Statistiken und Recherchen mit Chessbase 8.0

von Peter Schreiner – August 2004

ChessBase 8.0 bietet zahlreiche Möglichkeiten für statistische Auswertungen. Sie möchten wissen, wie ein bestimmter Spieler seine Partien jeweils mit Weiß oder Schwarz behandelt oder sich einen Überblick über seine Stärken und Schwächen verschaffen? Mit unserem Datenbankprogramm kann man solche Informationen unkompliziert auswerten und kommt nebenbei zu interessanten schachlichen Einsichten.

Als Basis für unsere Auswertungen benötigen wir eine sorgfältig editierte Partiendatenbank wie die MegaBase 2004. Für unsere Statistik wählen wir den legendären Schachweltmeister der Jahre 1921-1927, José Raoul Capablanca. Selbstverständlich funktionieren die nachstehend beschriebenen Auswertungen mit jedem anderen in der Datenbank erfassten Spieler.

Ein Rechtsklick auf das Datenbanksymbol im Datenbankfenster öffnet ein Kontextmenü und wir wählen die Option 'Suche', um die Suchmaske zu aktivieren. In der Suchmaske deaktivieren wir den Eintrag 'Farben ignorieren', da wir ausschließlich Partien benötigen, die von Capablanca als Nachziehender gespielt wurden. In der Eingabezeile für Schwarz geben wir »Capablanca« und daneben »Jose« ein. Ein Klick auf OK startet die Suche des Programms.

Das Fenster 'Suchergebnis' wird eingeblendet und eine Liste mit den Partiedaten wird angezeigt. Insgesamt 408 Schwarzpartien von Capablanca werden aufgelistet. Im nächsten Schritt klicken wir mit der rechten Maustaste auf den ersten Listeneintrag und wählen aus dem Kontextmenü 'Bearbeiten-Alles markieren'. Damit sind alle Partien für eine weitere Bearbeitung markiert, was man an der dunklen Unterlegung erkennen kann. Nach diesen vorbereitenden Schritten hilft ein erneuter Rechtsklick 'Statistik' weiter. Alternativ kommt man auch mit der Taste 'S' zum Ziel. Das Ergebnis sieht nun wie folgt aus:

Statistik

Die Interpretation der Statistik über die 408 gefundenen Schwarzpartien von Capablanca ist unkompliziert. In dem Tortendiagramm zeigt der schwarz eingefärbte Bereich die Anzahl der schwarzen Siege an, der weiß dargestellte Bereich steht für den Anteil der Weißsiege während der grau unterlegte Bereich die Remisquote repräsentiert. Auf Anhieb wird deutlich, dass Capablanca als Nachziehender besonders erfolgreich am Brett agiert hat! Die Remisquote in den 161 Partien (41%) ist ebenfalls sehr hoch, während die Verlustquote au den 47 verlorenen Partien (11%) erstaunlich niedrig ist.

Die Prozentsätze in Fettschrift zeigen die Resultate, die von Weiß und Schwarz insgesamt erzielt wurden. Da beide Seiten für ein Remis einen halben Punkt erhalten, werden die halben Punkte in der Gesamtstatistik beiden Parteien zugeordnet. Theoretisch waren insgesamt 408 Punkte möglich (= 100%). Für die 200 Schwarzsiege gibt es 200 Punkte von 408 möglichen, für die 161 Remis gibt es 80.5 Punkte. Der entsprechend erreichte Gesamtwert wird entsprechend in der Anzeige unter »total« angegeben.

Der Abschnitt mit den gewerteten Partien bleibt in unserem Beispiel leer, weil das Wertungssystem mit Elozahlen erst lange nach der aktiven Karriere von Capablanca eingeführt wurde. Wenn man die Statistikfunktion auf Spieler mit einer Wertungszahl anwendet, wird die entsprechende Performance ebenfalls angezeigt:

Performance

Der abgebildete Abschnitt bezieht sich auf die Auswertung eines Spielers, der ebenfalls ein exzellentes Ergebnis als Nachziehender vorweisen kann: Garry Kasparov. Man sieht basierend auf der Partienanzahl eine durchschnittliche Bewertung für Weiß und Schwarz mit der entsprechenden Erfolgsquote (Durchschnittselo und erzielte Performance).

Das Statistikfenster bietet aber noch weitere Informationen. Am unteren Bildrand befinden sich weitere Buttons, z.B. der Tab 'Länge':

Länge

Das Balkendiagramm zeigt die Partielänge in den Schwarzpartien Capablancas an. Die Werte an der unteren Seite des Diagramms stehen für die Anzahl der Züge, während die Werte der linken Seite die Anzahl der Partien repräsentieren. Man erkennt beispielsweise, dass Capablanca als Nachziehender 18 Partien spielte, in denen genau 30 Züge gespielt wurden. Die durchschnittliche Zugzahl findet man unter dem Eintrag »Zahl der Partien«. Die durchschnittliche Zugzahl in den Schwarzpartien Capablancas betrug 38 Züge.

Es liegt natürlich auf der Hand, dass diese Form der Statistik aufschlussreiche Resultate liefert, wenn man sie auf eigene Partien anwendet. Ein typisches Anwendungsbeispiel besteht darin, dass man eine Suche nach allen eigenen Verlustpartien durchführt. Die Interpretation der Tortengrafik zeigt in diesem Fall natürlich nur Weißsiege an und ist damit wenig hilfreich. Interessanter wird es aber, wenn man jetzt den Schalter 'Länge' in dem zuvor abgebildeten Diagramm aktiviert. Wird in der Grafik für die Verluste als Nachziehender eine relativ hohe Anzahl von langzügigen Partien angezeigt, ist dies ein Indiz dafür, dass man seine Endspielkenntnisse aufpolieren sollte. Wenn es eine relativ hohe Zahl von kürzzügigen Verlustpartien gibt, deutet dies auf Probleme mit der Eröffnungsbehandlung hin.

Nach einem Klick auf den Schalter 'Jahre' wird eine neue Grafik eingeblendet:

Jahre

Die Zahlenwerte am unteren Rand des Diagramms repräsentieren Jahresangaben, der Wert am linken Rand steht für die Anzahl der gespielten Partien. Man erkennt also auf Anhieb die Aktivitäten eines Spielers im Verlauf seiner Schachkarriere. Mit Hilfe der 'Plus' und 'Minus-Taste' kann in den Ansichten für 'Länge' und 'Jahre' »gezoomt« werden, die Anzeige wird also entsprechend vergrößert und verkleinert.

Die Statistikfunktion berücksichtigt auch Eröffnungsvorlieben eines bestimmten Spielers. Ausgehend von den 408 Schwarzpartien Capablancas klicken wir jetzt auf den Schalter 'ECO C'. Die Anzeige basiert auf der Klassifikation nach der Enzyklopädie der Schacheröffnungen, abgekürzt ECO. Abschnitt C enthält z.B. alle Königsbauerneröffnungen und die Französische Verteidigung. Die Anzeige ist in zweigeteilt. Das untere Diagramm basiert auf der Gesamtzahl der Partien. Je höher der Graph, desto mehr Partien wurden mit dieser Eröffnung gespielt. Die Anzahl der gespielten Partie werden von der Werten an der linken Achse des Diagramms angezeigt. Mit den 'Plus' und 'Minus-Tasten' können wir die Anzeige zoomen. Das Programm zeigt bei entsprechender Vergrößerung konkret die Anzahl der Partien an, z.B. 11 gespielte Partien mit C50.

Im oberen Teil des Diagramms wird prozentual die Gewinnquote aus weißer Sicht angezeigt. Die Zahlenwerte links vom Diagramm repräsentieren die Prozentzahlen. Da die Suche ausschließlich auf den Schwarzpartien von Capablanca basiert, erkennt man auf Anhieb, mit welchen Fortsetzungen Capablanca weniger erfolgreich war.

Noch etwas Statistik gefällig? Wir aktivieren die Listenansicht der MegaBase 2004 mit einem Doppelklick und wählen den Spielerindex (Tabulator 'Spieler'). Wir navigieren durch die Ansicht zu einem bekannten Spieler, den wir etwas genauer mittels der Statistikfunktion unter die Lupe nehmen wollen: Garry Kasparov. In der Buttonleiste am oberen Fensterrand befindet sich der Button 'Statistik', alternativ können wir nach der Markierung des Listeneintrages mittels 'S' die Statistikfunktion starten. Das Ergebnis sieht wie folgt aus:

Statistik

In der dreigeteilten Ansicht finden wir eine Auswertung aller von Kasparov erfassten Partien. Mittels der Schiebeschalter kann man alle Inhalte in einem Fensterabschnitt einsehen. Die linke Ansicht im Fenster zeigt die Resultate gegen die Gegner von Kasparov. Betrachten wir den ersten Eintrag, die Ergebnisse gegen Anatoly Karpov. Kasparov erzielte 93 von insgesamt 178 möglichen Punkten gegen seinen langjährigen Rivalen und ist ihm um 8 Gewinnpartien voraus.

Mit Hilfe der drei unter der Ansicht platzierten Buttons kann die Listenansicht sortieren. 'N' sortiert nach Anzahl der gespielten Partien – die meisten Partien hat Kasparov also gegen Karpov gespielt – 'A-Z' sortiert alphabetisch und 'Ergebnis' sortiert nach Ergebnis. Möchte man sich genauer über einen der Gegner von Kasparov informieren, hilft ein Doppelklick auf einen Listeneintrag weiter. Umgehend wird der 'Personalausweis' des betreffenden Spielers aktiviert.

Das Funktionsprinzip in der mittleren Ansicht ist identisch. Hier werden die Partien nach dem Turnier sortiert, wo sie gespielt wurden. Beispiel: Wir sortieren die Einträge alphabetisch und markieren das Turnier Amsterdam VSB EUWE mem 1996. Wenn wir die Ansicht nach rechts scrollen, finden wir die Information '6,5/9 +4'. Kasparov erspielte also in dem Turnier 6.5 von 9 möglichen Punkten. Ein Klick 'Tabelle' ruft umgehend die entsprechende Turniertabelle auf, die Sortierung nach Resultat und Alphabet funktioniert wie bereits zuvor beschrieben.

In der rechten Spalte werden die von Kasparov gespielten Eröffnungen sortiert nach ECO aufgelistet. Pro Zeile sieht man die Performance aus Sicht von Weiß, den erreichten Prozentsatz und das Resultat von Schwarz. Das Eröffnungsprofil ist nach Weiß- und Schwarzpartien oder alphabetisch sortierbar. Diese Funktion ermöglicht es, sich schnell einen Überblick über das Eröffnungsrepertoire eines bestimmten Spielers zu verschaffen. Über die Erfolgsquoten erkennt man auf Anhieb die bevorzugten oder besonders erfolgreich in der Spielpraxis angewandten Varianten oder eventuell vorhandene Defizite.

Der Schalter 'ELO' bewirkt, dass die Partien nach der Elozahl des Gegners aufgeschlüsselt und die Performance des Spielers berechnet wird. Die untere Hälfte des Diagramms zeigt an, wie viele Partien gegen Spieler mit einer Elozahl in einem bestimmten Bereich gespielt wurden. Unterhalb der Titelzeile des Fensters findet man Detailinformationen im Klartext, z.B. die Gewinnquoten für Weiß und Schwarz, Durchschnittselo usw.

Die Statistikfunktion leistet prima Dienste bei der Turniervorbereitung. Anhand der beschriebenen Funktionen wird klar, dass es für ambitionierte Spieler Sinn macht, die eigenen Partien sorgfältig zu erfassen und in einer eigenen Datenbank abzuspeichern. Die Statistikfunktion von ChessBase kann sehr hilfreich dabei sein, eigene Stärken und Schwächen oder die von Gegnern aufzuspüren.

Peter Schreiner

ChessBasePeter Schreiner