Computerschach-WM 2003 in Graz Die Disqualifikation von List

von Peter Schreiner - Februar 2004

Unmittelbar nach der achten Runde wurde das teilnehmende Programm List disqualifiziert. Der Vorwurf lautete, das Programm sei ein Klon des Programms Crafty. Zu den Voraussetzungen für die Teilnahme bei einer Computer-WM gehört, dass das teilnehmende Programm eine Original-Arbeit des entsprechenden Programmierers ist. Ein Ultimatum zur Klärung der Vorwürfe ließ der Autor Fritz Reul laut ICGA-Präsident Levy verstreichen. Fritz Reul war nicht vor Ort und wurde von Erdogam Günes vertreten, der das Eröffnungsbuch für das Programm entwickelt hatte.

Fritz Reul weigerte sich, den Organisatoren von ICGA den Sourcecode seines Programms zwecks Überprüfung zur Verfügung zu stellen. Die ICGA bemühte ich nach Kräften per E-Mail und Telefonkontakt zu Fritz Reul aufzunehmen. Ohne Erfolg, der Autor ging nicht auf die Anforderungen ein. Das Nichtreagieren war letztendlich der Grund für die Disqualifikation. Ein Beweis für den Clonevorwurf existiert aber nicht.

Für die restlichen Teilnehmer war diese Entscheidung einfach nur ärgerlich. Im Grunde genommen hätte nichts dagegen gesprochen, das Programm die letzten drei Runden noch durchspielen zu lassen. Der Verdacht war der ICGA nämlich schon lange vor Turnierbeginn bekannt und die betroffenen Programmierer waren über den spielfreien Tag ebenfalls nicht glücklich. Wenn man berücksichtigt, dass die Teilnehmer Reise- und Aufenthaltskosten selbst tragen und wertvollen Urlaub opfern, ist der Ärger verständlich.

Außerdem wurde der Turnierverlauf durch das Ausscheiden des Programms unnötig verzerrt. Der Autor von Brutus protestierte gegen die Entscheidung. Immerhin mussten einige Teilnehmer während des Turniers Punkte gegen List abgeben, während andere Teilnehmer in den letzten Runden die Punkte kampflos zugesprochen bekamen. Auf der anderen Seite muss man Autor Fritz Reul vorhalten, dass er zumindest auf die Anfrage der ICGA hätte reagieren müssen. Sein Bediener Erdogan Günes hatte z.B. extra Urlaub genommen und im Vorfeld einen Sponsor für die Hardware und die anfallenden Kosten organisiert.

Rochade-EuropaPeter Schreiner