Computerschach-WM 2003 in Graz - Perfektes Ambiente & erstklassige Organisation

von Peter Schreiner - Februar 2004

Die ICGA (= International Computer Games Association) richtete die Computerschach-WM vom 22.11. - 30.11.2003 in Österreich, genauer in der Weltkulturstadt Graz, aus. Die Vergabe nach Graz entpuppte sich als echter Glücksgriff. Ich selbst war bei einigen Turnieren dabei, habe aber noch nie so ein perfekt durchorganisiertes Turnier mit solch erstklassigen Rahmenbedingungen erlebt. Auch langjährige Teilnehmer wie der Fritz-Autor Frans Morsch vertraten die Meinung, dass Graz die stimmigste und am besten durchorganisierte Computerschach-WM gewesen ist, die jemals unter der Ägide der ICGA durchgeführt wurde. Dieses Lob geht übrigens nicht an die ICGA, sondern an das Organisationsteam um Walter Kastner, der sich im Auftrag der Stadt Graz um die Organisation und die Rahmenbedingungen kümmerte.

Die Bedeutung des Turniers für die Stadt Graz konnte man daran erkennen, dass bei der Eröffnungszeremonie viel lokale Prominenz vor Ort anwesend war. In der Innenstadt waren überall Hinweisschilder auf die laufende Computerschach-WM angebracht. Die Durchführung und die Organisation der WM in Graz setzten sicher den Maßstab für zukünftige Turniere dieser Art. Der Spielort Dom im Berg liegt mitten im Stadtzentrum und wurde aus einem ehemaligen Luftschutzbunker mitten im Berg herausgearbeitet. Man konnte den Spielort nur durch einen Tunnel erreichen. Eine in architektonischer Hinsicht beeindruckende Konstruktion, die zudem eine Touristenattraktion von Graz darstellt.

Viele Touristengruppen hatten so ihre erste Begegnung mit dem Computerschach und waren offensichtlich fasziniert. Die große österreichische Schachtradition dokumentierte sich übrigens auch durch das Zuschauerinteresse. Noch nie zuvor waren bei einer Computer-WM so viele Zuschauer direkt vor Ort dabei. Wer nicht nach Graz kommen konnte, hatte die Möglichkeit, das Turnier zu Hause über das Internet komplett zu verfolgen. In Graz gab es eine nämlich eine echte Premiere. Erstmals wurde ein Schachturnier auf dem Schachserver Schach.de von ChessBase multimedial präsentiert. Es wurden nicht nur alle Partien live auf Schach.de übertragen. Gleichzeitig gab es Livevideos und Kommentare direkt aus dem Turniersaal!

Neben den Partiezügen sendete ChessBase Live-Videobilder der Eröffnungsfeier und später als Audio oder Video die Einschätzungen und Kommentare von Großmeister Peter Wells über die gesamte Dauer der Partien. Ein bisher beispielloser Service, den die Veranstalter in Graz zusammen mit ihren Partnern den Computerschachfans in der Welt kostenlos zur Verfügung stellten. Computerschachveteranen erinnern sich mit Schaudern noch an »alte« Zeiten (gar nicht so lange her), als man nicht einmal die Ergebnisse am gleichen Tag in Erfahrung bringen konnte. Entsprechend groß war der Applaus beim fachkundigen Publikum. Eine große Faszination übte auf die zahlreichen, mit Photoapparat ausgerüsteten Zuschauer, die Übertragungstechnik von ChessBase aus. Matthias Wüllenweber war permanent mit Notebook und angeschlossener Webcam im Turniersaal unterwegs und übertrug Livevideos auf Schach.de!

Zum Glück war Matthias dank der exzellenten steirischen Küche gut gestärkt für die manchmal schweißtreibende Arbeit. Ein Dank muss unbedingt an das Organisationsteam um Walter Kastner ausgesprochen werden. Ohne das technische Wissen und die fachkundige Unterstützung des Teams vor Ort wäre die Übertragung sicher nicht möglich gewesen.

Leider war die Teilnehmerzahl sehr gering. Trotz des Booms im Bereich Engineentwicklung traten nur 16 Schachprogramme im Wettbewerb an. Seit London 2000 setzt sich damit der Trend mit geringen Teilnehmerzahlen fort. In Paris 1997 oder in Paderborn 1999 waren z.B. weit über 30 Programme dabei. Nach dem Rückzug der früheren Top-Programme Genius oder MChess vermisste man in Graz bekannte Programme wie Rebel, Hiarcs, Gandalf oder The King. Das liegt wohl vor allem daran, dass sich die ICGA fast ausschließlich aus den Sponsorengeldern finanziert, die vom Ausrichter des Turniers an die ICGA bezahlt werden.

Bei früheren Turnieren gab es für teilnahmewillige Teilnehmer noch einen Zuschuss. Immerhin müssen die Amateure sämtliche Reise- und Aufenthaltskosten tragen, dazu kommt noch der Urlaub, der nicht immer bewilligt wird. Mit der entsprechenden finanziellen »Spritze« könnte man einige Amateure sicher leichter dazu bewegen, an den WM-Turnieren teilzunehmen. Dies würde der Attraktivität der WM-Turniere sicher nicht schaden.

Rochade-EuropaPeter Schreiner