Shredder 9

besprochen von Peter Schreiner – Februar 2005

Das Schachprogramm Shredder von Stefan Meyer-Kahlen ist seit vielen Jahren eines der besten Schachprogramme. Im Computerschach gibt es in zwei Bereichen einen scharfen Wettbewerb zwischen den Engineautoren. Einerseits ist das die Rangliste der SSDF, ebenfalls sehr wichtig sind die regelmäßig von der ICGA ausgerichteten Computerschach-WMs. In beiden Disziplinen erzielten die bisherigen Programmversionen von Shredder exzellente Ergebnisse. In der aktuellen SSDF-Liste belegt Shredder 8 unangefochten den Spitzenplatz, die zahlreichen WM-Titel und hervorragenden Platzierungen bei den Computerschach-WMs sprechen für die hohe Grundqualität der Engine.

Seit kurzem ist Shredder 9 verfügbar. In Anbetracht der bereits hohen Qualität der Vorversion stellt sich die Frage, welche Fortschritte die neue Engine dem Anwender bietet. Die wichtigsten Änderungen wurden an dem Bewertungskriterium Königssicherheit durchgeführt, die Shredder 9 nun viel exakter bewertet. Das Programm erkennt mögliche Verteidigungsressourcen wesentlich früher und ist in der Lage, eigene Königsangriffe druckvoller auszubauen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Entwicklungsarbeit war das Verhalten der Engine in geschlossenen Formationen, nach wie vor eine Schwachstelle aller Schachprogramme. In geschlossenen Partiestrukturen verhält sich Shredder 9 bedeutend cleverer als der Vorgänger und bewertet Endspiele ebenfalls besser. Weitere Verbesserungen bietet die Suchfunktion, die jetzt noch effektiver und genauer als beim Vorgänger zu Werke geht.

In Anbetracht der extrem hohen praktischen Spielstärke der Programme hat kaum noch ein Anwender eine Chance gegen die aktuellen Engines. Das Haupteinsatzgebiet für eine Schachengine liegt daher wohl in erster Linie im Bereich Analyse und Training, weniger in praktischen Partien gegen den Computer. Hier gibt es eine bemerkenswerte Verbesserung in Shredder 9 im Bereich der Retroanalyse.

Analysieren mit Shredder 9

Die verbesserte Retroanalyse wird automatisch aktiviert, wenn man im Analysemodus eine Partie nachspielt. Wenn der Anwender während der Analyse die Varianten vor- oder zurücknimmt, speichert die neue Engine die Ergebnisse der bisherigen Berechnungen viel effizienter. Das Funktionsprinzip besteht darin, dass man während der Analyse mit Shredder 9 die kritischen oder von der Engine vorgeschlagenen Varianten auf dem Brett nachspielt. Dadurch kann die Engine tiefer in den Variantenbaum eindringen und liefert deutlich präzisere Analysen.

Shredder-Kenner werden sich nun fragen was daran so neu sein soll? Immerhin gibt es die Retroanalyse in Shredder bereits seit einige Jahren. Neu ist, dass Shredder 9 in dem Analysemodus die Ergebnisse der bisherigen Berechnungen viel effizienter speichert und miteinander kombinieren kann. Bei der Zugrücknahme berücksichtigt die Engine die bisherigen Analysen also viel effizienter und liefert genauere Analysen. Dieses Verfahren kann man jetzt mit beliebig vielen Varianten und in beliebiger Tiefe durchführen. Gerade in komplexen Stellungen kommt man damit während der Analyse zu präziseren Resultaten.

Schauen wir uns das anhand eines praktischen Beispiels etwas genauer an, in dem Shredder innerhalb kurzer Zeit einen großen Vorteil für Schwarz nachweisen kann:

Dia
Mukhin – Tal, Moskau 1972

Schwarz gewinnt mit 1...e5, was von Shredder nicht direkt erkannt wird und die Engine daher die Stellung erst einmal als günstiger für Weiß bewertet. Nach der manuellen Vorgabe von 1...e5 wurden im Analysemodus die von Shredder 9 angezeigten Varianten solange auf dem Brett nachgespielt, bis das Programm eine konkretere Bewertung der Stellung vornehmen konnte. Die Bewertung fiel dann eindeutig günstig für den Nachziehenden aus. Ausgehend von der Wurzelstellung wurde das Verfahren mit einem anderen von Shredder vorgeschlagenen Zug wiederholt. Der nachstehende Auszug zeigt die Analyse von Shredder 9 an der Wurzelstellung nach dem »Lernen« der Varianten, die manuell vorgespielt wurden.

1...e5 2.Lc5
2.Lxe5 Txd3 3.Kxd3 Lb5+ 4.Kd4 Sa4 5.Kd5 (5.e4 Td8+ 6.Ke3 Td3+ 7.Ke2 Td5+ 8.Ke3 Txe5) 5...Kf7 6. Ld4 Lf6 7.Lxf6 gxf6
2...Txd3 3.Kxd3 Lb5+ 4.Kc2 Sa4 5.Kb3
5.Kb1
5.Kd1 Sxc5 (5...Lf6 6.e4 b6) 6.bxc5 Lxc5 (6...Txc5 7.a4 Lc6 (7...Td3 8. Tc1 b5 (8...Td5 9.Tc8+ Kf7 10.Tc7 Kf6 (10...e4 11.Txb7 Ta5) (10...Ke6 11.Txb7) 11.Txb7) 9.axb5 Txb5) 8.Ke2 b5 9.axb5 Lxb5+ 10.Kd1) 7.a4 Le8 (7...Ld7 8.Ke2) 8.Ke2 Lb4 9.Thc1 Txc1 10.Txc1 Lxa4)
5...Lc6

Und hier Shredders Analyse der Wurzelstellung:

12/12 0:00 +1.03
1...e5 2.Lxe5 Txd3 3.Kxd3 Lb5+ 4.Kd4 Sa4 5.e4 Td8+ 6.Ke3 Td3+ 7.Ke2 Td5+ 8.Ke3 Txe5 9.Tac1 Lc6 10.Kf4 (215.605) 219

13/13 0:02 +1.03
1...e5 2.Lxe5 Txd3 3.Kxd3 Lb5+ 4.Kd4 Sa4 5.e4 Td8+ 6.Ke3 Td3+ 7.Ke2 Td5+ 8.Ke3 Txe5 9.Tac1 Lc6 10.Kf4 (547.538) 221

14/14 0:03 +1.03
1...e5 2.Lxe5 Txd3 3.Kxd3 Lb5+ 4.Kd4 Sa4 5.e4 Td8+ 6.Ke3 Td3+ 7.Ke2 Td5+ 8.Ke3 Txe5 9.Tac1 Lc6 10.Kf4 (860.237) 231

15/15 0:06 +1.03
1...e5 2.Lxe5 Txd3 3.Kxd3 Lb5+ 4.Kd4 Sa4 5.e4 Td8+ 6.Ke3 Td3+ 7.Ke2 Td5+ 8.Ke3 Txe5 9.Tac1 Lc6 10.Kf4 (1.464.837) 238

Tipp: Man sollte vor dem Zurückgehen möglichst den aktuellen Halbzug zu Ende rechnen lassen und keine Züge überspringen, sondern die Varianten zugweise vor und zurückspielen.

Shredder 9 bietet damit ein mächtiges Verfahren für die Analyse komplexer Stellungen. Damit stellt die neue Engine ein ungemein effizientes Tool für alle Schachspieler dar, die intensive Analysearbeit mit dem Computer durchführen.

Peter Schreiner

ChessBasePeter Schreiner