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Diagramm 16-2006
 
Diagramm 16 – 2006
Schwarz am Zuge benötige hier nur noch zwei Züge, um den Anziehenden zur Aufgabe zu bewegen. Wie setzte er fort?
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Rochade-EuropaStefan Meyer-Kahlen
 
 
Die WM 2000 in London - Teil 2
Turnierbericht von Stefan Meyer-Kahlen - Oktober 2000
 
An diesem Tag gab es wieder eine Doppelrunde, es ging also direkt weiter, diesmal mit Schwarz gegen Rebel Century von Ed Schröder. Als Außenstehender kann man es vielleicht nicht nachvollziehen, aber das Bedienen eines Schachprogramms in einem wichtigen Turnier ist extrem anstrengend und nervenaufreibend. Objektiv betrachtet muss man ja nur warten bis das Programm gezogen hat und den Zug dann auf dem Schachbrett ausführen, dabei kann man sich auch noch ohne Probleme mit seinem Gegenüber oder mit den Zuschauern unterhalten, denn die Computer werden dadurch ja nicht gestört. Man muss auch nicht selbst über die Züge nachdenken, es hört sich alles also wirklich sehr einfach an.
 
Nun, einfach ist es wirklich, aber trotzdem bin ich nach einer Partie und erst recht nach einer Doppelrunde völlig fertig und müde, so dass ich nach dem Abendessen meistens erschöpft ins Bett falle. Die Anspannung ist einfach sehr hoch und da man ständig sieht, welchen Zug sein Programm gerade favorisiert, ist es oft unerträglich, keine Möglichkeit zum Eingreifen zu haben. Man muss hilflos abwarten, was das selbstgeschaffene Schachmonster da an Zügen produziert. Findet er nun den besseren Zug oder nicht? Selbst wenn die Partie schon fast entschieden ist, bleibt es immer noch spannend, da im Computerschach schon die besten Stellungen vergeigt worden sind. Im Computerschach gilt: alles ist möglich und bei wichtigen Turnieren erst recht ...
 
Nun aber zu der Partie gegen Rebel. Ich war mir in dieser Partie nicht ganz sicher, welche Eröffnung ich wählen sollte. Rebel und Tiger gehören beide im selben "Rennstall", und da die Eröffnung in der zweiten Runde von Tiger nicht gerade optimal gespielt worden war, beschloss ich, mit Schwarz noch einmal die gleiche Variante zu spielen.
 
 
Runde 4: Rebel - Shredder, 22.08.2000
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.d4 exd4 5.Sd5
Ich war sehr überrascht, dass Rebel die gleiche Eröffnung gegen mich wählt wie zwei Runden zuvor Tiger. Doch Ed Schroeder, der Programmierer von Rebel, ist ein alter Hase im Geschäft, so dass ich vermutete, dass sie sich in der Zwischenzeit sicher etwas Neues haben einfallen lassen. Erneut wurde ich etwas unruhig.
5...Sxe4 6.De2
Das ist schon die Neuerung zu der zweiten Runde, gleichzeitig die Variante, mit der ich vor 2 Jahren so böse gegen Nimzo verloren hatte. Dies war für meine gute Laune nicht gerade förderlich.
6...f5 7.Sg5 d3 8.cxd3 Sd4 9.Dh5+ g6 10.Dh4 c6 11.dxe4 cxd5 12.exd5 Lg7 13.Kd1 h6 14.Sf3
Gegen Nimzo hatte ich damals Db6 gespielt. Ich wusste, das Sandro Necchi, der früher das MChess-Buch entwickelte und nun für das Shredderbuch verantwortlich ist, diese Variante erst kurz vor der WM überprüft hatte. Es war also durchaus drin, dass wir hier evtl. noch ein paar Löcher hatten. Die WM rückte aber immer näher und die Zusammenarbeit mit Sandro hat erst begonnen, so dass für eine genaue Überprüfung nicht mehr genug Zeit da war. Vor dem Turnier war das Motto: "Mut zur Lücke ..." Während des Turniers sieht man das nicht mehr so locker und meine Nerven wurden im folgenden Verlauf gegen den endsielstarken Rebel arg strapaziert.
14...Sxf3 15.Dxd8+ Kxd8 16.gxf3 d6 17.Tg1 g5 18.h4 g4 19.Le2 h5 20.Lg5+ Kc7 21.Tc1+ Kb8 22.fxg4 fxg4 23.f3 gxf3 24.Lxf3 Le5 25.Tc4 Lf5
Es kam wie es kommen musste. Beide Programme sind aus dem Buch und zeigen einen deutlichen Vorteil für Weiß an. Dies ist sicher auch gerechtfertigt, da Schwarz sehr große Probleme mit der Aktivierung seines Turmes auf a8 hat.
26.Lf4 Ld3 27.Lxe5 dxe5 28.Tc3 e4 29.Le2 Lxe2+ 30.Kxe2 a5 31.Tg5 Ta6 32.Tc4 Tf6 33.Txe4
Weiß hat nun einen Bauern mehr und sehr gute Chancen. Ich hatte die Hoffnung aber noch nicht ganz aufgegeben, da nur noch sehr wenige Bauern auf dem Feld waren und Turmendspiele ja schließlich immer Remis sind.
33...Kc7 34.Te7+ Kd6 35.Txb7 Tf4
Ich denke, dass dieser Zug sehr gut ist, da er Schwarz endlich etwas Gegenspiel durch den entstehenden Freibauern auf der h-Linie sichert.
36.Tb6+ Kc5 37.Tc6+ Kb5 38.Tc3 Txh4 39.d6+ Kb6 40.d7 Td8 41.Td5 Te4+ 42.Kf3 Te7 43.Tcd3 h4 44.Kg4 Te2 45.Td6+ Kc7 46.Td2
Nach diesem Zug zeigt Shredder sofort eine Remisbewertung an. Er sah nun die forcierte Abwicklung in das Bauernendspiel, welches für Weiß trotz des Mehrbauern nicht mehr zu gewinnen ist.
46...Txd2 47.Txd2 Txd7 48.Txd7+ Kxd7 49.Kxh4 Kc6 50.Kg4 Kc5 51.Kf3 Kc4 52.Ke3 a4 53.Kd2 Kd4 54.Kc2 Kc4 55.Kd1 Kb4 56.Kd2 Kc4 ½-½
 
Der zweite Tag war also überstanden. Nach 4 Runden führten Fritz, Nimzo, Junior und Shredder mit jeweils 3 aus 4. Ich war noch oben dabei und das Feld lag wie erwartet sehr dicht zusammen. In der fünften Runde wurde mir Junior zugelost. Diesmal beschloss ich, einen möglichst ruhigen Aufbau zu spielen, da ich mir davon gegen den starken Taktiker Junior die meisten Chancen versprach.
 
 
Runde 5: Shredder - Junior, 23.08.2000
1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 c6 4.Sf3 Sf6 5.Lg5 h6 6.Lxf6 Dxf6 7.Db3 a5 8.e4 dxe4 9.Sxe4 Lb4+ 10.Dxb4 axb4 11.Sxf6+ gxf6 12.Le2 Sd7
Danach waren beide Programme aus dem Buch und auf sich gestellt. Trotz des bereits reduzierten Materials rechnete ich mir gute Chance aus, das Schwarz Probleme mit seinem Läufer auf c8 und eventuell auch mit seinem Bauern auf b4 hat.
13.0-0 Tg8 14.Tfe1 Ke7 15.Sh4 f5 16.Lf1 f4 17.Te4 Tg4 18.Sf3 Sf6 19.Tee1 Tg8
In den letzen Zügen wusste Shredder nicht so Recht, was er in dieser Stellung zu tun hat. Mit c5 folgt nun meiner Meinung nach die erste Ungenauigkeit.
20.c5 Ld7 21.Sd2 Sd5 22.Le2 b6 23.Sc4 bxc5 24.dxc5 f6 25.Lf3 Ta7 26.a4 bxa3 27.Txa3 Txa3 28.bxa3 Sc3 29.Tc1 Sb5 30.Sb6 Sd4 31.Ld1 e5 32.g3
Dies ist wohl auch ein Fehler, obwohl Schwarz hier wohl schon Vorteil hat.
32...Lh3 33.Tc3 f3
Der weiße König hat große Probleme und ich sah keinen Weg mehr, sich aus dieser Lage zu befreien. Meine Laune war entsprechend der weißen Stellung.
34.Te3 Td8 35.Te1 Kf8 36.a4 e4 37.Sc4 Td5 38.Txe4 f5 39.Txd4 Txd4
Die Qualle ist weg und ich hab mich innerlich schon auf eine Niederlage eingestellt.
40.Se3 f4 41.gxf4 Txf4 42.a5 Tf7 43.a6 Tg7+ 44.Kh1 Ta7 45.Lxf3 Txa6 46.Kg1 Ta1+ 47.Ld1
Hier und in der Folge versäumt Junior es, den Bauern auf c5 einfach abzuholen.
47...h5 48.f3 h4 49.Kf2 Tc1 50.Lc2 Th1 51.Le4 Txh2+ 52.Kg1 Te2 53.Sc4 Ld7 54.Kf1 Ta2 55.Se5 Le8 56.Sxc6
Nun bin ich nicht mehr sicher, ob die Partie für Schwarz noch zu gewinnen ist. Der h-Bauer ist als einziger schwarzer Bauer übrig geblieben. Ich denke, dass dies nicht mehr für einen Gewinn ausreicht.
56...Lxc6 57.Lxc6 h3 58.Kg1 Ke7 59.Le4 h2+ 60.Kh1 Tf2 ½-½
 
Puh, das ging noch einmal gut. Dies war wohl die schlechteste Partie von Shredder in London, ich muss allerdings auch neidlos anerkennen, dass Junior in dieser Partie sehr stark gespielt hat. Shredder stand in einigen Partien schon sehr schlecht, hatte aber immer noch nicht verloren. Dies stimmte mich für das Turnier sehr zuversichtlich, da ich nun bis auf Nimzo schon gegen alle Profis gespielt hatte.
 
Ich stimme mit meinem Team überein, dass eine der Hauptstärken von Shredder die Fähigkeit ist, auch aussichtlose Partien noch aus dem Feuer zu reißen. Wie sich bis zu diesem Zeitpunkt zeigt, konnte mich hier voll auf meinen Schützling verlassen. Andererseits ist es für das eigene Nervenkostüm ein unglaublicher Stress, wenn man stundenlang am Abgrund balanciert ...
 
Wie nach dem Turnierstand zu erwarten war, wurde Nimzo mein nächster Gegner. Leider hatte ich Schwarz, und da ich wusste, dass Nimzo wohl 1.e4 spielen würde, war meine Eröffnungswahl nicht ganz einfach. Sollte ich mich erneut auf das Belgrader Gambit einlassen oder diesmal etwas anderes versuchen? Zwischen den Runden haben wir uns ausgiebig mit dem Belgrader Gambit beschäftigt und eine Verbesserung in das Buch von Shredder eingegeben.
 
Ich war mir allerdings nicht ganz sicher, ob Nimzo wirklich noch einmal Belgrader gegen mich spielen würde. Meiner Meinung nach ist diese Eröffnung bei optimalem Spiel von beiden Seiten besser für Schwarz. Es gibt sehr viele Fallstricke, doch sollte Schwarz bei den richtigen Zügen keine Probleme haben. Mein Gefühl sagte mir aber, dass Nimzo etwas anderes spielen würde, aber darauf konnte ich mich natürlich nicht verlassen, geschweige denn vorbereiten. Ich vertraute unseren Verbesserungen am Buch und beschloss, es noch einfach noch einmal zu riskieren.
 
 
Runde 6: Nimzo - Shredder, 24.08.2000
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5
Also doch ein Spanier.
3...a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 d6 8.c3 0-0 9.h3 Lb7 10.d4 Te8 11.Sbd2 Lf8 12.a4 h6 13.Lc2 exd4 14.cxd4 Sb4 15.Lb1 c5 16.d5 Sd7 17.Ta3 f5
Diese Variante ist zur Zeit sehr beliebt. Letztes Jahr bei der WM in Paderborn hatte ich sie gegen Nimzo schon einmal auf dem Brett, und da wir uns in dieser Variante auch gut vorbereitet hatten und unsere Tests vor der WM auch sehr erfolgreich waren, war ich guter Dinge.
18.Sh2 Sf6 19.Tg3
Au weia, den Zug hatten wir zu Hause übersehen. Shredder war aus seinem Buch und damit aus unserer häuslichen Vorbereitung geflogen und war nun auf sich alleine gestellt. Nimzo hatte die folgenden Züge alle noch gespeichert, so dass böse Erinnerungen an Paderborn für 2 Jahren in mir hoch kamen, wo ich in einem ähnlichen Szenario im Belgrader Gambit unter die Räder gekommen bin.
19...Kh8 20.Shf3 fxe4 21.Sxe4 Lxd5 22.Sxf6 Dxf6 23.Ld2
Das Grinsen auf dem Gesicht meines Gegners wurde immer breiter. Offensichtlich ist Shredder in eine vorbereitete Eröffnungsfalle von Nimzobuch-Autor Alex Kure gelaufen.
23...Dxb2
Dies ist wohl schon ein entscheidender Fehler, besser war Txe1.
24.Lxb4
Das Zurückschlagen auf b4 verliert nun forciert. Dies war alles zu Hause von dem Nimzoteam analysiert worden und in dem Nimzobuch gespeichert! Nimzo hatte also bisher noch keine Minute seiner Zeit verbraucht, Shredder näherte sich schon so langsam der ersten Stunde.
24...Lc4
Als Shredder sich nach langem Nachdenken endlich für diesen Zug entschieden hatte musste ich jubeln. Objektiv ist Schwarz wohl trotzdem verloren, doch Weiß ist nun auch endlich aus seiner Vorbereitung geflogen und die forcierte Verlustvariante ist auch vermieden. Dies ist übrigens für ein Schachprogramm nur sehr schwer zu sehen, da die Varianten sehr tief sind. Insofern war ich auch froh, dass Shredder dies alles auf dem Brett gesehen hat. Nun, in dieser Lage freut man sich ja schon über Kleinigkeiten.
25.La5 Txe1+ 26.Dxe1 De2 27.Dxe2 Lxe2 28.Sh4 Lh5 29.Lg6 Lxg6 30.Sxg6+ Kg8 31.Td3 b4 32.Sxf8 Txf8 33.Txd6 Tb8
Der Rauch hat sich gelegt und Weiß hat eine Figur mehr. Schwarz hat zwar 2 verbundene Freibauern, doch sollte Weiß nach Kf1 wohl gewinnen.
34.Tc6
Nimzo beschließt, seine Figur gegen die 2 Freibauern zurück zu geben. Dies war sicher nicht der beste Plan für Weiß und Shredder und ich wurden wieder etwas optimistischer.
34...b3 35.Lc3 b2 36.Lxb2 Txb2 37.Txc5 Tb4 38.Ta5 Tb1+ 39.Kh2 Tb6
Ich bin nicht sicher, ob Weiß noch gewinnen kann. Wie gesagt, Turmendspiele sind doch immer Remis, oder?
40.g4 Kf7 41.f4 Ke6 42.h4 Kd6 43.h5 Tc6 44.Kg2 Tb6 45.Kf3 Ke6 46.Ke4 Tb4+ 47.Ke3 Tb3+ 48.Kd2 Kf7 49.g5 hxg5 50.fxg5 Th3 51.Txa6 Txh5 52.g6+ Ke7 53.a5 Th3 54.Tb6 Ta3 55.a6 Kd8 56.Kc2 Kc7 57.Tb7+ Kc6 58.Ta7 Kb6 59.Te7 Kxa6 60.Te6+ ½-½
 
Shredder hatte es erneut geschafft, sich aus deutlich schlechterer Stellung noch zu retten und nicht zu verlieren. Sicher hat er dabei auch etwas Glück gehabt, doch hat er sich immer sehr gut und zäh verteidigt und nicht so optimalen Züge des Gegners sofort ausgenutzt. An der Spitze des Feldes nach 6 Runden lagen nun Fritz, Junior, Nimzo, SOS und Shredder mit jeweils 4 aus 6. Fünf Programme also punktgleich auf dem ersten Platz.
 
 
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