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Diagramm 18-2006
 
Diagramm 18 – 2006
Hier wurde eine »Schachmaschine« demontiert. Wie zerlegte Weiß am Zuge die misslungene schwarze Partieanlage?
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Chess Tiger 14 als Fritz-Engine
besprochen von Peter Schreiner - April 2001
 
Christophe TheronBei der Besprechung von Rebel Tiger im Februar haben wir die Schachprogramme Chess Tiger und Gambit Tiger von Christophe Theron (siehe Bild) vorgestellt. In der Computerschachszene erfreuen sich beide Programmversionen größter Beliebheit. Dafür gibt es einen guten Grund: beide Programme bieten Computerschach auf allerhöchstem Niveau. Persönlich hat mich vor allem die Tatsache beeindruckt, dass die beiden Schachengines ein völlig unterschiedliches Spielverhalten demonstrieren und trotzdem Topleistungen erbringen.
 
Chess Tiger ist ein sehr solide agierendes Programm, dessen solide, positionelle Spielweise stark an die legendären Qualitäten der früheren Genius-Programme erinnert. Gambit Tiger hingegen ist ein energischer Angreifer, der jede Gelegenheit nutzt, ein druckvolles Angriffsspiel aufzuziehen. Ein Schwachstelle des vor einigen Monaten von der Schröder B.V. veröffentlichten Programms war das etwas antiqiert wirkende User-Interface mit teilweise sehr eingeschränktem Funktionsumfang und die fehlende Implementierung aktueller Techniken.
 
In Kürze (anvisiert ist Mitte April) sollen jetzt beide Programme unter der Ägide von ChessBase als Engine für das bewährte Interface von Fritz 6 auf den Markt kommen. Kurz vor Redaktionsschluss habe ich jeweils eine Beta der Programme bekommen und konnte mich davon überzeugen, daß beide Engines einwandfrei unter dem Fritz-Interface laufen.
 
Im Gegensatz zum Original profitiert das Programm natürlich sehr von dem üppigen Funktionsumfang der Fritz-Oberfläche und beinhaltet zusätzlich essentiell wichtige Verbesserungen. Nehmen wir z.B. den Endspielbereich. Das von uns seinerzeit besprochene Chess Tiger demonstrierte zwar ein ausgezeichnetes Endspielverhalten, bot aber keine direkte Schnittstelle zu den Endspieldatenbanken von Eugene Nalimov, der TableBases.
 
Nachdem einige Zeit darüber diskutiert wurde, ob ein Programm eventuell von den Zugriffen auf die TableBases unnötig ausgebremst wird, hat sich die Diskussion erledigt. Bei einem halbwegs effizienten Zugriff profitieren die Programme in einem früheren Problembereich mächtig von den Informationen aus den Endspieldatenbanken. Im Unterschied zu Rebel Tiger kann Chess Tiger die Informationen aus den Nalimov-Datenbanken jetzt - wie alle anderen Top-Programme - nutzen. Zur Verdeutlichung der Problematik noch einmal ein typisches Beispiel:
 
Diese Stellung ist in den Endspieldatenbanken von Eugene Nalimov gespeichert und Schwarz gewinnt forciert nach dem Zug 1...Ka3!. Chess Tiger unterstützt unter Fritz die Schnittstelle zu den TableBases und zeigt den Schlüsselzug im Unterschied zu der von Schröder B.V. gelieferten Version umgehend an. Auf hohem Niveau machen oft kleinere Nuancen den Erfolg aus und können wichtige Punkte kosten. In der Vergangenheit konnte Chess Tiger trotz mangelnder TableBases in der Topliga des Computerschachs mitspielen. Mit der Anbindung an die TableBases dürfte das ohnehin auf sehr hohem Niveau agierende Programm noch einmal deutlich zulegen.
 
Diese Stellung stammt aus der Partie Duras - Barasz, Breslau, 1912. Duras setzte jetzt sehr energisch mit dem Qualitätsopfer 35.Txd6! fort. Nach 35...Txd6 36.Tc8+ Kh7 37.Da8 Df6 (37...Dh5 38.Sh4!; 37...Dg4 38.Sh4!) 38.Th8+ Kg6 Bis zu dieser Stellung musste das Qualitätsopfer berechnet und eine Bewertung der Position vorgenommen werden. Die daraus resultierende Stellung mit der schlechten Postierung des schwarzen Königs ist glasklar gewonnen. 39.Dg8 Td3 40.Sh4+ Kg5 41.Sf5 Te6 42.h4+ Kg4 43.Sxh6+ Kh5 44.Sxf7+ Kg4 45.Sh6+ Kh5 46.Sf5+ Kg4 47.Th7 Te7 48.Sh6+ Kh5 49.Sf7+ 1-0.
 
Die Fritz-Engine von Gambit Tiger benötigt auf meinem PIII/800 MHz lediglich 21 Sekunden, um das Qualitätsopfer aufzuspüren, während der Bruder Chess Tiger dazu 40 Sekunden benötigt. Noch schwieriger für ein Schachprogramm ist die Bewertung der folgenden Position. Die Stellung stammt aus der Partie Ivkov - Larsen, Hoogoven Turnier in Beverwijk, 1964.
 
Ein kritischer Blick auf die Stellung macht klar, dass Weiß offensichtlich Probleme hat. Der weiße König steht luftig und der schwarze Läufer auf g7 ist ein Riese. Larsen fand eine tolle Lösung des Stellungsproblems mit 20...Tc5! Stark gespielt. Idee: die Wirkung des Lg7 wird verstärkt, der weiße Läufer verschwindet und Schwarz erhält einen starken Stützpunkt auf d4.
 
Gambit Tiger 2.0 knackt das Stellungsproblem bereits nach 59 Sekunden, während Chess Tiger 14.0 wie fast alle anderen Programme das Qualitätsopfer nicht berücksichtigt und "solide" auf 20...Td8 beharrt. Die für viele Computer typische Fressgier läßt sich mit der folgenden, aufgesetzten Stellung sehr schön demonstrieren:
 
Ein nur halbwegs erfahrener Spieler würde als Schwarzer auch nicht ansatzweise auf die Idee kommen, den Bauern auf h2 zu schlagen. Denn damit würde dem Gegner nur eine Angriffslinie gegen den eigenen König geöffnet. Ein Bewertungskriterium wie die Königssicherheit ist sehr schwierig für Computerprogramme, die lieber kleinlich das Material gewinnen und eben keine direkte Bedrohung für den eigenen König erkennen können. So ist es nicht verwunderlich, dass immer noch sehr viele Programme gierig nach dem Bauern schnappen. Gambit Tiger 2.0 verschwendet keine Sekunde an den Bauernzug und demonstriert damit "Verständnis" des konkreten Stellungsproblems, während Bruder Chess Tiger 14.0 nichts gegen den "Extrabauern" einzuwenden hat.
 
Wie diese Beispiele gut demonstrieren, verfügt Gambit Tiger 2.0 offensichtlich über sehr ausgeklügelte Angriffsheuristiken, die für Schachcomputer völlig untypisch auch materiellen Zugeständnisse einschließen. Natürlich wird damit lediglich ein Teilbereich des Leistungsvermögens der Engine repräsentiert. Auch der Bruder Chess Tiger 14.0 hat seine Qualitäten, was z.B. durch geradezu furchterregende Resultate im Autoplayer gegen die Konkurrenz unterstrichen wird. Es gibt eine Reihe von Stellungen, in denen der "Bruder" Chess Tiger 14.0 bessere Lösungszeiten demonstriert:
 
Diese Stellung stammt aus der Partie Sube - Rietz, 1983. Schwarz wickelt mit 1...Sxh2! 2.Dxh2 Dxf1+ 3.Kxf1 Txc1+ 4.Kg2 Tc2+ in ein gewonnenes Endspiel für Schwarz über. Chess Tiger 14.0 findet den Schlüsselzug auf Anhieb nach bereits 1 Sekunde, während Gambit Tiger 2.0 hier länger braucht, bis er nach 2:24 Minuten den notwendigen Durchblick unter Beweis stellt.
 
Aufgrund der bisher vorliegenden Ergebnisse muss man konstatieren, dass die beiden Engines von Christophe Theron in der absoluten Topliga des Computerschachs mitspielen. Beide Engines agieren auf allerhöchstem Niveau und es ist spannend und schachlich ungemein anregend, sich mit den gleichstarken, aber völlig unterschiedlich spielenden Engines zu beschäftigen. Bei den von ChessBase ausgelieferten Engines Chess Tiger 14.0 und Gambit Tiger 2.0 handelt es sich um die aktuellsten Versionen. Abgesehen von der Fritz 6-Oberfläche war kurz vor Redaktionsschluss über den weiteren Lieferumfang des Programms noch nichts bekannt. Vertiefende Informationen bekommen sie direkt bei ChessBase in Hamburg oder im qualifizierten Fachhandel.
 
Peter Schreiner
 
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