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Diagramm 23-2006
 
Diagramm 23 – 2006
Schwarz hat zwei Bauern geopfert und steht nun vor der Frage, ob er sich auf e5 wieder einen zurück holen soll. Was meinen Sie?
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Rochade-EuropaStefan Meyer-Kahlen
 
 
Die WM 2000 in London - Teil 3
Turnierbericht von Stefan Meyer-Kahlen - Oktober 2000
 
 
Gegen die "Amateure"
Nach meiner Einschätzung hatten nun eindeutig Fritz und Shredder die besten Karten, da sie gegen alle Profis schon gespielt hatten und "nur" noch gegen Amateure anzutreten hatten. Ich will nicht sagen, dass dies noch drei automatische Siege für beide bedeutet hätte. Ganz im Gegenteil, aus eigener Erfahrung weiß ich nur zu gut, wie stark manche Amateure sind, leicht war die Aufgabe also sicher nicht.
 
Auf der anderen Seite muss man diese Spiele aber in einem solch engen Feld einfach gewinnen, wenn man Weltmeister werden will. Man kann nun auch sicher über den Austragungsmodus, bei 14 Teilnehmern 9 Runden Schweizer System zu spielen, diskutieren, doch war dies meiner Meinung nach die beste Alternative. Bei geringerer Rundenzahl wäre das Endergebnis nicht so aussagekräftig und für mehr Runden war einfach keine Zeit.
 
Die Alternative eines Rundenturniers mit nur 10 Teilnehmern hätte auch zwangsläufig dazu geführt, das man vier Programmen nicht hätte einladen können, dies wäre wohl die schlechteste Alternative gewesen. So mussten also alle damit leben, dass die Programme in der oberen Hälfte nun gegen die anderen Programme, die auch oben spielen, schon gespielt haben und dass es nun darum geht, gegen die untere Hälfte besser zu punkten.
 
In der 7. Runde wartete also mit SOS das erste Amateurprogramm auf mich. Ich war allerdings durch die hervorragende Platzierung von SOS in der SSDF-Liste vorgewarnt. Es durften keine Experimente mehr gemacht werden, denn jetzt durfte es keinen Aussetzer mehr geben.
 
 
Runde 7: Shredder - SOS, 24.08.2000
1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 d6 6.Lg5 Sc6 7.Dd2 a6 8.0-0-0 h6 9.Le3 Le7 10.f3 Sxd4 11.Lxd4 b5 12.g4 b4 13.Sa4 Tb8 14.Df2 0-0
Danach war Shredder aus dem Buch. Ich war sehr zufrieden und rechnete mir große Chancen aus, da ich viel daran gearbeitet habe Shredder beizubringen, wie man in Stellungen mit unterschiedlichen Rochaden am besten angreift.
15.Sb6 Sd7 16.Sxc8 Dxc8 17.h4 Dc6 18.g5
Shredder beschließt, einen Bauern zu opfern. Ich denke, dass g5 sehr stark ist und dass Schwarz besser nicht schlagen sollte.
18...hxg5 19.hxg5 Lxg5+ 20.Kb1 f6 21.f4 Lh6 22.f5 e5 23.Le3 Lxe3 24.Dxe3 Tf7
Danach sah Shredder bereits entscheidenden Vorteil für Weiß, aber ich denke, dass die schwarze Stellung auch nach anderen Zügen nur noch schwer zu halten ist.
25.Db3 Tc8 26.Td2 Dxe4 27.Lg2 Dc4 28.Dh3 Kf8 29.Ld5 Dc7 30.Dg2 Ke7 31.Lxf7 1-0
 
Dies war wohl die schönste Partie von Shredder in London. Ohne Umschweife griff er direkt den gegnerischen König an, opferte sinnvoll einen Bauern und erzielte einen schnellen Sieg. Nach den vielen langen Remis nun endlich wieder einmal ein klarer Sieg. Das beste Amateurprogramm war geschlagen, so dass meine Stimmung mittlerweile sehr gut und ich optimistisch war. Die Spitzengruppe nach 7 Runden bildeten nun Fritz, Nimzo und Shredder mit jeweils 5 Punkten.
 
 
Endspurt
Alles sah danach aus, dass nach 9 Runden eventuell ein Stichkampf um den Titel nötig sein könnte, da sich immer noch kein klarer Favorit abzeichnete. Es gab also bereits ausgiebige Diskussionen um alle Details eines möglichen Stichkampfes, damit bereits im Vorfeld wirklich schon alle Möglichkeiten abgeklärt wurden. Das Problem war, dass falls mehrere Programme am Ende vorne landen, nur die beiden besten Programme nach Buchholzwertung einen Stichkampf um den Titel bestreiten sollten.
 
Prinzipiell gab es keine Unstimmigkeiten wegen dieser Regelung. andererseits entsteht die Buchholzwertung mehr oder weniger zufällig, so dass der ein oder andere Teilnehmer völlig unverdient bei gleicher Punktezahl um den wohlverdienten Stichkampf gebracht wird. Diese Ansicht wurde von fast allen geteilt, doch es bleibt wohl keine Wahl, irgendwie muss man ja die Grenze ziehen. Alle hofften also, das am Ende höchsten zwei Programme vorne liegen.
 
Für mich war dies allerdings alles noch hypothetisch, schließlich waren noch zwei Runden zu spielen, in denen noch viel passieren kann. In der vorletzten Runde hatte ich es mit Insomniac zu tun. Das Programm des erst 18-Jährigen Amerikaners James Robertson. Dies Programm ist hierzulande noch nicht so bekannt, doch hat es im Internet schon für einiges Aufsehen gesorgt, so dass man es sicher auf keinen Fall unterschätzen sollte. Ich entschloss mich, diesmal auch mit Schwarz Sizilianisch zu spielen, um mit dieser kämpferischen Eröffnung auf Sieg zu spielen.
 
 
Runde 8: Insomniac - Shredder, 25.08.2000
1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Lg5 e6 7.f4 Db6 8.Sb3 Le7 9.Df3 Dc7 10.0-0-0 Sbd7 11.Ld3 b5 12.The1 b4 13.Se2 Lb7 14.Kb1 Tc8
Dies war der letzte Zug aus dem Buch. Erneut war ich mit der Eröffnung sehr zufrieden, da sie sehr viel Angriffspotential bietet.
15.Sg3 0-0 16.De2 Tfd8 17.Sh5 a5 18.Sd4 a4 19.Sxf6+ Lxf6 20.Sb5 Db6 21.Sxd6 Dxd6 22.e5 Dc5 23.exf6 g6!
Dies ist wohl besser als das Zurückschlagen auf f6, da der weiße Angriff so etwas in Stocken kommt.
24.Le4 Lxe4 25.Dxe4 a3 26.Td2
Danach sieht es für Weiß schon sehr schlecht aus. Der schwarze Angriff läuft und Weiß hat noch kein richtiges Gegenspiel.
26...axb2 27.Dd4 Da5 28.Dxb2 Sc5 29.Txd8+ Dxd8 30.f5
So greift der weiße Läufer endlich wieder ins Spielgeschehen ein.
30...exf5 31.Lf4 Se4 32.Dxb4 Dxf6 33.g3 g5 34.Le3 Sc3+ 35.Ka1 De5 36.Lf2 Dd5 37.Db2 Ta8 38.a3 Dd6 39.Dxc3 Txa3+ 40.Kb2 Txc3 41.Kxc3
Die Verwertung des materiellen Vorteils ist nun nur noch eine Frage der Zeit.
41...f4 42.Ld4 Dc6+ 43.Kd2 fxg3 44.hxg3 f5 45.Te3 h5 46.Kd3 h4 47.gxh4 gxh4 48.Le5 Dd5+ 49.Kc3 Kf7 50.Te2 f4 51.Ld4 h3 52.Tf2 Dh1 53.Kb2 h2 54.Lb6 Dc6 55.Txh2 Dxb6+ 56.Kc3 f3 57.Th3 0-1
 
Wiederum also ein klarer Angriffssieg von Shredder. Bei meinen Konkurrenten um den Titel lief es nicht so gut. Fritz spielte nur Remis gegen SOS und Nimzo hatte gegen Rebel sogar verloren. Alles hat also für Shredder gespielt, so dass Shredder vor der letzten Runde einen halben Punkt vorne lag und im Unterschied zur Konkurrenz aus eigener Kraft gewinnen konnte. Der letzte Gegner war ZChess aus Frankreich mit Weiß. Shredder hatte also einen Elfmeter, den er nur noch verwandeln brauchte.
 
Er musste "nur" noch gegen ZChess gewinnen. ZChess ist auch ein Newcomer, der zum ersten Mal bei einer WM dabei ist. Eigentlich ist es kein richtiger Newcomer, denn Franck Zibi, der Autor, hatte schon vor etlichen Jahren sein erstes Schachprogramm auf einem HP Taschenrechner geschrieben, also schon ein sehr erfahrener Programmierer. Trotzdem waren meine Chancen natürlich sehr gut, was aber meine Nervosität nicht gerade linderte, schließlich bekommt man nicht jeden Tag die Chance auf einen Elfmeter um die Weltmeisterschaft, schießt man daneben, ist der Fall umso tiefer.
 
 
Runde 9: Shredder - Zchess, 25.08.2000
1.e4 c6 2.d4 d5 3.f3
Dies war unsere Geheimwaffe gegen Caro-Kann. Vielfach wurde kritisiert, dass Shredder diesen Zug gespielt hat, was ich jedoch nicht ganz nachvollziehen kann. Wir hatte ihn extra vorbereitet und auch sehr gute Ergebnisse bei unseren Tests erzielt, was spricht also dagegen? Meines Wissens wird er auch von einigen Großmeistern in der aktuellen Turnierpraxis angewandt, so dass er sicher nicht schlecht ist.
3...e6 4.Sc3 Lb4 5.Lf4 Se7 6.Sge2 Sd7
Hier waren beide Programme schon aus dem Buch. Das war mir ganz Recht, den alles ist noch völlig offen.
7.a3 La5 8.Dd3 Sg6 9.Le3 dxe4 10.fxe4 0-0 11.0-0-0 e5 12.d5 Lb6 13.d6
Ich bin nicht sicher, was ich von diesem Zug halten soll. Während der Partie dachte ich, dass es wohl nicht so gut ist und dass der Bauer auf d6 irgendwann abgeholt wird. Im Verlauf der Partie hat sich aber gezeigt, dass er das schwarze Spiel lähmt und sehr gefährlich wird.
13...Lxe3+ 14.Dxe3 Sf6 15.Sg3 Db6 16.De1 Lg4 17.Sa4 Dd8 18.Le2 Lxe2 19.Dxe2 Da5 20.Sc3 b5 21.Sa2 Db6 22.Thf1 c5 23.Sf5 b4 24.axb4 cxb4 25.Df3
Shredder hat seine Stellung allmählich immer weiter verbessert und hat nun sehr gute Angriffschancen am Königsflügel.
25...Tac8 26.Db3 Dc6 27.h4 a5 28.h5 a4 29.Dd3 Sxh5 30.Sxb4 Db7 31.Sd5 Tb8 32.Dc3 Kh8 33.d7
Weiß steht nun schon seht gut und ein Mensch hätte vielleicht versucht, die Stellung noch weiter zu verbessern. Shredder entschließt sich aber, forciert in ein wohl gewonnenes Endspiel abzuwickeln.
33...Dxd7 34.Sf6 Dxd1+ 35.Txd1 Sxf6 36.Sd6 Kg8 37.g3 Tbd8 38.Db4 Td7 39.Sf5 Ta7 40.Td3 Tfa8 41.Ta3 Sd7 42.Sd6 Tb8 43.Dc4 Sb6 44.Dc5 Td7 45.b3 h6 46.bxa4 Tbd8 47.a5
Allmählich kamen die ersten Zuschauer und Teilnehmer und wollten mir zu meinem Sieg gratulieren. Alle waren sich wohl sicher, dass Shredder diese Partie und die WM gewinnt. Ich war da noch anderer Meinung und habe immer wieder nach Rettungsmöglichkeiten für Schwarz gesucht.
47...Sa4 48.Txa4 Txd6 49.a6 Td1+ 50.Kb2 Ta8 51.Tb4 Kh7 52.Dc6 Tdd8 53.Tb7
So langsam fand ich keine theoretischen Rettungsmöglichkeiten für Schwarz mehr. Die Spannung in mir stieg und wenn man das Ziel so knapp vor Augen sieht, denkt man erst recht an Morphy's Gesetz, aber...
53...Tac8 54.Db6 Td2 55.Tc7 Tf8 56.a7 Td4 57.Txf7 1-0
Hier gab Franck auf und erlöste mich.
 
 
Endstand
Es war also wieder geschafft. Shredder ist erneut Weltmeister geworden, ungeschlagen genau wie in Paderborn im letzten Jahr. Ich war überglücklich, konnte es aber noch nicht so recht fassen. Zu groß war der Sprung von der sehr anstrengenden und intensiven Arbeit zu Hause vor dem Turnier und der Anspannung während des Turniers. Jetzt nach dem Ende des Turniers habe ich erst realisiert, wie anstrengend diese Titelverteidigung für mich war.
                  1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4
 1 Shredder       * ½ 1 ½ ½ 1 ½ 1 1 1          7.0
 2 Fritz          ½ * ½ ½ ½ ½ 1 1 1     1      6.5
 3 Chess Tiger    0 ½ *   ½   ½ 1   1 ½   1 1  6.0  20.25
 4 Rebel          ½ ½   * 0 0 1       1 1 1 1  6.0  19.75
 5 Junior         ½ ½ ½ 1 * ½ 0   ½ 1       1  5.5  24.75
 6 SOS            0 ½   1 ½ * 0 ½     1   1 1  5.5  19.00
 7 Nimzo 8        ½ 0 ½ 0 1 1 * 0 1     1      5.0  25.50
 8 Insomniac      0 0 0     ½ 1 *   ½ 1 1 1    5.0  17.75
 9 ZChess         0 0     ½   0   * 1 1 0 1 1  4.5
10 DIEP           0   0   0     ½ 0 * ½ 1 1 1  4.0
11 Francesca          ½ 0   0   0 0 ½ * ½ 1 1  3.5   7.75
12 Crafty           0   0     0 0 1 0 ½ * 1 1  3.5   7.25
13 XiniX              0 0   0   0 0 0 0 0 * 1  1.0
14 Pacque Expert      0 0 0 0     0 0 0 0 0 *  0.0
Stefan und Frans

Platz 1
Stefan Meyer-Kahlen (links)
mit Shredder

Platz 2
Frans Morsch (rechts)
mit Fritz

 
Mit den gespielten Partien bin ich eigentlich auch sehr zufrieden. Shredder kam gegen Nimzo und gegen Rebel sehr schlecht aus dem Buch, hat sich dann aber sehr gut verteidigt und seine tollen Fighterqualitäten demonstriert. Auf der anderen Seite gibt es sehr schönen und klaren Siege, vor allem die in den letzten drei Runden, die dann ja auch den Titel gesichert haben.
 
Mit meinem neuen Eröffnungsbuch, welches jetzt von Sandro Necchi betreut wird, war ich trotz der von vielen Seiten geäußerten Kritik hochzufrieden. Schlechte Stellungen nach dem Buch werden immer wieder passieren, wenn man komplizierte Varianten spielt, bei denen ein ungenauer Zug oder eine bessere Vorbereitung des Gegners schon fatale Folgen haben kann. In den anderen Partien kam Shredder immer mit einer Stellung aus dem Buch, mit der er auch etwas anzufangen wusste.
 
Man muss immer im Auge behalten, dass es das Schachprogramm ist, welches die Stellung nach dem Eröffnungsbuch zu Ende spielen muss und nicht irgendein Großmeister. Wenn eine Stellung für einen menschlichen Spieler also nicht sehr geeignet ist, dann heißt das noch gar nichts, entscheidend ist wie das Programm damit klarkommt. Sandro hatte für die Entwicklung des Buches nur sehr wenig Zeit zur Verfügung, während die Bibliotheken einiger Konkurrenten schon seit Jahren konstant weiterentwickelt wurden. Ich bin davon überzeugt, dass wir beim nächsten Turnier mit einem optimal abgestimmten Buch antreten werden.
 
 
Fazit
Natürlich werde ich das Turnier in London in guter Erinnerung behalten. Neben dem sportlichen Wettstreit mit der Konkurrenz ist so eine WM natürlich auch eine hochwillkommene Gelegenheit, aus dem "stillen Kämmerlein" zu entfliehen und sich persönlich mit den Kollegen zu treffen und auszutauschen. Trotz des enormen Drucks für die "Profis" verlief das Turnier fair und ohne unerfreuliche Begleiterscheinungen.
 
An dieser Stelle möchte ich mich bei meinen Testern bedanken, die mir mit Rat und Tat zur Seite standen. Mein besonderer Dank gilt Sandro Necci, der in kürzester Zeit eine sehr gute Bibliothek für Shredder erstellt hat und Peter Schreiner, der mich nach Kräften bei der Vorbereitung für diese WM unterstützt hat.
 
Organisatorisch hatte die WM in London allerdings eine gravierende, für mich nicht nachvollziehbare Schachstelle. Mir will es nicht einleuchten, dass es in London keinen Zugang zum Internet gab. Das führte wie seinerzeit in Paris 1997 dazu, dass die Zwischenstände und Meldungen über Handy an die "Außenwelt" weitergegeben wurden. Die Mikro-WM war also im Internet nicht präsent und die Computerschachfreunde in aller Welt kritisieren diesen unerträglichen Sachverhalt zu Recht. Es bleibt zu hoffen, dass die ICCA zukünftig mehr Aufmerksamkeit darauf verwendet, ein solch wichtiges Turnier adäquat zu präsentieren und die entsprechende Öffentlichkeitsarbeit zu leisten.
Stefan Meyer-Kahlen – www.shredderchess.de
 
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