Die größten Turniere der Schachgeschichte

Autoren: Rainer Knaak und Manuel Fruth, Preis: 29.99 Euro
besprochen von Peter Schreiner - Mai 2004

Mit der vorliegenden CD bietet ChessBase eine weitere wichtige Dokumentation mit schachhistorischem Inhalt an. Für schachhistorisch interessierte Schachfreunde stellt diese CD eine ideale Ergänzung zu der bereits veröffentlichten DVD Alle Weltmeisterschaften dar. Es gibt viele Städte, die der Kenner auf Anhieb mit einem bedeutenden Turnier verknüpft. Der englische Badeort Hastings wird heute noch mit dem legendären Turnier von 1895 in Verbindung gebracht, bei dem Pillsbury den größten Triumph seiner leider viel zu kurzen Schachkarriere feiern konnte. Leider gab und gibt es beim Schach viel zu große zeitliche Abstände zwischen den Weltmeisterschaftskämpfen. Aus diesem Grund lag und liegt der Schwerpunkt des Interesses auf den Eliteturnieren, bei denen sich die Topspieler regelmäßig treffen. Topturniere werden immer als Rundenturniere mit Teilnahme aller Weltklassespieler ausgetragen, bei denen jeder Teilnehmer gegeneinander antreten muss.

Die Definition für die Klassifikation der "größten" Turniere ist übrigens gar nicht so einfach. Heutzutage wird als Kriterium ein möglichst hoher Eloschnitt genommen. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass das Turnier automatisch "schwächer" wird, je mehr Spieler eine Einladung zu dem Turnier bekommen. Daraus resultiert der Trend, dass Turniere mit immer weniger Teilnehmern organisiert werden. Natürlich erwartet man von einem bedeutenden Turnier, dass die besten Spieler der Welt dabei sind, und je mehr von ihnen, umso besser. Ein Turnier mit neun von zehn Spielern der Top-Ten ist eine feine Sache, aber wenn nun ausgerechnet die Nr. 1 fehlt? Überhaupt hat es nicht allzu viele Turniere gegeben, bei denen die Nr. 1 und 2 der Welt mitspielten. Das wird bei der Sichtung der Turnierlisten deutlich.

Momentan dominieren in der Schachszene K.O.-Turniere, Turniere im Schweizer-System und Schnellschachturniere. Ergebnis: "Große" Turniere finden kaum noch statt und die Jagd nach den höchsten Elokategorien führt dazu, dass die Stars fast nur noch untereinander spielen. Unter diesen Gesichtspunkten wäre heutzutage z.B. Hastings 1895 wegen der hohen Anzahl von "schwächeren" Teilnehmern nie als großes Turnier eingestuft worden.

In der Schachgeschichte hat es häufig Phasen gegeben, in denen bestimmte Spieler aus sehr unterschiedlichen Gründen nicht mehr bei den Superturnieren antraten, bzw. antreten durften. Ein typisches Beispiel dafür ist der legendäre Amerikaner Paul Morphy. Nachdem er nach beeindruckenden Resultaten als weltbester Spieler angesehen wurde, tauchte er ab und nahm an keinem bedeutenden Turnier mehr teil. Für die Konkurrenz hatte dies den Nachteil, dass sie bei einer Teilnahme mit dem Makel leben mussten, dass die wahre Nr. 1 nicht dabei war. Auch Steinitz, der lange Zeit als weltbester Spieler galt, machte eine Turnierpause von 1873 bis 1882 und wurde u.a. in Paris 1878 sowie bei den ersten Kongressen des Deutschen Schachbundes schmerzlich vermisst. Doch es gab ein paar Turniere, bei denen die komplette Elite dabei war. London 1883, Hastings 1895 und Nürnberg 1896. Das letztere blieb aber für lange Zeit das letzte Turnier, bei dem die Nr. 1 und 2 der Welt gemeinsam in einem Teilnehmerfeld standen.

St. Petersburg 1896 war wohl das erste Superturnier mit sehr wenigen Teilnehmern. Aber einer fehlte doch: Siegbert Tarrasch. Der Nürnberger Arzt wurde auch in der Folgezeit bei einigen Anlässen vermisst, so London 1899, Paris 1900 und Cambridge Springs 1904. Und dann war es natürlich Emanuel Lasker selbst, der als Nr. 1 der Welt in vielen Jahren nach 1900 gar kein Turnier bestritt. Umso mehr ragen die wenigen Turniere mit seiner Teilnahme hervor: Cambridge Springs 1904 sowie St. Petersburg 1909 und 1914. Während im 19. Jahrhundert die wenig komfortablen Reisemöglichkeiten bei der Turnierbesetzung eine Rolle spielten - Siegbert Tarrasch war z.B. nie in Amerika - kam mit dem Entstehen der Sowjetunion ein weiteres Hindernis hinzu: für manche war dieses Gebiet tabu, so etwa Aljechin und Nimzowitsch.

Extremes Konkurrenzdenken führte auch häufig dazu, dass sich manche Spieler bei Turnieren systematisch aus dem Weg gingen. Typisch war dafür das Gerangel zwischen Capablanca und Aljechin. Aljechin verlangte bei den Turnieren von San Remo 1930 sowie Bled 1931 sogar ein Extrahonorar (!), falls Capablanca mitspielen sollte. Nach dem WM-Kampf von 1927 spielten die beiden überhaupt nur noch auf zwei Turnieren gegeneinander: Nottingham 1936 und AVRO 1938 - natürlich hebt dieser Fakt die beiden Turniere auf eine besonders hohe Stufe. Insbesondere das AVRO könnte bei einer Wahl des stärksten Turniers aller Zeiten einen Platz ganz weit vorn belegen; alle 8 Spieler gehörten zu den Top-Ten, und alle (außer natürlich Aljechin selbst) konnten sich Hoffnungen auf ein Match gegen den Weltmeister machen.

Im 2. Weltkrieg war das Turniergeschehen in verschiedene Zonen getrennt. So fallen die beiden Turniere, die es in Auswahl auf der CD "geschafft haben", etwas gegenüber dem sonstigen Durchschnitt ab. Doch in Anbetracht der Umstände kann man schon von Klasseturnieren sprechen. Ein Spitzenspieler fällt in dieser Zeit durch eine besonders aktive Turnieraktivität an den verschiedensten Orten auf. Paul Keres spielte nach der Vereinnahmung Lettlands bis 1941 in der Sowjetunion und war danach auf verschiedenen Turnieren im Großdeutschen Reich anzutreffen, um zu Ende des Krieges wieder im sowjetischen Matchbereich aufzutauchen.

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es ein weiteres Manko, das solche Turniere wie etwa das AVRO verhinderte: die fast absolute Dominanz der sowjetischen Spieler. Stellen Sie sich vor, die ersten 10 der Welt in einem Eliteturnier. In der Praxis bedeutete dies 8 bis 9 Sowjets + Reshevsky oder Najdorf (später von Gligoric und dann von Fischer abgelöst). So ein Ereignis wollte und konnte ein westlicher Turnierausrichter nicht organisieren. Die stärksten Turniere fanden nun meistens in Moskau statt. Erst Ende der 60er Jahre tauchen mit Portisch und Larsen zwei weitere nichtsowjetische Top-Ten-Spieler auf.

Allerdings gab es nun offizielle Turniere: bei den Interzonenturnieren fehlten regelmäßig nur drei der besten Spieler der Welt, bei den Kandidatenturnieren nur der Weltmeister. Schließlich trat Robert Fischer in die Turnierarena ein. Er hat sich jedoch vergleichsweise wenig an Superturnieren beteiligt bzw. wurden sie in seinem kurzen aktiven Zeitraum relativ selten ausgerichtet: Bled 1961 und Santa Monica 1966. Man kann wohl davon ausgehen, dass für Fischer die finanziellen Bedingungen in Moskau 1967 nicht gut genug waren, was natürlich auch daran lag, dass der Rubel eine nicht konvertierbare Währung war.

Eine Art Wendepunkt in der Geschichte der Turniere stellte Mailand 1975 dar. Ab etwa diesem Zeitpunkt begann man wieder echte Superturniere zu organisieren. In Bugojno und Tilburg entstand sogar eine Tradition in der Veranstaltung solcher Ereignisse. Ein häufig anzutreffendes Merkmal: die Zahl der Vertreter des veranstaltenden Landes wurde zur Not bis auf Null gesenkt, etwa bei Montreal 1979. Eine für die führende Schachnation sehr unrühmliche Periode gab es dann ab 1976, als Viktor Kortschnoj in den Westen geflüchtet war und fortan von der Sowjetunion bei Einladungsturnieren boykottiert wurde.

Die Veranstalter konnten sich dem schlecht widersetzen, weil die Sowjets mit ihren vielen Stars gewissermaßen am längeren Hebel saßen. So gab es wiederum für lange Zeit kein Turnier, in dem die Nr. 1 und 2 der Welt die Kräfte messen konnten. Erst als Kortschnoj die Position als Nr. 2 der Welt hinter Karpov nicht mehr einnahm, wurde der Boykott ab 1984 aufgehoben. Da war bereits ein weiterer Star aufgetaucht: Garry Kasparov. Aber auch Turniere, in denen Kasparov und Karpov als Nr. 1 und 2 gemeinsam auftraten, gab es zunächst nicht, sondern erst nach 1986, also außerhalb des Zeitraums dieser CD.

Eindeutig besser wurde die Situation für die Organisation von Superturnieren, als es ab 1988 den Weltcup gab. Außerdem waren die gesellschaftlichen Veränderungen in der Sowjetunion für die führenden Spieler ein Segen; sie konnten nun frei über ihre Turnieraktivitäten entscheiden. Doch mit diesen Fakten kommen wir bereits aus dem Zeitraum dieser CD heraus.

Noch ein Wort zu der Präsentation der Daten. Vor jedem der fünfzig Turniere in der Datenbankliste steht ein ausführlicher Datenbanktext. Innerhalb des Textes wird ausführlich auf die Besonderheiten und den Verlauf des jeweiligen Turniers eingegangen, gefolgt von dem Text Turnierliste und Top-Ten. Besonders die umfangreichen Turnierberichte und die vielen Photos bieten interessante Details und Einblicke zur Schachgeschichte. Amüsant sind auch die zahlreichen Anekdoten, die sich aus der Rivalität der unterschiedlichen Großmeister ergaben. Ein Beispiel vom Londoner Turnier 1883: "Beim Abschlussbanket wurde ein Toast auf den besten Spieler der Welt ausgestoßen; Steinitz wollte sich gerade erheben, da stand Zukertort bereits. Steinitz blieb mit hochrotem Kopf sitzen …" Die Schlüsselbegegnungen jedes einzelnen Turniers sind übrigens ausführlich kommentiert.

Fazit

Eine schachhistorisch hochinteressante CD-ROM mit vielen ausführlich kommentierten Partien, die man jedem Schachspieler vorbehaltlos empfehlen kann! Zur Illustration können Sie sich als Beispielpartie die Partie Aljechin - Fine (Kemeri 1937) anschauen und am Seitenende downloaden. Damit das Diagramm immer sichtbar bleibt, besteht die Seite aus einem Frameset. Um die Partie nachspielen zu können müssen Sie Javascipt aktiviert haben.

Peter Schreiner

Rochade-EuropaPeter Schreiner