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Diagramm 18-2006
 
Diagramm 18 – 2006
Hier wurde eine »Schachmaschine« demontiert. Wie zerlegte Weiß am Zuge die misslungene schwarze Partieanlage?
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Fritz 8 - das universelle Schachprogramm!
besprochen von Peter Schreiner - Dezember 2002 - Teil 1
 
Fritz 8Wenn man die internationale Berichterstattung der letzten Monate betrachtet, könnte Fritz durchaus als ernsthafter Kandidat für den inoffiziellen Titel "Bekanntester Schachspieler" in Frage kommen. Der elektronische Schachmeister aus dem Hause ChessBase sorgte mit dem Wettkampf gegen Vladimir Kramnik international für Schlagzeilen und war in den Ausgaben renommierter Publikationen wie Spiegel, Focus, usw. eine präsente Größe. Vor einigen Wochen stellte der Moderator der Millionenshow im ORF, dem österreichischen Pendant zu "Wer wird Millionär?", einer Kandidatin die Frage: "Wie heißt das Schachprogramm, gegen das Weltmeister Kramnik punktete?" Die richtige Antwort wäre 5000 Euro (oder mehr) wert gewesen. Leider musste die Kandidatin passen und konnte die 15.000 Euro-Hürde nicht überspringen. Immerhin nahm sie noch 10.000 Euro mit nach Hause. Wäre Sie doch nur RE-Leserin gewesen, dann wäre ihr das sicher nicht passiert ...
 
Zurück zum Thema. Fritz ist natürlich in der Schachszene seit langem eine feste Größe und viele Leser sind neugierig, welche Neuerungen das ohnehin üppig ausgestattete Programm bietet. Man kann es einfach auf den Punkt bringen: "Für jeden ist etwas dabei ..." Beim Vorgänger Fritz 7 wurden viele Ressourcen durch die Programmierung des Internet-Schachservers gebunden. Deshalb wurden bei der Konzeption des neuen Fritz 8 die Entwicklungsschwerpunkte anders gesetzt. Im Mittelpunkt stehen neue Trainings- und Analysefunktionen, das Design inkl. einem wunderbar anzuschauenden 3D-Brett wurde ebenfalls grundlegend überarbeitet.
 
Natürlich wurde auch an der Internetkonsole zum Schachserver kräftig gewerkelt. Simultanvorstellungen, erweiterte Chatfunktionen, ein internes Mailsystem, Bewertungsmöglichkeit von anderen Spielern und spezielle Schachformen werden das ohnehin rührige Schachleben auf dem Server sicher weiter bereichern. Die neue Fritz 8-Engine ist eine Weiterentwicklung der Original-Engine aus Bahrain, die gegen GM Kramnik 4:4 spielte. In die neue Engine sind viele Erkenntnisse aus den Partien gegen GM Kramnik verwertet worden. Das mitgelieferte Eröffnungsbuch basiert auf der Originalfassung des Wettkampfbuches. Es ist im Rahmen dieses Artikels nicht möglich, alle Neuerungen ausführlich vorzustellen. Im folgenden Text gehe ich auf die meiner Ansicht nach interessantesten Ausstattungsmerkmale des neuen Programms ein.
 
 
Neues Design
Bei der Funktionalität ist Fritz schon seit langem unschlagbar. Beim Design konnte ich mich nie für die verspielten Oberflächen oder 3D-Darstellungen anderer Programme begeistern. In Fritz ist jetzt eine brandneue 3D-Darstellung des Schachbretts integriert, die durch ihre realistische Darstellung begeistert und keineswegs als Schickschnack abgetan werden kann. Man kann mit diesem Brett hervorragend in Echtzeit spielen und es stellt eine gelungene Alternative zu der von mir bisher bevorzugten, eher nüchtern wirkenden 2D-Grafik dar. Die leistungsfähigen, modernen Grafikkarten mit 3D-Beschleunigung und die effiziente 3D-Programmierung durch Microsofts neueste Version von DirectX ermöglichen neue Ansätze bei der Darstellung.
 
CB-Programmierer Jeroen van den Belt gewann bereits bei der Entwicklung des Globus auf dem Schachserver viele Erfahrungen mit der Grafikprogrammierung, die nun in dieses anspruchsvolle Projekt mit eingeflossen sind. Die grafische Gestaltung des neuen Brettes wurde von Stefan Huschenbeth übernommen, der seinerzeit mit der grafischen Umsetzung des Programms Schweinehund demonstrieren konnte, dass Schach und gute Unterhaltung keine unvereinbaren Gegensätze sind. Bei der Konzeption des neuen 3D-Brettes gab es zwei Ziele. Erstens sollte es mit allen Lichtreflexen, Schatten- und Spiegeleffekten so realistisch aussehen, wie die Fotografie eines echten Brettes.
 
Zweitens muss es auf einer modernen, mit 3D-Beschleuniger ausgestatteten Grafikkarte schnell genug sein, dass man damit flüssig "Bullet" spielen kann, also Einminuten-Blitz im Internet. Man kann das 3D-Brett auch vernünftig in Kombination etwas älteren Grafikkarten einsetzen, allerdings stehen dann nicht alle Funktionen zur Verfügung. Fritz 8 wird einem Holz- und einem Marmorbrett ausgeliefert. Die neuen Bretter bestechen durch ihre Ästhetik, und man vertreibt sich gerne die Zeit damit, etwa vom Feld d5 aus in Richtung g2 blickend den fianchettierten Läufer heranzuzoomen.
 
Die Schachuhr bietet jetzt endlich ein Kontextmenü. Mit einem Rechtsklick in die Schachuhr kann man Turnier- und Blitzstufen direkt ohne Umweg über die Menüs einstellen. Eine wichtige Verbesserung für Blitzpartien ist die Anzeige auf der Blitzuhr mit Zehntelsekunden. Gerade beim Blitzen auf dem Server ist diese Info extrem nützlich. Sehr schön in Kombination mit dem neuen 3D-Brett ist die Notationsansicht im Stil eines Partieformulars.
 
Mit einem Klick auf den neuen Reiter Partieformular schalten Sie auf die von Mannschaftskämpfen bekannte Formularansicht um. Hier werden nur die Züge und Bedenkzeiten, aber keine Bewertungen, Textkommentare oder Varianten dargestellt. Beim Nachspielen der Partie erscheint jedoch wie gewohnt die Variantenauswahl und Textkommentare können ganz normal eingegeben und editiert werden.
 
Das Fensterlayout wurde flexibler gestaltet. Es ist jetzt möglich, Fenster wie Notation, Engine, Chat, Uhr, etc. beliebig auf dem Bildschirm zu platzieren. Per Doppelklick auf den Verschiebebalken oder Schließen des Fensters wird das Fenster wieder automatisch an die vorige Position angedockt. Diese Funktion macht z.B. Sinn, wenn man die Schachuhr unmittelbar neben dem Schachbrett platzieren möchte.
 
 
Stellungsanalyse
Nicht nur Fernschachspieler brauchen die tief verzweigte automatische Analyse einer einzelnen Stellung. Die Funktion Stellungsanalyse von Fritz ist in der Praxis für tiefschürfende Analysen wichtig und wurde im neuen Programm verbessert. Die Tiefe der Analyse kann jetzt über eine vorgegebene Gesamtzeit gesteuert werden, was nützlich ist, wenn man z.B. am nächsten Morgen ein Ergebnis braucht und die nächtliche Maschinenzeit möglichst effizient ausfüllen will.
 
Eine deutliche Verbesserung ist die Stellungsanalyse mit mehreren Engines gleichzeitig. Bei der Stellungsanalyse gibt man vor, wie viele Abzweigungen untersucht werden sollen. Dies sind mit einer einzelnen Engine die aus Computersicht besten Varianten. Wenn zwei oder mehr Engines verwendet werden, ergeben sich die Abzweigungen aus den zusammengefassten besten Varianten dieser Engines. Das dauert zwar entsprechend länger, steigert aber die Vielfalt und Qualität der Analyse deutlich, insbesondere, wenn man zwei stilistische unterschiedliche Programme wie z.B. Fritz und Shredder verwendet.
 
Für Computerschachfans ist eine Erweiterung des Stellungstests interessant. Unter Fritz können Positionsdatenbanken mit Teststellungen automatisch bearbeitet werden. Die ermittelten Lösungszeiten erscheinen als Kommentar mit dem Engine-Namen vor dem ersten Zug der Stellung. Neu ist, dass Stellungstest mit Zügen die nicht gespielt werden sollen, durchgeführt werden können. Wenn der Schlüsselzug mit einem Fragezeichen? markiert wird, wird diese Option von Fritz 8 berücksichtigt. Bei dem Schlüsselzug 1.Se5? (1.Sg5?) gilt die Stellung dann als gelöst, sobald ein anderer Zug als Se5 oder Sg5 angezeigt wird. Die Anzeige der Lösungszeiten ist noch präziser. Sie werden in 1/100 Sekunden angezeigt.
 
Viele Spieler orientieren sich beim Nachspielen einer Partie an dem grafischen Bewertungsprofil. Wenn Sie z.B. Partien gegen eine Engine spielten, wurden die Bewertungen gespeichert und beim Nachspielen konnte man im Profil direkt erkennen, wo die Partie "gekippt" war. Bisher war es nicht möglich, das Bewertungsprofil für eine bereits gespielte oder eingegebene Partie nachträglich zu erstellen. Unter Extras/Analyse/Fehlersuche kann jetzt optional in dem Dialog die Stellungsbewertung gespeichert werden. Auf diese Weise kann man mit Fritz 8 einfach und schnell nachträglich Bewertungsprofile für Partien erstellen.
 
 
Training und Themablitz
Schachprogramme werden hauptsächlich für zwei Anwendungen genutzt: Eröffnungsvorbereitung und Analyse. Fritz 8 bietet neben seiner Datenbank, die jetzt auf über 500.000 Partien angewachsen ist, und seinem Eröffnungsbuch neue Möglichkeiten, Eröffnungen zu trainieren: Anfänger können z.B. die Züge und Namen jeder traditionell benannten Schacheröffnung im Wechselspiel mit Fritz lernen. Im Vorschaudialog mit der Liste der vorhandenen Systeme kann man die gewünschte Variante auswählen. Im Modus "Züge lernen" gibt man von der Grundstellung aus die Züge der gewählten Variante ein und das Programm überwacht deren Richtigkeit. Spannend ist das praktische Trainieren der Eröffnung. Dabei startet jede neue Partie gleich mit dieser Variante, wahlweise auch mit wechselnden Farben.
 
Profis gehen über die bei Fritz 8 mitgelieferte Datenbank von Eröffnungen hinaus. Sie erstellen sich z.B. eigene Datenbanken zum eigenen Repertoire. Bei taktisch geprägten Eröffnungssystemen mit vielen forcierten Eröffnungsvarianten bleibt nichts anderes übrig, als diese Varianten konkret zu memorieren. Man könnte als typisches Anwendungsbeispiel mit Fritz 8 eine eigene Eröffnungsdatenbank anlegen, dabei werden auch Verzweigungen unterstützt. Zu einem späteren Zeitpunkt kann man diese Varianten erneut aus der Liste auswählen. Fritz 8 überwacht in diesem Modus genau, ob man die richtigen Fortsetzungen eingibt. Anfänger werden in diesem Modus ebenfalls effizient beim Erlernen von Eröffnungen unterstützt.
 
Einen Schritt weiter geht die Funktion Themablitz, die man von jeder beliebigen Brettstellung aus starten kann. Solange Themablitz aktiv ist, beginnt jede neue Partie mit dieser Stellung, so dass man sie immer wieder gegen das Programm trainieren kann. Das schult enorm, weil man aus den wiederkehrenden Fehlern lernt und sich die typischen Muster schneller einprägen kann. Themablitz und Trainingsstellungen aus der Datenbank sind übrigens nicht nur auf Eröffnungen beschränkt. Auch im Endspiel macht es Spaß, die gleiche Stellung immer wieder auszuspielen, bis man einen Gewinn- oder Remisweg verinnerlicht hat. Fritz 8 bietet übrigens analog zum Eröffnungstraining einen ähnlichen Modus für das Endspieltraining an.
 
 
Computerschach
Die Spielstärkemessungen im Computerschach basieren in erster Linie auf Zweikämpfen oder Turnieren. Das Programm richtet solche Matches vollautomatisch aus und bietet zahlreiche Einstelloptionen für die Durchführung solcher Vergleiche. Es gibt jetzt die neue Möglichkeit, Engine-Matches mit verschiedenen Bedenkzeiten für die jeweiligen Engines auszuspielen. Eine Seite erhält einen prozentualen Aufschlag auf die Bedenkzeit. Damit können Handicap-Matches veranstaltet werden. Wert 50% bedeutet, dass diese Engine 50% mehr Bedenkzeit zugeteilt bekommt.
 
Fast alle Engines bieten einen reichhaltigen Parameter-Dialog. Viele Anwender experimentieren gerne mit den Auswirkungen der einzelnen Parameter. Im Dialog für die Engine-Parameter können eigene Einstellungen unter verschiedenen Namen abgespeichert und wieder geladen werden. Die Schalter Speichern/Laden rufen jeweils eine Dateiauswahl auf. Die Dateiendung für die Konfigurationsdatei lautet *.param.
 
In Fritz kann man neben den nativen Engines auch Engines einbinden, die das von Stefan Meyer-Kahlen entwickelte UCI-Protokoll, eine Schnittstellendefinition für die Kommunikation zwischen einer Engine und einer Benutzeroberfläche, unterstützen. Bei UCI-Engines können Zeichenketten-Parameter im Parameter-Dialog der Engine direkt bearbeitet werden.
 
Das Hauptaugenmerk bei der Weiterentwicklung der Fritz 8-Engine lag auf der positionellen Bewertung. Fritz hat mehr strategisches Wissen bekommen, ohne die taktische Schlagkraft zu verschlechtern. So haben sich das Figurenspiel und das Verständnis für positionelle Strukturen verbessert. Den Erfolg dieser Maßnahmen kann man z.B. am Match gegen Kramnik sehen. Fritz hat mit Weiß die Berliner Verteidigung sehr gut gespielt, auch die beiden d4-Partien mit Weiß waren ein Erfolg. Dazu ein Beispiel:
 
Najdorf,M - Minev,N Havanna 1966
 
Der Schlüsselzug ist 16.Sxf6+!, er erobert nach 16...Sxf6 [16...Lxf6? 17.Lxh7+] 17.Lb2 die wichtige Diagonale a1-h8. Die Fritz 8-Engine erkennt die Bedeutung der langen Diagonale in dieser Stellung und spielt den Schlüsselzug auf meinem Athlon 1 GHz bereits nach 48 Sekunden aus, während der Vorgänger hier auf dem Zug Tb1 beharrt. Einen ausführlichen Testbericht zur Fritz 8-Engine von Wolfgang Battig finden Sie in der kommenden RE-Ausgabe 1/2003.
 
 
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