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Diagramm 19-2006
 
Diagramm 19 – 2006
Die schwarzen Figuren stehen äußerst aktiv. Nun gilt es loszuschlagen. Haben Sie eine Idee, wie Schwarz seinen Gegner zur Aufgabe zwang?
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Chess Tiger 14 + Gambit Tiger 2 -
ein superstarkes Gespann!
besprochen von Peter Schreiner - Mai 2001
 
Christophe TheronDie Schachengines Chess Tiger 14.0 und Gambit Tiger 2.0 von dem französischen Programmierer Christophe Theron (siehe Bild) sind zur Zeit das beliebteste Diskussionsthema in der Szene des Computerschachs. Dafür gibt es einen sehr guten Grund: nachdem man in den letzten Jahren davon ausgehen konnte, dass die Spitzenprogramme mehr oder weniger auf dem gleichen Level agieren, zeigt es sich, dass insbesondere das Programm Chess Tiger 14.0 geradezu beeindruckende Resultate gegen die elektronische Konkurrenz erzielt, die das "Gleichgewicht der Kräfte" nachhaltig erschüttern. Der typische RE-Leser wird als aktiver Schachspieler mit Sicherheit auch andere Anforderungen an sein Schachprogramm stellen.
 
Sicher, eine hohe Spielstärke gegen andere Computerprogramme ist ein wichtiges Indiz für die erste Einschätzung, noch viel wichtiger ist für den aktiven Schachspieler neben dem Spaßfaktor vor allem hohe Zuverlässigkeit und präzise Analyseergebnisse. Der Autor der beiden Engines, Christophe Theron, lebt auf der Karibikinsel Guadeloupe und befindet sich momentan in einer kreativen Hochphase, die für den Anwender mit dem angenehmen Nebeneffekt einhergeht, dass gleich zwei absolute Top-Programme vom gleichen Autoren zur Verfügung stehen, die sich zwar durch den Spielstil unterscheiden, aber in der Summe der Eigenschaften in etwa auf gleich hohem Niveau agieren.
 
Wir haben die beiden Engines bereits im Artikel Chess Tiger 14 (1) kurz charakterisiert und wollen an dieser Stelle anhand von einigen weiteren Stellungsbeispielen die analytischen Qualitäten der Engines etwas eingehender beleuchten. Mittlerweile haben gleich drei Hersteller - Schröder B.V, Convekta und ChessBase - die Qualitäten und das Potential der Tiger-Engines erkannt und bieten diese unabhängig voneinander an. Einige Stichproben belegen, dass sich die Engines vom Spielverhalten kaum unterscheiden und nur minimale Abweichungen aufweisen. Insofern hängt es vom Geschmack des Anwenders ab, unter welchem Interface er die Engines einsetzt. Die Performance bleibt auf jeden Fall identisch und wird von den unterschiedlichen Oberflächen nicht nachteilig beeinflusst.
 
 
Gambit Tiger 2.0
Wer gerne selbst gegen sein Programm spielt, wird mit Gambit Tiger 2.0 voll auf seine Kosten kommen. Das Programm verfügt ganz offensichtlich über eine effiziente Implementierung typischer Angriffsmotive und innerhalb der Bewertungsfunktion wird der Faktor Initiative offensichtlich mit einem Extrabonus honoriert. Aus diesem Grund schreckt die Engine völlig computertuntypisch auch vor Materialopfern nicht zurück, um die Initiative zu erringen. Diesen Ansatz gab es bereits einmal vor einigen Jahren in extremer Form bei dem Programm ChessSystem Tal von Chris Wittington. Bei diesem Programm war es in der Regel so, dass sich echte "Genieblitze" und sehr schön vorgetragene Angriffe immer wieder in schöner Regelmäßigkeit mit grauenhaften Einstellern und positionellen Patzern abwechselten.
 
Die von Christophe Theron entwickelte Engine ist bedeutend ausbalancierter, was sich u.a. auch in hervorragenden Ergebnissen gegen andere Programme dokumentiert, die in der Regel taktische Ungenauigkeiten präzise widerlegen. Charakteristisch für Gambit Tiger 2.0: wenn ein Opfer gebracht wird, dann gibt es dafür auch einen plausiblen Grund. Anhand der nachfolgenden Beispiele wollen wir einmal den Versuch unternehmen, einige charakteristischen Merkmale und spielerischen Eigenschaften dieser Engine aufzuzeigen. Das effizient implementierte Wissen um Initiative und typische Angriffsverfahren nützt dem Programm auch in bedrängten Positionen, wo es auf möglichst genaue Verteidigung ankommt. Dazu ein Beispiel aus der Partie Lisitin - Estrin, Leningrad 1949.
 
Lisitin - Estrin11.Ld2! Weiß scheint aufgrund der rückständigen Entwicklung in großen Schwierigkeiten zu sein. Das klassische Verteidigungsmotiv in solchen Stellungen besteht darin, Material zurückgeben und die Entwicklung abschließen. Durch das Schlagen auf b2 würde Schwarz seinen Entwicklungsvorsprung einbüßen und die b-Linie könnte später zum Angriff auf den schwarzen König genutzt werden [11.Db3? Dxb3 12.axb3 Sb4! 13.Txa7 Kb8 14.Ta5 b6 Der Turm hat keinen geeigneten Rückzug]. Gambit Tiger 2.0 spielt den Schlüsselzug auf dem Athlon 1 GHz nach 1:59 Minuten aus.
 
Wenn man die Partien von Computern gegen starke Menschen kritisch unter die Lupe nimmt, muss man sich damit abfinden, dass uns die elektronische Konkurrenz im taktischen Bereich deutlich überlegen ist. Selbst bei der Analyse von Partien auf höchstem Niveau weisen die Programme den Spielern immer wieder taktische Ungenauigkeiten nach. Als ureigene Domäne des Menschen wird das kreative, vorausschauende Schach mit langfristiger Bewertung angesehen. Gerade in diesem Bereich zeigt die Engine erstaunliche Leistungen, die beim Kenner weit mehr Eindruck hinterlassen, als dies z.B. bei forcierten, langzügigen Mattansagen der Fall ist. Unser folgendes Stellungsbeispiel fällt eindeutig in diese Kategorie und wie nicht anders zu erwarten war, tun sich die meisten Programme sehr schwer mit dem Aufspüren des Qualitätsopfers.
 
Smsylov - TrifunovicSmsylov - Trifunovic
Zagreb 1955
 
Nicht so Gambit Tiger 2.0, das den Schlüsselzug 24.Txf6!! auf meinem Athlon 1 GHz bereits nach 44 sec anzeigt und die Bewertung konstant hält. Nach dem Qualitätsopfer zeigt es sich, dass das weiße Läuferpaar einen enormen Druck auf die geschwächte Königsstellung ausübt und die Manövrierfähigkeit des Gegners stark einschränkt. Der weitere Partieverlauf war 24...gxf6 25.Lxf6 Dh5 26.De3 h6 27.h3 Df5 28.Lc3 Kh7 29.g4 Dg5 30.f4 Dh4 31.Kg2 Tg8 32.De7 Dxe7 33.Txe7 Tae8 34.Txe8 Txe8 35.f5 a6 36.Kf3 Tc8 37.Ld4 b5 38.Ld3 Tc1 39.fxg6+ fxg6 40.h4 Td1 41.Ke2 Th1 42.h5 Th2+ 43.Lf2 Kg7 44.hxg6 h5 45.gxh5 Txh5 46.Ld4+ Kg8 47.Le4 a5 48.Kf3 1-0
 
In vielen Eröffnungssystemen gibt es bestimmte Verfahren und Standardwendungen, die sich häufig wiederholen. Eine der Stärken des sehr guten Schachspielers besteht darin, dass er bestimmte Muster und Wendungen wieder erkennt und ggf. in modifizierter Form in seinen eigenen Partien anwendet. Die folgende Stellung stammt aus der Partie Kotov - Gligoric, Zürich 1953:
 
Kotov - GligoricDiese Formation und das von Gambit Tiger 2.0 nach wenigen Sekunden ausgespielte Motiv sollte jeder Schachspieler kennen, welcher Königsindisch in seinem Repertoire hat. Schwarz spielte 11...e4! 12.fxe4 f4 Trotz des Minusbauern steht Schwarz jetzt positionell mit dem starken Lg7 und dem herrlichen Zentralfeld e5 klar besser.
 
Die aufgezeigten Stellungsmuster demonstrieren die typischen Spieleigenschaften dieser auf Initiative und Aktivität orientierten Schachengine. Wir gehen davon aus, dass Gambit Tiger 2.0 aufgrund seiner spezifischen Spieleigenschaften im Spiel gegen Menschen nicht so leicht auszurechnen und daher ein besonders unangenehmer Spielgegner ist. Auch mit typischem Computerschach ist es nicht so leicht, dem Programm beizukommen. Nehmen wir zum Beispiel den "Trojaner", ein beliebtes, fast klassisches Verfahren, um einen Computer reinzulegen.
 
In dieser Stellung darf Weiß auf keinen Fall den schwarzen Läufer auf g4 schlagen. Ein halbwegs erfahrener Spieler erkennt auf Anhieb, dass der gierige Griff nach dem Läufer wegen der geöffneten Angriffslinie des Turms ein verhängnisvoller Fehler wäre. Das erkennt Gambit Tiger 2.0 auch auf Anhieb und ist nicht dazu zu bewegen, in computertypischer Fressgier den Läufer zu schnappen.
 
 
Chess Tiger 14.0
Die Standard-Engine Chess Tiger 14.0 ist in vielen Bereichen mit der zuvor besprochenen Gambit-Engine identisch. Der Hauptunterschied liegt in der Bewertungsfunktion beider Engines. Daraus resultiert ein stilistisch unterschiedliches Spielverhalten. Während Gambit Tiger 2.0 Experte für Königsangriffe und Initiative ist, agiert Chess Tiger 14.0 weniger aggressiv, dafür aber bedeutend positioneller und solider. Es gibt daher etliche Stellungstypen, in denen Chess Tiger 14.0 besser wie sein angriffslustiger "Bruder" abschneidet.
 
Spielmann,R - ValySpielmann,R - Valy 1929
 
Der Angriffskünstler Rudolf Spielmann zog energisch 12.Txe7! Dieses typische Kombinationsmotiv basiert auf der Fesselung des Sf6, der keinen Bauernschutz genießt. Nach 12...Dxe7 13.Df3 Kg7 14.Sce4! dxe4 15.Sxe4 ist der Springer dreimal angegriffen und die Deckungsressourcen sind erschöpft. 15...De6 16.Lxf6+ Kg8 17.Df4 gab Schwarz auf. Er kann nicht verhindern, dass die weiße Dame das Feld h6 erreicht - ein Resultat der fehlenden Deckung durch den g-Bauern. Chess Tiger 14.0 braucht auf meinem Athlon 1 GHz 3:19 Minuten, um den Schlüsselzug auszuspielen, während sein "Kollege" bei diesem konkreten Stellungsproblem völlig im Dunkeln tappt.
 
Fischer,R - Reshevsky,SFischer,R - Reshevsky,S
New York, 1962
 
Diese Stellung ist von positionellen Kriterien geprägt. Weiß verfügt über die halboffene d-Linie, die mit dem gegnerischen rückständigen Bauern einen wunderbaren Angriffspunkt bietet. Schwarz dürfte allerdings nach dem Manöver Le6, Dc7 und Td8 eine haltbare Stellung haben. Mit 13.Lg4! strebt Weiß den Abtausch der weißfeldrigen Läufer an, um die Schwächung des Feldes d5 zu unterstreichen. Chess Tiger 14.0 erkennt die Struktur der Stellung und spielt den Schlüsselzug nach 4:16 Minuten aus.
 
Das Programm sieht besonders gut bei Durchbruchsaktionen aus. Nachfolgend ein typisches Beispiel, das demonstriert, wie energisch Chess Tiger 14.0 einen Durchbruch anstrebt, wenn der Gegner z.B. die Entwicklung vernachlässigt hat:
 
Diese Stellung resultierte aus einem geschlossenen Sizilianer und Schwarz hat im Verlauf der Eröffnung viel Zeit mit Manövern im Zentrum und am Damenflügel verplempert, ohne die Entwicklung des Königs zu beenden. Noch steht der schwarze König in der Mitte, daher ist von Weiß jetzt energisches Handeln gefordert. Mit dem Durchbruch 16.f5! wird der König scharf angegangen und die Rochade verhindert. Chess Tiger 14.0 findet den Durchbruch 16.f5! nach 4:12 Minuten, während sein Kollege diesen naheliegenden Zug ignoriert. Zum Abschluss unserer kleinen Betrachtung von Chess Tiger 14.0 setzen wir der Engine noch das bekannte Turmopfer aus der Partie Ortueta - Sanz vor:
 
Ortueta - SanzSchwarz gewann mit dem Turmopfer 1...Txb2, mit dem die meisten Schachprogramme die größten Probleme haben. Chess Tiger 14.0 benötigt auf meinem Athlon 1 GHz gerade einmal 4 Sekunden, um das Turmopfer auszuspielen. 2.Sxb2 c3 3.Txb6 c4 4.Tb4 a5 5.Sa4 axb4 0-1
 
In einem Interview hat Autor Christophe Theron den früheren Computerschachweltmeister Richard Lang als eines seiner Vorbilder angegeben. Zumindest der solide Spielstil und die beeindruckenden Resultaten gegen die Konkurrenz erinnern an die Zeiten, als das Lang-Programm Chess Genius noch dominierte.
 
 
Fazit
Obwohl beide Engines ein stark abweichendes Spielverhalten an den Tag legen, sind sie absolut gleichwertig. Der Spielstil von Chess Tiger 14.0 ist eindeutig positionell und auf Solidität angelegt, während Gambit Tiger 2.0 auf einer soliden positionellen Basis eine deutlich höhere Risikobereitschaft an den Tag legt. Beide Engines ergänzen sich aus diesem Grund sehr gut. Aufgrund der bisher vorliegenden Ergebnisse muss man konstatieren, dass die beiden Engines von Christophe Theron in der absoluten Topliga des Computerschachs mitspielen.
 
In der Analyse ist es spannend und schachlich ungemein anregend, sich mit den in etwa gleichstarken, aber völlig unterschiedlich spielenden Engines zu beschäftigen. Die zwei Engines gehören meiner Ansicht nach zwingend zur Grundausstattung jedes Schachspielers, der intensiv mit seinem Schachprogramm arbeitet und Wert auf einen ausgewogenen Spielstil und Top-Spielstärke legt.
 
Peter Schreiner
 
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