Felderstrategie 1

Autor: Alexander Bangiev, Preis: 19.99 Euro
besprochen von Peter Schreiner – November 2004

Diese anspruchsvolle CD verfolgt einen originellen Ansatz und stellt einen Versuch dar, anhand einiger Regeln die Denkmethode des Anwenders beim praktischen Spiel zu schärfen. Die unterschiedlichen Methoden des Schach-Trainings sind in Fachkreisen umstritten; nicht bestritten wird jedoch die Notwendigkeit eines soliden Trainings, denn »Übung macht den Meister«.

Das Schachspiel ist ein Denksport. Es ist kein Mannschaftsport, man spielt es als Einzelkampf, und daher wird auch überwiegend allein trainiert: Was soll im Alleintraining bevorzugt geübt werden? Eröffnung? Mittelspiel? Endspiel? Und vor allem: »Wie kann man möglichst effizient trainieren?« Mögen die unschiedlichen Trainingsmethoden häufig diskutiert werden, so beinhalten sie doch alle zwei Bestandteile: Lernen und Trainieren. Die Aneignung und Speicherung von Schachwissen, also Begriffen, Kenntnissen und Beispielen, zwecks Schaffung einer gründlichen Informationsbasis bezeichnet man als Lernen.

Das Prinzip des Lernens besagt, sich Positionen zu merken, um diese – falls sie aufs Brett kommen – richtig behandeln zu können. Es ist natürlich wichtig, so viel wie möglich über das Schachspiel zu erfahren. Dadurch lernt man, richtig zu spielen. Der Autor weist auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin. Man muss auch richtig denken. Beim Training geht es darum, die eigenen schachlichen Fähigkeiten zu fördern und sie ständig weiter zu entwickeln.

Hier stellt sich sogleich die Frage: Welche Fähigkeiten sollen im Schachsport gefördert werden? Da gibt es natürlich viele, z.B. Stellungsbeurteilung, Varianten berechnen, Pläne entwickeln und die entsprechenden Züge suchen, Kombinationen sehen usw. Das alles soll ständig trainiert, geformt, reformiert und immer weiter entwickelt werden, so dass man, auf sich selbst gestellt, zunehmend leichter, sicherer und selbstbewusster in jeder Partie zu agieren lernt.

Während einer Schachpartie muss jede Partei Züge machen. Jeder Zug ist bereits ein Produkt des Denkens, das Ergebnis einer gedanklichen Anstrengung. Die Gedanken müssen einem bestimmten Ziel bzw. einem Stützpunkt untergeordnet sein. Diese gedankliche Anstrengung, gerichtet auf das Ziel, einen geeigneten Zug zu finden, die eigentliche »Schach-Denktechnik«, wird vom Autor als »Denktechnik« bezeichnet. Stellungseinschätzung, den Kandidatenzug auswählen und schließlich den geeigneten Zug auswählen gehört sicher zur Denktechnik. Jeder Schachspieler entwickelt persönliche Wege zur Problemlösung und eignet sich somit seine eigene individuelle Denktechnik an. Es lassen sich aber Kriterien finden, die allen erfolgreichen Denktechniken gemeinsam sind:

  • Die Stellung soll nach bestimmten Schemata beurteilt werden.
  • Es soll stets das Prinzip "allgemein denken, konkret handeln" beachtet werden.
  • Es muss ein Stützpunkt gegeben sein.

Auf der CD steht die Denkmethode im Mittelpunkt, die vom Autoren, einem erfahrenen Schachtrainer ausgearbeitet wurde. Die Bangiev-Denkmethode besteht darin, dass man immer wieder die gleichen Gedanken bzw. Fragen in der gleichen Reihenfolge durchgehen muss. Man bemüht sich in jeder Stellung, zuerst die Ziele zu setzen und danach das Mittel zu finden, diese Ziele zu erreichen. Das Verhältnis zwischen Zielen und Mitteln unterscheidet sich in den Partiephasen Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel wesentlich.

Mit dieser CD kann die Bangiev-Methode im Mittelspiel, Bereich »Angriffsführung« gelernt und trainiert werden. Ihre Anwendung soll die Fähigkeit zu einer zielgerichteten und wirkungsvollen Gestaltung des Mittelspiels verbessern. Dazu werden die Stellungsbeispiele immer aus der Sicht eines Spielers, nämlich des Siegers, betrachtet. Das Hauptmerkmal der ausgewählten Beispiele sind vor allem Stellungstypen mit beidseitiger Initiative, das heißt Stellungen im Gleichgewicht mit beidseitigen Chancen bzw. Vorteilen.

Das Prinzip wiederholt sich. Man stellt sich immer wieder dieselben Fragen. Durch die Beantwortung dieser bestimmten, immer gleichbleibenden Fragen, lassen sich die Schlüssel-Felder und die feindlichen Steine, die diese Felder kontrollieren, erkennen. Danach soll man diese feindlichen Steine mittels der eigenen Steine befragen, um sie zu beseitigen oder zumindest ins Spiel zu verwickeln. Das klingt sehr einfach. Das Problem besteht aber darin, dass die meisten Spieler ganz anders denken, dass sie im Gegenteil sofort mit der Überlegung gelernter Varianten beginnen, ohne die Stellung zu beurteilen, ohne einen Plan anzulegen.

Es handelt sich um drei Fragen, die nacheinander gestellt und beantwortet werden müssen. Diese drei Fragen lauten: Strategie-Frage, Richtungs-Frage und Farb-Frage.

  • Mit der Beantwortung der Strategie-Frage soll der Stützpunkt, aber auch das Ziel gesetzt werden.
  • Mit der Beantwortung der Richtungs-Frage sollen die für Verteidigung und Angriff besonders kritischen Zonen festgestellt werden.
  • Mittels Beantwortung der Farb-Frage sollen diese Zonen farbig konkretisiert werden.

Danach soll man bestrebt sein, jene Felder, die durch die obigen Antworten als Schlüssel-Felder (nach dem Prinzip »die wenigsten gedeckten Felder«) ermittelt worden sind, zu beherrschen. Dazu ist es erforderlich, die feindlichen Steine, die diese Felder kontrollieren, ins Spiel zu verwickeln, um sie möglichst aus dem Weg zu räumen. Hierfür lassen sich einige Züge, sogenannte Kandidaten-Züge, finden, die dieser Aufgabe gerecht werden könnten. Schließlich müssen diese Kandidaten-Züge verglichen, auf ihre Nebenwirkungen hin überprüft werden, bis schließlich der jeweils beste Zug gefunden wird.

Wie das ganze Verfahren funktioniert, wird vom Autor anhand kommentierter Partien veranschaulicht. Das Ziel des Autoren besteht darin, dass sich der Anwender seine Denkmethode bei der Bewertung jeder Stellung verinnerlicht. Abgerundet wird der Inhalt mit den ausgewählten Beispielen durch eine Trainingsdatenbank, die dabei hilft, die erlernten Fähigkeiten zu festigen.

Mit dieser CD wird ein hervorragender Ansatz für die Weichenstellung des Alleintrainings gestellt. Das Trainings-Material wird so aufgebaut, dass der Anwender in die Lage versetzt wird, mit dem Lernen des richtigen Denkens sofort zu beginnen; danach kann er die gelernte Denktechnik üben, d.h. nach den erlernten Kriterien denken und spielen. Damit ist die CD auch sehr gut für Leiter für Trainingsgruppen geeignet.

Peter Schreiner

Rochade-EuropaPeter Schreiner