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Diagramm 20-2006
 
Diagramm 20 – 2006
Die Stellung sieht auf den ersten Blick harmlos aus. Aber Schwarz am Zuge fand eine hübsche Kombination und stellte die Weichen auf Sieg.
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Rochade-EuropaPeter Schreiner
 
 
Weltmeister Fischer
Autor: Robert Hübner, Preis: 24.99 Euro
besprochen von Peter Schreiner - Juni 2003
 
Bobby FischerIn der Schachgeschichte haben die Weltmeister einen besonderen Stellenwert. Kein anderer Schachweltmeister hat außerhalb der Schachszene den gleichen Bekanntheitsgrad erreicht wie der Weltmeister der Jahre 1972-1975, GM Robert James Fischer. In seiner verhältnismäßig kurzen aktiven Karriere hat er das Schachspiel grundlegend revolutioniert. Akzeptable Preisgelder und vernünftige Turnierbedingungen verdanken die heutigen Profis vor allem Robert Fischer. Auch nach dem viel zu frühen Ende seiner Karriere ist der Einfluss des Amerikaners in der Schachszene bis zum heutigen Tag beträchtlich. Wir kennen inzwischen die Fischeruhr, Fischersiege (Siege mit deutlichem Punktevorsprung), die Fischerkrankheit (man gewinnt nie gegen gesunde oder ausgeruhte Gegner) und letztendlich das Fischer-Random-Schach.
 
Robert Fischer wurde 1943 in Chicago geboren, wo er von seiner älteren Schwester das Schachspiel erlernte. Ab 1955 begann Fischer, an Turnieren teilzunehmen. 1957 gewann er nacheinander die Jugendmeisterschaften der USA in San Francisco, die offene Meisterschaft der USA in Cleveland und die Meisterschaft der USA in New York. Nebenbei lernte der junge Mann Russisch, um die reiche sowjetische Schachliteratur nutzen zu können. 1957 wurde Fischer Internationaler Meister und ein Jahr später dank der Qualifikation für das Kandidatenturnier der damals jüngste Großmeister der Schachgeschichte.
 
Von 1960 an erzielte er erneut beeindruckende Resultate. Er gewann die Turniere von Mar del Plata und Reykjavik, machte bei der Schacholympiade in Leipzig am ersten Brett 13 aus 18 und siegte bei den Meisterschaften der USA. Nach einer kurzen Schaffenspause meldete sich Fischer 1962 mit einem Sieg beim Interzonenturnier Stockholm zurück, gefolgt von einem bescheidenen vierten Platz beim Kandidatenturnier Curacao. In den Folgejahren spielte er nur wenig, studierte aber sorgfältig der Partien seiner Gegner. 1966 sah Fischers triumphales Comeback. Er gewann die Meisterschaft der USA, wurde Zweiter beim Piatigorsky Cup in Santa Monica und glänzte bei der Schacholympiade Havanna mit 15 aus 17. 1967 siegte er erneut bei den Meisterschaften der USA, anschließend in Monte Carlo und Skopje.
 
Der Rückschlag kam beim Interzonenturnier in Sousse, als er nach einigen Runden zurücktrat und somit einen WM-Kandidatenzyklus verpasste. 1970 meldete sich Fischer mit einer Fülle neuer Ideen und phantastischen Resultaten auf der Schachbühne zurück. Beim "Wettkampf des Jahrhunderts" schlug er Petrosian 3-1, anschließend gab es Siege in Zagreb, Buenos Aires und dem Interzonenturnier in Palma de Mallorca. Damit war Fischer eindeutig Anwärter auf den Weltmeistertitel, doch zuvor musste er noch ein paar Matches gewinnen. 1971 schlug er sowohl Mark Taimanov in Vancouver als auch Bent Larsen in Denver phänomenal mit 6-0.
 
Das letzte Hindernis vor dem Titelmatch war Exweltmeister Tigran Petrosjan, ein Spieler von enormer Erfahrung und ausgezeichneten Verteidigungskünsten. Ihn schlug Fischer 1971 in Buenos Aires so überzeugend (+5-1=3), dass sein Gegner in einem Interview warnte: "Fischer ist ein ausgezeichneter Spieler, der Probleme am Brett schnell erkennt und sie auf korrekte Weise löst. Er fühlt sich in allem Neuen zu Hause und es ist unmöglich, ihn zu überraschen. Wenn er auch nur den kleinsten Vorteil erlangt, spielt er mit der Präzision einer Maschine. Fischer ist ein ganz besonderer Spieler, und das Match mit Spassky wird hart umkämpft werden."
 
1972 kam es in Reykjavik zum großen und weltweit beachteten Aufeinandertreffen mit Boris Spassky. Zuvor hatte Fischers Bestehen auf einem Rekordpreisfond weltweit das Interesse der Medien entfacht, die das Schachmatch nun zu einer Konfrontation von Ost und West hochstilisierten. Seit dem Jahre 1948 hatten den Weltmeistertitel Spieler aus der ehemaligen Sowjetunion innegehabt, doch nun kam der Herausforderer aus den Vereinigten Staaten. Das historische Match begann mit einem kleinen Skandal. Fischer verlor die erste Partie und weigerte sich, zur zweiten anzutreten. Der Protest kostete ihn noch einen Punkt, so dass er jetzt hoch gewinnen musste, um Spassky noch einzuholen. Dem hervorragend vorbereiteten Fischer gelang eine überzeugende Aufholjagd auf höchstem schachlichen Niveau (+7-3=11), und damit war der Amerikaner der 11. Weltmeister der Schachgeschichte.
 
Danach hörte Fischer auf, Schach zu spielen und zog sich in eine der zahllosen spirituellen Gemeinden in Pasadena zurück. Nach 1972 spielte Fischer nicht eine einzige offizielle Partie und verlor den Titel 1975 kampflos an Anatoly Karpov. 1992 kehrte der bekannteste Schachspieler aller Zeiten noch einmal zurück, um im jugoslawischen Sveti Stefan einen Rückkampf gegen Boris Spassky zu bestreiten. Natürlich konnten die beiden nicht mehr beanspruchen, zu den besten Spielern der Welt zu gehören, doch das Überraschungsduell war interessant genug. Trotz seiner 20-jährigen Spielpause gewann Fischer (+10 -5=15), kassierte seinen Anteil von fünf Millionen Dollar Preisgeld und siedelte nach Budapest über.
 
Bedauerlicherweise hat er seitdem nicht mehr gespielt, und die Hoffnung auf ein erneutes Comeback ist gering Für viele Schachspieler ist und bleibt Robert James Fischer der beste Spieler der Schachgeschichte, der ein außergewöhnliches Verständnis und mit maximaler psychologischer und physischer Intensität spielte.
 
Die vorliegende CD würdigt neben den glanzvollen Partien des Amerikaners auch den Menschen ausführlich. Neben einer ausführlichen Biographie mit zahlreichen Photos und Videos findet man in der Hauptdatenbank eine chronologische Zusammenstellung aller Partien mit zahlreichen Turnierreports. Die Turnierreports enthalten zusätzlich zu der Lebensbeschreibung viele interessante Details, so dass die Datenbank quasi eine komplette schachliche Biographie darstellt. Die Partien sind mehrheitlich ausführlich kommentiert.
 
Einen besonderen schachlichen Leckerbissen findet man in der zweiten Datenbank, in der Dr. Robert Hübner sich kritisch und genau mit der bekanntesten Publikation Fischers "Meine sechzig denkwürdigen Partien" auseinandersetzt und die Partien gründlich unter die Lupe nimmt. Am Anfang der Datenbank findet man einen ausführlichen Datenbanktext, in der Dr. Hübner die Ausgangslage bei der Sichtung der Partien von Fischer beschreibt:
 
"Deshalb habe ich mich entschlossen, der berühmten Partienauswahl von Fischer 'My Sixty Memorable Games' (zu deutsch etwa 'Sechzig meiner beachtenswerten Partien' - sicher nicht 'Meine sechzig denkwürdigen Partien'; der Weltmeister glaubte bestimmt, mehr beachtliche Partien gespielt zu haben als nur sechzig) meine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Bei den meisten Kritikern gelten die Anmerkungen Fischers als völlig fehlerfrei, und jede seiner Ausführungen wird als verbürgte Wahrheit hingenommen. Mich plagte der Wunsch, festzustellen, ob dieser Ruf wirklich gerechtfertigt sei. Leider gibt es nur eine Möglichkeit, dies nachzuprüfen: man muss sich selbst an die Arbeit machen und sämtliche Angaben Fischers nachvollziehen. Ich habe sein Kommentierungswerk durchgesehen, um mir zweifelhafte Stellen aufzufinden. Eine solche Durchsicht kann ob der Fülle des Materials nur flüchtig ausfallen. Ich teile einige meiner Beobachtungen mit."
 
Insgesamt gibt es auf der CD über 130 Partiefragmente, die von Dr. Hübner tiefschürfend analysiert und kommentiert wurden. In einer Inhaltsübersicht wird jede einzelne Partie und die Kommentierung Fischers durch Dr. Hübner charakterisiert. Interessant sind die im Text eingestreuten Anmerkungen und Charakterisierungen des Spielstils von Fischer durch den deutschen Großmeister:
 
"Natürlich ist es unvermeidlich, dass die Bewertungen von meinen eigenen Vorlieben beeinflusst sind. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass die Urteile über Fischers Behandlungen bestimmter Situationen in der Partie oder Analyse nicht absolut sind, sondern sich aufeinander beziehen. Wo etwas als Mangel dargestellt wird, ist dies im Vergleich mit den anderen schachlichen Fähigkeiten Fischers zu sehen. Natürlich ist die allgemeine Qualität seines Schaffens in jeder Hinsicht sehr hoch. Ferner fehlt es an Beispielen aus der letzten Phase seines Wirkens, in der er seine höchste Spielstärke entfaltete.
 
Ganz herausragend ist die hohe Präzision und die ungewöhnliche Fehlerfreiheit, welche die Ausführungen Fischers im taktischen Bereich kennzeichnen. Einige kleine Versehen kommen natürlich vor, aber meist sind sie für die Beurteilung der Gesamtlage ganz unwesentlich.
 
Fischers Spiel wird von stetem Streben nach Aktivität bestimmt. Meines Erachtens wird die Kraft des Angriffs und die Bedeutung der Initiative (siehe Index s.v. 'Überschätzung der Initiative') dabei von ihm nicht selten überschätzt; dementsprechend unterschätzt er die Verteidigungsmöglichkeiten (siehe Index s.v. 'Verteidigung'). Dies äußert sich in doppelter Weise. Einmal entgehen ihm gerade für den Verteidiger am häufigsten wichtige Züge und Pläne; zum anderen zeigt seine Stellungseinschätzung einen Hang zur Einseitigkeit der Bewertung insbesondere, wenn der Verteidigende sich auf passiven Widerstand beschränken muss. Diese Tendenz lässt sich in allen Stellungstypen und allen Phasen der Partie feststellen, sei es Eröffnung, Mittelspiel oder Endspiel. Sie führt dazu, dass ein kleiner Materialvorteil oft als spielentscheidend angesehen wird, während doch die Aussichten auf Remis für die Seite, die sich wehren muss, nicht gering sind (siehe Index s.v. 'Materialismus'). Bemerkenswert ist auch, dass in der Eröffnung dem Schwarzen häufig großer Vorteil zugeschrieben wird, wenn Weiß ein wenig zurückhaltend gespielt hat, obwohl das Gleichgewicht noch nicht ernsthaft gestört ist (siehe Index s.v. 'Eröffnung'). Es scheint mir, dass Fischer im allgemeinen die Remisbreite beim Schachspielen nicht hoch genug veranschlagt.
 
Hervorstechend ist auch Fischers Wunsch, sowohl in seinen Stellungen wie in seinen Anmerkungen möglichst große Klarheit herbeizuführen. Dies ist natürlich im allgemeinen ein positiver Zug, der aber auch zu Nachteilen führen kann, wenn er übertrieben wird.
 
So scheint mir, dass sich Fischer in feinere Detailfragen bei ruhigen Stellungen nicht mit der gleichen Liebe und Aufmerksamkeit vertieft wie in taktische Wendungen aller Art. In komplexen Situationen lässt es Fischer bisweilen bei der Analyse an Durchdringungswillen fehlen, und er gibt sich mit halbfertigen Strukturdarstellungen und vagen Urteilen zufrieden. Dieser Mangel macht sich besonders in einigen Endspielen fühlbar. Auch in der Auswahl der Partien für das Buch tritt dieser Charakterzug hervor. Für meinen Geschmack gibt es in der Sammlung allzu viele Spiele, in denen gar kein richtiger Kampf entbrennt. Die Gegner werden zusammengeschoben, ohne dass sie Widerstand leisten, oft nach schwerwiegenden Fehlern schon in der Eröffnung; es fehlt an interessantem Stoff für die Analyse. In anderen Fällen zeigt Fischer auffallend wenig Interesse dafür, wie der Gegner bei der Gestaltung des Partieaufbaus nach der Eröffnungsphase verfährt. Recht oft wird die Wahl eines zweifelhaften Verfahrens nicht getadelt.
 
Dagegen wird erfreuliche Klarheit angestrebt und erzielt, wenn es um Fragen zu Stellungen geht, die aus der Eröffnungstheorie bekannt sind. Klarheit gibt Sicherheit. Vielleicht bevorzugt Fischer deutliche Strukturen, weil es ihm bewusst war, dass sein Gefühl für die strategischen Erfordernisse einer Stellung weniger gut ausgebildet war als sein taktisches Gespür. Öfter glaube ich unbefriedigende Gestaltung des Bauerngerüstes beobachten zu können (siehe Index s.v. 'Bauerngerüst'). Fischer bevorzugt manchmal zu Unrecht festgelegte Strukturen und achtet der Zersplitterung zu wenig. Bisweilen zeigt sich auch ein Mangel bei der Ausschöpfung der dynamischen Möglichkeiten einer Stellung, der meist mit der Überschätzung materieller Werte gepaart geht.
 
Nach alledem ist es nicht verwunderlich, dass Fischer sich bei freiem Figurenspiel besonders wohl fühlt. Hier kann sich seine größte Stärke - Präzision bei der Berechnung konkreter Varianten - am besten entfalten."
 
Es folgen noch zwei Anhänge. Zu den wenigen Publikationen, die sich mit Fischers Schachkunst beschäftigen, gehört "Bobby Fischer: A Study of His Approach to Chess" von Elie Agur. Dr. Hübners Meinung zu diesem Werk wird in dem Aufsatz "Genialität" wiedergegeben, der ebenfalls als Datenbanktext auf der CD integriert ist.
 
 
Beispielpartie
Zur Verdeutlichung können Sie sich die legendäre Beispielpartie zwischen Donald Byrne und Bobby Fischer aus dem Rosenwaldturnier 1956 in New York anschauen und am Seitenende downloaden. Damit das Diagramm immer sichtbar bleibt, besteht die Seite aus einem Frameset. Um die Partie nachspielen zu können müssen Sie Javascript aktiviert haben.
 
 
Fazit
Eine exzellente CD, die einen umfassenden Überblick über den Lebensweg und das schachliche Wirken von Robert James Fischer bietet. Die gründlichen und kritischen Analysen von Dr. Hübner vermitteln einen anschaulichen Eindruck, wie ein Weltklassespieler analysiert und Stellungen bewertet. Eine CD, die man vorbehaltlos jedem Schachfreund empfehlen kann.
 
Peter Schreiner
 
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