partieanlage?
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Chess Classics Mainz 2001 - das Debüt von Pocket Fritz
Turnierbericht von Peter Schreiner - August 2001
 
Die Chess Classics in Mainz boten den zahlreichen Zuschauern eine Vielzahl von hochinteressanten Aktivitäten, darunter auch das Debüt des Pocket Fritz vom vierfachen Computerschachweltmeister Stefan Meyer-Kahlen gegen die Weltklassespieler Michael Adams und Peter Leko. Das Programm lief dabei auf dem zur Zeit schnellsten verfügbaren Pocket PC, dem mit 206 MHz getakteten IPAQ von der Firma Compaq. In den letzten Jahren mussten sich die Großmeister bei den Chess Classics immer mit Maschinen auseinandersetzen, die das Nonplusultra des technisch Machbaren repräsentierten. Im vergangenen Jahr spielte z.B. eine Parallelversion von Fritz auf einem Primegy Server, der im Vergleich zu der Hardware eines Pocket PC ca. 50 - 60 mal schneller läuft als der Winzling der Firma Compaq.
 
Um so spannender war für alle Beteiligten und die Zuschauer die Frage, ob und wie sich das Programm von Stefan Meyer-Kahlen auf der deutlich langsameren Hardware eines Pocket PC gegen solche Topleute behaupten kann. Im Vorfeld habe ich Stefan Meyer-Kahlen gefragt, wie er die Chancen seines Pocket Fritz gegen absolute Weltklassespieler beurteilt. Der sympathische Düsseldorfer sah die Angelegenheit realistisch.
 
Nach seiner Einschätzung agiert sein Programm auf dem Pocket PC (die Performance entspricht in etwa einem Pentium mit 75 MHz) etwa mit 2350-2400 Elo, was für 99% aller Schachspieler absolut ausreichend ist. Die statistische Erfolgsaussicht gegen Spieler mit einer Elo von über 2700 Punkten war seiner Meinung nach eindeutig. Sein Hauptziel war es, zwecks besserer Chancen Stellungen mit taktischen Verwicklungen auf das Brett zu bekommen und möglichst spannende Partien zu sehen.
 
 
Die Matches
Am Samstag, dem 30.Juni, war es dann soweit. Das Interesse der Zuschauer an dem Duell Mensch-Maschine war offensichtlich sehr groß, denn die große Turnierhalle war trotz des wunderschönen Sommerwetters sehr gut besucht. Einer der Gründe für diese sehr positive Resonanz liegt an den professionellen Rahmenbedingungen des Turniers. Den Zuschauer wurden während der laufenden Partien über Kopfhörer von bewährten Kommentatoren wie GM Dr. Pfleger, GM Jussupow oder GM Hort die Feinheiten der Partien erläutert, der Turniersaal war voll klimatisiert und das großzügig bemessene Foyer mit Ausblick auf den Rhein lud zu Fachsimpeleien mit anderen Besuchern ein. Jeder der schon einmal mit der Organisation eines solches Turniers zu tun hatte, weiß, mit welchem Arbeitsaufwand das verbunden ist. An dieser Stelle möchte ich es nicht versäumen, dem "Macher" und "Vater" der Chess Classics, Hans-Walter Schmitt, ein Kompliment für dieses durchgehend perfekt organisierte Turnier zu machen.
 
Nach einigen Diskussionen im Vorfeld über die Bedenkzeiten musste Stefan Freitagnacht noch eine "Sonderschicht" einlegen. Ursprünglich sollte mit 25 Minuten Bedenkzeit pro Seite gespielt werden. Nachdem das Management der GMs gegen dieses Level intervenierte, wurde die Bedenkzeit neu festgelegt: Fischer-Uhr mit 20 Minuten pro Partie + einem Bonus von 10 Sekunden pro Zug. Zum Glück hatte Stefan Meyer-Kahlen seine Entwicklungsumgebung dabei und programmierte nachts um 1:00 Uhr noch schnell ein neues Feature des Pocket Fritz, nämlich die Fischer-Uhr!
 
Am Samstag ging es dann endlich los und Pocket Fritz musste in der ersten Partie gegen GM Michael Adams antreten, der in beiden Partien eine virtuose Beherrschung des Anti-Computerschachs demonstrierte:
 
Adams,M - Pocket Fritz, Chess Classics 30.06.2001 - Partie 1
1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lc4! Die klassische Methode gegen einen Computer. Keinesfalls die Stellung öffnen, stattdessen lavieren. 3...e6 4.d3 Sf6 5.0-0 a6 6.Lb3 Le7 7.Te1 Sc6 8.c3 0-0 9.Sbd2 Ld7 Die Stellung nach der Eröffnung kommt einem Menschen entgegen. Die Stellung ist relativ geschlossen und es geht hier vor allem um langfristige Strategien. Taktische Wendungen, in denen der Computer seine Stärken ausspielen kann, werden von Adams in beiden Partien konsequent vermieden. 10.Sf1 Db6? 11.Tb1 Sa5 12.Lc2 Tad8 13.Lg5 h6 14.Lh4 Sc6 Die letzten Züge des Rechners zeigen deutlich, dass das Programm mit der Stellung wenig anzufangen weiß. 15.Se3 Dc7 16.Tc1 b5 17.Lb1 a5 17...Lc8 Shredder 5.32 18.d4 Db6?? Der schlechte Zug ist einfach das Resultat mangelnder Rechentiefe. Auf einem "großen" PC hätte der große Bruder besser Tfe8 gespielt. 19.e5! dxe5 20.dxe5 Sd5? Nach 20...Se8 21.Dc2 g6 steht Schwarz auch schlecht, aber es kann zumindest noch einige Züge länger mitspielen. 21.Sxd5 exd5 22.Dc2 g6 23.e6 Lxh4 24.Sxh4 Lxe6 25.Txe6 1-0
 
Pocket Fritz - Adams,M, Chess Classics 30.06.2001 - Partie 3
1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 b6 5.Dg4 Lf8 6.Lg5 Dd7 7.Sf3 c6 8.Le2 La6 9.0-0 h6 10.Lh4 Se7 11.Lxa6 Sxa6 12.Lxe7 Dxe7 13.Se2 h5 14.Dg3 g6 15.c3 Lh6 16.Sf4 c5 17.Tad1 cxd4 18.cxd4 0-0-0 19.a3 Kb7 20.b4 Sc7 21.Ta1 Tc8 22.Tfe1 Se8 23.b5 Sg7 24.Sd3 Sf5 25.Dh3 Tc3 26.Ted1 a5 27.bxa6+ Ka7 28.a4 Thc8 29.Kh1 T8c4 30.Sb2 Tb4 31.Sd3 Tbb3 32.Sde1 Dc7 33.Kg1 Dc4 34.a5 b5 35.g4 hxg4 36.Dxg4 De2 37.Dg2 Txf3 38.Sxf3 Dxf3 0-1
 
Auch GM Leko verfügt über viel Erfahrung im Spiel gegen Computer. Im letzten Jahr besiegte er Fritz auf dem Primegy Server in einer vielbeachteten Partie. In der zweiten Matchpartie schaffte der Rechenwinzling die Sensation und konnte gegen den Weltklassemann ein Remis erreichen.
 
Leko,P - Pocket Fritz, Chess Classics 30.06.2001 - Partie 4
1.e4 c6 2.Sc3 d5 3.d3 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.De2 e6 6.Sf3 Sgf6 7.g3 Sxe4 8.dxe4 Lb4+ 9.c3 Le7 10.Lf4 0-0 11.Lg2 f6 12.e5 fxe5 13.Sxe5 Sxe5 14.Lxe5 Da5 15.0-0 Ld7 16.b4 Db6 17.Tad1 Tad8 18.Le4 Lf6? Zu dieser Stellung gab es eine lustige Anekdote aus der Kommentatorenkabine. Der ChessBase-Erfinder Matthias Wüllenweber stand mit seinem Pocket Fritz als Co-Kommentator während der Computermatches zur Verfügung. Nach dem letzten Zug des Computers fragte Wüllenweber verwundert: "Was ist denn das für ein Zug"? Der staubtrockene Kommentar von Dr. Pfleger: "Häufig wissen die Väter nicht, was ihre Kinder tun ..." 19.Dh5 h6 20.Lxf6 Txf6 21.Txd7 1-0
 
Nach Angaben der Veranstalter war es nicht das Duell der beiden Weltmeister Anand - Kramnik, das im Internet die größte Resonanz hervorrief, sondern die Matchpartien von Pocket Fritz! Wieder einmal ein typisches Beispiel dafür, dass das Interesse der Öffentlichkeit an Schach besonders groß ist, wenn einer der Protagonisten ein elektronischer Schachspieler ist. Wie ist das Ergebnis von Pocket Fritz nun zu bewerten? Der mehrfache Computerschachweltmeister Stefan Meyer-Kahlen konnte mit dem Ergebnis sehr gut leben:
"Mit dem Remis bin ich hochzufrieden. Beide Gegner spielten erwartet stark. Für mich war es natürlich am Brett nicht so erfreulich, die Angriffe dieser Weltklassespieler gegen mein Programm hautnah mitzuerleben. Insbesondere die beiden Partien von GM Adams haben mich beeindruckt, weil er dem Computer schon vom Ansatz her keinerlei Chance gegeben hat, seine Stärken auszuspielen."
 
Die beiden Großmeister waren naturgemäß mit ihrem Ergebnis sehr zufrieden. GM Leko wies darauf hin, dass der Rechenwinzling schon optisch gegenüber dem riesigen Server vom Vorjahr weniger bedrohlich wirkt und vor allem weniger Lärm verursacht. Seiner Meinung nach bietet der Minirechner Zuschauern von hochklassigen Schachturnieren einen nicht zu unterschätzenden Vorteil, da man die laufenden Partien direkt im Turniersaal im Analysemodus nachspielen und dabei vor allem taktische Möglichkeiten auf Anhieb besser nachvollziehen kann. GM Adams empfand die Partien gegen Pocket Fritz ebenfalls angenehmer als im Vorjahr gegen den Primegy Server, da die Antwortzüge nicht so rasch ausgespielt wurden und deshalb dem Spieler mehr Zeit zum Nachdenken bleibt.
 
Aus meiner Sicht hat sich das Programm wacker geschlagen. Man muss sich eben darüber bewusst sein, dass das Programm auf einem Handheld-Rechner der aktuellen Generation ca. 2400 Elopunkte erreicht und gegen zwei absolute Weltklassespieler mit deutlich über 2700 Elo antreten musste. Insofern ist ein Remis schon ein sehr beachtliches Ergebnis, zumal im letzten Jahr Fritz gegen diese beiden Spieler auf dem ca. 60fach schnelleren Fünf-Zentner-Server kein besseres Resultat erreichte. Ein Vergleich soll verdeutlichen, worum es geht. Hätte der auf Shredder basierende Pocket Fritz auf einem PC mit Top-Hardware gespielt, erreicht das Programm die meisten der in den Partien erreichten Rechentiefen bereits nach 1 Sekunde.
 
Man braucht sich also nur einmal vorzustellen, dass Shredder auf einem PC mit durchschnittlich 1-2 Sekunden Bedenkzeit pro Zug gespielt hätte, das relativiert vieles. Autor Stefan Meyer-Kahlen ist übrigens fest davon überzeugt, dass Weltklassespieler zukünftig in Anbetracht der rasanten Entwicklung bei den Handhelds mächtig in Schwitzen kommen werden. Das ist sicher richtig, mit einer Elozahl von ca. 2400 Punkten und direktem Zugriff auf eine Onlinedatenbank mit ca. 1,7 Millionen Partien dürfte Pocket Fritz aber schon jetzt über genügend Potential verfügen, um 99% aller aktiven Schachspieler in Grund und Boden zu spielen.
 
 
Der Analysehelfer
Während meines Aufenthaltes habe ich natürlich die Gelegenheit genutzt, Pocket Fritz als Ratgeber während der laufenden Partien des Matches Anand - Kramnik zu "befragen." Als Zuschauer ist man häufig bei Partien auf diesem Niveau etwas hilflos. Warum hat er jetzt den Bauern nicht genommen? Wieso ging der Abtausch auf b7 nicht? Diese Fragen sind jedem Besucher von Top-Turniere vertraut. Mit meinem Pocket Fritz fühle ich mich jetzt viel sicherer. Einfach die Partie im Analysemodus eingeben und schon habe ich einen qualifizierten Berater, der mir zumindest in taktisch geprägten Spielsituationen deutlich klarmacht, worum es geht.
 
Anand,V - Kramnik,V
Mainz 2001, Partie 3
Anand hatte zuletzt 25.gxf4 gezogen und war sichtlich mit seiner Stellung zufrieden. Mein Pocket Fritz sah das ganz anders und zeigte bereits nach wenigen Sekunden den von Kramnik gespielten Konterzug 25...g3! mit deutlichem Vorteil für Schwarz an. Nach 26.Sf1 [26.fxg3 Lc5+ mit Angriff auf den Turm d8] 26...gxf2+ 27.Kh2 Lxc4 0-1
 
Anand,V - Kramnik,V
Mainz 2001, Partie 7
Anand hatte eine scharfe Variante im Sizilianer gewählt und zog 17.0-0? Nach 17...Sce5! 18.fxe5 Sxe5 19.Dg3 Sxd3 20.cxd3 Txb3 hat Schwarz einen Mehrbauern bei deutlich besserer Stellung. Pocket Fritz zeigte während der Partie unmittelbar den starken Zug 17...Sce5 mit hoher Bewertung für Schwarz und die darauf folgende Partievariante an.
 
 
Fazit
Pocket Fritz stellt für die Szene auf jeden Fall eine Bereicherung dar. In Mainz war das Interesse der aktiven Schachspieler und Zuschauer für das neue Programm von Stefan Meyer-Kahlen riesengroß. Während des Turniers wurde häufig darüber diskutiert, ob und wie das Produkt Pocket Fritz die zukünftige Entwicklung im Turnierschach beeinflussen wird. Noch zu frisch sind die Ereignisse vor zweieinhalb Jahren, als der Amateur Alwermann bei einem Open in Böblingen dank modernster Technik (Übertragungseinheit mit Kopfhörer und Fritz als "stillem Helfer") das Turnier gewann.
 
Immerhin passt der rund 170 g "schwere" Pocket Fritz in jede Hosentasche und der mögliche Zugriff auf die Onlinedatenbank zwecks besserer Einschätzung der Theorieaussichten dürfte die Selbstdisziplin mancher erfolgsorientierten Zeitgenossen auf eine schwere Probe stellen. Höchst wahrscheinlich können dagegen nur drakonische Maßnahmen helfen, wie z.B. ein nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag von Matthias Wüllenweber: "Den Leuten einfach die Handhelds vor dem Spielsaal abnehmen. Falls danach noch einer gefunden wird, wird der ersatzlos eingezogen ..."
 
Noch mag man darüber schmunzeln, ich bin aber davon überzeugt, dass uns dieses Thema noch häufiger beschäftigen wird. Meine Anregung für findige Entwickler und Geschäftsleute: wie wäre es mit einem "Pocket-Detektor"? Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass in Anbetracht der konzeptionellen Vorzüge des Pocket Fritz eine echte Nachfrage für solch ein neuartiges "Tool" aufkommen dürfte ...
 
Peter Schreiner
 
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