Computerschach-WM 2003 in Graz Das Endspiel: Runde 11 & Stichkampf

von Peter Schreiner - Februar 2004

Runde 11

In der letzten Runde in Graz waren alle Augen waren auf Shredder und Fritz gerichtet , die gemeinsam seit einigen Runden zusammen die Rangliste anführten und auf einen Punktverlust des Widersachers lauerten. Vergeblich warteten Junior und Brutus in der letzten Runde auf einen Ausrutscher der Favoriten. Fritz musste noch gegen ChessParsos spielen und es sah lange Zeit remislich aus. Trotzdem fand Fritz einen Plan, die Partie noch zu gewinnen: das niederländisch-deutsch Programm opferte einen Bauern und mit feinen Manövern konnte Fritz seine Stellung verbessern und letztendlich die Partie gewinnen.

Shredder - Jonny1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 d6 6.Lg5 Le7 7.f4 0-0 8.Df3 e5 9.Sf5 Lxf5 10.exf5 e4 11.Dh3 h6 12.Lh4 Dc7 13.g4 d5 14.g5 hxg5 15.fxg5 Sh5 16.0-0-0 Tc8 17.Lg3 Sf4 18.Lxf4 Dxf4+ 19.Kb1 Lxg5 20.f6 Sc6 21.fxg7 Kxg7 22.Le2 d4 23.Thf1 Dh4 24.Df5 dxc3 25.Tg1 Kf8 26.Txg5 Se7 27.Df6 Dh7 28.Td7 Sg6 29.Txb7 Dg7 30.Dd6+ Kg8 31.Txf7 Dxf7 32.Txg6+ Kh7 33.Tg4 Tab8 34.Th4+ Kg8 35.Tg4+ Kh7 36.Th4+ Kg8 37.Tg4+ Kh7 Damit wurde die dreifache Stellungswiederholung erreicht. Der Bediener von Jonny, Programmierer Johann Zwanzger, sah zwar, dass sein Programm das Remis anzeigte, reklamierte aber nicht beim Schiedsrichter und spielte weiter. Schiedsrichter und Turnierleitung erklärten dies für regelgerecht. 38.Lc4 Txb2+ 39.Ka1 Txc4 40.Th4+ Kg8 41.Dd8+ Df8 42.Tg4+ Kf7 43.Dd7+ De7 44.Tf4+ Kg6 45.Dxe7 Txa2+ 46.Kxa2 Ta4+ 47.Kb3 Tb4+ 48.Kxb4 a5+ 49.Kxc3 a4 50.Df6+ Kh5 51.Th4 matt

In der Partie Jonny-Shredder kam es in einer Gewinnstellung von Shredder zu einer nachträglich viel diskutierten Situation. Shredder hatte schon sich schnell eine Gewinnstellung erspielt und zeigte ein Matt in neun Zügen an. Problem: Jonny war am Zug und die Fritz-Gui zeigte - zurecht - eine dreimalige Stellungswiederholung an. Kurioserweise erkannte Shredder die Zugwiederholung nicht und dieser Bug tritt natürlich in der entscheidenden letzten Runde einer Weltmeisterschaft auf!

Normalerweise ist es in Computerturnieren üblich, dass der Bediener nicht in die Entscheidungen des Programms eingreifen darf. Folgt man dieser Logik, wäre die Partie Remis und Fritz damit Weltmeister gewesen. Turnierleiter van den Herik gab sinngemäß die Erklärung, dass laut dem Regelwerk der Spieler den Turnierdirektor hinzuziehen muss und zwar bevor er den Zug auf dem Brett ausführt. Nachdem der Operator den Zug ausgeführt und die Uhr gedrückt hatte und erst dann den Turnierleiter rief, war keine Eingreifmöglichkeit mehr vorhanden. Nach dem Turnier wurde der Autor Johannes Zwanzger heftig angegriffen. Seine Stellungnahme können Sie im Internet unter http://f23.parsimony.net/forum50826/messages/84889.htm nachlesen.

Es ist davon auszugehen, dass die ICGA zukünftig ihre Regeln anpassen und vor allem prüfen wird, welchen Einfluss der Operator auf die Engine nehmen darf. Generell sollte sich der Bediener so passiv wie nur irgendwie möglich verhalten. Wie auch immer. Nach dieser Entscheidung war ein Stichkampf zwischen Shredder und Fritz um den Titel des Computerweltmeisters fällig.

Der Stichkampf

In der ersten Partie konnte Shredder mit den weißen Steinen einen starken Angriff gegen den unrochierten König von Fritz initiieren, der allerdings nicht ganz durchdrang. Die hochtaktische und komplizierte Partie endete im 37. Zug mit Remis durch Zugwiederholung.

Mit einem Sieg in der zweiten Stichkampfpartie über Fritz konnte Shredder sich dann erneut den Titel des Computer-Weltmeisters sichern. Die 2. Stichkampfpartie war an Dramatik nicht mehr zu überbieten. Fritz eröffnete mit seinem soliden 1.Sf3 Aufbau und spielte Shredder an die Wand. Doch Shredder demonstrierte eine unglaubliche Zähigkeit im Aufspüren von Verteidigungsressourcen und konnte das Blatt noch wenden. Hier die Partie:

Fritz - Shredder
1.Sf3 c5 2.c4 Sf6 3.Sc3 e6 4.g3 b6 5.Lg2 Lb7 6.0-0 a6 7.Te1 Le7 8.e4 d6 9.d4 cxd4 10.Sxd4 Dc8N 11.f4 0-0 12.Le3 h5 13.h3 Td8 14.Tc1 Sbd7 15.f5 e5 16.Sd5 Te8 17.Sb3 Ld8 18.g4 hxg4 19.hxg4 Sh7 20.Dd2 Lh4 21.Ted1 Tb8 22.Sxb6 Sxb6 23.Lxb6 Lxe4 24.Lxe4 Txb6 25.De2 Sg5 26.Tc2 Db8 27.Kf1 a5 28.Ld5 a4 29.Dh2 axb3 30.axb3 Sf3 31.Lxf3 Dd8 32.Tc3 Dg5 33.Dd2 Df6 34.De3 Teb8 35.Ld5 Ta6 36.Dd3 Dh6 37.Kg2 Dg5 38.Tg1 Dxg4+ 39.Kh1 Dd4 40.De2 Lf6 41.Th3 Da7 42.Dd2 Kf8 43.Td1 Tab6 44.Df2 Da5 45.Tdd3 Ke7 46.Df1 Da7 47.Le4 Ta6 48.Td1 Ta2 49.De2 Ta1 50.Kg2 Lg5 51.Thd3 Txd1 52.Dxd1 Dc5 53.Dh5 Lf6 54.Ld5 Tf8 55.Dh3 Da5 56.Dh1 Tg8 57.Le4 Td8 58.Dd1 Lh4 59.Tc3 Db4 60.Dh5 Lf6 61.Ld5 Tf8 62.Dh3 Da5 63.Dh1 Dc5 64.Td3 Dc8 65.Tf3 Db8 66.Th3 Tg8 67.Le4 Tc8 68.Dg1 Dc7 69.De1 Tb8 70.De2 Da5 71.Ld5 Tg8 72.Dc2 g6 73.Tg3 Tc8 74.Dd1 gxf5 75.b4 Da2 76.De2 Da1 77.Ta3 Tg8+ 78.Tg3 Txg3+ 79.Kxg3 Dg1+ 80.Kh3 e4 81.Lxe4 Le5 82.Dg2 De3+ 83.Df3 Dxe4 84.Kg2 Dxc4 85.Dxf5 Dxb4 86.Dg5+ Ke6 87.Dd8 Dd2+ 88.Kf3 Dd1+ 89.Kf2 Ld4+ 0-1

Der Endstand

Rg.Programm AutorPkt.BH
1ShredderS. Meyer-Kahlen67
2FritzF. Morsch66½
3JuniorA. Ban965½
4BrutusC. Donninger63
5Green LightT. Foden663
6DiepV. Diepeveen660½
7ChinitoCastillo/Tang561
8Chess ParsosR. Huber557
9QuarkT. Mayer62½
10FalconO.D. Tabibi61
11Deep SjengG.C. Pascutto56
12JonnyJ. Zwanzger458½
13NexusR. Dörr55
14HossaS. Jakob49½
15Ruy-LopezJ.M. Moran259

List wurde nach der achten Runde disqualifiziert.

Fazit

Diese Computerschach-WM hat nicht nur Maßstäbe hinsichtlich der Organisation und der Präsentation geboten. Die beiden führenden Programme Shredder und Fritz demonstrierten Computerschach auf allerhöchsten Niveau. Bei beiden Programmen waren deutlich die Fortschritte in der Entwicklung zu erkennen. Fritz hat durch die lange Vorbereitung auf das Kasparov-Match in positioneller Hinsicht deutlich zugelegt und präsentierte sich als eine Art schachliche »Boa Constrictor.« Die Punkte von Fritz wurden einfach durch überlegenes positionelles Spiel erzielt. Shredder lieferte eine Reihe von scharfen Angriffspartien, überzeugte aber durch seine universelle Beherrschung aller Partiephasen und vor allem durch eine bemerkenswerte Findigkeit in der Verteidigung.

Im Grunde genommen hätten aufgrund der gezeigten Leistungen sowohl Fritz als auch Shredder den Titel verdient gehabt. Letztendlich hatte Stefan Meyer-Kahlen das Quäntchen mehr Glück, das notwendig ist, um solch ein stark besetztes Turnier zu gewinnen. Für Shredder gab es als Sahnehäubchen noch den Titel des Blitzweltmeisters. Während Stefan Meyer-Kahlen beim Stichkampf saß, wurde das Programm von Vincent van Diepeveen auf einem Notebook bedient und gewann vor Fritz die Blitzweltmeisterschaft.

Dramatisch bewerte ich das Abschneiden der Amateurprogramme. Vergleicht man das Score der Amateure im direkten Vergleich gegen die Profis, dann wurden aus insgesamt 32 Partien gerade einmal 1.5 Punkte von den Amateuren im direkten Vergleich erzielt. Das Ergebnis interpretiere ich dahingehend dass der Abstand zwischen den Top-Programmen und den Amateuren deutlich gewachsen ist. Zumindest ist momentan nicht zu erkennen, welches Amateurprogramm in nächster Zeit zum Leistungsniveau der Topprogramme aufschließen könnte.

Die nächste WM findet vom 4.- 12.7.2004 in Israel statt. Die Ausrichter von der Bar-Ilan Universität in Ramat-Gan waren in Graz vor Ort. Wenn Sie keinen Urlaub bekommen oder nicht nach Israel reisen wollen, können Sie trotzdem live dabei sein. Auch diese WM wird live auf Schach.de übertragen werden.

Rochade-EuropaPeter Schreiner