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Diagramm 19-2006
 
Diagramm 19 – 2006
Die schwarzen Figuren stehen äußerst aktiv. Nun gilt es loszuschlagen. Haben Sie eine Idee, wie Schwarz seinen Gegner zur Aufgabe zwang?
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
ChessSystem Tal 2 - der Weg ist das Ziel!
besprochen von Peter Schreiner - Februar 1999
 
Betrachtet man sich die Entwicklung der seit vielen Jahren etablierten Programme, zeichnet sich ein Trend klar ab: echte, deutliche Zuwächse hinsichtlich der Spielstärke gegenüber den Vorgänger-Versionen gibt es in Anbetracht der zahlreichen Detailschwächen nicht. Ein Grund dafür ist sicherlich im knallharten kommerziellen Wettbewerb zu sehen, dem alle Profi-Programmierer ausgesetzt sind und der kaum noch Spielraum für Experimente mit neuen Verfahren und Techniken übrig lässt. Verständlich daher, dass die meisten Autoren lieber auf Nummer Sicher gehen und auch weiterhin auf den bewährten Strukturen aufsetzen.
 
Folge für den Interessenten: die regelmäßig offerierten Updates etablierter Software bietet meistens eine Vielzahl neuer Funktionen (neudeutsch=Features), aber kaum noch deutlich spürbare Spielstärkezuwächse. Gottlob gibt es aber noch Autoren, die nach völlig neuen Wegen forschen, um einige grundsätzliche Schwächen und Hürden der bestehenden Techniken zu überwinden. Zu dieser seltenen Spezies gehört auch der Engländer Chris Wittington, der uns vor kurzem die neue Windows-Version seines ChessSystem Tal 2 zugeschickt hat.
 
 
Der Autor
Chris Wittington ist 48 Jahre alt und besitzt eine Softwarefirma, die sehr erfolgreich für den Mass-Market sogenannte "intelligente" Spielprogramme (z.B. Backgammon) produziert und vermarktet. Seit vielen Jahren ist der Autor eine feste Größe in der Szene Computerschach. Im Unterschied zu den Profikollegen verdient der Engländer seinen Lebensunterhalt nicht mit der Programmierung von Schachprogrammen, profitiert dabei aber in nicht unerheblichem Ausmaß von dem kommerziellen Erfolg seiner Firma, der ihm die notwendige Ruhe und finanzielle Sicherheit gibt, um unablässig neue Wege in der Schachprogrammierung zu gehen.
 
Bei seinem ehrgeizigen Vorhaben wird der Engländer seit vielen Jahren von dem bekannten Tester Thorsten Czub unterstützt, dessen sehr intensive Testarbeit für die Weiterentwicklung des Programms laut Aussage von Chris Wittington außerordentlich wichtig war und ist.
 
Offensichtlich verfügt der Engländer in Deutschland über ganz gute Kontakte, denn man konnte die diversen, bisher erschienen Versionen immer wieder auch in großen Discountern und in den Softwareregalen der Kaufhäuser vorfinden. Wie dem auch sei: für Chris Wittington stand nie ausschließlich der kommerzielle Aspekt im Vordergrund. Zielsetzung des ehrgeizigen Engländers: er wollte ein Programm entwickeln, dass im wesentlichen bei der Suche und Entscheidung für einen bestimmten Zug planvoll wie ein Mensch vorgeht. So weit, so gut. Gewiss ein interessantes Konzept, nur: kann man eine Maschine überhaupt dazu bewegen, wie ein Mensch zu spielen? Abgesehen davon, gibt es bekanntlich auch bei Menschen bedingt durch die unterschiedlichen Charaktere, Anlagen usw. abweichende Spielstile.
 
 
Das Konzept
Jedes Schachprogramm orientiert sich bei der Suche an den Vorgaben der jeweiligen Bewertungsfunktion. Feste Größen, wie z.B. Material (ganz wichtig!), Bauernstrukturen, Felderschwächen usw. werden von einem guten Programm natürlich berücksichtigt. Dynamische Komponenten, wie z.B. aktive Platzierung der Figuren, Raumvorteil oder Entwicklungsvorsprung werden von einer guten Bewertungsfunktion ebenfalls berücksichtigt, sind aber aufgrund der Flüchtigkeit dieser Elemente für ein Programm viel schwieriger zu bewerten.
 
Gerade der letztgenannte Faktor führt in der Praxis immer wieder dazu, dass die Programme neben außergewöhnlich guten Leistungen auch antipositionelle Züge oder gar gravierende Aussetzer produzieren. Dies gilt übrigens mehr oder weniger für alle aktuellen Schachprogramme; auch für die eher wissensbasierte Vertreter, die letztendlich immer noch einen vertretbaren Kompromiss in Punkto Ausführungsgeschwindigkeit finden müssen.
 
Das Programm von Chris Wittington ist in dieser Hinsicht ein Extremfall. Im Verlauf der langjährigen Entwicklung sind eine Fülle von komplexen Bewertungskriterien hinsichtlich vieler Angriffsmotive, Königssicherheit usw. in das Programm eingeflossen, die es dazu befähigen sollen, ein möglichst menschlich anzuschauendes Schach zu spielen. Wie man schon an der Bezeichnung des Programms unschwer erkennen kann, erschwerte sich Chris Wittington sein Vorhaben mit einer weiteren sehr ehrgeizigen Vorgabe: das Programm soll möglichst aktiv und angriffslustig im Stil des jungen Michail Tal spielen! Normalerweise bewerten alle Schachprogramme den Faktor Material sehr hoch. Bei dem vorliegenden Programm ist es jedoch völlig anders.
 
Chess Tal enthält jedoch ganz offensichtlich eine enorm komplexe Bewertungsfunktion, die eine Fülle von Musterkennungen für das Angriffsspiel enthält und jederzeit bereit ist, mit Hilfe von Materialopfern Stellungen anzustreben, die gespickt mit taktischen Feinheiten sind. Der Preis für die komplexe Bewertungsfunktion ist dementsprechend hoch und wird mit einer extrem langsamen Ausführungsgeschwindigkeit erkauft. Im Schnitt bewertet das hochselektive Programm auf meinem K6/333 MHz nur ca. 7000 Positionen in der Sekunde, während konzeptionell völlig anders gelagerte Programme wie z.B. Fritz 5.32 durchaus deutlich über 300 000 Positionen pro Sekunde auf der gleichen Maschine bewerten können!
 
In der Vergangenheit wurde dieses Konzept immer wieder belächelt, wenn sich die spekulativen Opfer des Programms später als nicht stichhaltig erwiesen. Gerade die ersten Versionen des Programms waren offensichtlich noch nicht optimal ausbalanciert und so kam es neben einzelnen Glanzleistungen auch immer wieder zu einer drastischen Bestrafung, insbesondere im Spiel gegen andere Computer. Eines konnte man aber bereits den ersten Versionen des Programms nie absprechen: eine Partie gegen Chess Tal war gerade aufgrund des attraktiven Spielverhaltens niemals langweilig. Die jetzt vorliegende Windows-Version pflegt immer noch einen sehr aktiven Spielstil, ist aber offensichtlich etwas "solider" geworden. Erstes Indiz hierfür sind die guten Testergebnisse der neuen Version gegen andere Computerprogramme.
 
 
Spielstil
Im Laufe der Jahre wurden die Ergebnisse des Programms immer stabiler. Aufsehen erregte seinerzeit bei der WM 1995 in Paderborn der Opfersieg von Chess Tal gegen den späteren Co-Sieger der Weltmeisterschaft, den Chess Genius von Richard Lang. Zwei Jahre später bei der Mikro-WM in Paris agierte das Programm durchweg überzeugend und belegte trotz der spekulativen Spielweise unter insgesamt 34 teilnehmenden Computerprogrammen einen beachtlichen 10.Platz.
 
In diesem Turnier wurde das Programm von mir während des Blitzturniers bedient und ich konnte mir als Operator schon damals einen Eindruck von der attraktiven Spielweise des Programms verschaffen. Die nun vorliegende Windows-Version hinterließ im Test einen sehr guten Eindruck, da sie immer noch den typischen Angriffsstil pflegt, aber eben auch ein Stück "solider" geworden ist und damit gegen andere Computer gut abschneidet. Am besten gefällt mir das englische Programm aber in angriffsträchtigen Stellungen, wo es für einen Computer unglaublich druck- und scheinbar planvoll agiert.
 
Das Programm meiner Ansicht nach besonders für den Spieler geeignet, der eine Software sucht, die sich nicht einfach nur mit Sicherheitsschach begnügt und auf einen Fehler des Gegners lauert. Partien gegen CSTal Windows sind immer wieder überraschend und spannend.
 
ChessSystem Tal 2 wird zunehmend konstanter in seinen Leistungen und hebt sich aus dem sonstigen Angebot vor allem durch seinen originellen Spielstil hervor. Wer sich als aktiver Schachspieler weniger auf Enginekonzepte, Autoplay usw. Wert legt und sich vor allem selbst mit seinem Schachprogramm interaktiv auseinandersetzt, dürfte mit dem englischen Programm sehr viel Freude haben. Ansonsten bleibt es abzuwarten, wie sich ChessSystem Tal zukünftig weiterentwickelt. Offensichtlich zeigen die jahrelangen Bemühungen des Teams Wittington/Czub allmählich immer respektablere Leistungen und beweisen, dass auch hochselektive, extrem wissensbasierten Programme ein sehr starkes Schach spielen können.
 
 
Einige Ausstattungsmerkmale
Die mir vorliegende Beta der ersten Windows-Version von CSTal orientiert sich - bis auf die fehlende Unterstützung der rechten Maustaste - weitgehend an den gängigen Windows-Standards und setzt als 32Bit-Programm Win95/98 voraus. Das Layout wirkt von der Farbgebung (kann nicht geändert werden) her etwas düster, ansonsten kann der Anwender den Bildschirm mit den verschiedenen Fenstern weitgehend nach eigenen Vorstellungen konfigurieren. Sehr schön finde ich die Funktionsleiste mit aussagekräftigen Buttons und kontextbezogener Hilfe, über die man schnell die wichtigsten Funktionen des Programms abrufen kann.
 
Beim Datenaustausch beschränkt sich das Programm auf die Standardformate PGN und EPD, deren Implementierung bei der mir vorliegenden Beta aber noch etwas holprig war. Das Programm kann im Unterschied zum Vorgänger jeweils immer nur die erste Partie oder Stellung laden, obwohl in PGN + EPD-Dateien durchaus mehrere Partien gespeichert sein können. Die DOS-Version des Programms kam seinerzeit mit einem überaus ausgefeilten Datenbankmodul daher, das in der aktuellen Version nicht implementiert wurde. Ich vermute einmal, dass eine Portierung der Datenbank auf Windows eine Veröffentlichung noch auf längere Zeit hinausgezögert hätte.
 
Innerhalb der Hilfe (auch in Deutsch!) wird aber explizit darauf hingewiesen, dass künftig wieder eine erweiterte Partienverwaltung kommen wird. Für Computerfreaks möchte ich auf zwei interessante Ausstattungsmerkmale hinweisen:
  1. CSTal II unterstützt den von Stefan Meyer-Kahlen entwickelten Autoplayer für Windows. Damit kann man - einen zweiten PC vorausgesetzt - CSTal vollautomatisch Matches gegen andere Programme austragen lassen.
  2. Man kann CSTal als Konsole benutzen, um mit dem Programm direkt auf den immer beliebteren Internet Schachservern gegen weit entfernte Gegner zu spielen.
Alternativ kann man CSTal auch in einem "normalen" Netzwerk zum Schachspielen einsetzen. Wer besonders häufig Endspiele analysiert, kann für eine perfekte Analyse über die Schnittstelle CSTal die im Internet frei verfügbaren Endspieldatenbanken von Eugene Nalimov nutzen. Insgesamt hinterlässt die Ausstattung des Windows Programms einen guten Eindruck: alles ist sehr einfach zu bedienen und bis auf einige Mängel bei der Partieverwaltung sehr benutzerfreundlich.
 
 
Fazit
CSTal ist sicherlich nicht mit der Intention entwickelt worden, mit den aufwendigen Benutzerschnittstellen eines Fritz oder Genius zu konkurrieren. Ansonsten bietet das Programm ein komfortables Handling mit einer subjektiv gelungenen Benutzerschnittstelle und praxisorientierten Features. Der aktive, druckvolle Spielstil dürfte vor allem Schachfreunde ansprechen, die in erster Linie selbst gegen ihr Schachprogramm spielen wollen und einen riskanten Spielstil schätzen. Nach meinem Kenntnisstand soll das Programm in Deutschland nur 79.- DM (ohne Gewähr!) kosten und dürfte im qualifizierten Fachhandel ab März verfügbar sein.
 
Peter Schreiner
 
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