Fritz Techniktrainer

Autor: Henrick Schlössner, Preis 19.99 Euro
besprochen von Peter Schreiner – Juli 2003

Dr. Tarrasch hat einmal gesagt, dass die größte Kunst im Schach darin besteht, gewonnene Stellungen auch wirklich zu gewinnen. In der Turnierpraxis werden viele wertvolle Punkte dadurch verschenkt, dass der Spieler mit dem Vorteil auf seiner Seite in seiner Konzentration nachlässt oder dass einfach die notwendige Technik zur Verwertung des Vorteils fehlt. Wer in der Turnierpraxis erfolgreich abschneiden will, muss sich daher mit dieser Problematik beschäftigen.

Die vorliegende CD enthält über 100 ausgewählte Stellungen mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen, die fast alle aus der Turnierpraxis stammen. Alle Positionen haben ein gemeinsames Merkmal. Eine Partei hat einen Vorteil und es geht nun darum, den Vorteil gegen einen zähen Gegner zu verwerten. Die aktuellen Schachprogramme sind besonders hartnäckig und findig in der Verteidigung. Insofern eignen sich Fritz, Shredder & Co ausgezeichnet als Sparringspartner.

Da der Computer im Unterschied zum menschlichen Verteidiger völlig emotionslos die Aufgabe des Verteidigers übernimmt, muss man schon sehr präzise spielen, um einen Vorteil gegen die Maschine zu verwerten. Wem dies nach intensiver Übung mit dem vorliegenden Material gegen Fritz gelingt, der dürfte auch in der normalen Turnierpraxis sicher seine Punkte in überlegenen Stellungen einfahren.

Anhand des Konzepts ist klar, dass man die vorliegende CD nur in Kombination mit einem der aktuellen Schachprogramme von ChessBase sinnvoll einsetzen kann. Damit der Trainingseffekt möglichst hoch ist, empfiehlt es sich, dass man die Anzeige der Engine unter Fritz abschaltet.

Wenn man gar nicht mehr weiter weiß, kann man natürlich auf die bewährten Hilfefunktionen von Fritz zurückgreifen. Fritz gibt Ihnen auf Wunsch verschiedene Tipps: Jeweils im Menü Hilfe: Wink oder Vorschlag [?] oder Drohung [UMSCHALT (oder SHIFT) +T]. Damit können Sie einen Zugvorschlag anfordern, oder die Drohung von Fritz anzeigen lassen. Die Qualität der Winke hängt von der verwendeten Rechentiefe ab. Diese kann unter Menü Extras - Optionen - Partie festgelegt werden.

Für Einsteiger ist die Funktion Coach schaut zu auf jeden Fall empfehlenswert: Aktivieren Sie diese Option, wenn Fritz Ihnen einen »Trainer« zur Seite stellen soll, der Sie vor Fehlern warnt. Achtung: Wenn Sie eine Figur opfern, kann des Trainer sich trotzdem zu Wort melden, obwohl das Opfer korrekt ist. Schließlich ist der Trainer auch »nur« ein Computer und die sind bekanntlich nicht immer mit Opfern einverstanden.

Eine wertvolle Hilfe ist das Analysebrett von Fritz, auf dem man kritische Varianten durchspielen kann, ohne dass das eigentliche Brettfenster davon beeinflusst wird. Ihre eigenen Versuche werden automatisch gespeichert und Sie können die Partie dort fortsetzen, wo sie von Ihnen abgebrochen wurde, sofern Sie keine neue Aufgabe beginnen.

Meiner Ansicht nach sind diese Hilfestellungen zwar sehr verführerisch, man sollte aber diszipliniert vorgehen und nach Möglichkeit auf die Hilfestellungen verzichten, um den höchstmöglichen Trainingseffekt zu erzielen. In der Turnierpraxis sind Hilfestellungen und Hinweise von Dritten nicht erlaubt und unter seriösen Spielern streng verpönt.

Die CD eignet sich meiner Ansicht nach vor allem für ambitionierte Vereinspieler. Der Schwierigkeitsgrad und die Themenauswahl der einzelnen Aufgaben dürften diese Zielgruppe besonders ansprechen. Innerhalb der Datenbanktexte gibt es eine präzise Definition der Problemstellung und eine Grundkonzeption, wie der Plan für die Umsetzung des Vorteils aussehen könnte. Dazu ein Beispiel:

Diagramm 
Tal,M - Petrosian,T
24. Meisterschaft der UdSSR,
Moskau 1957

Schwarz hat drei Probleme:

  1. Der Läufer hat keine Angriffsziele.
  2. Der König muss den h-Bauern aufhalten (der Bauer h2 spielt nur eine untergeordnete Rolle).
  3. Die schwarzen Zentrumsbauern stehen auf weißen Feldern und werden somit zum Angriffsziel für den Läufer.

Sie müssen eine Methode finden, mit der Sie diese drei Probleme gleichzeitig angehen. Dadurch wird Schwarz überlastet. Um dies zu erreichen, gehen Sie in drei Schritten vor:

  1. Sie stoßen mit dem Bauern nach h7 vor, so dass der König an den Bauern gebunden ist.
  2. Der Läufer fällt den Zentralbauern in den Rücken. Schwarz kann das Schlagen auf e6 natürlich nicht zulassen, denn sonst entsteht ein zweiter Freibauer (h7 wird zwar von Schwarz kassiert, aber auf h2 steht ja noch einer!). Damit gewinnen Sie Zeit, um den nun auf h7 stehenden Bauern wieder zu decken.
  3. Die schwarze Stellung ist nun vollständig gelähmt. Damit erhält der König die Gelegenheit aktiv ins Geschehen einzugreifen. Sie müssen jedoch immer die schwarzen Bauern am Damenflügel im Auge behalten.

Genaue Berechnung ist gefragt, denn in der Originalpartie scheiterte Petrosian nur an einem einzigen Tempo! Die Partie verlief wie folgt:

Tal,M – Petrosian,T   URS-ch24 Moscow (13), 1957

36.h7+ Kg7 37.Lf7 Ld7 38.Lg8 Lc8 39.Kd3 Ld7 40.Ke2 Kh8 41.Kf3 b5 42.Kxf4 d4 43.cxd4 b4 44.axb4 a4 45.d5 a3 46.dxe6 a2 47.exd7 a1D 48.d8D Dc1+ 49.Kf5 Db1+ 50.Ke6 Dg6+ 51.Kd7 1-0
Wenn Sie die Stellung mit Fritz trainieren, müssen Sie damit rechnen, dass sich dieser besser verteidigt als Tigran Petrosian.

Fazit: Eine gelungene Trainings-CD, die sich an ambitionierte Praktiker wendet, die ihre vorteilhaften Stellungen sicher in ganze Punkte ummünzen wollen.

Peter Schreiner

Rochade-EuropaPeter Schreiner