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Diagramm 16-2006
 
Diagramm 16 – 2006
Schwarz am Zuge benötige hier nur noch zwei Züge, um den Anziehenden zur Aufgabe zu bewegen. Wie setzte er fort?
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Nobody is perfect ...   Teil 1
von Peter Schreiner - Januar 1999
 
Wie verbessert man Standardsoftware, die im wesentlichen seit Jahren ausgereift ist? Betrachtet man den Entwicklungsstand bezüglich der Weiterentwicklung aktueller Standardsoftware, z.B. den üblichen Office-Paketen oder Textverarbeitungen, kann man folgende Rückschlüsse ziehen: die vom Anwender meist genutzten Grundfunktionen beherrschen diese Programme bereits seit Jahren. Was dem Kunden in neuen Versionen als Fortschritt angepriesen wird, ist bei genauerer Betrachtungsweise eher ernüchternd. Häufig implementieren die Entwickler ganz wunderbare Features und neue Funktionen, die nur einen Nachteil haben: kein Mensch braucht sie und die Programme werden in der Regel immer aufgeblähter und instabiler.
 
Es ist aufgrund diverser Usabilitytests erwiesen, dass z.B. bei einer Textverarbeitung wie dem aktuellen Winword der normale Anwender noch nicht einmal 10% der implementierten Funktionen überhaupt nutzt. Den geplagten Anwender sehen einige Firmen bei ihrer Vertriebspolitik quasi als eierlegende Wollmilchsau an, der neben seiner Funktion als zahlender Kunde gleich noch die undankbare Aufgabe als Beta-Tester übernehmen darf. Es dürfte wohl unstrittig sein, dass dem User insbesondere die letzte Funktion bei der Bewältigung seiner täglichen Arbeit am PC wenig gefallen dürfte ...
 
Wie sieht es eigentlich mit den Fortschritten im Bereich der aktuellen Schachsoftware aus? Die elementaren Grundfunktionen - wie z.B. Schachspielen - beherrschen die Schachprogramme ja bereits mehr oder weniger gut seit Jahren. Oder vielleicht doch nicht? Wie sieht es eigentlich mit den elementaren Grundfunktionen, nämlich der Spielstärke und dem Spielstil, aus?
 
Vorab: bei dem folgenden Artikel handelt es sich um den Versuch, diese Fragen einmal aus meiner sehr subjektiven Betrachtensweise einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Ich gehe keineswegs davon aus, dass alle Computerschachfreunde meine Ansichten unbedingt teilen werden. Wie wir aus zahlreichen Leserzuschriften wissen, gibt es eine recht große Anzahl von Schachfreunden, die mit dem Kauf ihres ersten Rechners erst vor kurzem den Einstieg in das komplexe Thema "Computerschach" gewagt haben. Insbesondere für diese Zielgruppe dürfte es sehr interessant sein, einmal eine konkrete Bewertung dieser Fragen kennenzulernen.
 
 
Konzepte
Die Hersteller von Schachprogrammen versprechen dem Anwender (fast immer) mit jeder neuen Version eine deutliche Verbesserung der Spielstärke - diese Tatsache ist übrigens eine der elementaren Gemeinsamkeiten der Branche ...
 
Mittlerweile gibt es riesige Eröffnungsbibliotheken, die teilweise mehrere hundert Megabytes auf der Festplatte beanspruchen, Endspieldatenbanken, Positionsbäume, gigantische HashTabellen, usw. Klammern wir (diese natürlich nicht unwichtigen) Faktoren einmal aus und beschäftigen uns mit dem dazwischen agierenden, entscheidenden Teil: dem eigentlichen Programmalgorithmus. Im Grunde genommen kann man unter den Vertretern der Zunft zwischen zwei Grundströmungen unterscheiden:
  1. Schnell rechnende, auf hohe Suchtiefen angelegte Programme. Die Vertreter dieser Richtung verzichten weitgehend zugunsten einer optimalen Ausführungsgeschwindigkeit auf die Implementierung von konkretem Schachwissen.
  2. "Wissensbasierte" Programme mit relativ viel Schachwissen. Hier gilt das Motto: Geschwindigkeit ist nicht alles und das Programm soll auch etwas vom Schach "verstehen". Der Nachteil besteht oft darin, dass diese Programme oft auf Grund des komplexen Wissens stark in ihrer Ausführungsgeschwindigkeit ausgebremst und damit taktisch relativ anfällig werden.
Nach den bisherigen Erfahrungen kann man interessanterweise konstatieren, dass die Programme trotz der unterschiedlichen Konzeption und Programmstruktur in etwa ein gleiches Level erreichen; sich aber hinsichtlich ihres Spielverhaltens beträchtlich unterscheiden.
 
Bei einer etwas genaueren Analyse zeigt sich aber immer wieder, dass selbst Spitzenprogramme nach wie vor an den seit vielen Jahren bekannten, computertypischen Schwächen kränkeln, wie z.B. mangelndes Verständnis hinsichtlich Königssicherheit oder für langfristige Planungen, übertriebene Materialgier, Horizonteffekte, gravierende Endspielschwächen um nur einige zu nennen. Schachprogramme gelten als überragende Taktiker, was sich oft in beeindruckenden Lösungszeiten für langzügige Mattführungen dokumentiert. Betrachten wir das folgende Beispiel:
 
Matt in 15 Zügen
1.Txg7+!! Txg7 2.Txg7+ Kxg7
3.De7+ Kg8 4.De8+ Kg7
5.h6+ Kxh6 6.Df8+ Kh5
7.Df7+ Kh4 8.Dxh7+ Kg3
9.Dg7+ Kh4 10.Dg5+ Kh3
11.Kf2 Dc5+ 12.Kf1 Dxc4+
13.bxc4 Txc4 14.Dg2+ Kh4
15.Dh2 Matt
 
Ein besonders beindruckendes Lösungsverhalten für dieses langzügige Matt zeigen die diversen Programme von J. De Koning, z.B. findet der aktuelle CM6000 die Lösung bereits nach 2 Sekunden! Allerdings unterlaufen den Top- Programmen auch in der ureigensten Domäne der elektronischen Schachkünstler, nämlich der Taktik, hin und wieder gravierende Fehlleistungen, dazu bringen wir später noch einige Beispiele. Diese Schwächen treffen übrigens sowohl für die wissensbasierten Programme, als auch für die "Schnellrechner" zu.
 
Nimmt das Spielverhalten aktueller Top-Programme einmal kritisch unter die Lupe, fällt eine Gesetzmäßigkeit besonders auf: neben spektakulären Leistungen gibt es ebenso häufig gravierende Aussetzer » die Programme spielen eben nicht auf einem konstant hohen Niveau. Viele Hersteller verweisen - zu Recht - immer wieder auf teilweise spektakuläre Erfolge ihrer Programme gegen Titelträger hin. Warum verlieren hochqualifizierte Schachspieler, unter anderem Großmeister, trotz der bekannten Computerschwächen in schöner Regelmäßigkeit gegen Schachcomputer?
 
Untersuchen wir die oben gemachten Behauptungen einmal am Beispiel vom PC-Klassiker MChess Pro von Marty Hirsch. Ich bediente MChess in den letzten Jahren sowohl in reinen Computerturnieren als auch in Turnieren mit menschlicher Beteiligung und konnte daher mit diesem Programm einige interessante Erfahrungen hinsichtlich der oben angesprochenen Punkte sammeln.
 
 
Spiel gegen Menschen
Im Blitz- oder Schnellschach ist die Kombination Top-Programm + schneller PC selbst Spitzengroßmeistern deutlich überlegen. Der Grund dafür ist einfach auszumachen: bei kurzen Bedenkzeiten steigt die Fehlerquote eines Menschen überproportional an. Im Unterschied zum Menschen macht ein modernes Schachprogramm auch bei sehr kurzen Bedenkzeiten keine gravierenden taktischen Fehler. Von MChess Pro kann man in den diversen Informationsquellen immer wieder lesen, dass es ein schlechter Blitzer ist. Nun mag das durchaus gegen andere Programme zutreffen, wie sieht es aber gegen Menschen aus?
 
Beim Aegon-Turnier 1996 in Den Haag hatte ich als Bediener von MChess großes Glück. Der amerikanische Top-Großmeister und Ex-Jugendweltmeister Yasser Seirawan traf sich nach jeder Runde mit mir und spielte mit großer Begeisterung gegen das von mir bediente MChess (auf einem P166 mit 16MB RAM) Blitzpartien.
 
MChess gewann deutlich mit einem Gesamtergebnis von 28,5-9,5 Punkten gegen einen im Spiel gegen Elektronenhirne sehr erfahrenen Großmeister. Das Programm wurde zwar regelmäßig strategisch überspielt, verteidigte sich aber zäh und nutzte dann den kleinsten taktischen Fehler gnadenlos aus.
 
Beurteilt man nüchtern nicht nur das reine Ergebnis, sondern auch den Verlauf der Partien, kann man keinesfalls davon ausgehen, dass das Programm auf Großmeisterniveau spielt. Es gibt noch einen weiteren Effekt. 1996 lernte ich in Den Haag den jungen israelischen GM Yona Kosashvili (Elo 2580) kennen, der zu diesem Zeitpunkt ganz offensichtlich noch über gar keine Erfahrungen im Spiel gegen Computer verfügte. Dementsprechend gingen auch einige Blitzpartien gegen MChess aus.
 
Auch im Turnier schnitt der Großmeister nicht sonderlich gut ab. Beim Turnier 1997 hatte sich Kosashvili offensichtlich bestens vorbereitet. Dies bekam auch MChess zu spüren, das diesmal in einer Partie mit längeren Bedenkzeiten gegen den GM antreten musste. In dieser Partie deckte Kosashvili gnadenlos auf, wie hilflos selbst absolute Spitzenprogramme in von strategischen Motiven geprägten Stellungen agieren. Offensichtlich hatte sich der Israeli exzellent vorbereitet, denn er gewann das Turnier mit dem 100%igen Ergebnis von 6/6.
 
Natürlich gibt es auch Turnierpartien, in denen MChess etliche Großmeister mit schön anzuschauendem Positions- und Endspiel besiegt hat. Immerhin konnte MChess Pro als erstes PC-Programm sogar einen Wettkampf unter Turnierbedingungen gegen einen Großmeister (GM Efimov Elo 2530) gewinnen. Darum geht es an dieser Stelle nicht.
 
Das Programm des PC-Pioniers Hirsch musste jetzt einfach einmal zur Verdeutlichung herhalten, wo die typischen Stärken und Schwächen bei aktuellen Schachprogrammen liegen. Würde man nur die reine Statistik im Blitzmatch gegen Seirawan zur Beurteilung von MChess Pro heranziehen, so wäre das eben nur die halbe Wahrheit. Es sagt nicht im geringsten etwas über die schachlichen Qualitäten eines Programms aus.
 
Vielmehr zeigt es sich, dass alle bekannten Programme mit den gängigen Programmiertechniken jegliches Verständnis für die Zusammenhänge einer gegebenen Stellung fehlt. Die unterschiedliche Herangehensweisen von Mensch und Computer an das Problem Schach kann man anhand der beiden nachfolgenden, konstruierten Positionen besonders gut verdeutlichen:
 
Diese Stellung ist ein ganz typisches Beispiel dafür, wie simpel auch die aktuellen Top-Programme eine Stellung beurteilen. Dem Mensch ist auf Anhieb klar: auf Grund der Bauernstruktur ist die Stellung totremis. Testen Sie diese Position einmal mit einem beliebigen Schachprogramm. Für die weiße Seite wird jedes Programm eine extrem negative Bewertung anzeigen und schnellstmöglich den schwarzen Turm schlagen, um die eigene Materialbilanz etwas zu verbessern. Natürlich ist Weiß nach dem Schlagen des schwarzen Turms auf a5 rettungslos verloren... Aus Sicht von Schwarz wird es unbedingt den schwarzen Turm auf a5 wegziehen wollen, obwohl damit die einzigste Chance auf einen Gewinn ausgelassen wird, die natürlich auf der Annahme basieren würde, dass Weiß überhaupt diesen gravierenden Fehler machen wird. Wie auch immer: kein Programm erkennt, dass die Stellung für Weiß verloren ist, wenn die geschlossene Bauernstruktur von Weiß zerstört wird.
 
Das Beispiel basiert auf auf dem gleichen Prinzip. Schwarz hat zwar erheblichen materiellen Vorteil, kann diesen aber wegen der totalen Bewegungslosigkeit seiner Figuren nicht ausnutzen und steht klar auf Verlust, da Weiß einfach mit König und Turm ungehindert mattsetzen kann. Untersuchen Sie einmal diese Stellung mit einem beliebigen Schachprogramm. Zuerst wird die Stellung auf Grund des schwarzen Materialvorteils als vorteilhaft für Schwarz bewertet. Einige Spitzenprogramme erkennen nach einer gewissen Rechentiefe, dass Schwarz mit seinem Materialvorteil nicht das Geringste anfangen kann und auf Verlust steht. Wie lange benötigt Ihr Lieblingsprogramm, um mit einer deutlich positiven Stellungsbewertung "Durchblick" zu signalisieren?
 
 
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