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Diagramm 16-2006
 
Diagramm 16 – 2006
Schwarz am Zuge benötige hier nur noch zwei Züge, um den Anziehenden zur Aufgabe zu bewegen. Wie setzte er fort?
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Gandalf 4.32f
besprochen von Peter Schreiner - November 2000 - Teil 3
 
 
TableBases
Auf der CD-Rom sind bereits alle Viersteiner + einige ausgewählte Fünfsteiner der Nalimov-Endspieldatenbanken enthalten. Der Pfad für den Zugriff auf die TableBases wird in der Konfigurationsdatei Gandalf4.res definiert. Hier gilt das gleiche Prinzip, wie beim Einsatz des Eröffnungsbuches. Da mittlerweile fast alle Top-Programme eine Schnittstelle zu den TableBases haben, macht es wenig Sinn, wenn man diese für jedes Programm installiert und damit Ressourcen verschwendet. Es empfiehlt sich daher, ein Hauptverzeichnis für die TableBases anzulegen und die Pfadangaben der diversen Programme darauf anzupassen.
 
Die Endspieldatenbanken sind natürlich eine sehr feine Sache, beanspruchen aber bei einer kompletten Installation der gängigen Drei-/Vier- und Fünfsteiner reichlich Festplattenspeicher (über 7 GB). Den Anwendern von Shredder oder Fritz wird dabei die sinnvolle Option geboten, die diversen TableBases auf mehrere Partitionen oder unterschiedliche Verzeichnisse zu verteilen. Leider steht diese Möglichkeit bei Gandalf nicht zur Verfügung. Wer mit dem Programm alle TableBases nutzen will, muss diese zwingend in ein einziges Verzeichnis kopieren und den Pfad darauf legen. Wie zuvor bereits erwähnt, muss beim Einsatz unter Fritz darauf geachtet werden, dass Gandalf eine eigene Verwaltung für die TableBases mitbringt.
 
Andererseits soll an dieser Stelle ein Vorzug der WB-Engines mit Schnittstelle zu den TableBases hervorgehoben werden. Einige kommerzielle Oberflächen, z.B. ChessAssistant, die ChessAcademy oder ChessGenius6.5 bieten in der Standardeinstellung keinen Zugriff und damit keine Analysemöglichkeit in Kombination mit den TableBases. In diesem Fall wertet eine WB-Engine wie Gandalf den Gebrauchswert der kommerziellen Vertreter erheblich auf, da durch die eigene Verwaltung der TableBases der Zugriff und die Analyse jetzt möglich ist.
 
Was sollte noch beim Einsatz der TableBases beachtet werden? Viele Anwender kommen auf die recht naheliegende Idee, Plattenplatz einzusparen, in dem nur bestimmte Endspieltypen installiert werden. Ein praktisches Beispiel: die Praxisrelevanz des Fünfsteiners K+T+B - K+T ist nach Auswertungen mit einem beliebigen Datenbanksystem deutlich höher zu bewerten als z.B. der Fünfsteiner K+L+L - K+S. Im Prinzip ist dagegen nichts einzuwenden, nur sollte man sich bewusst sein, dass es u.U. zu fehlerhaften Resultaten kommen kann, wenn bestimmte Endspieltypen nicht komplett installiert sind.
 
Grund: die Informationen aus den Endspieldatenbanken werden bereits während der Suche im Suchbaum verwertet. Wenn nun die TableBases nicht vollständig installiert sind, kann dies u.U. zu Problemen, z.B. fehlerhaften Anzeigen oder Verzögerungen, führen. Es kann daher günstiger sein, wenn man sich auf die Installation der vollständigen Drei- und Viersteiner beschränkt.
 
 
Die Gandalf-Engine
In der Szene ist Gandalf durch diverse Turnierteilnahmen bekannt, konnte aber nie durch besondere Erfolgsresultate überzeugen. Von Insidern wurde dem Programm immer wieder bescheinigt, dass es sich um ein extrem wissensbasiertes Schachprogramm mit einer relativ komplexen Bewertungsfunktion handeln soll. Laut Anleitung gehört die jetzt vorliegende WB-Version zu den "weltweit stärksten Programmen", die sich durch "positionell druckvolles Angriffsschach" auszeichnet. Als Beleg für diese Aussage findet man u.a. auf der CD eine akkurate Auflistung der Ergebnisse von Gandalf 4.32f auf einem P III / 733 MHz in den gängigen Testreihen wie dem BS2830-Test (= 2667 Elo), dem GS2930 (= 2649 Elo) oder LCTII-Test (= 2730 Elo).
 
Es ist natürlich bekannt, dass Schachprogrammierer ihre neuesten Kreationen mit den bekannten Testreihen überprüfen, aus diesem Grund sollte man die beeindruckenden Resultate mit einer gesunden Portion Skepsis interpretieren. In der Computerschachszene werden schon seit langem teilweise hitzige Diskussionen darüber geführt, mit welchem prinzipiellen Ansatz die Spielstärke von Schachprogrammen noch weiter zu steigern ist. Gandalf 4.32f gehört eindeutig zu den sogenannten "wissensbasierten" Programmen und hat von seinem Schöpfer offensichtlich recht umfangreiches Schachwissen mit auf den Weg bekommen.
 
Dabei ist unbedingt zu relativieren, wie "umfangreiches" Wissen bei einem Schachprogramm zu definieren ist. Wie auch immer, die aufwendigen Bewertungen ziehen naturgemäß eine entsprechende Verlangsamung bei der Programmausführung nach sich. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, wie sich am Beispiel anderer wissensbasierter Vertreter nachweisen lässt. Es kommt vor allem auf die Kunst an, die Komponenten Suchgeschwindigkeit und Bewertungsfunktion harmonisch aufeinander abzustimmen.
 
Auf einem P III / 550 MHz schafft Gandalf in komplexen Positionen um die 100 000 Knoten pro Sekunde. Der Vergleich mit anderen Programmen hinkt, da die Anzeige der bewerteten Knoten von vielen Faktoren abhängig ist, die sich bei unterschiedlichen Programmen nicht miteinander vergleichen lassen. Die maximale Rechentiefe des Programms liegt bei stolzen 64 Halbzügen, theoretisch könnte Gandalf also ein Matt in maximal 32 Zügen finden.
 
Ich habe Gandalf mit einer Vielzahl von ausgewählten Testpositionen konfrontiert, dabei waren die Ergebnisse durchwachsen. Einerseits zeigt das Programm sehr gute Lösungsansätze, wenn es darum geht, Initiative zu entwickeln und auszubauen. Andererseits offenbarten sich in den Tests etliche Schwachstellen im Positionsspiel, vor allem in figurenarmen Mittelspieltypen kurz vor dem Übergang ins Endspiel.
 
 
Resultate
Als Grundlage für eine weitere Einschätzung musste das Programm via Autoplayer 232 gegen bekanntere Top-Programme zeigen, was es in der Praxis drauf hat. Zum Einsatz kamen dabei zwei P III-Rechner mit 550 MHz. Bei der Auswahl der Spielstufe habe ich mich für das Level 30 Minuten pro Partie entschieden. Nach unseren Erfahrungen spielen die meisten Anwender in der Regel Blitz- und Schnellpartien gegen ihre Programme und ein Top-Programm wird auf diesem Level auch aussagekräftige Partien und Ergebnisse liefern.
 
Prinzipiell stehe ich der Option, auf einem Single-Prozessor-System zwei Engines unter einer einzigen Oberfläche gegeneinander komplette Wettkampfserien auszutragen, skeptisch gegenüber. Letztendlich müssen sich die Engines die Kapazitäten eines einzigen Rechners teilen und es ist definitiv nicht klar, inwieweit eine der beteiligten Engines bevor- oder benachteiligt wird. Via Autoplayer erzielte Gandalf 4.32f in 30-Minutenpartien folgende Resultate:
Gandalf 4.32f - ChessGenius 6.5  18 - 22
Gandalf 4.32f - Shredder-London  15 - 40
Gandalf 4.32f - Fritz 6.a         8 - 32
Kollege Wolfgang Battig hat sich auch mit Gandalf 4.32f beschäftigt und in erster Linie Enginematches unter dem Fritz-Interface gespielt. Dabei gab es folgende auf einem Celeron 433 MHz mit jeweils 32 MB Hash für jede Engine in 30 Minutenpartien folgende Resultate:
Gandalf 4.32f - Fritz 6a         1.5 - 8.5
Gandalf 4.32f - Hiarcs 7.32      4.0 - 6.0
Gandalf 4.32f - Junior 6.0       6.0 - 4.0
Gandalf 4.32f - Nimzo 99         6.5 - 3.5
Gandalf 4.32f - SOS Mar 5 2000   5.5 - 4.5
Natürlich erlaubt das Ergebnis von Gandalf noch keine endgültige Aussage. Nach Durchsicht der Partien ist u.a. das Eröffnungsbuch für einen Teil der Niederlagen verantwortlich, das speziell für das Spiel gegen andere Programme viel zu riskante Varianten ausspielt. Es mag auch durchaus sein, dass Gandalf 4.32 bei längeren Bedenkzeiten besser abschneidet.
 
Ich bin aber der Ansicht, dass ein Top-Programm auf einem PIII/550 MHz in einer 30 Minutenpartie seine Qualitäten demonstrieren kann. Es fällt auf, dass Gandalf gegen den "veralteten" ChessGenius von Richard Lang in etwa auf gleichem Niveau mithalten kann, den Top-Programmen Fritz oder der WM-Version 4.24 von Shredder nichts entgegenzusetzen hat.
 
Kurz vor Redaktionsschluss wurde von Autor Steeen Suurballe im Computerschachforum CCC auf einen wichtigen Punkt hingewiesen. Wenn man ein laufendes Autoplayermatch abbricht, wird die Lernfunktion davon nachhaltig beeinflusst. Das mag durchaus richtig sein, wir haben aber die oben beschriebenen Matches für jeden Gegner durchgespielt und keinen Abbruch während eines lfd. Matches vorgenommen.
 
 
Fazit
Gandalf 4.32f ist ein starkes Schachprogramm mit einem originellen Spielstil, das steht außer Frage. Nach den uns vorliegenden Testergebnissen, würden wir Gandalf aber nicht den Status eines Spitzenprogramms zugestehen. Dafür spielt das Programm zu spekulativ und die Bibliothek zeigte zumindest im Spiel gegen andere Programme einige Schwächen. Das mag im Spiel gegen Menschen vielleicht ganz anders ausschauen. Unter Umständen kann es auch durchaus sein, dass Gandalf 4.32f bei längeren Bedenkzeiten bessere Resultate erzielt. Wir sind aber der Ansicht, dass ein Top-Programm auf einem PIII / 550 MHz in der Lage sein muss, seine spielerischen Qualitäten mit der gewählten Stufe gegenüber der Konkurrenz zu demonstrieren.
 
Auf der Habenseite kann die WB-Engine größtmögliche Flexibilität verbuchen. Wie bereits zuvor beschrieben, kann man das Programm nicht nur unter dem Winboard, sondern unter mehreren kommerziellen Oberflächen - mit mehr oder weniger großen Einschränkungen - unterschiedlicher Anbieter einsetzen, die natürlich bedeutend mehr Anwendungskomfort bieten. Insbesondere die Anbindung an die Fritzoberfläche ist sehr gut gelungen.
 
Kommen wir jetzt zu einem anderen Aspekt. Vom Erfinder des als Freeware vertriebenen Betriebssystems Linux gibt es den Satz: "Software ist wie Sex: es ist besser, wenn es free ist!" Die gleiche Philosophie galt bisher - sieht man einmal von der als "Zugabe" zum MCS-System vertriebenen WB-Engine von Nimzo ab - auch für das Winboard und die darunter laufenden WB-Engines. Gandalf 4.32f ist ein kommerzielles Produkt und muss sich daher auch unter dem Aspekt Komfort, bzw. Benutzerfreundlichkeit, messen lassen. Von den Freaks wird der Kenntnisstand des "normalen" Anwenders häufig falsch eingeschätzt, dies beweisen z.B. die zahlreichen Zuschriften unserer interessierten Leser.
 
Als generelle Schwachstelle der WB-Engines sehe ich die Tatsache an, das der Anwender z.B. diverse Konfigurationseinstellungen über Textdateien vornehmen muss. Dies gilt sowohl für die Nutzung unter dem Winboard als auch unter den kommerziellen Oberflächen. Um das Problem zu verdeutlichen, ist vielleicht die folgende Anekdote hilfreich. Ein Bekannter von mir verdient seinen Lebensunterhalt in einem Hotline-Center und ist für Hilfestellungen bei Hard- und Softwareproblemen zuständig. Die folgende wahre Geschichte trug sich vor einigen Wochen zu:
 
ANRUFER: "Hallo, spreche ich mit dem telefonischen Support?"
HOTLINE:"Ja, wie kann ich Ihnen helfen?"
ANRUFER:"Der Tassenhalter an meinem PC ist gebrochen. Die Garantie läuft noch. Wie muss ich vorgehen, damit das repariert wird?"
HOTLINE:"Entschuldigung - Sie sagten Tassenhalter?"
ANRUFER:"Ja, er ist an der Vorderseite meines Computers befestigt."
HOTLINE:"Entschuldigen Sie, wenn ich etwas überfragt wirke. Ist es ein Werbegeschenk? Steht da eine Bezeichnung drauf?"
ANRUFER:"Es kam zusammen mit meinem Computer. Ich weiß nicht, ob es ein Werbegeschenk war. Es kam mit meinem Computer. Es steht nur 4X drauf ..."
 
Hier musste mein Bekannter das Gespräch unterbrechen, weil er einen Lachanfall bekam. Was war passiert? Der Anrufer hatte sein CD-Laufwerk als Tassenhalter benutzt ...
 
Dieses - zugegeben extreme - Beispiel soll verdeutlichen, worum es geht. Wir sind davon überzeugt, dass viele Schachfreunde sich durchaus gerne mit den zahlreichen WB-Engines beschäftigen würden, wenn die Konfiguration eben einfacher wäre. Darüber kann man bei einer Freeware vielleicht noch hinwegsehen, bei einem kommerziellen Produkt wie Gandalf 4.32f muss man eben auch dieses Kriterium mit einbeziehen.
 
Ein großer Nachteil des Winboard-Protokolls besteht nach m.M. darin, dass eine gewisse Vereinheitlichung fehlt. Wir sind davon überzeugt, dass das ganze System einen wesentlich höheren Verbreitungsgrad hätte, wenn z.B. standardisierte Dialogboxen für die Konfiguration der Engines (z.B. einen Optionendialog) und elementare Einstellungen (Pfadangaben) vorhanden wären. Nehmen wir die Anbindung der TableBases, bzw. die Pfadangabe, die bei Gandalf über einen Eintrag in der Textdatei definiert werden muss. Wie es anwenderfreundlich gemacht wird, zeigt Shredder. Über eine windowstypische Dialogbox stellt der User mit einigen Mausklicks den Pfad ein und fertig.
 
Ein Anwender, der in erster Linie schachspielen und nicht editieren will, sollte diesen Aspekt bei Interesse berücksichtigen. Wer sich einigermaßen gut mit Computern auskennt, sollte mit der Installation und Konfiguration von Gandalf zurecht kommen. Die auf der CD mitgelieferte Anleitung reicht für diese Zielgruppe völlig aus.
 
Wer sich vorher erst einmal generell über das Thema informieren und mit anderen WB-Engines experimentieren möchte, sollte sich unter www.amateurschach.de einmal auf der Website von Frank Quisinsky umschauen. Dort findet man alle relevanten Informationen zum Thema Winboard, zahlreiche Links, Downloads und auch Hintergrundinformationen. Unter Phase X wird u.a. die Einbindung von WB-Engines unter den kommerziellen Oberflächen kommerzieller Anbieter beschrieben, im integrierten Winboard-Forum bekommt man in der Regel prompte Hilfestellung bei Problemen. Gandalf 4.32f kostet 59.- DM und kann direkt bei der Firma Gambitsoft in Rottweil bezogen werden.
 
Peter Schreiner
 
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