Katalanisch

Autor: Mihail Marin, Preis: 29.99 Euro
besprochen von Peter Schreiner – August 2004

Katalanisch ist eine positioneller Hinsicht sehr anspruchsvolle Eröffnung. Katalanisch wurde 1929 von Großmeister Tartakower bei einem Turnier in der katalanischen Hauptstadt Barcelona in die Praxis eingeführt und entsteht z.B. nach den Zügen 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.g3. Mit dem letzten Zug demonstriert Weiß, dass er seinen weißfeldrigen Läufer fianchettierten möchte. Das Fianchetto des Königläufers ist das typische Kennzeichen dieses Systems. Weiß umgeht mit dieser Zugfolge Nimzoindisch und Damenindisch, weil dem Nachziehenden die Möglichkeit zur direkten Fianchettierung seines weißfeldrigen Läufers nicht mehr zur Verfügung steht.

Häufig resultiert aus Katalanisch eine Mischform von Réti-Eröffnung und Motiven aus dem klassischen Damengambit. Der Hauptunterschied zur Réti-Eröffnung besteht darin, dass Weiß nachdrücklich seinen Einfluss auf die zentralen Felder geltend macht und dort massiven Druck ausübt. Dieser Druck resultiert vor allem aus der Fianchettierung des weißfeldrigen Läufers auf g2. Die Kehrseite der Medaille besteht darin, dass der Bauer c4 auf seinen natürlichen Beschützer, den weißfeldrigen Läufer, verzichten muss. Das bedeutet, dass Schwarz praktisch jederzeit den Bauern schlagen kann. Will sich Weiß den Bauern zurückholen, ist das in der Regel mit beträchtlichem Zeitverlust oder positionellen Zugeständnissen verbunden. Manche Spieler kümmern sich nicht um den Bauern, sie lassen es gar zu, dass der Nachziehende ihn mit ...b5 deckt und spekulieren dabei auf ausreichende Kompensation in Form einer besseren Figurenentwicklung oder eines starken Drucks im Zentrum.

Schwarz kann sich auch für eine solidere Herangehensweise entscheiden, wobei die langsame Figurenentwicklung im Schutz der zentralen Bauern im Vordergrund steht, etwa mit Sbd7, c6, b6, Lb7 oder La6. Erst später legt er den Grundstein für sein Gegenspiel, sei dies mit dxc4 oder mit c5 verbunden. Alle diese Möglichkeiten machen die Katalanische Eröffnung so komplex.

Das System erfreute sich bald nach der Einführung in die Turnierpraxis großer Beliebtheit. Bis heute haben große Spieler wie Kortschnoj, Andersson und Kasparov diese Eröffnung in ihrem Repertoire. Und jeder von ihnen drückte Katalanisch seinen eigenen Stempel auf. Während Andersson immer nach einem mikroskopisch kleinem Endspielvorteil zu streben schien, opferten andere Spieler einen Bauern, um sich dann eine kaum zu definierende Form der Kompensation zu sichern. Kasparov z.B. nutzte seine riesigen analytischen Fähigkeiten, um einen starken Angriff zu erhalten oder von der Eröffnungsphase direkt in ein klar besseres Endspiel überzuleiten.

Häufig kann der Nachziehende in dem System theoretischen Ausgleich erzielen, in der Praxis zieht er aber trotzdem im positionellen Kampf oft den Kürzeren. Ein Grund liegt sicher darin, dass der Weißspieler die Feinheiten und typischen Spielpläne »seiner« Eröffnung besser kennt und umsetzen kann und den Nachziehenden mit einer Fülle komplizierter, positioneller Probleme konfrontiert.

Als Musterbeispiel für diese Theorie gilt folgende Stellung aus der Katalanischpartie Ribli - Karpov, Amsterdam 1980 nach dem 20.Zug:
DiagrammRibli zog gerade 20.Kxg2. Auf den ersten Blick könnte man die Stellung als ausgeglichen beurteilen. Fast alle elektronischen Schachspieler (= Schachprogramme) können ebenfalls nichts Außergewöhnliches in dieser Stellung und bewerten die Chancen beider Parteien als gleichwertig. Beim genaueren Vertiefen stellt man jedoch fest, dass Weiß einige gewichtige Trümpfe vorweisen kann.

  • Die weißen Türme sind zentral postiert und kontrollieren die offenen Linien.
  • Die Bauernstellung des Nachziehenden ist geschwächt. Würde der Bauer b5 z.B. auf b7 stehen, würde dies die Bewertung der Stellung grundsätzlich ändern.
  • Der Springer ist in dieser Stellung dem Läufer überlegen. Prinzipiell gilt zwar, dass ein Läufer etwas vorteilhafter ist, wenn auf beiden Flügeln gespielt wird. Die Stärke des Läufers kommt allerdings erst dann zum Tragen, wenn die Türme getauscht werden. Weiß wird dies natürlich vermeiden.
  • Nicht untypisch für Katalanisch: Weiß hat das Läuferpaar für andere positionelle Vorteile freiwillig aufgegeben. In der aktuellen Stellung ist der Doppelbauer auf der f-Linie nicht schwach, weil er die Aktivitäten des schwarzen Lc5 stark einschränkt.

Ribli verwertete die Vorzüge seiner Stellung in bester »Karpovmanier« und demonstrierte in dieser Partie nachhaltig, wie man typische Motive in Katalanisch zum Sieg verwertet. Diese Musterpartie wird wie viele andere Beispiele von dem Autoren dieser CD ausführlich und tiefschürfend kommentiert.

Was bietet die CD?

Der Autor, GM Marin, hat nicht nur dieses Musterendspiel ausführlich kommentiert, sondern mit großer Akribie und Übersicht die einzelnen Varianten der Eröffnung unter die Lupe genommen. Inhaltlich werden folgende Systeme intensiv unter die Lupe genommen:

  • E00 und E01: Hier finden sich Varianten, die Grenzfälle zu Eröffnungen wie Bogoljubowindisch (so wie es einst gespielt wurde) und symmetrischem Englisch bilden. Das gilt auch für bestimmte Abspiele der Tarrasch-Verteidigung und einigen Semi-Tarraschvarianten wie auch zur Slawischen Verteidigung des Damengambits.
  • E02 und E03: 4...dxc4 5.Da4+ Sbd7 6.Dxc4 – Weiß holt sich den Bauern sofort mit der Dame zurück.
  • E04: 4...dxc4 5.Sf3 – Weiß ignoriert den Bauern c4 und setzt die Entwicklung seines Königsflügels fort.
  • E05: Schwarz rochiert zuerst und nimmt dann auf c4.
  • E06 und E07: Zugumstellungen zum offenen und zum geschlossenen Variantenkomplex im Katalaner.
  • E08 und E09: Das geschlossene System in der katalanischen Eröffnung.
  • E11: 3...Lb4+ 4.Ld2 Le7 gehört streng genommen zu Bogoljubowindisch. Der einzige Unterschied im Katalaner ist jedoch, dass der schwarzfeldrige Läufer auf d2 steht.

Auf der CD findet der Leser drei wichtige Kapitel, die laut ECO und Chessbase-Schlüssel nicht zum katalanischen Komplex gehören. Aufgrund der positionellen Merkmale stehen sie jedoch der Katalanischen Eröffnung sehr nahe. Das betrifft die Kapitel E01 4...c6, E02 5...c6 und E11 3...Lb4+ 4.Ld2 Le7. In einigen Fällen wurden Partien, die nach Zugumstellungen katalanischen Pfade erreichten, vom Schlüsselsystem aber »übersehen« und anderen Eröffnungen zugeordnet waren, in die Datenbank integriert.

Die Datenbank mit weit über 27.000 Partien wurde mit einem vom Autor neu erstellten, fein strukturierten Eröffnungsschlüssel klassifiziert. Die Datenbank enthält weit über 1000 kommentierte Partien, davon hat GM Marin 511 Partien selbst analysiert und kommentiert. Abgerundet wird diese Eröffnungs-CD durch eine Trainingsdatenbank und einen Positionsbaum, der unter den Schachprogrammen von ChessBase auch als Eröffnungsbibliothek eingesetzt werden kann.

Fazit

Diese Abhandlung über Katalanisch bietet dem Anwender die Möglichkeit, tiefe Einblicke in eine echte »Großmeistereröffnung« zu bekommen. Diese CD geht nicht nach dem häufig von Autoren benutzten Prinzip »Wie gewinne ich mit…« vor, sondern behandelt die einzelnen Abspiele mit bemerkenswerter Objektivität. Jeder Anwender, die sich als Weißer oder Nachziehender für das System interessiert, findet hier die gewünschten Antworten. Die CD eignet sich vor allem für fortgeschrittene Spieler, die ein gewisses Verständnis für komplexe Methoden der modernen positionellen Spielführung mitbringen.

Beispielpartie

Zur Verdeutlichung können Sie sich die oben besprochene Beispielpartie zwischen Ribli und Karpov anschauen und am Seitenende downloaden. Damit das Diagramm immer sichtbar bleibt, besteht die Seite aus einem Frameset. Um die Partie nachspielen zu können müssen Sie Javascipt aktiviert haben.

Peter Schreiner

Rochade-EuropaPeter Schreiner