Computerschach-WM 2003 in Graz Interview mit Großmeister Peter Wells

Peter WellsPeter Wells

von Peter Schreiner - Februar 2004

Ein Fixpunkt des Turniers war Großmeister Peter Wells, der die Partien im Turniersaal live kommentierte. Es war schon beeindruckend, dass der GM ohne Analyseunterstützung durch eine Schachengine durchweg mit der Beurteilung der einzelnen Stellungen richtig lag. Ich habe die Gelegenheit genutzt, ihn nach seiner Meinung über die Performance der einzelnen Programme zu befragen.

Frage

Peter, warum setzt Du während der Kommentierung der Partien keine Schachengine ein?

Antwort

Der Hauptgrund liegt darin, dass sich in dieser von Computern beherrschten Umgebung eine menschliche Komponente einbringen will.

Frage

Im Rahmen der Kommentierung hast Du Dich besonders intensiv mit der Spielweise der Programme beschäftigt. Wo liegen Deiner Meinung nach die Stärken und die Schwächen der Programme? Oder sind die Schwächen kaum noch wahrnehmbar?

Antwort

Der qualitative Unterschied zwischen den vier Topprogrammen und dem restlichen Teilnehmerfeld ist meiner Meinung nach erheblich. Bei der Bewertung der Leistungen muss man diesen Umstand berücksichtigen. Die hervorstechendste Stärke ist nach wie vor das taktische Leistungsvermögen. Das ist aber schon länger so. Die vier Top-Programme demonstrieren hier ein teilweise beeindruckendes Verständnis im positionellen Spiel. Das Endspiel ist ebenfalls hervorragend.

Die Amateurprogramme fallen im direkten Vergleich zu diesen Programmen deutlich ab. Viele Programme sind immer noch zu materialistisch eingestellt und verstehen dynamische Aspekte des Spiels nicht. Ein typisches Beispiel war die Partie Shredder-Quark, in der Quark gierig jeden Bauern nahm und das Wesen der Stellung überhaupt nicht verstanden hat.

Frage

Teilweise zeigten die Programme beachtliche positionelle Leistungen. Wie beurteilst Du das positionelle Leistungsvermögen der Programme?

Antwort

Ich war etwas überrascht, wie stark die aktuellen Spitzenprogramme im positionellen Spiel agieren. Beeindruckend fand ich in dieser Hinsicht die Leistungen von Fritz gegen List und Shredder.

Frage

Welche Programme haben Dich hier besonders beeindruckt?

Antwort

Bisher kannte ich vor allem Fritz und Junior, auch aus deren Partien in den Matches gegen Kasparov. Als Mensch beurteilt man die Spielweise immer etwas aus der Sicht der eigenen Vorlieben. Bei diesem Turnier haben mir am besten die Partien von Shredder gefallen. Ich empfehle einmal, die Partien von Shredder gegen List mit dem Läuferopfer auf b2 oder die Partie gegen Brutus nachzuspielen.

Frage

In diesem Jahr haben wir zwei Matches von teilnehmenden Programmen (Junior + Fritz) gegen Garry Kasparov gesehen? Wie lange wird es Deiner Meinung nach dauern, bis der Mensch keine Chance mehr gegen einen Computer hat oder wird Deiner Meinung nach dieser Fall nie eintreten?

Antwort

Ich denke schon, dass der Moment (leider) kommen wird, wo der Mensch keine Chance mehr haben wird. Die Matches sind teilweise schwer zu bewerten, weil Kasparov nicht in seinem typischen Stil, sondern eher Anticomputerschach gespielt hat. Ich fürchte, dass der Mensch in fünf Jahren, vielleicht auch erst in zehn Jahren keine Chance mehr hat.

Frage

Das Medium Schach hat durch das Internet ganz neue Dimensionen bekommen. Hier wurde erstmals ein laufendes Turnier auf Schach.de mit allen Partien (Audio- und Videokommentierung) übertragen. Wie beurteilst Du die künftige Entwicklung für das Schach?

Antwort

Schach ist momentan in einer Krise. Es ist schwierig Sponsoren für Schach zu gewinnen. Die hier demonstrierte Technologie von ChessBase wird sicher dazu führen, dass Schach medienwirksamer präsentiert werden kann und damit für Sponsoren wieder interessanter wird.

Rochade-EuropaPeter Schreiner