Nimzoindisch – E35

Keres, Paul
Botvinnik, Mikhail

Absolute Championship 1941

 

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.Dc2

Wenn in dieser Variante für Weiß alles schlecht läuft, dann deshalb, weil seine Dame schon früh über das halbe Brett gejagt wird. In diesem Beispiel zog Weiß 25% seiner ersten 22 Züge mit seiner Dame!

4...d5

Botvinnik zeigte immer eine Vorliebe für diesen Zug, der seine eigene Berechtigung erlangt hat: »4...d5 ist nicht im Einklang mit der Hauptidee von Nimzoindisch – die im Kampf um das Zentrum mit Figuren besteht. Aber wenn Weiß 4.Dc2 spielt und kurzzeitig den d-Bauern ohne Schutz lässt, ist 4...d5 mit energischem Spiel im Zentrum vollkommen gerechtfertigt.«

5.cxd5

Die hauptsächliche Alternative ist 5.a3 und 5...Lxc3+ 6.Dxc3 Se4 ist für Schwarz zufriedenstellend.

5...exd5

Spielbar ist auch 5...Dxd5 6.Sf3 c5 7.Ld2 Lxc3 8.Lxc3 cxd4 9.Sxd4 [Weiß kann versuchen, mit dem Gambit 9.Td1!? mehr zu erreichen.] 9...0-0 nebst ...e5 und Raum für Schwarz.

6.Lg5 h6 7.Lh4

Natürlich hält Weiß die Fesselung aufrecht, aber nach diesem Zug kann er einem scharfen Kampf nicht mehr ausweichen.
7.Lxf6 Dxf6 8.a3 Lxc3+ 9.Dxc3 c6 10.e3 0-0 11.Se2 [Besser ist 11.Sf3 Lf5! mit einer typischen Stellung aus dem angenommenen Damengambit, in der Schwarz alle seine Probleme lösen konnte.] 11...Te8! 12.Sg3 g6 13.f3 h5! und Schwarz gewann im weiteren Verlauf in der Partie Petrosian-Botvinnik, Wch 1963

7...c5

Sehr logisch. Schwarz nutzt die momentane Schwäche von d4, um die Initiative zu erlangen. Ich dachte über diesen Zug in meiner Partie gegen Kotov nach (Moskau 1940) und zog ihn auch, hauptsächlich um schlechtere Varianten mit ...Le6 zu vermeiden. Einige Runden später spielte ich den Zug gegen Mikenas. Er antwortete 0-0-0 und erhielt das bessere Spiel aus der Eröffnung heraus. Nach einigen Fehlern auf beiden Seiten gewann er.
Keres war offensichtlich durch meine Partie gegen Mikenas beeindruckt und rochierte sofort ebenso lang. Bemerkenswert ist, dass Ragozin mich erinnerte, dass ich den Zug ...c5 schon 1936 analysiert hatte, und ich hatte ihn sicher widerlegt! Bedauerlicherweise vergaß ich die Widerlegung.
Erst vor kurzem entdeckte ich, dass ich den Zug ...c5 schon 1931 (Lebediev-Botvinnik, Halbfinale URS-ch Moskau 1931) gespielt habe, aber ohne ...h6.

8.0-0-0?

Dieser scheinbar starke Zug führt zur Niederlage. Weiß setzt seinen König einem direkten Angriff der schwarzen Figuren auf der c-Linie und der Diagonalen b1-h7 aus, zudem ist sein Königsflügel nicht entwickelt.
Gegen Mikenas setzte ich mit 8...0-0 fort, ohne schnell voranzukommen. Im Novermber-Dezember 1940 entdeckte ich die beste Strategie für Schwarz. In einer der Januar-Ausgaben von »64« (1941) fand ich die Partie Belavenietz-Simagin, in der Simagin die ersten beiden Züge des richtigen Planes spielte! Keres kannte die Partie wohl nicht, sonst hätte er die Idee gekannt! Dadurch konnte ich die vorbereitete Variante spielen.
Besser ist 8.dxc5 g5 9.Lg3 Se4 10.Le5 0-0

8...Lxc3!

Der Sc3 ist der Feind Nummer 1. Er muss vernichtet werden, um das Zentrum zu sichern und die c-Linie zu öffnen. Der Zug ist eine vorbereitete Verbesserung der Fortsetzung 8...0-0? 9.dxc5 Lxc3 10.Dxc3 g5 11.Lg3 Se4 12.Da3 Mikenas-Botvinnik, Moskau 1940

9.Dxc3

9.Lxf6 Dxf6 10.Dxc3 war etwas besser, obwohl der weiße König auch dann über die c-Linie und die Diagonale b1-h7 angegriffen werden wird. 10...Sc6 Schwarz behält die Initiative, aber dies ist die beste Fortsetzung, die Weiß hätte wählen sollen!

9...g5

Der weiße Springer musste verschwinden und anschließend befreite ich meinen Springer, der das Zentrum beschützen soll. Die Schwächung der Bauernstruktur ist hier unbedeutend. Die Ereignisse entwickeln sich mit derartiger Geschwindigkeit, dass Zeit die höchste Priorität besitzt. Die unentwickelten weißen Figuren am Königsflügel haben keine Zeit, ihrem König zu Hilfe zu eilen.

10.Lg3 cxd4

Dieser Zug bietet sich logischerweise an. Die c-Linie muss geöffnet werden. In der Partie Belavenietz-Simagin setzte Schwarz mit 10...Se4 fort, was nicht der korrekte Angriffsplan ist.

11.Dxd4

11.Da3 Lf5 12.Sf3 Se4! 13.Txd4 Sc6 14.e3 g4! -+ Lukin-Estrin, corr URS-ch 1960

11...Sc6 12.Da4

In dieser Situation ist das besser, als die Dame zurück zu ziehen. Weiß schließt durch die Fesselung des Springers künstlich die c-Linie und zwingt Schwarz, ein Tempo zur Befreiung des Springers zu verwenden.

12...Lf5!

Aber so gelangt Schwarz auf die Diagonale b1-h7. Nun braucht Schwarz nur noch die c-Linie zu besetzen. Was ist gefährlicher? Was sollte zuerst verhindert werden?

13.e3 Tc8 14.Ld3

Keres versucht dem König ein Fluchtfeld zu schaffen und schließt die Diagonale, ein kleiner Fehler, der schnell zur Niederlage führt.
Besser war 14.Se2 a6 15.Sc3 b5 16.Dxa6 b4 17.Lb5 Ld7, mit klarem Vorteil für Schwarz.

14...Dd7!

Mit der ernsthaften Drohung eines Abzugsschachs. Weiß bleibt keine Wahl.

15.Kb1 Lxd3+ 16.Txd3 Df5 -+

Die Fesselung kann nur auf Kosten von Material aufgehoben werden.

17.e4! Sxe4 18.Ka1 0-0

18...Sxf2 gewinnt natürlich auch.

19.Td1 b5!

Dieser Zug krönt den Angriff. Der Springer wird d5 decken, was sofort zum Matt führt.

20.Dxb5 Sd4 21.Dd3 Sc2+ 22.Kb1 Sb4 0-1

Die Königsflügelfiguren von Weiß spielten nicht mit!

Kommentar: Botvinnik