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Diagramm 18-2006
 
Diagramm 18 – 2006
Hier wurde eine »Schachmaschine« demontiert. Wie zerlegte Weiß am Zuge die misslungene schwarze Partieanlage?
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Paul Morphy - Genie und Mythos
Autoren: Rainer Knaak und Karsten Müller, Preis: 24.99 Euro
besprochen von Peter Schreiner - August 2003
 
Die vorliegende Monographie auf CD-ROM beschäftigt sich mit dem Schaffen von Paul Morphy, einem Spieler, der in den 50ern des 19. Jahrhunderts für Furore in der Schachwelt sorgte. Nicht nur die Zeitgenossen von Morphy beurteilen das Können des amerikanischen Meisters enthusiastisch. Kein Geringerer als Bobby Fischer war sogar der Meinung, dass das Spiel von Morphy an Genauigkeit nie mehr übertroffen wurde und er auch heute noch nach entsprechender Vorbereitung jeden Spieler bezwingen könne. Viele sehen ihn Morphy den stärksten Spieler aller Zeiten.
 
Die vorliegende CD beschäftigt sich kritisch mit der Frage, ob diese Einschätzungen berechtigt sind. Die Antwort fällt bei Paul Morphy nicht leicht. Zwar sind insgesamt ein paar Hundert Partien überliefert, doch im Grunde ist die Datenlage sehr dünn und zum Teil auch unsicher. Wirklich "wertvolle" Partien unter Wettkampfbedingungen gegen starke Gegner gibt es nur sehr wenige. Einen großer Teil der überlieferten Partien sind Vorgabepartien, die heutzutage fast überhaupt nicht mehr gespielt werden. Warum wurden sie in so großer Zahl gespielt? Die freien Partien schon eher von Wert. Zwar gab es da keinen Einsatz von Geld, doch der gutsituierte Morphy hat Geldpreise immer zurückgewiesen (womit er den Berufsschachspielern eigentlich keinen Gefallen getan hat), und er wird diese Partien mit dem nötigen Ernst gespielt haben. Bevor wir auf die Inhalte der CD kommen, zuerst ein kurz gefasster Lebenslauf des legendären Amerikaners.
 
Paul Morphy wurde am 22. Juni 1837 in New Orleans, Louisiana, geboren. Bereits sehr früh wurde er mit dem Schachspiel konfrontiert und zeigte eine extrem ausgeprägte schachliche Begabung. Mit 13 Jahren spielte er zwei Partien gegen den ungarischen Meister Löwenthal. Die eine Partie endete Remis und die andere endete mit einer Niederlage des arrivierten Meisters Löwenthal. Ab 1850 besuchte er das Spring Hill College in Mobile, Alabama. In den Unterlagen des Instituts kann man nachlesen, dass er während seiner Collegezeit viele Auszeichnungen und Prämien für seine Sprachstudien bekommen hatte.
 
Im Alter von 20 Jahren, zwei Jahre, nachdem er den schulischen Abschluss erhalten hatte, nahm Morphy am amerikanischen Schach-Kongress 1857 in New York teil. Von 97 Partien gewann er 85, remisierte 8 und verlor 4 Partien. Die stärksten Spieler jener Zeit lebten in Europa und Morphy bereiste deshalb den alten Kontinent, um seine Fertigkeiten gegen die damalige Weltspitze zu erproben. Höhepunkt war 1858 der Wettkampf in Paris gegen den damals als weltbesten Spieler geltenden Deutschen Adolf Anderssen. Er besiegte ihn in dem Wettkampf mit 13:4 und galt von da an als stärkster Spieler der Welt. Ein weiteres zu jener Zeit spektakuläres Ereignis war das Blindsimultan in Paris, als er gleichzeitig gegen 8 Gegner antrat Nach zehn Stunden Dauer hatte er 6 Gegner besiegt und gegen 2 Partien unentschieden gemacht, zu dieser Zeit eine Sensation.
 
Nach nur 18 Monaten Spielpraxis in internationalen Turniere zog sich Morphy aus der Schachwelt zurück. Nur noch ganz selten spielte er Schach. Er starb im Alter von 47 Jahren nachdem er die letzten Jahrzehnte seines Lebens als exzentrischer Einsiedler gelebt hatte. Kurz vor seinem Tod traf sich Morphy mit dem fast gleichaltrigen Weltmeister Wilhelm Steinitz, aber unter der Bedingung, dass nicht über Schach gesprochen werden durfte.
 
Auf der CD findet man eine umfangreiche Biographie, die auf alle bekannten Fakten des Lebensweges von Morphy eingeht. Besonders interessant ist die kritische Untersuchung von GM Karsten Müller, warum und in welcher Hinsicht Morphy seinen Zeitgenossen so deutlich überlegen war. Beim Studium der Partien wird deutlich, dass Morphy seinen Konkurrenten vor allem beim Verständnis der Prinzipien des modernen Positionsspiels in offenen Stellungen voraus war. Viele von ihnen konnten auch brillant und kreuzgefährlich angreifen und haben der Schachwelt viele wunderschöne Kombinationen hinterlassen - genau wie Morphy. Doch Morphy konnte noch weit mehr, denn die positionelle Grundlage seines Spieles war besser - zumindest in eher offenen Stellungen. Er strebte keine Kombination nur um der Kombination willen an, sondern er führte Stellungen herbei, in denen taktische Operationen in natürlicher Weise möglich sind.
 
Es lohnt sich auf jeden Fall, sich intensiv mit dem Schaffen des Amerikaners zu beschäftigen. Gerade die präzise Ausnutzung der Fehler ist immer wieder lehrreich. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass seine Gegner durchaus nicht chancenlos waren. Jedem gelang es in wenigstens einer Partie, Morphy regelrecht zu überspielen. Morphy war insgesamt deutlich besser in der Eröffnung und er hat seine Gewinnstellungen konsequenter verwertet. Nach Ansicht von GM Karsten Müller war Morphy seinen Gegnern vor allem in der Eröffnung überlegen. Interessanterweise startete Morphy in seinen Matches oft mit Niederlagen und legte erst im Verlauf eines Wettkampfes zu. Er konnte aus seinen Fehlern besser lernen. Eine schlechte Eröffnung hat er meistens durch eine bessere ersetzt; Anderssen hatte da z.B. viel größere Probleme.
 
Außerdem war Morphy nach Ansicht von GM Müller ein durchweg universeller Spieler. Er konnte sich auch auf seine Endspiele verlassen, was vielleicht einfach daran lag, dass er über viele Stunden hinweg konzentriert bleiben konnte. Häufig wich er eigentlich einem Damentausch aus (vielleicht weil ihm die Stellungen dann nicht interessant genug erschienen oder nicht gewinnträchtig genug erschienen). Doch in der zweiten Hälfte des Matches gegen Harrwitz geht er teilweise schon recht zeitig ins Endspiel - vielleicht einfach deshalb, weil Harrwitz im Endspiel gravierende Schwächen zeigte.
 
Die Eröffnung war Morphys größte Stärke. Vor allem mit Weiß hatte er fantastische Resultate. Morphys Fehlerquote im Eröffnungsbereich war extrem niedrig. Das Eröffnungsspiel war damals sicher etwas ganz Anderes als heute, man konnte nicht auf eine große Theorie zurückgreifen. Auch waren es vermutlich nicht geheime Analysen, die Morphy zu besonderen Leistungen befähigten. Vielmehr wurden Eröffnungen am Brett gespielt, und es gehörte sicher ein großes Schachverständnis dazu, wenn man dann besser als der Gegner sein wollte. Allerdings ist natürlich ohne tiefere Untersuchung heute schwer zu sagen, was gewissermaßen einem besseren Wissen (Vorbereitung) entsprang und was am Brett gefunden wurde. Im Mittelspiel gab es vielleicht die wenigsten Unterschiede zu seinen schärfsten Konkurrenten. Allerdings erwecken vor allem die Partien gegen Anderssen den Eindruck, dass Morphy offene Stellungen besser spielte. Es hieß, Morphy war nicht so gut in geschlossenen Stellungen. Wenn es stimmt, so war er sich dessen zumindest nicht bewusst, denn die 6., 8. und 10. Partie gegen Anderssen sind eindeutig, jedes Mal gab es diese Struktur:
 
Morphy nahm sie als Nachziehender nicht nur im vorab in Kauf, sondern er verzichtet auch jedes Mal auf den Zug e4xf3 e.p., mit dem die Stellung halb geöffnet wird. Im taktischen Spiel ist Morphy seinen schärfsten Konkurrenten kaum überlegen. Dass dennoch der Eindruck entsteht, dass er ein großer Taktiker war, liegt an einigen wirklich phantastischen Kombinationen, die er produzierte.
 
Dass Morphy gelegentlich etwas übersah, lag vielleicht auch an seinem schnellen Spiel. Morphy hat einige starke Endspiele abgeliefert. Doch insgesamt unterscheidet sich die Qualität von Morphys Spiel in dieser Partiephase nicht wesentlich von der seiner Kontrahenten. Es gibt wenige Beispiele, in denen sich Morphy erst in der Endspielphase aus ausgeglichener Stellung heraus noch durchsetzte. Umgekehrt gibt es aber auch keine Endspiele, in denen Morphy aus gleicher Stellung heraus überspielt wurde oder Fehler machte.
 
Noch einige Worte zum Aufbau der CD. Neben der Biographie mit zahlreichen Bilddokumenten und den Analysen von GM Müller sind alle bekannten Partien von Morphy erfasst, davon viele kommentiert. In einer separaten Datenbank sind 90 ausgewählte Kombinationen erfasst, die man nach dem Prinzip "Learning by doing" zuerst einmal selbständig lösen sollte.
 
 
 
Beispielpartien
Um Ihnen eine bessere Vorstellung davon zu vermitteln, wie die Kommentierung der Partien ausschaut, bringen wir mit freundlicher Genehmigung von ChessBase zwei instruktive Beispiele von der CD, die Sie jeweils am Seitenende auch downloaden können:
°| Partie 1   Morphy - Harrwitz
°| Partie 2   Morphy - Anderssen
Damit das Diagramm immer sichtbar bleibt, bestehen die Seiten aus einem Frameset. Um die Partien nachspielen zu können müssen Sie Javascipt aktiviert haben.
 
 
Fazit
Zur Vervollkommnung eines aktiven Spielers gehört zwingend auch die Kenntnis über das Schaffen der Schachgrößen vergangener Tage. Die liebevoll aufbereitete Monographie, die sich objektiv mit den Stärken und Schwächen des legendären Spielers Paul Morphy beschäftigt, bietet zudem eine umfangreiche Biographie. Ein rundum gelungene CD-ROM, die rundum empfehlenswert ist.
 
Peter Schreiner
 
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