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Diagramm 23-2006
 
Diagramm 23 – 2006
Schwarz hat zwei Bauern geopfert und steht nun vor der Frage, ob er sich auf e5 wieder einen zurück holen soll. Was meinen Sie?
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Nobody is perfect ...   Teil 2
von Peter Schreiner - Januar 1999
 
 
Crashtest
Die nachfolgenden Stellungen sollen vor allem verdeutlichen, dass die aktuelle Generation der modernen Schachprogramme neben ihren unbestrittenen Qualitäten immer noch viele Schwachstellen aufweist. Wichtig: die nachstehenden Beispiele sollen insbesondere aufzeigen, dass bei der Analyse mit einem Schachprogramm immer auch eine gehörige Portion Skepsis gegenüber der "Meinung" des Computers angebracht ist. Wir würden uns übrigens freuen, wenn unsere Leser weitere Beispiele zusenden würden, die wir dann gerne in einer der kommenden Ausgaben veröffentlichen werden.
 
Der Gewinn für Weiß ist einfach: 1.Txg8! (die meisten Programme bevorzugen 1.Tg7+)
1...Kxg8 2.Se7+ Kf7
3.Sc6 Ke8 4.Ke6 +-
Selbst nach 3.Sc6 benötigen so manche Vertreter der aktuellen Softwaregeneration erstaunlich lange, bis sie erkennen, dass trotz des Materialvorteils nichts mehr für Schwarz geht.
 
In dieser Stellung hat Schwarz zwar materiellen Vorteil, steht aber klar auf Verlust. Das Motiv (der eingeklemmte König) signalisiert einem Menschen auf Anhieb die richtige Lösung: 1.Ld6! De2 2.Lb4 Dxb5 3.Le4 e5 (erzwungen) 4.f3 und Schwarz muss die Dame geben, um das Matt zu verhindern. Viele Spitzenprogramme haben große Probleme beim Auffinden der Lösung 1.Ld6!
 
Alle Schachprogramme sind exzellente Taktiker. Trotzdem sollte man bei der Analyse mit einem Schachprogramm nicht davon ausgehen, dass die Maschinen in dieser Hinsicht immer unfehlbar sind. In der obigen Stellung gewinnt Weiß mit 1.Sf5!! gxf5 2.gxf5 Df7 3.Tfh3 Lxf5 4.Tf3 +-. Viele Programme erkennen hier aber die Konsequenzen dieses Opfers erst nach 3.Tfh3.
 
Der einzige richtige Zug in dieser Stellung ist 1.Kh1!, um Dauerschach und damit Remis zu vermeiden.
Die meisten Programme können der computertypischen Fressgier aber nicht widerstehen und grabschen gierig mit 1.Kxf2 den Läufer, wonach statt dem vollen Punkt nur ein Remis eingefahren wird.
 
Richtig ist 1.Txc6!! Lxc6 2.Sf6+ (auch dieser Zug bereitet vielen Maschinen große Schwierigkeiten) 2...gxf6 3.Sxh7 fxe5 4.Sf6+ Dxf6 5.Dxf6 +-.
Hier brilliert beispielsweise die neue 32Bit-Version Fritz 5.32 und findet die ersten entscheidenden drei Schlüsselzüge auf meinem K6/333 + 64 MB HashTables bereits nach 73 Sekunden!
 
1.Se4!! (das Opferangebot des Springers zwecks Umwandlung eines Freibauern gewinnt)
1...Sc8+ 2.Kc7 +-
Gibt man den Programmen den Schlüsselzug vor, haben diese relativ schnell den Durchblick.
Große Probleme haben sie aber der Schlüsselzug, der dem Gegner die Kontrolle über wichtige Felder nimmt, zu finden.
 
Mit 1.Kc2!! verhindert Weiß, dass der Läufer beide Bauern aufhalten kann oder es zur beiderseitigen Umwandlung kommt.
 
1...Sc3!! mit Hilfe des Springeropfers gewinnt Schwarz recht einfach. Wichtig zur Beurteilung des Spielverhaltens ist nicht nur die Anzeige der Hauptvariante, sondern auch die der Stellungsbewertung! So zeigt z.B. Fritz 5.32 zwar zuerst den richtigen Zug 1...Sc3 an, bewertet diesen Zug aber nur leicht vorteilhaft für Schwarz und schwenkt dann zu dem deutlichen schlechteren Zug 1...Sd6.
 
Beim elementarem Endspielwissen machen viele Top-Programme keine sonderlich gute Figur. Jedem Anfänger bläut man im Schachunterricht ein: der Turm gehört im Endspiel hinter den Freibauern! In unserem Beispiel ist die Stellung einfach mit 1.Td2 und folgendem Ta2 gewonnen. Auch die "wissensbasierten" Programme stellen sich in diesem Beispiel ausgesprochen ungeschickt an und bevorzugen beharrlich 1.a6.
 
Ein menschlicher Schachspieler weiß (oder sollte es zumindest wissen), dass diese Stellung nach 1.Kxb5! wegen der ungleichfarbigen Läufern Remis ist. Das Schlagen des Läufers würde zu einem verlorenen Endspiel führen. Achten Sie bei der Analyse mit Ihrem Rechner auch auf die Anzeige der Stellungsbewertung!
Mattanzeigen wie z.B. "Matt in XY-Zügen" sollte man ebenfalls mit gewisser Skepsis betrachten. Im folgenden Beispiel kann Weiß mit 1.Sxe5 forciert mattsetzen.
Junior 5.0 hat bekanntlich in der Grundeinstellung Probleme, wenn es mit Mattstellungen konfrontiert wird und nur noch wenig Material hat, wie z.B. nur noch einen Springer und bewertet dieses Stellung also mit Remis.
Der neue Nimzo 99 erkennt zwar ein Matt, allerdings in drei Zügen ...?!
Untersuchen Sie die Stellung mit Ihrem Schachprogramm.
 
 
Rubrik Aussetzer ...
Nach wie vor produzieren Schachprogramme echte Aussetzer. In der folgenden Stellung demonstriert z.B. die neue 32Bit-Version von Fritz 5.32 ein eigenartiges Verhalten:
Es gewinnt 1.c7 Kxc7 2.axb6+
Den Zug 1.c7 zeigt Fritz zwar an, bewertet ihn aber mit 0.00 als Remis. Spielt man jetzt im Analysemodus den Zug 1.c7 aus, folgt noch korrekt 1....Kxc7. Aber anstatt 2.axb6 schlägt Fritz beharrlich 1.Txa8?? Sxa8 2.Kxa7 vor, was in der Tat Remis ergibt. Sogar nach 2.axb6 sieht er sich nur minimal im Nachteil. Führt man im Analysemodus den Zug 2...Kxb8 aus, "merkt" Fritz (endlich!), was los ist.
 
Mit dieser Stellung hat Junior 5 sehr große Probleme: 1.Dxb8+ setzt matt in zwei Zügen, was von Junior nicht erkannt wird. 1.Sxb8? ist der Vorschlag von Junior. Wird zwar auch Matt, aber eben nicht auf dem kürzesten Weg. Merkwürdig wird es später. Gibt man im Analysemodus jetzt die richtige Lösung vor, entsteht die folgende Position:
 
Hier erkennt Junior 5 das einzügige Matt nicht!! Offensichtlich fehlt dem Programm das Wissen, dass man durchaus mit einem einzelnen Springer Matt setzen kann (mit 2.Sb6#).
 
Die Ausgangsstellung habe ich auch mit Nimzo 99 von Chrilly Donninger überprüft. Nimzo 99 will genau wie Junior 5.0 anstatt 1.Dxb8 ebenfalls das inkorrekte 1.Sxb8 ziehen. Die Mattanzeige zeigt "Matt in 1" was natürlich nicht stimmt. Gibt man Nimzo 99 in der Ausgangsstellung den Lösungszug 1.Dxb8 vor, zeigt das Programm 1...Lxb8 mit einer Stellungsbewertung von 0.00 an (???). Führt man diesen Zug dann aus, gibt es die Anzeige "Matt in 0 Zügen", aber immerhin zeigt Nimzo 99 den Zug 1.Sb6# in seiner Hauptvariante an. Offensichtlich bereitet die Ausgangsstellung nicht nur Junior 5.0 Probleme ...
 
 
Fazit
Auch die Vertreter der neuesten Generation leiden nach wie vor an altbekannten Schwächen. Nach m.M. sind die Fortschritte in der Grundfunktion (also dem eigentlichen Schachalgorithmus) gar nicht so großartig, wie dies die Hersteller immer suggerieren. Offensichtlich gibt es also für alle Programmierer noch reichlich zu tun, bis die Programme wirklich auf echtem Großmeister-Niveau spielen.
 
Um eventuelle Missverständnisse auszuschließen: mir ging es keinesfalls darum, die Arbeit der Programmierer abzuqualifizieren. Fakt ist, dass die aktuellen Programme eine echte Bereicherung für das Training bieten. Es ist aber auch eine nicht zu verleugnende Tatsache, dass die aktuellen Versionen in Bezug auf die Spielstärke im wesentlichen wohl konzeptionell ausgereizt sind und es immer noch keinen erfolgversprechenden Lösungsansatz gibt, seit Jahren bekannte Schwächen erfolgreich auszumerzen. Es bleibt abzuwarten, welche Entwicklung die Zukunft bringt. So wunderbar die ausgeklügelten Features in den neuen Versionen auch sind, einen echten Fortschritt stellen sie meiner Ansicht nach nicht dar.
 
Aus meiner Sicht gibt es noch einen Aspekt: wie sieht es mit den elementaren Grundfunktionen aus? Sollte man heutzutage nicht in Anbetracht der Systemressourcen erwarten können, dass ein Autor bei seinem Schachprogramm zumindest die Regeln korrekt und vor allem vollständig implementiert? Eine andere Frage ist, mit welchen Methoden man versucht, solche Schwächen zu lokalisieren, damit man sie berücksichtigen kann. Eines sollte man sich immer bewusst machen: es gibt kein Schachprogramm ohne Fehler!
 
Der neueste Trend sind die sehr beliebten Enginekonzepte, wo man die Möglichkeit hat, auf einem Computer vollautomatisch komplette Turniere oder Matches auszutragen. Für Programmautoren ist dies sicher eine große Hilfe, da sie jetzt relativ unkompliziert zu einer Datengrundlage kommen, um nach Ansätzen für Verbesserungen zu suchen. Ich sehe aber auch ein Problem: viele Tester lassen sich von diesen Möglichkeiten zur Oberflächlichkeit verführen!
 
Zum guten Schluss möchte ich noch eine Stellung vorstellen, die mir seinerzeit GM Seirawan in Den Haag vorlegte und die nach meinem Kenntnisstand bisher von keinem Schachprogramm gelöst wurde.
 
 
Viel Spaß beim Lösen!
 
Peter Schreiner
 
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