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Diagramm 22-2006
 
Diagramm 22 – 2006
In dieser Stellung stellte Weiß seine Dame nach e5 und erwartete von Schwarz die Aufgabe. Dieser spielte aber weiter und zog …
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Die Reti-Eröffnung
Autor: Don Maddox, Preis: 49.90 DM
besprochen von Peter Schreiner - Juli 2001
 
Die Reti-Verteidigung zeichnet sich im Unterschied zu den offenen Abspielen nach 1.e4 e5 dadurch aus, das in der Anfangsphase der Partie keine scharfen, forcierten Abspiele vorkommen. Solche Eröffnungssysteme sind für Amateure, die neben ihrem Hauptberuf wenig Zeit für das Theoriestudium aufbringen können, immer eine gute Wahl. Gerade bei der Reti-Eröffnung ist das Verständnis für die typischen Strategien und Spielpläne bei weitem wichtiger als konkretes Variantenwissen.
 
Das Grundprinzip der Reti-Eröffnung besteht vor allem darin, alle Figuren zu entwickeln und erst dann nach Initiative zu streben. Die Eröffnung erfreut sich einer langen Tradition und wurde, bzw. wird von vielen Weltklassespielern wie Aljechin, Tartakower, Botwinnik, Capablanca, Fischer, Euwe, Keres, Smyslow, Karpow, u.a. regelmäßig angewandt. Kasparov setzte in einer seiner wichtigsten Partien auf die Reti-Eröffnung, als er unbedingt die letzte Partie beim WM-Match 1987 gewinnen musste, um seinen Titel zu verteidigen!
 
Die Grundstellung der Reti-Eröffnung entsteht nach 1.Sf3 d5. Die Fortsetzung 1...d5 ist die konsequenteste Entgegnung für Schwarz, da sie direkt vom Zentrum Besitz ergreift. Nach 1...d5 stehen Weiß grundsätzlich zwei Strategien zur Verfügung: die Besetzung des Zentrums mit 2.c4 oder der Aufbau mit 2.g3, wobei der weißfeldrige Läufer von g2 die lange Diagonale h1-a8 unter Beschuss nimmt. Beide Verfahren basieren auf einer soliden positionellen Grundlage, die statistische Punktausbeute mit 56% für Weiß unterstreicht diese Einschätzung.
 
Bevor wir uns näher mit den Inhalten der CD-Rom beschäftigen, noch einige Worte zum Schöpfer und Namensgeber dieser Eröffnung. Richard Reti wurde 1889 geboren und gehörte insbesondere in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts zur erweiterten Weltspitze. Nach dem Kriegsende verbuchte er eine Reihe von brillanten Turniersiegen, z.B. in Kaschau 1918, Budapest 1918, Rotterdam 1919, Amsterdam 1920, Wien 1920 und Gothenburg 1920. In den nächsten neun Jahren gehörte er zweifellos zu dem halben Dutzend führender Spieler der Welt. Er teilte den ersten Platz in Teplitz-Schönau 1922, den zweiten in Hastings 1923, erreichte den alleinigen zweiten Platz in Mährisch-Ostrau 1923 und in Wien 1923.
 
Im Jahre 1924 beendete er das berühmte Turnier in New York als Fünfter und als Erster in Buenos Aires mit 15 Siegen bei einer Niederlage und zwei Remisen. 1925 gewann er in Preßburg mit 8 Siegen bei 2 Remisen. Das nächste Jahr war ruhiger - zwei Turniere, zwei mäßige Ergebnisse. Aber 1927 meldete sich Reti kraftvoll zurück mit den zweiten Plätzen in Bad Homburg und bei der starken Londoner Schacholympiade. 1928, ein Jahr vor seinem Tod, feierte er einen Siegeslauf mit den ersten Plätzen in Wien, Giessen, Brünn (hier geteilt) und Stockholm. Stockholm war sein letztes Turnier. Als er vier Monate später im Alter von nur 40 Jahren starb, war dies für die Schachwelt ein herber Verlust.
 
Noch bedeutender als sein praktisches Turnierschaffen war die Rolle Retis als einer der Vordenker der sogenannten "hypermodernen" Schachschule. Die klassische Schachschule unter Vordenker Tarrasch propagierte eine relativ einseitige Form von Schachtheorie. Zuerst "muss" Weiß mit e4 oder d4 eröffnen, das Zentrum besetzen und sich möglichst schnell entwickeln. Die Hypermodernen um die Vordenker Reti, Nimzowitsch, Breyer u.a. vertraten dagegen eloquent die Theorie, dass es nachteilig sein kann, das Zentrum zu besetzen., weil es z.B. als direktes Angriffsziel dient. Überspitzt formulierte es der ebenfalls sehr früh verstorbene Breyer: "Nach 1.e4 befindet sich das weiße Spiel bereits in den letzten Zügen ..."
 
Die Hypermodernen propagierten stattdessen die Kontrolle des Zentrums und bevorzugten daher zurückhaltende, geschlossene Strukturen mit fianchettierten Läufern. Auch der Faktor Entwicklung wurde von den Hypermodernen völlig konträr zu den Theorien eines Tarrasch beurteilt. These: die Entwicklung muss keineswegs forciert werden. Die Eröffnung sollte einem fest umrissenen Plan folgen und die Bauernformationen bereits mit Hinblick auf das Endspiel entwickelt werden. Reti war bei der Präsentation seiner Theorien besonders konsequent und wandte ab 1923/1924 als Weißer ausschließlich die später nach ihm benannte Zugfolge in seinen Partien an.
 
Im heutigen, erfolgsorientierten Zeitalter überwiegen im Schach Normen, Elopunkte und auf Spitzenniveau die sportliche Komponente, während die alten Meister sich eher als Künstler verstanden, die ihre Theorien ohne Rücksicht auf eventuell ungünstige Resultate prinzipientreu durchfochten. Sicher ist, dass diese Konsequenz Reti den ein oder anderen Punkt gekostet haben dürfte. Ein ganz wichtiger Erfolg für Reti war der Sieg im New Yorker Turnier von 1924 gegen den zu diesem Zeitpunkt seit acht Jahren ungeschlagenen Weltmeister Capablanca.
 
 
Inhalt der CD-Rom
Der Autor der CD, Don Maddox, gehört zu den bekanntesten Schachtrainern in den USA. Die über die Jahre hinweg gewonnenen Erfahrungen bei der Vermittlung von komplexen Wissensinhalten sind bei der Konzeption dieser CD mit eingeflossen und wurden meiner Ansicht nach vorbildlich umgesetzt. Die Hauptthemen in den sehr ausführlichen Datenbanktexten sind die nach 1.Sf3 d5 2.c4 und 1.Sf3 d5 2.g3 resultierenden Stellungen.
 
Im Einführungstext werden dem Anwender zunächst die wichtigsten Pläne und Ideen anhand von Diagrammen und ausführlichem Text erklärt. Nachdem der Anwender die Grundlagen kennengelernt hat, geht der Autor einen Schritt weiter und stellt mit ausführlichen Texterklärungen und anhand instruktiver Eröffnungsübersichten typische Standardpläne der Reti-Verteidigung vor.
 
Enorm hilfreich - wie bei allen Eröffnungs-CDs von ChessBase - ist die saubere Strukturierung mit den Einleitungstexten am Anfang der Partienliste und den eingebetteten Links zu Eröffnungsübersichten und Partien. Die mitgelieferte Partiendatenbank enthält insgesamt 31 918 Partien, davon viele mit Text, Multimedia-Komponenten und Varianten kommentiert. Ein Blick auf die Datenbank beweist, dass das System sporadisch auch schon zu Zeiten angewandt wurde, als Reti noch gar nicht auf der Welt war.
 
Zusätzlich gibt es eine Trainingsdatenbank mit 79 ausgewählten Stellungen, die aus den kommentierten Partien der Hauptdatenbank ausgewählt wurden. Hier gilt es, typische Stellungsprobleme unter turnierähnlichen Bedingungen bei begrenzter Bedenkzeit zu lösen. Die intensive Beschäftigung mit den Trainingsunterlagen hilft dem Anwender, diese inhaltsreiche, strategisch ausgerichtete Eröffnung zu verstehen und das eigene Verständnis für die typischen Stellungsprobleme zu überprüfen. Abgerundet wird diese erstklassige Abhandlung mit einem Positionsbaum, der aus den Partien der Hauptdatenbank generiert wurde und unter den Schachprogrammen von ChessBase auch als Eröffnungsbibliothek eingesetzt werden kann.
 
 
Fazit
Diese CD-ROM überzeugt vor allem durch die übersichtliche Aufbereitung des Materials und die transparente Darstellung mit zahlreichen Texterklärungen und erstklassig kommentierten Partien. Ein Anwender, der die Bereitschaft mitbringt, sich intensiv mit den Inhalten auseinander zusetzen, dürfte zukünftig keine Probleme mehr damit haben, das System erfolgreich in der Praxis anzuwenden oder sich dagegen zu verteidigen. Dem Autor Don Maddox ist es dabei gelungen, auf die Bedürfnisse eines Vereinspielers einzugehen, der sich gründlich mit den Grundmotiven des Systems vertraut machen möchte. Fortgeschrittene Spieler können sich anhand der zahlreichen Detailschlüssel und den über 1300 im Informatorstil kommentierten Partien rasch einen Überblick über die aktuellen Trends in diesem System verschaffen. Ein sehr gelungene Eröffnungs-CD, die eine uneingeschränkte Empfehlung verdient.
 
Peter Schreiner
 
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