1000 Eröffnungsfallen

Autor: Karsten Müller und Rainer Knaak, Preis: 29.99 Euro
besprochen von Peter Schreiner – Februar 2006

Das Anfangsstadium einer Schachpartie ist voller Fallstricke. Die vorliegende CD der beiden deutschen Großmeister beschäftigt sich vor allem mit Reinfällen in der Eröffnung. Wie das Studium der CD zeigt, sind selbst Großmeister nicht vor Reinfällen in der Eröffnung gefeit. Wie kann man eine Eröffnungsfalle konkreter definieren? Der Begriff »fallen« deutet an, worum es geht – man fällt, vielleicht in eine Grube, die jemand gegraben und anschließend bedeckt hat. Das ist der Unterschied zu einer gefährlichen Situation, die man selbst herbeigeführt hat, etwa auf einen hohen Baum zu klettern oder sich auf unbekanntes Terrain zu begeben.

Man tut etwas Natürliches, zum Beispiel einen Weg entlangzugehen, und dann fällt man in eine Grube, eine Schlinge usw. Für den Fallenden ist es unerheblich, ob die Situation von einem anderen herbeigeführt wurde oder ob sie auf natürliche Weise entstanden ist, etwa durch ein dort nicht erwartetes Loch oder eine Pflanze – sein evtl. erlittener Schaden ist der gleiche. Es gibt also jemanden, der in eine Falle geht, und da ist auch einer, der die Falle gestellt hat.

Vieles davon kommt auch beim Schachspiel, auch in der gut erforschten Eröffnungsphase vor. Ein Spieler macht einen nahe liegenden Zug; er sieht normal aus – zumindest auf den ersten Blick. Der Zug entwickelt oder schlägt etwas, er kann auch eine Drohung abwehren. Es ist ein scheinbar natürlicher Zug, aber er stellt sich als falsch heraus. Der Gegner hat die Situation vielleicht bewusst herbeigeführt. Möglicherweise ist er sogar ein Risiko eingegangen, weil der Spieler, statt in die Falle zu tappen, über einen Zug verfügt, der ihm einen Vorteil verschafft.

Eine Eröffnungsfalle ist also etwas, das in der Eröffnungsphase einer Partie geschieht. Man versteht unter dem Hineinfallen in eine Falle eine Spielsituation, in welcher der Hineinfallende mit einem scheinbar nahe liegenden, aber dennoch falschen Zug (es können auch mehrere falsche Züge sein) etwas übersieht, was der die Falle Stellende erhofft hatte und nun ausnutzt, meistens auf taktische und unerwartete Weise. Oft ist es ein ungewöhnlicher Zug, aber manchmal ist auch die Bewertung der Stellung eine andere, als es der erste Blick vermuten lässt.

Dabei liegt es auf der Hand, dass man Eröffnungsfallen, je nachdem, wie sie zustande kommen, in zwei Kategorien einteilt:

  1. Zum einen gibt es Eröffnungsfallen, bei denen der Fallensteller bewusst ein Abspiel wählt, bei dem er hofft, dass sein Gegner einen Fehler macht. Der Fallensteller geht evtl. ein Risiko ein: wenn der Gegner richtig reagiert, ist der Fallensteller selbst hineingefallen, weil er dann einen Nachteil erleidet. Das einzugehende Risiko kann unterschiedlich groß sein und fast gegen Null gehen. Tatsächlich sind die Beispiele, bei denen wirkliche Nachteile in Kauf genommen werden, eher selten.
  2. Wenn man aber nur einfach seine normalen Varianten spielt und der Gegner steht plötzlich vor einer Situation, in der die »normalen« Züge einen (meistens) taktischen Konter zur Folge haben, kann man nur bedingt von einer Eröffnungsfalle sprechen. Doch das Vermeiden dieser typischen Fehler ist genauso wichtig und wird deshalb auf dieser CD eine große Rolle spielen.

An einer typischen Eröffnungsfalle kann man gewöhnlich drei Phasen ausmachen:

  1. Falle stellen
    Im traditionellen Sinne ist das Stellen der Falle ein zweifelhafter Zug bzw. eine zweifelhafte Variante; wenn der Gegner die Falle durchschaut, kann er einen Vorteil aus der Situation ziehen. Wie sich gezeigt hat, gibt es jedoch genügend Fallen, bei denen man keine Nachteile in Kauf nehmen muss – auch wenn der Gegner alles richtig macht.
  2. Hineinfallen
    Der in die Falle Tappende tut dies mit einem scheinbar »normalen« Zug. Dieser Fehlzug ist so natürlich, dass er schon mehrfach in der Praxis vorgekommen ist.
  3. Ausnutzen des Fehlers
    Diese Phase ist sehr häufig durch ungewöhnliche und unerwartete Züge geprägt.

Beispiele von der CD

Diagramm Ulibin - Lautier, Sotschi 1989
Stellung nach 8.Sb1-c3
Die Diagrammstellung kann sowohl aus dem Damengambit als auch der Französischen Verteidigung entstehen. Das Stellen der Falle (1.) erfolgt also mit einer ganz normalen Eröffnungsvariante. Das Hineinfallen (2.) erfolgt mit 8...Lg4?, was nun wahrlich normal aussieht und sogar am häufigsten vorkommt. Das Ausnutzen des Fehlers (3.) geschieht mit 9.h3 Lh5 10.g4! – das überraschende Element – 10...Lg6 11.Se5 und Weiß hat deutlichen Vorteil, z.B. geht es nach 11...c5 mit 12.Sxg6 hxg6 13.dxc5 Lxc5 14.Lxf7+! weiter.

Der kleine Unterschied – trickreich ist ein Verfahren, bei dem man eine Kleinigkeit anders macht als sonst und dabei hofft, dass der Gegner so spielt wie immer.

Diagramm Arkhipov - Sorensen, Gausdal 1991
Stellung nach 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 c6 4.Lf4
Das kann man versuchen, wenn man weiß, dass der Gegner gern die Noteboom-Variante anwendet (4.Sf3 dxc4). Nach 4.Lf4 geht es weiter mit 4...dxc4 5.e3 b5 6.a4 und die eigentliche Falle ist erreicht; hinein tappt Schwarz mit 6...Lb4?, nach 7.axb5 cxb5 besitzt Weiß im Gegensatz zur klassischen Noteboom-Stellung die Möglichkeit zu 8.Df3; auf 8...Dd5 9.Dg3 gewinnt er Material. Die Nachteile von 4.Lf4 zeigen sich jedoch, wenn Schwarz besser 6...Sf6 spielt; nach 7.axb5 cxb5 8.Sxb5 Lb4+ 9.Sc3 Sd5 hat Weiß Probleme das Gleichgewicht zu wahren.

Verblüffende Züge – wie gesagt geschieht das Ausnutzen des Fehlers häufig mit ungewöhnlichen Zügen. Für das folgende Beispiel trifft dies zweifellos zu.

Diagramm Seredenko - Asanov, Alma-Ata 1989
Stellung nach 1.d4 Sf6 2.Lg5 Se4 3.Lh4 c5 4.Dd3?
Vielleicht kann man sich streiten, ob 4.Dd3 ein normaler Zug ist, aber die Widerlegung ist äußerst ungewöhnlich. Es geschieht nämlich 4...Db6! 5.b3 Dh6! 6.Sf3 Dc1+ 7.Dd1 Db2 8.Sbd2 Sxd2 9.Sxd2 Dxd4 und die schwarze Dame hat mit ihrem Zickzacklauf einen Bauern erobert.

Ein Ass im Ärmel – besonders effektiv sind Fallen, bei denen man scheinbar selbst hineintappt, aber dann noch etwas in petto hat.

Diagramm Nolting - Murthy, Philadelphia 1996
Stellung nach 13.a3
Der Bauer auf d4 scheint tabu zu sein, aber dennoch: es kam 13...Sxd4. Weiß griff erfreut zu und steuerte mit 14.Sxd4 Dxd4 15.Lg6+?? den Damengewinn an. Doch die Freude währte nicht lang, denn nach 15...hxg6 16.Dxd4 Lxh2+ 17.Kh1 Le5+ verbleibt Schwarz mit einer Mehrfigur. Dabei war es in Wirklichkeit doch der Anziehende, der die Falle stellte, denn nach 15.Sb5! hätte er riesiges Spiel bekommen können.

Diese CD demonstriert nicht nur nachhaltig die Gefahr, die von Eröffnungsfallen ausgeht. Wer in der Praxis gute Turnierergebnisse erzielen will, muss die typischen Fehler kennen und sein Strategie darauf ausrichten, Eröffnungsfallen zu vermeiden. Die Hauptdatenbank auf der CD enthält neben den 20 Einführungstexten über 1000 Fallen aus allen Eröffnungsbereichen. Ein echtes Highlight sind die zusätzlich mitgelieferten Datenbanken. In der »Motivdatenbank« werden typische Standardwendungen vorgestellt, z.B. Einschläge auf f7, Angriffsmotive gegen die kurze Rochade und andere. Hier kann und sollte man – genau wie in der mitgelieferten Trainingsdatenbank – selbständig versuchen, die richtige Lösung zu finden. Beide Datenbanken bieten noch einmal über 400 ausgewählte, kommentierte Beispiele aus der Praxis.

Diese CD eignet sich für fortgeschrittene Spieler. Der Anwender kann mit Hilfe dieser CD kritische Eröffnungsfallen für seine Eröffnungsgebiete kennen lernen, um damit Reinfälle zu vermeiden. Der umgekehrte Weg bietet sich natürlich ebenfalls an, wenn man sein Eröffnungsrepertoire erweitern möchte, um selbst gezielt Eröffnungsfallen zu stellen. Eine originelle Abhandlung der beiden deutschen Großmeister, die einen hohen Unterhaltungs- und Lerneffekt garantiert.

Peter Schreiner

Rochade-EuropaPeter Schreiner