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Diagramm 19-2006
 
Diagramm 19 – 2006
Die schwarzen Figuren stehen äußerst aktiv. Nun gilt es loszuschlagen. Haben Sie eine Idee, wie Schwarz seinen Gegner zur Aufgabe zwang?
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Die Mikro-WM 2001 in Maastricht - Teil 3
Turnierbericht von Peter Schreiner - Oktober 2001
 
 
Der Kampf um den Single-Titel
Die für diesen Titel entscheidende Partie wurde in der achten Runde ausgetragen. Shredder musste mit Weiß gegen den direkten Hauptkonkurrenten Chess Tiger antreten. Für Stefan Meyer-Kahlen stellte sich dabei das Problem, dass die Eröffnungsbibliothek von Chess Tiger wie die von Rebel von dem ausgebufften Jeroen Noomen stammt, während er mit Shredder in den meisten Partien mit großen Buchproblemen zu kämpfen hatte. Bereits in der Runde zuvor konnte sich Stefan in der Partie gegen Rebel von den Qualitäten der Noomen-Bücher überzeugen. Nach 16 Zügen hatte er mit Weiß ohne Kompensation einen Bauern weniger. Zum Glück für Shredder war Rebel nicht in der Lage, den Mehrbauern zu verwerten, man war aber gewarnt.
 
In dieser kritischen Phase traf Stefan Meyer-Kahlen eine vernünftige Entscheidung. Shredders Stärke liegt eindeutig im Positionsspiel. Das Hauptziel bestand also vor allem darin, den forcierten Varianten von Jeroen Noomen auszuweichen und eine Stellung anzustreben, die der Spielweise von Shredder optimal liegt. Dieses Ziel wurde in der Partie gegen den von der Schachcomputerlegende Jan Louwman bedienten Chess Tiger erreicht. Nachdem Shredder den Gegner im Endspiel am Damenflügel mit einem entfernten Freibauern beschäftigte, konnte er in aller Ruhe die schwarzen Bauern am Königsflügel abräumen.
 
Shredder - Chess Tiger 23.08.2001
1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.e3
Aus der Sicht von Weiß handelt es sich um eine wenig ambitionierte Fortsetzung. Der Vorzug dieses Systems besteht vor allem darin, dass keine forcierten Variante entstehen und positionell geprägte Strukturen erreicht werden.
3...Lf5 4.Ld3 Lxd3 5.Dxd3 Sbd7 6.0-0 e6 7.Sc3
Strebt sofort den Zentrumsvorstoß e4 an.
7...c5 8.e4 cxd4 9.Sxd4 dxe4 10.Sxe4 Le7 11.Le3 0-0 12.Tad1 Da5 13.Sxf6+ Sxf6 14.Db3
Die Stellung ist ausgeglichen. Schwarz kann problemlos seine Entwicklung abschließen.
14...Sd5 15.Dxb7!?
Im Computerschach wird das Schlagen mit der Dame auf b7, bzw. b2, immer mit einer gehörigen Portion Skepsis betrachtet.
15...Tab8 16.Dd7 Tfd8 17.Sc6 Txd7 18.Sxa5 Txb2 19.c4 Sf6 20.Sc6 Lf8 21.Txd7 Sxd7
Zeit für ein erstes Fazit. Die Stellungsstruktur ist immer noch ausgeglichen. Schwarz hat aber die etwas solidere Bauernstruktur.
22.Ta1 Lc5 23.Sxa7 Lxe3 24.fxe3 Se5 25.a4
Weiß hat nach der Abwicklung einen entfernten Freibauern und damit ein klares Ziel.
25...h5?
25...Sxc4 26.Tc1 Tb4 27.a5 f5 28.Sc6 Ta4 29.a6 Sxe3 30.a7 Kf7
26.a5 h4 27.h3 Sxc4 28.a6 Sb6 29.Sc6 Kh7 30.a7 Sa8 31.Sd8 Kg6 32.Ta4 e5 33.Txh4 Ta2 34.Sc6 Ta6 35.Sxe5+ Kg5 36.Tg4+ Kf6 37.Sd7+ Ke7 38.Sb8 Ta1+ 39.Kh2 Kd6 40.Td4+ Kc7 41.Td7+ Kb6 42.Txf7 Txa7 43.Sd7+ Kc6 44.Se5+ Kb6 45.Sc4+ Ka6 46.Txa7+ Kxa7 47.h4 Kb8 48.Sd6 g6 49.Sf7 1-0
 
Mit diesem Sieg schloss Shredder punktgleich zu Chess Tiger auf und die Titelentscheidung für das beste Single-Programm musste in der letzten Runde fallen. Amir Ban konnte es dagegen mit seinem Deep Junior in der letzten Partie recht gelassen angehen, weil er bereits seit der Runde zuvor als Gesamtsieger feststand und den WM-Titel für das beste Dual-Programm in der Tasche hatte. Sowohl Shredder als auch Chess Tiger hatten in der letzten Runde je fünf Punkte und vermeintlich "leichte" Gegner. Gegen den Amateurweltmeister des Jahres 2000, PARSOS von Rudolf Huber, leistete sich Chess Tiger einen bösen Schnitzer und ging chancenlos unter.
 
Chess Tiger - ParSOS 23.08.2001
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 d6 8.c3 0-0 9.h3 Sa5 10.Lc2 Lb7 11.b4 Sc4 12.a4 d5 13.exd5 e4 14.Sg5 Dxd5 15.Sxe4 Sd6 16.f3 Sfxe4 17.fxe4 Dg5 18.d3 Dg6 19.Dd2 f5 20.Lb3+ Kh8 21.Ld5 Lh4 22.Lxb7??
Weiß gibt schlichtweg die Qualität ohne jegliche Kompensation weg. In der Folge lässt PARSOS nichts mehr anbrennen und der Rest der Partie ist leicht verständlich.
22...Lxe1 23.Dxe1 Sxb7 24.axb5 axb5 25.Txa8 Txa8 26.Sd2 Dd6 27.exf5 Dxd3 28.De5 Sd6 29.f6 Kg8 30.Kh2 Df5 31.Dxf5 Sxf5 32.Se4 Te8 33.Sg3 Sxg3 34.Kxg3 Te2 35.Lf4 gxf6 36.Lxc7 Te3+ 37.Kf2 Txc3 38.Lb6 Kf7 39.Lc5 Ke6 40.Lf8 f5 41.Ke2 f4 42.Kf2 Kf5 43.Lg7 Tb3 44.Lf8 Ke4 45.Ld6 Kd5 46.Lf8 Kc4 47.Ld6 Txb4 0-1
 
Damit war der Weg zum Singletitel für Shredder frei. Es galt aber zuerst einmal, gegen das spanische Amateurprogramm Ruy Lopez mit Schwarz den vollen Punkt einzufahren. Diese Aufgabe bewältigte Shredder in gewohnt souveräner Manier.
 
Ruy Lopez - Shredder 23.08.2001
1.d4 Sf6 2.Sf3 e6 3.e3 c5 4.c4 d5 5.Sc3 Sc6 6.a3 cxd4 7.exd4 Le7 8.c5 Se4 9.Dc2 Sg5 10.Sxg5 Lxg5 11.Lb5 0-0 12.Lxc6 bxc6 13.Lxg5 Dxg5 14.0-0 e5 15.dxe5 Dxe5 16.Tfe1 Dg5 17.b4 Lg4 18.Dd3 Lf5 19.De2 Df6 20.Dd2 Tfe8 21.Tad1 d4 22.Se2 d3 23.Sg3 Lg6 24.h3 h6 25.f4 Txe1+ 26.Txe1 Td8 27.Kh2 Dd4 28.f5 Lh7 29.Te7 a5 30.Te4 Dd5 31.Tf4 axb4 32.axb4 f6 33.Tf3 Kh8 34.Kh1 Dc4 35.Kg1 Lg8 36.Sh5 Da2 37.Tf2 Da1+ 38.Tf1 Dd4+ 39.Kh2 De5+ 40.Sg3 Lb3 41.Tf3 Lc2 42.Kg1 Kh7 43.Kh1 Td4 44.Sf1 Db8 45.De1 Txb4 46.Sd2 Tb5 47.De7 Ta5 48.Tf1 De5 49.De6 Txc5 50.Df7 Ta5 51.Sc4 De2 52.Dg6+ Kh8 53.Tf3 Ta7 54.Te3 Te7 55.Txe7 Dxe7 56.Sd2 De1+ 57.Kh2 Kg8 58.Sf3 De3 59.Kh1 Lb3 60.Dg3 0-1
 
Damit hatte Stefan Meyer-Kahlen sein Ziel doch noch erreicht und konnte wieder einmal in einem ICCA-Turnier einen der heißbegehrten Titel einfahren.
 
 
Weitere Weltmeister
Bei dem Player Meeting wurde entschieden, dass der erfolgreichste Vertreter des boomenden Amateurschachs ebenfalls mit einem Weltmeistertitel belohnt werden sollte. Leider war im Unterschied zu den früheren WM-Turnieren die Teilnehmerzahl unter den Amateuren recht begrenzt. Die Titelaspiranten waren aus meiner Sicht das Programm ParSOS von Rudolf Huber, der Amateurweltmeister von London, Goliath von Michael Borgstädt und Gromit von den Autoren Frank Schneider und Kai Skibbe. Andere Amateure wie z.B. Spider Girl, Tao, Pharaon oder XiNix kamen für den Titel nicht ernsthaft in Frage.
 
Dafür glänzten einige Amateure mit teilweise völlig neuartigen Features, wie z.B. das holländische Programm Xinix, das anstatt einem graphischen Bewertungsprofil einen weithin erkennbaren Smily als Indikator für die Stellungsbewertung des Programms integriert hatte. Man konnte bereits aus großer Entfernung erkennen, wie es um das Programm stand. Zum Leidwesen des Autoren gab es nur selten die Gelegenheit für den Smily, mit einem freundlichen Lächeln eine positive Bewertung der Stellung anzuzeigen. Verdienter Sieger des Amateurtitels wurde das Duo Frank Schneider/Kai Skibbe aus Deutschland, die sich mit 5,5 Punkten noch vor bekannten Programmen wie Rebel, Chess Tiger oder Gandalf platzieren konnten.
 
Am spielfreien Dienstagnachmittag wurde zusätzlich noch die Blitz-Weltmeisterschaft ausgetragen. Bei dieser Disziplin wird einiges an Schwerarbeit von dem Bediener der Programme verlangt. Für jede Runde mussten die Rechner zu einem anderen Spieltisch getragen werden, was in Anbetracht der brütend heißen Temperaturen eine überaus schweißtreibende Arbeit war. Ein enorm wichtiger Faktor bei Blitzturnieren ist ein schneller Bediener, der die vom Züge ausgespielten Züge möglichst rasch auf das normale Schachbrett überträgt, um große Differenzen zwischen der internen Uhr des Rechners und der externen Schachuhr zu vermeiden.
 
Sieger wurde das Programm Goliath von Michael Borgstädt, das in diesem Turnier eindeutig den schnellsten Bediener hatte. Bediener Erdogan Günes hatte mit Sicherheit einen genauso großen Anteil an diesem Titel wie das von der Knotenzahl beeindruckend schnelle Programm von Michael Borgstädt. Vielleicht lag es aber auch an der gelungenen Aufwärmphase von Bediener Erdogan Günes, der sich vor dem offiziellen Blitzturnier gegen das von mir bediente Pocket Fritz einspielte. Eine kleine Sensation war die Tatsache, dass sogar Autor Michael Borgstädt persönlich in Maastricht präsent war.
 
Obwohl Goliath seit Jahren an diversen Turnieren teilgenommen hat, z.B. in Jakarta 1996 oder Paris 1997, hatte bisher niemand den Autor persönlich jemals gesehen oder gar kennengelernt. Teilweise wurde in der Szene sogar darüber spekuliert, ob die Person Borgstädt überhaupt eine real existierende Person oder ein Pseudonym ist. Fakt ist: spätestens seit Maastricht sind diese Spekulationen vorbei.
 
 
Der Endstand
               1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8
 1 Deep Junior * ½ 1 1 1   1 1   ½     1     1     8.0/9
 2 Quest       ½ * 1   0 ½ ½ ½ 1 1         1       6.0/9 30.50
 3 Shredder    0 0 *   1     ½ 1     ½     1 1 1   6.0/9 23.00
 4 Gromit      0     * 0 ½ 1       1 ½ 1       ½ 1 5.5/9
 5 Chess Tiger 0 1 0 1 * ½ ½ 1 1   0               5.0/9 26.50
 6 Goliath       ½   ½ ½ * 0 0 ½ 1 1         1     5.0/9 23.75
 7 Crafty      0 ½   0 ½ 1 * 1 ½     ½   1         5.0/9 23.50
 8 Rebel       0 ½ ½   0 1 0 *     1 1   1         5.0/9 23.50
 9 Ferret        0 0   0 ½ ½   * 1   1   1       1 5.0/9 18.00
10 Gandalf     ½ 0       0     0 *   1 1   ½ 1   1 5.0/9 17.00
11 ParSOS            0 1 0   0     *   1 ½ 1   1 ½ 5.0/9 16.50
12 Diep            ½ ½     ½ 0 0 0   *   1     ½ 1 4.0/9 13.50
13 Tao         0     0           0 0   * ½ ½ 1 1 1 4.0/9  9.25
14 IsiChess                0 0 0   ½ 0 ½ * ½ 1 1   3.5/9
15 Pharaon       0 0             ½ 0   ½ ½ * 0 ½ 1 3.0/9  8.00
16 Ruy Lopez   0   0     0       0     0 0 1 * 1 1 3.0/9  6.00
17 SpiderGirl      0 ½             0 ½ 0 0 ½ 0 * 1 2.5/9
18 XiNiX             0         0 0 ½ 0 0   0 0 0 * 0.5/9 
 
Fazit
Deep Junior hat das Turnier mit einer Überlegenheit gewonnen, die für die Konkurrenz deprimierend ist. Wer in solch einem starken Turnier nur zwei halbe Punkte abgibt, der kann eigentlich nicht viel falsch gemacht haben. IM Hans Böhm bezeichnete die Spielweise von Junior als "Kaffeehausschach auf hohem Niveau." Damit wurde er meiner Ansicht nach dem Programm von Amir Ban nicht gerecht. Die Stärken von Deep Junior liegen eindeutig in der Ausnutzung von aktiven Möglichkeiten, die das Programm auf Biegen und Brechen anstrebt. In passiven Stellungen verteidigt sich das Programm von Amir Ban äußerst zäh und mit seinen guten Endspielfähigkeiten ist es in der Summe dieser Eigenschaften ein beeindruckend starker Gegner. Wie alle Computerprogramme hat es natürlich noch einige positionelle Schwächen, die müssen aber erst einmal gegen Junior verwertet werden.
 
Titelverteidiger Shredder von Stefan Meyer-Kahlen war in diesem Turnier durch sein Eröffnungsbuch stark gehandicapt. Auch in einigen Gewinnpartien kam das Programm mit extrem negativen Bewertungen aus dem Buch. Es spricht für die Klasse des Programms, dass es sich trotzdem noch so gut behaupten und zum wiederholten Male einen WM-Titel einfahren konnte. Quest alias Deep Fritz spielte meiner Meinung nach das "rundeste" Schach, musste sich aber wieder einmal mit dem undankbaren zweiten Platz in einem WM-Turnier zufrieden geben. Ich persönlich bewundere den Sportsgeist von Frans Morsch, der sich trotz des anvisierten Matches gegen GM Kramnik die Zeit nahm und der Herausforderung stellte.
 
Für ChessBase war das Turnier ein totaler Triumph, schließlich sind die drei Erstplazierten des Turniers alle bei der Hamburger Firma unter Vertrag. Enttäuschend verlief das Turnier für die Profis Ed Schröder und Christophe Theron. Von Rebel habe ich den Eindruck, dass das Programm von Ed Schröder nicht nur beim Interface endgültig den Anschluss an die Spitze verloren hat. In seinen besten Tagen hätte Rebel einen soliden Mehrbauern wie in der Partie gegen Shredder konsequent verwertet. Bei Chess Tiger würde ich eher auf einen Ausreißer und etwas Turnierpech tippen, schließlich hat das Programm von Christophe Theron häufig genug bei anderen Gelegenheiten seine Klasse unter Beweis gestellt. Das Endergebnis zeigt aber auch, dass der Abstand zwischen den Amateuren und den Profis immer noch existent ist, daran können auch vereinzelte Siege von David gegen Goliath nichts ändern.
 
Der schönste Aspekt dieser Turniere ist neben der freundschaftlichen Atmosphäre die Tatsache, dass man die Autoren kennen lernen und im persönlichen Gespräch Erfahrungen austauschen oder neue Kontakte knüpfen kann. Turnierleiter Jaap van den Herik machte einen exzellenten Job und ich bewunderte immer wieder seine schier grenzenlose Geduld und Kooperationsbereitschaft. Kritisch ist die Organisation der ICCA zu bewerten. In Anbetracht der Bedeutung des WM-Titels ist es geradezu grotesk, dass es die ICCA bis heute nicht fertiggebracht hat, ein klares Reglement für die Durchführung ihrer Turniere auf die Beine zu stellen.
 
Ich selbst bin nach den langen Jahren sehr skeptisch, dass in dieser Hinsicht eine Besserung eintreten wird. Die Tatsache, dass die Zahl der Teilnehmer an den WMs kontinuierlich zurückgeht und viele bekannte Autoren nicht mehr melden, sollte den Verantwortlichen zu denken geben. Hoffnung gibt die Tatsache, dass Hauptsponsor CMG während des Turniers eine Befragung der Teilnehmer und Besucher durchgeführt und sich konkret nach Verbesserungsvorschlägen erkundigt hat. Neben einem eindeutigen Regelwerk sollte man vor allem nach Möglichkeiten suchen, den Amateuren den Zugang zu der WM in Form von finanzieller Unterstützung zu erleichtern.
 
Peter Schreiner
 
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