Eröffnungsreports und Eröffnungstipps

von Peter Schreiner - Mai 2004

Eröffnungsreports mit ChessBase 8.0

Das Ausarbeiten und Feilen am eigenen Eröffnungsrepertoire nimmt im Trainingsprogramm jedes ambitionierten Schachspielers einen besonders hohen Stellenwert ein. Mit einem Schachdatenbanksystem wie ChessBase 8.0 kann man diese Arbeit besonders effizient gestalten. Sehr schnelle Resultate liefert die Funktion 'Eröffnungsreport', mit deren Hilfe man sich sehr schnell einen umfassenden Überblick über ein beliebiges Eröffnungssystem verschaffen kann.

Diagramm Die Funktion 'Eröffnungsreport' erstellt einen kompletten Überblick für die aktuelle Brettstellung. Nehmen wir an, Sie möchten rasch eine Bewertung über eine relativ selten gespielte Abweichung in der französischen Vorstoßvariante verschaffen, die nach den Zügen 1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5 c5 4.c3 Db6 5.Sf3 Ld7 6.Le2 Lb5 (siehe Diagramm) entsteht.

Steht die gewünschte Brettstellung auf dem Brett, wählt man jetzt einfach 'Extras - Eröffnungsreport'. Das Programm generiert jetzt auf der Basis der Referenzdatenbank (im Beispiel die MegaBase 2004) einen Datenbanktext mit vielen nützlichen Informationen zu der Brettstellung.

Am Anfang des Dokuments wird die vorgegebene Zugfolge und die daraus resultierende Brettstellung als Diagramm noch einmal angezeigt. Der letzte Zug wird zusätzlich wird einem grünen Pfeil gekennzeichnet. Unterhalb des Diagramms findet man noch den passenden ECO-Code und eine Verknüpfung zu allen Partien, in denen die Brettstellung vorkam. In unserem Beispiel ergab die Suche in der MegaBase 671 Partien.

Der Report ist übersichtlich strukturiert. Unter Punkt 1 wird zuerst einmal die historische Entwicklung behandelt. Es gibt direkte Verknüpfungen zu der frühesten und jüngsten Partie mit der Variante, gleichzeitig findet man noch einen Link zu einer Großmeisterpartie, in der die Variante vorkam. Der englische IM Robert Wade hat dieses System mit der Idee eines frühen Abtauschs der problematischen "französischen Läufers" in die Turnerpraxis eingeführt. Zwei Grafiken illustrieren anschaulich, in welchen Jahren und wie häufig das System zum Einsatz kam.

Der nächste Abschnitt listet starke Spieler auf, die das System angewandt haben. Der Report geht direkt ins Detail und liefert gleich die Erfolgsquote, den Zeitraum der Anwendung der Variante, den Elodurchschnitt und natürlich die Partien mit. Ein Klick auf den Spielernamen ruft den 'Personalausweis' mit den Informationen aus dem Spielerlexikon auf. Berücksichtigt man die Gesamtzahl von 671 Partien, wird anhand der relativ geringen Partienzahl deutlich, dass das System nicht sonderlich beliebt und daher nur selten angewandt wird.

Einfach zu verstehen ist auch der dritte Abschnitt des Eröffnungsreports. Wie sind die Erfolgsaussichten des Systems zu bewerten? Die Antwort findet man im Klartext unter Punkt 3, dem Abschnitt Statistik. Die Bewertung des Systems auf der Basis der ausgewerteten Partien sieht gar nicht so schlecht für Schwarz aus. Immerhin ist die Anzahl von Weiß- und Schwarzsiegen annähernd ausgeglichen.

Im vierten Abschnitt Züge und Pläne wird es dann richtig interessant. Das Programm zeigt uns jetzt, mit welchen Antwortzügen man in der Brettstellung rechnen muss. Berücksichtigt werden Züge, die besonders häufig gespielt wurden. Weitere Kriterien sind ein hoher Elodurchschnitt, die erzielte Eloperformance und als Highlight listet uns das Programm zusätzlich noch Topgroßmeister auf, in deren Partien die Brettstellung vorgekommen ist. Zusätzlich unterbreitet das Programm Vorschläge, welche Fortsetzungen in den angegebenen Antwortzügen vorzuziehen sind. Auch hier sind in dem generierten Text direkte Verknüpfungen zu den Repertoirevorschlägen integriert.

Der Informationsgehalt wird von einem Positionsbaum abgerundet, der aus allen relevanten Partien automatisch generiert wird. Die in der Baumanzeige eingebetteten statistischen Informationen sind ebenfalls für eine rasche Bewertung bestimmter Fortsetzungen hilfreich.

Eine unschätzbare Hilfe sind die zahlreichen detaillierten Informationen, die in dem Eröffnungsreport eingebettet sind. Neben der Anzeige der Hauptvariante (also der Variante, die am häufigsten gespielt wird) findet man die Darstellung der typischen Standardpläne für beiden Parteien. Auch hier sind die entsprechenden Partien über den eingefügten Link direkt ansprechbar! Eine wichtige Informationsquelle stellt die kritische Variante dar. Diese Variante enthält für beide Seiten die statistisch erfolgreichsten Züge der ausgesuchten Eröffnungsvariante.

Das Datenbankprogramm übernimmt also mit dem automatisierten Eröffnungsreport genau die Funktion, für die Spitzenspieler in früheren Zeiten ganze Sekundantenteams beschäftigten. Der Eröffnungsreport widerlegt übrigens auch in eindrucksvoller Form das Vorurteil, dass komplexe Software kompliziert in der Bedienung ist. Einfacher und unkomplizierter kann man sich wohl kaum einen Überblick über die Qualität eines bestimmten Eröffnungssystems verschaffen!

Tipps zur Eröffnungsvorbereitung mit ChessBase 8.0

ChessBase 8.0 bietet zahlreiche Möglichkeiten, eine gezielte Bewertung von bestimmten Eröffnungsvarianten vorzunehmen. Häufig wird dazu die Suche nach einer Brettstellung (Shift-F7) benutzt. Im Fenster 'Referenzdatenbank' listet das Programm Partien auf, in denen die aktuelle Brettstellung in der Referenzdatenbank vorgekommen ist. Für Vergleiche der einzelnen Partien ist es ungemein praktisch, dass mit einem Klick auf einen Listeneintrag die Partie direkt in das Brettfenster übernommen wird. Ein Klick auf den Button 'Originalpartie' springt direkt zur Ausgangspartie zurück. Das ist schon einmal sehr hilfreich beim Sichten der Partien.

Wichtige Informationen zur Qualität einzelner Fortsetzungen bekommt man, wenn man den Schalter 'Züge' anklickt. Diese Funktion generiert eine Statistik, die große Ähnlichkeit mit dem Informationsgehalt des Positionsbaums aufweist.

Die Suche wird bei Änderungen immer neu in der Referenzdatenbank durchgeführt, dies läuft aber auch auf älteren Rechnern und einer großen Referenzdatenbank flüssig ab. Dafür erhält man rasch eine Anzeige für die Erfolgsquote einzelner Züge, die in Kombination mit der Anzeige der Partien ein effizientes Hilfsmittel zur raschen Beurteilung einer Fortsetzung bietet. Ein Klick auf einen Zug im Zügefenster startet die Suche neu und aktualisiert die Anzeige. Insbesondere die Anzahl der Partien und der Jahresdurchschnitt, an dem eine Variante besonders häufig angewandt wurde, lassen einige Rückschlüsse auf die einzelnen Fortsetzungen zu.

Darüber hinaus liefert diese Funktion aber auch Hinweise, die der Positionsbaum nicht darstellen kann. Ein praktisches Beispiel: per Definition werden genau die Züge aus den Partien angezeigt, die im Suchfenster unter dem Reiter 'Partien' stehen. Mit einem Rechtsklick in der Partienliste kann man nach dem Eloschnitt sortieren und hat damit die wichtigsten Partien direkt am Anfang der Liste stehen.

Tipp: Unter 'Extras - Einstellungen - Grenzen' kann man festlegen, wie viel RAM für die Pufferung großer Teile der Referenzdatenbank zur Verfügung stehen soll. Falls entsprechende Ressourcen frei sind, sollte man einen hohen Wert einstellen.

Ergänzend zu der zuvor beschriebenen Darstellung im Fenster Referenz kann man zu der Notation noch eine separate Ansicht mit einem Positionsbaum einblenden. Der direkte Vergleich zwischen Positionsbaum, der alle in einer bestimmten Stellung gespielten Züge anzeigt, sowie der Partienotation ist natürlich sehr hilfreich zur Beurteilung einer Eröffnungsvariante. In diesem Modus sollte man unbedingt das Buchanalysefenster hinzuschalten.

Im Unterschied zum Positionsbaums, der zu einer Stellung alle bekannten Züge inkl. Erfolgsstatistik anzeigt, wird die Information in diesem Fenster um die Darstellung kompletter Varianten erweitert! Hinter jeder Variante steht die Anzahl der mit einer bestimmten Variante gespielten Partien und mit einem Prozentwert wird die Erfolgsquote aus der Sicht von Weiß gekennzeichnet.

Mit einem Rechtsklick kann man kontextbezogene Funktionen aufrufen. Diskret versteckt findet man in dem Pop-Up-Menü die Funktion 'Kritische Variante'. Das Programm berechnet die kritische Fortsetzung, wenn beide Seiten auf Basis der Statistik immer den optimalen Zug ausführen. Diese Schlüsselvariante wird in roter Farbe angezeigt. Die Endstellung kann man mit einem Doppelklick auf 'Kritische Variante' direkt in das Brettfenster übertragen.

Peter Schreiner

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