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Diagramm 23-2006
 
Diagramm 23 – 2006
Schwarz hat zwei Bauern geopfert und steht nun vor der Frage, ob er sich auf e5 wieder einen zurück holen soll. Was meinen Sie?
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
3D-Schach!
besprochen von Peter Schreiner - Januar 1999
 
Das renommierte Softwarehaus Data Becker aus Düsseldorf begründete mit der "Goldenen Serie" ein äußerst erfolgreiches Konzept im hart umkämpften Softwaremarkt. In der Regel bekommt der Kunde für den günstigen Preis von 29.95 DM ausgereifte Software geboten, so dass der Interessent ein recht geringes Risiko eingeht und in einen fairen Gegenwert für sein Geld bekommt. Bereits vor knapp über zwei Jahren bot Data Becker erstmals in dieser Reihe ein Schachprogramm mit der Bezeichnung "Schach!" und einer Datenbank mit über 300 000 Partien an, das uns aber trotz des günstigen Preises aufgrund erheblicher Detailschwächen in keiner Hinsicht überzeugen konnte.
 
Vor einigen Wochen ist jetzt die zweite Auflage des Programms von Karl-Heinz Milaster innerhalb der Goldenen Serie veröffentlicht worden, das diesmal unter der Bezeichnung 3D Schach! vertrieben wird. 3D Schach! ist ein Windows-Programm, läuft unter Win95/98 einwandfrei und kommt ohne Kopierschutz daher.
 
Falls man Mattprobleme oder Stellungen analysieren möchte, muss man im Unterschied zum normalen Spielbetrieb die CD nicht in das Laufwerk einlegen. Soll das Programm mit der Eröffnungsbibliothek spielen, muss man allerdings die CD hervorkramen, was ich persönlich etwas lästig finde.
 
Offensichtlich scheinen die Verantwortlichen bei Data Becker bei der Produktbezeichnung eine ganz spezielle Vorstellung davon zu haben, welches Kriterium für den Anwender bei einem Schachprogramm wichtig ist: 3D muss auf jeden Fall sein! Ein weiteres Indiz dafür ist auch die Namensbezeichnung für das zweite von Data Becker vertriebene Schachprogramm mit der Bezeichnung 3D Schachgenie, das wir bereits besprochen haben. Die erste Version von 3D Schach! bekam von mir in meiner damaligen Rezension auf Grund der erheblichen Detailschwächen keine Empfehlung. Ich war daher sehr gespannt, ob Autor und Verlag dementsprechend auf die unmittelbar an Data Becker weitergeleitete Kritik reagiert und in der aktuellen Fassung entsprechende Verbesserungen implementiert hatten.
 
 
Standard oder nicht?
Auf den ersten Blick hinterlässt der Bildschirm einen guten Eindruck. Man hat sich ja als Schachfreak mittlerweile daran gewöhnt, dass die meisten Entwickler von Schachprogrammen die gängigen Windows-Standards ignorieren. Der sachlich durchstrukturierte Bildschirm mit Schachbrett, Digitaluhren, Zugliste und Informationsfenster ermöglicht noch einen guten Überblick über das Spielgeschehen. Spätestens nach einigen Partien offenbaren sich aber einige Detailschwächen, die bereits vom Vorgänger bekannt waren.
 
Die Schrift in der Zugliste, dem Info- oder Meldungsfenster ist sehr klein und kann nicht windowskonform auf die eigenen Bedürfnisse angepasst werden. Heutzutage ist es bei Schachprogrammen unter Windows üblich, die bereits installierten Fonts des Systems für die individuelle Gestaltung der Zugliste oder des Bewertungsprofils zu nutzen. Im Prinzip ähnelt und verhält sich der Bildschirmaufbau wie ein unter Windows aufgerufenes DOS-Schachprogramm, da es dem Anwender nicht ermöglicht wird, die Arbeitsoberfläche auf die eigenen Bedürfnisse anzupassen.
 
Ebenfalls Standard ist es heutzutage, jedes Bildschirmelement wie z.B. Schachbrett, Schachuhr, Zugliste oder Infofenster in einem eigenen Fenster darzustellen, das man nach Möglichkeit verschieben, vergrößern oder gar schließen kann. Setzen wir gleich noch eins drauf: über Geschmack kann man bekanntlich vortrefflich streiten. Subjektiv fand ich die farbliche Einstellung des Hintergrundes nicht sonderlich angenehm, eher unschön. Das wäre eigentlich auch kein Problem, wenn sich 3D Schach! an die Standards halten und dem Anwender die freie Farbwahl einräumen würde ... Nebenbei bemerkt: dies können übrigens einige der angeblich so rückständigen DOS-Programme schon seit Jahren.
 
Wie sieht es mit dem Bedienungskomfort aus? Mausbedienung ist heutzutage Standard, deren Implementierung weist aber beim vorliegenden Testkandidaten einige Schwächen auf. Ein einfach zu bedienendes, modernes Windows-Programm sollte dem Anwender die Möglichkeit bieten, via Rechtsklick auf ein Bildschirmelement kontextbezogene Funktionen zu aktivieren. Gerade die anvisierte Zielgruppe der Einsteiger und Hobbyspieler würde von einer Integration dieser Standards erheblich profitieren. Beispiel: ein Rechtsklick auf das Schachbrett könnte z.B. direkt häufig genutzte Funktionen z.B. NEUE PARTIE, SPIELSTUFE, BRETT DREHEN usw. offerieren. Per Rechtsklick auf die Schachuhr wäre beispielsweise eine Justierung der Bedenkzeiten möglich.
 
Diese nützlichen Standards wurden bei 3D Schach! alle nicht implementiert, was bei der Ergonomie ein klares Minus darstellt. Bedienung über Tastatur via Shortcut ist ebenfalls nicht drin; zumindest für besonders häufig genutzte Optionen wie z.B. Neue Partie, Speichern usw. hätte man ruhig einen Shortcut bereitstellen können. Die Gestaltung der Bretter ist okay. Man kann zwischen einer übersichtlichen 2D- oder alternativ einer 3D-Darstellung wählen. In beiden Ansichtsmodi gibt es jeweils drei Figurensätze und Schachbretter, die man miteinander kombinieren kann. Die vorliegenden 3D-Figurensätze sind ansprechend gestaltet und ermöglichen einen guten Überblick.
 
Störend ist allerdings die Tatsache, dass 3D Schach! (genau wie der Vorgänger) den Anwender nicht mit einem Pieps-Ton oder noch besser, einer Sprachausgabe, auf einen gespielten Zug aufmerksam macht. Insbesondere bei längeren Bedenkzeiten möchte der Spieler nicht die ganze Zeit auf den Monitor starren, um zu erkennen, ob das Programm denn nun seinen Zug endlich ausgeführt hat. Ein echtes Defizit ist die immer noch nicht implementierte Druckfunktion, ein nachhaltiger Beleg dafür, wie konsequent sich der Autor mit der bereits vor 2 Jahren vorgebrachten Kritik auseinandergesetzt hat ...
 
 
Datenformate
In der Anfangsphase greift 3D Schach! laufend auf die CD-Rom zu, wo eine als Eröffnungsbibliothek fungierende Datenbank gespeichert ist. Dies bedeutet, dass man jedes Mal die CD einlegen muss, wenn das Programm mit Eröffnungsbibliothek spielen soll. In der Eröffnungsphase zeigt das Programm auf Wunsch Alternativen an; allerdings ohne Hinweis auf die Güte und den Wert der angezeigten Variante. Der Einsteiger bekommt also keine Information darüber, ob die angezeigte Alternative vielleicht vorzuziehen ist.
 
Eine gute Partienverwaltung sollte auch bei einem Mass-Market Produkt kein Luxus sein. Zwar kann der Anwender eigene oder eingegebene Stellungen oder Partien abspeichern; das ist aber auch schon alles. Für jede einzelne Partie muss man eine eigene Datei anlegen und die eklatante Schwäche dieses Verfahrens zeigt sich spätestens dann, wenn man zu einem späteren Zeitpunkt gezielt eine bestimmte Partie laden und nachspielen möchte - die Übersicht geht dabei völlig verloren. Auch im Mass-Market gibt es heutzutage preislich vergleichbare Alternativen, die dem Anwender in dieser Hinsicht mehr Komfort bieten.
 
Sinnvoll begründen ließe sich dieses rudimentäre System lediglich dann, wenn Schach!3D wenigstens die während des Spiels genutzten Einstellungen (z.B. Level, verbrauchte Bedenkzeit, Bewertungen usw.) mit archivieren würde; auch dies ist leider nicht der Fall. Es ist mir nicht ganz klar, warum der Autor auf die Implementierung einer recht einfach umzusetzenden Lösung verzichtet hat.
 
Auf der Habenseite kann man die gelungene Implementierung des im Internet üblichen HTML-Formates verbuchen. Es ist mit dem Programm möglich, Schachpositionen und Notationen für die Präsentation auf einer Webseite aufzubereiten. Die momentan in 3D Schach! implementierte Dateiverwaltung ist also sogar für die anvisierte Zielgruppe des Gelegenheitsspielers völlig unzureichend und dürfte nicht dazu motivieren, sich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal mit seinen gespielten Partien zu befassen.
 
 
Oberfläche
Das eigentliche Schachprogramm wurde recht sauber umgesetzt. Die Algorithmen bewältigen auch kritisch zu programmierende Sonderfälle, wie z.B. Unterverwandlungen, Mattansagen, Patt oder das Schlagen En Passant einwandfrei. Die Spielstärke scheint mir für Gelegenheitsspieler ausreichend zu sein, die in der Regel gelegentlich eine Partie spielen oder ein Mattproblem lösen möchten. Geübte Turnierspieler dürften an dem Programm weniger Freude haben, da es auch für ein Computerprogramm eklatante Schwächen im Positionsspiel und eher untypisch, auch im taktischen Bereich aufweist.
 
Ich vertrete die Auffassung, dass die Engine viel zu schwach spielt, um den Gelegenheitsspieler bei der Weiterentwicklung seines Könnens zu unterstützen. Motto: nur ein guter Spieler kann auch ein guter Lehrer sein. Natürlich verlieren viele Spieler - insbesondere Kinder oder Jugendliche - sehr schnell die Lust am Schach, wenn sich nicht dann und wann auch das notwendige Erfolgserlebnis einstellt. Dieses Problem wird in der Regel bei vergleichbaren Produkten durch diverse, nach Schwierigkeitsgrad angepasste Spielstufen, umgangen. In diesen "Lernstufen" machen andere Programm absichtlich jeweils mehr oder weniger gravierende Fehler, um das Interesse des Anwenders am Spiel aufrecht zu erhalten.
 
Um einem Gelegenheitsspieler die bestmögliche Unterstützung bei der Umsetzung von Fortschritten zu ermöglichen, muss das Schachprogramm ein möglichst hohes Niveau aufweisen. Ein zusätzlicher Vorteil dieser Lösung besteht außerdem darin, dass neben der Zielgruppe der Hobbyspieler auch die ambitionierten Anwender angesprochen werden, die in der Regel gerne den anvisierten Preis von 29.95 DM für ein starkes Schachprogramm bezahlen.
 
Ein echtes Ärgernis ist das Verhalten von 3D Schach! in der Eröffnungsphase. Jeder Autor hat hinsichtlich Funktionsausstattung und dessen Implementierung seine eigenen Prioritäten und man kann sicherlich unterschiedlicher Ansicht sein. Wenn jedoch grobes Fehlverhalten in schachlicher Hinsicht vorkommt und trotz Kenntnis nicht beseitigt wird, hört bei mir das Verständnis auf. Ich zitiere jetzt einmal aus meinem Artikel vom Dezember 1996:
"Nun gut, laut Handbuch nutzt das Programm die Datenbank als Eröffnungsbuch; also sollte man ein abwechslungsreiches Spielverhalten in der Anfangsphase der Partie erwarten dürfen. Weit gefehlt! Schach! erwidert auf e4 grundsätzlich immer mit Sizilianisch, der d4-Spieler muss sich ausschließlich mit Königsindisch zufrieden geben. Nach einigem Experimentieren steht fest: der Zufallsgenerator funktioniert nicht und degradiert Schach! zum einseitigen Eröffnungsexperten mit den schwarzen Steinen. Gibt man dem Programm Weiß, spielt Schach! abwechslungsreicher. Offensichtlich wurde es versäumt, das Programm in elementaren Funktionen von einem Schachspieler austesten zu lassen ..."
 
Wie verhält sich die neueste Version von 3D Schach? Exakt identisch, was für den Anwender nach wie vor wenig Abwechslung bedeutet, da er als Weißer immer die gleichen Varianten von dem Programm vorgesetzt bekommt à Langeweile und wenig Abwechslung sind also "vorprogrammiert" ...
 
 
Fazit
Für die vorliegende Fassung von 3D Schach! kann ich beim besten Willen keine Empfehlung geben. Der Vergleich zur Vorgänger-Version ist mehr als enttäuschend, da so gut wie alle bekannten Fehler oder Schwächen (z.B. inkorrekter Zufallsgenerator, keine Unterstützung der Windows-Standards, usw.) nicht ausgeräumt und bis auf die HTML-Unterstützung kaum nützlichen Erweiterungen (z.B. Partiedruck, Tonausgabe) implementiert wurden. Die Idee des animierten Assistenten ist zwar sehr begrüßenswert; die Umsetzung dieser ausgezeichneten Idee beurteile ich mit der Schulnote "ungenügend". Insbesondere die mangelnde Unterstützung des Hobbyspielers beurteile ich sehr kritisch und befürchte, dass ein Erstanwender des Programms sehr schnell die Freude am Computerschach verlieren könnte.
 
Mir ist nach intensiver Prüfung nicht klar, aus welchem Grund ein Käufer für das Programm um die 30.- DM ausgeben sollte. In diesem Marktsegment findet ein Interessent heutzutage wesentlich leistungsfähigere Alternativen, z.B. Schachmeister 3D PRO oder Meisterschach 3D unter dem Markennamen Mephisto, die neben einer sehr guten Spielstärke noch Datenbankfunktionen, zoombare 3D-Grafiken, Schachkurse, Druckfunktionen usw. anbieten. Beachten Sie bitte, dass Data Becker noch ein Schachprogramm - das 3D-Schachgenie - im Sortiment hat, das im Unterschied zu 3D Schach! mit einer ganzen Reihe nützlicher Ausstattungsmerkmale, einer riesigen Datenbank und sehr guter Spielstärke daherkommt und absolut empfehlenswert ist. Meiner Ansicht nach wird die mir vorliegende Fassung von 3D Schach! dem Qualitätsanspruch von Data Becker nicht gerecht; ich würde es als "Anhäufung von verpassten Möglichkeiten" bezeichnen.
 
Peter Schreiner
 
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