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Diagramm 17-2006
 
Diagramm 17 – 2006
In dieser Stellung verspeiste Weiß ohne Argwohn den Bauern auf e5. Dieser war jedoch vergiftet. Was hatte Weiß übersehen?
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Rochade-EuropaStefan Meyer-Kahlen
 
 
Die WM 2000 in London - Teil 1
Turnierbericht von Stefan Meyer-Kahlen - Oktober 2000
 
Die diesjährige Mikro-WM wurde im Rahmen der Mind Sports Olympiade und der Computerolympiade ausgetragen. Im Unterschied zu den sonstigen Weltmeisterschaften drehte sich dort nicht alles ausschließlich um Computerschach, sondern um fast alle bekannten Brett- und Kartenspiele. Neu für uns, die Computerschächer, war auch, dass sogar Menschen gegen Menschen (!) spielten, und zwar nicht nur Schach, sondern auch Dame, Backgammon, Go, Bridge, Poker, Scrabble und sogar Kreuzworträtsel, um nur die zu nennen, die mir auf Anhieb einfallen.
 
Leider war das Computerschachturnier jedoch wie immer eine Vollzeitbeschäftigung, so dass ich nur einen winzigen Bruchteil der Geschehnisse bei den anderen Veranstaltungen mitbekommen habe. Eigentlich sollte die WM diesmal ein "Uniform Platform Event" sein, das heißt, alle Programme spielen auf vom Veranstalter gestellten, identischen Rechnern. Bisher habe ich es aber noch nie erlebt, dass die von der ICCA genannten Sponsoren letztendlich wirklich jedem Teilnehmer eine identische Hardware besorgen konnten.
 
Von daher war schon im Vorfeld eine gewisse Skepsis angebracht, die (wie sich herausstellte) nur allzu berechtigt war. Dank der Vermittlung von Peter Schreiner stellte mir die Firma TRANSTEC aus Tübingen mit einem 1 GHz schneller Athlon von AMD und reichlich Speicher einen erstklassigen Rechner zur Verfügung. Generell hatte ich immer das Gefühl, dass Shredder 5 auf Intel-Prozessoren etwas besser als auf AMD-Rechnern spielt. Peter musste bei mir einige Überzeugungsarbeit leisten, bis ich den AMD-Rechner akzeptierte. Wie das Ergebnis im nachhinein gezeigt hat, hatte er wohl nicht ganz unrecht ...
 
 
Auf nach London
Nachdem ich nun den Rechner im Empfang genommen hatte, galt es das nächste Problem zu lösen: wie sollte ich die Maschine nach London transportieren? Autofahren in England ist für einen Kontinentaleuropäer ja nicht ganz unkritisch, also musste ich die riesige, schwere Kiste mit meinem Turnierrechner zunächst in das Flugzeug, (was dann auch nach endlosen Diskussionen mit der netten Dame am Flugschalter und schließlich der Flugzeugbesatzung auch gelang) und dann noch quer durch London transportieren.
 
Stressfreier wäre sicher die ursprüngliche Alternative mit einer einheitlichen Rechnerausstattung für alle Teilnehmer gewesen, da sich das WM-Gepäck auf eine schlichte CD-Rom beschränkt hätte. Immerhin konnte man einen Monitor zu einem vernünftigen Preis im Spiellokal ausleihen, so dass mir zumindest der Transport eines Monitors erspart blieb.
 
Mit gewisser Wehmut dachte ich an die perfekte Organisation und Ausstattung der Offenen WM 99 in Paderborn zurück, wo die Organisatoren jedem Teilnehmer ein LCD-Display, Internetzugang und weitere Annehmlichkeiten kostenlos zur Verfügung stellten ...
Nun ja, wir Programmierer müssen uns wohl leider damit abfinden, dass eine Computerschachweltmeisterschaft keine Fußball-WM ist und unter weitaus bescheideneren Rahmenbedingungen stattfindet.
 
 
Vorbereitungen
Am Sonntag, einen Tag vor der ersten Runde, bin ich dann zum ersten Mal zum Spiellokal gefahren, um meinen Rechner aufzubauen und ihn auf eventuelle Reiseschäden zu prüfen. Die Veranstaltung fand im Alexandra Palace im Norden von London statt. Bis zum Stadtzentrum waren es noch ca. 30 Minuten per U-Bahn, bei einer solch riesigen Stadt wie London ist man damit aber noch lange nicht in den Vororten. Der Alexandra Palace ist ein großer alter Palast auf einem Hügel in einem schönen Park mit wunderbarem Blick auf London. Im Innern gibt es viele große Säle und in jedem fand eine andere Gedankensportart statt.
 
Wir spielten in dem größten Raum und wirkten in unserer Ecke etwas verloren, zumal die Teilnehmerzahl dieses Jahr mit lediglich 14 Programmen deutlich geringer war als in den Jahren zuvor. Um die Dimensionen unseres Spielortes zu verdeutlichen: Am Sonntag fand dort ein Schachturnier mit 900 Schulkindern statt, d.h. es wurde auf 450 Brettern gleichzeitig gespielt. Trotz der vielen mitgereisten Eltern war der Raum nicht einmal zur Hälfte gefüllt.
 
Wir hatten also wirklich Platz satt. Allmählich trudelten auch die anderen Teilnehmer ein, zum Großteil natürlich alles alte Bekannte wie Frans Morsch oder Ed Schröder, doch wie jedes Jahr gab es erfreulicherweise auch diesmal wieder ein paar neue Gesichter.
 
 
Es wird ernst
Am nächsten Morgen sollte es dann endlich losgehen. Die Auslosung hatte mir mit dem Programm Diep von Vincent Diepeveen aus Holland einen unangenehmen Gegner beschert, der keineswegs zu unterschätzen ist. Ich war nach London gereist, um meinen im letzen Jahr gewonnenen Titel zu verteidigen. Mir war daher klar, dass ich gegen alle Amateure unbedingt gewinnen musste, um dieses Ziel zu erreichen. Gerade bei einem Turnier mit nur 9 Runden darf man sich kaum einen Ausrutscher leisten und daher wäre alles andere als ein Sieg in der ersten Runde, zumal mit Weiß, schon die erste Ernüchterung gewesen.
 
 
Runde 1: Shredder - Diep, 21.08.2000
1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Lxf6 gxf6 9.Sa3 b5 10.Sd5 Lg7 11.c3 f5 12.exf5 Lxf5 13.Sc2 0-0 14.Sce3 Le6 15.Ld3 f5 16.0-0
Dies war der letzte Zug in Shredders Buch, mit der Eröffnung war ich sehr zufrieden.
16...Kh8 17.Dh5 e4 18.Lc2 Se7 19.Tad1 Tc8 20.f3 Lf7 21.Dh3 Sxd5 22.Sxd5 Lxd5 23.Txd5 Db6+ 24.Kh1 De3 25.g3 De2 26.Dg2 Dc4 27.Txd6 Dxa2 28.Lb1 exf3 29.Lxa2 fxg2+ 30.Kxg2
Nach dieser Abwicklung war ich nicht mehr so zufrieden, da die ungleichfarbigen Läufer noch sehr gute Remischancchen für Schwarz bieten.
30...a5 31.Le6 Tc5 32.Tb6 Te5 33.Tf2 Tf6 34.Tb8+
Hier sahen wir nun, dass Diep vor hatte, nach 34...Lf8 die ungleichfarbigen Läufer abzutauschen. Vincent war völlig verzweifelt, doch ich hatte nun wieder mehr Hoffnung.
34...Lf8 35.Ld7 b4 36.cxb4 Td5 37.Lc6 Txc6 38.Txf8+ Kg7 39.Tb8 axb4 40.Txb4
Das entstandene Doppelturmendspiel ist nun wahrscheinlich schwer zu gewinnen.
40...Kg6 41.Tb7 Tcd6 42.h3 Td1 43.Te2 Td7??
Erneut macht mir Diep das Leben einfach, da er in ein leicht zu gewinnendes Turmendspiel abwickelt.
44.Txd7 Txd7 45.b4 Tb7 46.Tb2 Tb5 47.Kf3 Kf6 48.Kf4 h6 49.Tb1 Ke6 50.Tb3 Kf6 51.Tb2 Ke6 52.Tb1 Kf6 53.Ke3 Ke5
Nach einigem hin und her findet Shredder nun den richtigen Plan.
54.Kd3 Tb8 55.b5 Tg8 56.b6 Txg3+ 57.Ke2 Tg8 58.b7 Tb8 59.Ke3 Kd6 60.Kf4 Kd5 61.Kxf5  1-0
 
Das ging ja noch einmal gut. Ich denke zwar, dass die Partie immer zu gewinnen war, doch hätte es bei korrekter Verteidigung sicher noch sehr lange dauern können. Nachmittags ging es direkt weiter mit der zweiten Runde, so dass mir nicht sehr viel Zeit blieb, mir Gedanken über die erste Partie zu machen. Mir wurde mit dem Spitzenprogramm Chess Tiger von Christophe Theron ein anderes Kaliber als Diep zugelost, dazu musste Shredder auch noch mit Schwarz antreten. Wenn man solch ein Turnier gewinnen und seinen Titel verteidigen will, spielt es letztendlich keine Rolle, gegen wen man spielt: man muss man gegen jeden Gegner spielen und das Beste versuchen.
 
 
Runde 2: Chess Tiger - Shredder, 21.08.2000
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.d4 exd4 5.Sd5
Die erste Überraschung, das Belgrader Gambit! Ich hatte mit Shredder vor 2 Jahren bei dem IPCCC in Paderborn gegen Nimzo mit dieser Variante eine fürchterliche Niederlage erlitten, Nimzo kam damals erst mit einer Dame mehr aus dem Buch, so dass die Partie schon vorbei war, bevor es richtig los ging. Ich wurde etwas nervös ...
5...Sxe4 6.Lc4 Le7 7.0-0 0-0 8.Sxd4
Bis hierher war alles noch im Buch. Ich hatte ein ganz schlechtes Gefühl, zumal der Bediener von Tiger auch noch voller Stolz sagte, dass sie diese Variante zu Hause gegen Shredder 4 getestet haben und dabei ein sehr gutes Ergebnis erzielt haben. Ich bereitete mich schon so langsam innerlich auf die Katastrophe vor.
8...Sf6
Dies war der erste von Shredder selber berechnete Zug, der auch gleichzeitig Tiger aus dem Buch warf. Ich war erleichtert, zumal beide Programme nun einen leichten Vorteil für Schwarz anzeigten. Die Eröffnungsvorbereitung von Tiger ging also nach Hinten los, statt einer gewonnenen Stellung hatte er nun mit leichtem Nachteil zu kämpfen. Dies zeigt auch wieder einmal deutlich wie wichtig es ist, immer wieder das Programm zu verbessern und mit neuen und unbekannten Versionen bei Weltmeisterschaften und wichtigen Turnieren anzutreten, denn mit Shredder 4 hätte ich diese Partie wohl schnell verloren.
9.Sxe7+ Dxe7 10.Lb3
Dieser Zug ist viel zu passiv und ermöglicht es Schwarz, alle seine Eröffnungsprobleme zu lösen. Danach hat Schwarz einfach einen Bauern mehr und gewinnt in der Folge auch leicht.
10...Te8 11.Lg5 Sxd4 12.Dxd4 d6 13.Tad1 h6 14.Lh4 De5 15.Dxe5 Txe5 16.Tfe1 Txe1+ 17.Txe1 Kf8 18.f3 Ld7 19.Lxf6 gxf6 20.Kf2 Te8 21.Txe8+ Kxe8 22.Kg3 Le6 23.Kh4 Kf8 24.Kh5 Kg7 25.Kh4 b5 26.c3 a5 27.Kg3 a4 28.Lc2 Lxa2 29.Lf5 Le6 30.Lc2 c5 31.Kf4 f5 32.Ke3 Kf6 33.g3 Lb3 34.Lxb3 axb3 35.Kd3 c4+ 36.Kd4 Kg5 37.Kd5 f4  0-1
Der Trick ist, das Weiß nun nicht auf d6 schlagen kann, da dann nach b4 ein Bauer auf dem Damenflügel durchrennt. Dies ist für heutige Topprogramme aber natürlich sehr leicht zu sehen.
 
Der erste Tag verlief also nach Plan: 2 Punkte aus 2 Partien, dabei schon einen der Profis und Hauptkonkurrenten geschlagen. Doch auch Rebel und Fritz hatten einen sehr guten Start und gewannen beide Partien. Das Turnier war sehr gut besetzt und es gab außer Shredder eben noch mehr als eine Hand voll Programme, die sich alle berechtigte Hoffnungen auf einen Spitzenplatz machen durften. Da noch sieben Runden ausstanden, war natürlich noch alles offen.
 
 
Es wird eng
In der 3. Runde am Dienstag wurde mir dann mit Fritz einer der härtesten Brocken zugelost. Nach meiner Einschätzung war Fritz einer meiner gefährlichsten Konkurrenten, so dass ich über die Farbauslosung, die mir Weiß bescherte, nicht gerade unglücklich war. Diese Partie war für den späteren Verlauf des Turniers sehr wichtig, da Shredder und Fritz am Ende des Turniers die besten Chancen auf den Titel hatten, doch davon wussten wir zu diesem Zeitpunkt leider oder besser "Gott sei Dank" noch nichts.
 
 
Runde 3: Shredder - Fritz, 22.08.2000
1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.cxd5 cxd5 5.Sc3 Sc6 6.Lf4 Lf5 7.e3 e6 8.Lb5 Sd7 9.0-0 Le7 10.Tc1 0-0 11.h3 Tc8 12.Ld3 Lxd3 13.Dxd3 Sb6 14.De2 Sc4 15.b3 Sd6
Danach war Shredder aus dem Buch und musste selber rechnen. Erneut war ich mit der Eröffnung zufrieden, manche haben die weiße Eröffnungswahl zwar als zu harmlos kritisiert, doch rechnete ich mir mit dieser Variante gute Chancen gegen Fritz aus, da Shredder solche Stellungstypen in der Regel sehr gut behandelt. Man darf nie vergessen, dass es Programme sind, welche die Partie spielen und nicht irgendein Großmeister. Für einen menschlichen Spieler ist diese Eröffnung vielleicht wirklich zu passiv, doch im Computerschach herrschen andere Gesetze als bei Partien von Menschen untereinander.
16.Se5 Sf5 17.Sxc6 Txc6 18.Sa4 Dd7 19.Sc5 Lxc5 20.dxc5
Ich war guter Dinge, da Weiß am Damenflügel einen Freibauern bekommen kann.
20...f6 21.b4 e5 22.Lh2
So schnell kann die Stimmung umschlagen. Nun war ich sicher, dass Shredder große Probleme mit seinem Läufer auf h2 bekommen wird und mein Optimismus war wie weggeblasen. Ich schlug die Wette vor, dass der weiße Läufer in 30 Zügen immer noch auf h2 stehen würde. Diese Prognose ging nur sehr knapp daneben.
22...b6 23.Tfd1 De6 24.Dd3 Se7 25.Da3 a6 26.cxb6 Txb6 27.Da5 Tb5 28.Da4 Db6 29.a3 a5 30.bxa5 Txa5 31.Db4 Dxb4 32.axb4 Tb5 33.Tc7 Te8 34.Tb1 g5 35.Kf1 Kf7 36.f4
Endlich versucht Shredder, seinen Läufer wieder ins Spiel zu bringen.
36...gxf4 37.exf4 Ke6 38.g4 d4 39.Ta1 Kd6 40.Tc4!?
Als Shredder diesen Zug spielte, dachte ich schon oh weh, jetzt will er das Unheil nur noch verzögern, aber im nachhinein ist Tc4 wahrscheinlich der beste Zug. Die Programme spielen mittlerweile auf so einem hohen Niveau, dass es sehr schwer fällt, die gespielten Züge spontan zu bewerten. Oft steckt eine tiefere Idee dahinter, da man erst nach einer genauen Analyse sieht.
40...Kd5 41.Tc7 Sc6 42.Td7+ Ke4 43.Txh7 Txb4 44.Te1+ Kf3 45.fxe5 Tb2 46.Lg1 Txe5 47.Tf7 Txe1+ 48.Kxe1 Se5 49.Txf6+ Ke4 50.Lxd4 Kxd4  ½-½
 
In dieser Partie wurde wahrscheinlich die Remisbreite nicht überschritten, auch wenn Fritz im Endspiel leichte Vorteile hatte. An dieser Partie kann man auch sehr gut sehen, wo und wie ich noch Ansatzpunkte zur Verbesserung von Shredder finden kann. Shredder hat seine Läufer seelenruhig nach h2 gestellt und ihn erst einmal eine Zeitlang dort stehen lassen. Eigentlich sollte das Programm erkennen, dass der Läufer dort sehr schlecht steht. Ich werde mir den Code für gute und schlechte Läufer anhand dieses Beispiels also noch einmal sehr genau ansehen müssen. Auch bei diesem Turnier wurde wieder einmal die These untermauert, dass die gravierendsten Schwächen immer in besonders wichtigen Turnieren auftreten.
 
 
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