Budapester Gambit

Autor: Dmitrij Oleinikov, Preis: 24.99 Euro
besprochen von Peter Schreiner – August 2005

Diese Eröffnungs-CD präsentiert ein aggressives Eröffnungssystem, das bereits in den ersten Zügen zu einem kompromisslosen Kampf führt. Statt sich eine ausgeklügelte Verteidigungsstrategie zu überlegen, versucht Schwarz auf Kosten eines Bauern, die Initiative an sich zu reißen, und so den Geist der offenen Spiele in ein vermeintlich geschlossenes System zu übertragen.

Das Hauptanliegen des Autors bestand vor allem darin, die wesentlichen Ideen, die strategischen Pläne, typischen Fallen und taktischen Überlegungen, die sich im Laufe der Entwicklung dieser Eröffnung herauskristallisiert haben, aufzuarbeiten. So erhält der Anwender die Gelegenheit, an den Erfahrungen der besten Vertreter des Budapester Gambits in der Vergangenheit, wie auch der Gegenwart teilzunehmen. Auch der Spielweise von Klubspielern auf nicht ganz so hoher Ebene wurde besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Seine Anerkennung als spielbares System gewann das Budapester Gambit mit der Partie Esser-Breyer aus dem Jahr 1916. Die Premiere des Budapester Gambits fand aber schon wesentlich früher, nämlich im Jahr 1896 statt, als der Weltklassespieler Geza Maroczy das System erfolgreich anwandte.

Zur Beispielpartie Adler - Maroczy, Budapest 1896

Auf höchsten Niveau wurde das Budapester Gambit 1918 in Berlin gespielt. Die Teilnehmer: Rubinstein, Schlechter, Mieses und Vidmar. In der ersten Runde traf Vidmar auf den mit Weiß so hervorragend agierenden Rubinstein, und er wandte sich vor der Partie an einen seiner Freunde, mit der Frage: Was soll ich bloß gegen ihn spielen? Dieser Freund, bei dem es sich um Abonyi, einen der Erfinder des Budapester Gambits, handelte, zögerte nicht: Versuch es mit unserem neuen System! Und er setzte Vidmar über die Prinzipien dieser Spielweise in Kenntnis. Die Partie begann, und Rubinsteins erster Zug war, wie zu erwarten, 1.d4.

Zur Beispielpartie Rubinstein - Vidmar, Berlin 1918

Sein phantastischer Sieg gab Vidmar einen solchen Auftrieb, dass er auch die Partie der zweiten Runde gegen Rubinstein gewann (Vidmar hatte Weiß, und die Eröffnungszüge waren 1.d4 d5 2.c4!) und in der Folge sogar das Turnier. Rubinstein dagegen büßte bei dieser Veranstaltung seinen Nimbus als 1.d4-Magier ein: auch Mieses und Schlechter wählten gegen ihn das Budapester Gambit! Nach 1918 nahmen junge und ambitionierte Spieler wie Reti, Spielman und Euwe diese scharfe und neue Eröffnung in ihr Repertoire auf. In den Turnieren der folgenden Jahre sah man viele Partien mit den Eröffnungszügen 1.d4 Sf6 2.Sf3, in der Absicht, das Gambit gar nicht erst zuzulassen. Diese Zugfolge war – und ist bis heute – ein rotes Tuch für die Anhänger des Budapester Gambits.

Aber viele Weißspieler setzten sich mit den neuen Ideen des Budapester Gambits auseinander und sie entdeckten einen Weg, die als geschlossenes Spiel angelegte Partie in die Bahnen der offenen Spiele überzuleiten – mit den für offene Partien typischen Bauernzüge e4 und e5. Die Zugfolge war 1.d4 Sf6 2.c4 e5 3.dxe5 Sg4 4.e4!

Die führenden Spieler jener Zeit, unter ihnen Aljechin und Bogoljubow, übernahmen diese Idee sofort. Der Kern dieser Vorgehensweise ist, dass Weiß den Mehrbauern sofort wieder hergibt, ohne den Versuch zu machen, ihn zu verteidigen und dabei auch noch die Entwicklung seiner Figuren am Königsflügel vorbereitet. In der Zeit, die der schwarze Springer benötigt, um den Bauern zurückzuholen, treibt Weiß seine Figurenentwicklung voran, nimmt das Zentrum unter Kontrolle und bereitet ein starkes Vorpostenfeld auf d5 für seinen Springer vor.

Der in den zwanziger Jahren vorherrschende Neoromantismus im Schach, musste in den dreißiger Jahren einem um sich greifenden Pragmatismus weichen. Beim Budapester Gambit machte sich das an dem geänderten Geschmack der Weißspieler deutlich: anstelle der scharfen, riskanten 4.e4-Variante wurde Abspielen den Vorzug gegeben, die eher anspruchslos bis langweilig zu nennen sind. Drei neue Hauptvarianten kristallisierten sich heraus:

  • Die Bernstein-Variante: 4.Lf4 Sc6 5.Sf3 Lb4+ 6. Sbd2 De7,
  • die Adler-Variante: 4.Sf3 Lc5 5.e3 Sc6 und
  • die Rubinstein-Variante: 4.Lf4 Sc6 5.Sf3 Lb4+ 6.Sc3 Lxc3+ 7.bxc3 De7 8.Dd5.

Im Laufe der Jahre kam das Urteil auf, dass es für den Nachziehenden schwierig sei, in diesem System gegen einen gut vorbereiteten Gegner in Vorteil zu kommen und das System kam auf hohem Niveau relativ selten zur Anwendung. Das änderte sich in den Jahren 1984/85 drastisch, als das Budapester Gambit wieder mit großen Erfolgen von sich reden machte. Eine der wichtigsten Partiesammlungen, der Informator, veröffentlichte in seinem Band 39 gleich drei Partien mit dem Budapester Gambit. In den vorausgegangenen 15 Jahren fand diese Eröffnung insgesamt nur drei Erwähnungen im Informator. Und alle drei Partien im Band 39 wurden von Schwarz gewonnen!

Zum Glück der Fans des Budapester Gambits ist diese Eröffnung auch Anfang des 21. Jahrhunderst im Schatten geblieben. Daher hält es sich fern von der ernormen »Theorieexplosion«. Von Zeit zu Zeit taucht das Budapester Gambit kurz im hochklassigen Schach auf, aber gewöhnlich bleibt es die Waffe von Vereins- und Openspielern. Bis zum Jahr 2005 hat es keine revolutionären Erfindungen bzw. Durchbrüche in der Theorie des Gambits gegeben. Manche Abspiele haben sich entwickelt, manche Varianten sind gewachsen, aber das Urteil bleibt das gleiche: interessant, spielbar und unterschätzt. Dazu ein Beispiel aus der jüngeren Meisterpraxis:

Zur Beispielpartie Bacrot - Shirov, Sarajevo 2000

Der Autor, selbst ein begeisterter Anhänger des Budapester Gambits, bietet auf der CD eine komplette Übersicht der Theorie und der historischen Entwicklung des Budapester Gambits. Anhand zahlreicher informativer Datenbanktexte und ausführlich kommentierten Musterpartien bekommt der Anwender alle relevanten Informationen zu diesem Eröffnungssystem. Neben der Lerndatenbank und den Trainingsdatenbanken bietet die CD eine große Referenzdatenbank mit über 13.000 Partien und einen großen Positionsbaum. Die spezielle Instruktor-Datenbank bietet einen ausführlichen Datenbanktext, der auf viele Feinheiten intensiv eingeht und diese verständlich erklärt.

Damit stellt die CD die ultimative Referenz zum Budapester Gambit dar und spricht eine breite Zielgruppe an. Sie eignet sich sowohl für den Einsteiger, der das System in sein Repertoire übernehmen möchte als auch für den Profi, der möglichst rasch die relevanten Informationen zum Budapester Gambit sucht. Wer mit Weiß 1.d4 Sf6 2.c4 spielt, muss immer mit dem Gambit rechnen. Aus diesem Grund ist die CD auch Weißspielern sehr zu empfehlen. In allen Spielklassen stellt das Budapester Gambit eine gute Überraschungswaffe dar, da es ohne jegliche Vorbereitung nicht einfach zu handhaben ist.

Diese CD wird Ihnen die grundlegenden Kenntnisse nahe bringen, die Sie in den drei Trainingsdatenbanken noch vertiefen können. Im Lieferumfang befindet sich noch der aktuelle ChessBase-Reader, mit dem man alle Inhalte der sehr empfehlenswerten CD ohne jegliche Zusatzsoftware einlesen kann.

Peter Schreiner

Rochade-EuropaPeter Schreiner