Nimzoindisch – Klassische Variante

Autor: Knut Neven, Preis: 24.99 Euro
besprochen von Peter Schreiner – Dezember 2005

Nimzoindisch ist eine der beliebtesten Antworten von Schwarzspielern auf 1.d4. Das System ist grundsolide und bietet dem Nachziehenden viele Möglichkeiten, auf Gewinn zu spielen. Die klassische Variante 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.Dc2 bietet beiden Seiten optimale Flexibilität und eine große Auswahl an Varianten und Plänen. Neben der Rubinstein Variante 4.e3 ist die klassische Variante heute die am meisten gespielte Variante von Weiß gegen Nimzoindisch, sie hat die Systeme mit 4.Sf3 und 5.g3 und das zeitweilig moderne, riskantere 4.f3 sowie das Sämisch-System 4.a3 an Popularität übertroffen.

Viele Experten betrachten die Klassische Variante als den theoretischen Härtetest für Nimzoindisch. In der Klassischen Variante bietet sich beiden Seiten die Chance, das Spiel aus dem Gleichgewicht zu bringen und ohne übertriebenes Risiko auf Sieg zu spielen, mit der Wahl zwischen äußerst dynamischen und taktischen scharfen Stellungen, die detailliertes und aktuelles theoretisches Wissen erfordern und Stellungen, die sich primär auf positionelles Verständnis stützen. Die Anwender dieser Eröffnungs-CD sollten sich darauf konzentrieren, die typischen Pläne, Ideen und Themen aus dem Kapitel Motive zu verstehen, bevor sie sich in die manchmal komplexeren Varianten aus den anderen Kapiteln vertiefen, beginnend mit einer organisatorischen Übersicht im Kapitel Theorie.

Die typischen Bauernstrukturen und Entwicklungen der Leichtfiguren führen zu den richtigen Plänen im Mittelspiel. Durch das Studium der Eröffnung ist es möglich, zahlreiche nützliche Regeln und Schlüsselkonzepte zu offenbaren, die dem Spieler in seiner Entscheidungsfindung helfen können. Für den durchschnittlich starken Spieler ist das Verständnis der hauptsächlichen positionellen Ideen und taktischen Motive tendenziell wichtiger, als das Lernen langer Varianten. Außerdem sind in jeder Variante komplette Partien angegeben, damit die Mittelspielstellungen, die aus allen Hauptvarianten entstehen, verstanden werden können.

Die Klassische Variante war schon immer für Spieler interessant, die typische Strukturen als wichtiger betrachten, als z.B. die Entwicklung. Die schnelle Figurenentwicklung von Schwarz ist charakteristisch für viele nimzoindische Systeme, wie auch die Idee, den schwarzfeldrigen Läufer gegen den weißen c3-Springer zu tauschen, um die Bauernstruktur von Weiß am Damenflügel zu zerstören. Die Chancen von Schwarz liegen in der Ausnutzung der schwachen weißen Doppelbauern auf der c-Linie, während Weiß ein starkes Zentrum aufbauen und später die Stellung für sein Läuferpaar öffnen kann. Die reichlichen Gewinnchancen für beide Seiten sind verantwortlich für die große Popularität von Nimzoindisch auf jedem Spielstärkeniveau und nicht zufällig hat heute jeder starke Spieler Nimzoindisch mit Weiß oder auch mit Schwarz schon gespielt.

Beschreibt eine der goldenen Regeln der allgemeinen Eröffnungstheorie nach der Klassischen Schachschule die maximale Kontrolle des Zentrums durch die Besetzung mit Bauern, so entdeckten Schachspieler im frühen zwanzigsten Jahrhundert alternative Methoden, die Schlacht um das Zentrum zu führen. Anstelle von 1.d4 d5 zeigte unter anderem Aaron Nimzowitsch einen bedächtigeren Plan, der auf der Zentrumskontrolle durch Figurendruck statt durch direkte Besetzung des Zentrums mit Bauern beruht. Der Vorteil dieser langfristigen Annäherung liegt in größerer Flexibilität und später eventuell besseren Chancen, Gegenspiel zu erlangen.

In der Ausgangsstellung der Nimzoindischen Verteidigung nach 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 kombiniert Schwarz genau diese langfristige Kontrolle des Zentrums mit einer schnellen Figurenentwicklung und der positionellen Drohung, Weiß durch den Abtausch ...Lxc3 verdoppelte c-Bauern zuzufügen. Nimzowitsch spielte z.B. manchmal sogar 4...Lxc3+, ohne auf eine eventuelle Provokation wie in der Sämisch-Variante nach 4.a3 zu warten. Solche Eile ist jedoch unnötig, vor allem, weil viele alternative Möglichkeiten zum Ausgleich für Schwarz gefunden worden sind, die ausnutzen, dass nach 4.Dc2 der d-Bauer von Weiß ungedeckt ist.

Unter den Möglichkeiten von Schwarz betonen die Züge 4...c5 und 4...Sc6 diese Tatsache, wie auch die etwas seltsame Stellung der weißen Dame auf c3. Dem Anwender bietet diese CD einen ausführlichen historischen Rückblick auf die Entwicklung der Klassischen Variante im Kapitel Geschichte.

Der Autor Kurt Neven hat seinen Überblick über die Variante in einer gut strukturierten Datenbank mit 24 ausführlichen Texten und 478 ausgewählten, meist kommentierten Partien untergebracht. Nach einer gründlichen Einführung und der Geschichte des Systems, bzw. der Eröffnung, folgt ein Text über typische Motive, die im Klassischen System auftauschen: Das Läuferpaar, die Stellung der Leichtfiguren, wiederkehrende taktische Motive, markante Bauernstrukturen und Druck gegen den Punkt c4. Das sind die Themen, die der Autor analysiert und mit gut kommentierten Beispielpartien untersucht.

Die Eröffnungstheorie des Klassischen Systems wird in 18 Kapiteln ausführlich untersucht. Zusätzlich ist auf der CD eine große Referenzdatenbank mit über 22.500 Partien zum Klassischen System enthalten, davon sind rund 1000 Partien kommentiert. Abgerundet wird die CD durch einen großen Positionsbaum, der aus den Partien der Referenzdatenbank generiert wurde. Der Positionsbaum zeigt nicht nur zahlreiche statistische Detailinformationen, sondern ist auch als Eröffnungsbibliothek unter allen aktuellen Schachprogrammen von ChessBase einsetzbar. Ein wichtiger Bestandteil der CD ist die mitgelieferte Trainingsdatenbank, in der nicht nur Grundwissen der Eröffnung abgefragt wird. In der Trainingsdatenbank wird häufig auch nach typischen Motiven gefragt.

Kurt Neven ist Redakteur des kanadischen Schachmagazins En Passant. Seine Spezialität ist das Fernschach, wo er sich bereits dreimal für das Finale der IEGG-Weltmeisterschaft qualifizieren konnte. In der Eröffnungsreihe von ChessBase hat er bereits mehrere Abhandlungen über Französisch und Grünfeldindisch veröffentlicht. Die vorliegende CD schließt sich nahtlos an das hohe Niveau der früheren Ausgaben an. Eine erstklassig aufbereitete Eröffnungs-CD, die keine Fragen mehr zum Klassischen System offen lässt. Wer Nimzoindisch spielt, kommt an dieser CD nicht vorbei.

Beispielpartie

Zur Verdeutlichung können Sie sich eine kommentierte Beispielpartie zwischen Keres und Botvinnik anschauen und am Seitenende downloaden. Damit das Diagramm immer sichtbar bleibt, besteht die Seite aus einem Frameset. Um die Partie nachspielen zu können müssen Sie Javascipt aktiviert haben.

Peter Schreiner

Rochade-EuropaPeter Schreiner