Budapester Gambit – A52

Rubinstein, Akiba
Vidmar, Milan

Berlin 1918

 

1.d4 Sf6 2.c4 e5 3.dxe5 Sg4

Rubinstein, ein erfahrener Spieler, hatte die für Weiß beste Eröffnungsstrategie gefunden. Die von ihm gewählte Zugfolge gestattet es dem Anziehenden, die Entwicklung seiner Figuren mit dem Versuch, den Mehrbauern zu verteidigen, zu kombinieren.

4.Lf4 Sc6 5.Sf3 Lb4+ 6.Sc3

6.Sbd2 versperrt der weißen Dame den Weg nach d5. Schwarz erobert den Bauern e5 mit dem typischen Manöver ...Lb4(c5)/...De7 zurück, beispielsweise 6...De7 7.Lg5 Dc5 1918 lautete die Einschätzung dieses Abspiels: Schwarz ist im Vorteil, und Weiß hat keine Perspektiven.

6...De7

Einmal mehr sehen wir dieses nützliche Manöver. Noch genauer ist aber die Zugfolge 6...Lxc3+ 7.bxc3 De7. Nach dem Textzug hat Weiß noch die Option 7.Db3.

7.Dd5

Weiß hat seinen Plan, den Mehrbauern zu verteidigen, in die Tat umgesetzt. Schwarz kann keine weiteren Kräfte heranführen, die den Druck auf den Bauern verstärken könnten. Der Breyer-Plan ...b7-b6, gefolgt von ...Lb7, hilft hier nicht, da Weiß den Springer von g4 vertreiben kann: Nach 7...b6 8.h3! Sh6 (im Gegensatz zur Breyer-Partie steht der h-Bauer nicht auf h5 sondern noch auf h7) 9.Lxh6 gxh6 10.Tc1! besitzt Weiß das bessere Spiel. Aber erst einmal ist Schwarz am Zug, und er hat seine eigenen Pläne, ein Gegenspiel einzuleiten.

7...Lxc3+ 8.bxc3

Diese kritische Stellung war 1918 und ist bis heute eine der Schlüsselstellungen des Budapester Gambits. Weiß hat den Mehrbauern verteidigt, aber zu welchem Preis! Je einen Doppelbauern auf der c- und auf der e-Linie; vereinzelte, schwache Bauern auf der a- und c-Linie; der Damenflügel ist geschwächt – einer Invasion der schwarzen Figuren ist dort Tür und Tor geöffnet; der König steht im Zentrum und Weiß braucht mindestens zwei Züge, bevor er rochieren kann (Schwarz hat dagegen alles für die Rochade vorbereitet). Die weiße Dame im Zentrum ist ein leichtes Ziel für die Angriffe schwarzer Figuren und Weiß wird für ihre Sicherheit einige Tempi aufwenden müssen. Das also ist die Kompensation für den geopferten Bauern. Vidmar musste nun allerdings herausfinden, wie er den für sich größten Nutzen aus der Situation herausholen konnte.

8...Da3

Durch die Drohung ...Dxc3+ mit gleichzeitigem Angriff auf den Turm a1 gewinnt Schwarz Zeit.

9.Tc1

Nach 9.Dd2 Da5 greift Schwarz die beiden schwachen Bauern c3 und e5 an; Weiß kann noch versuchen, eine Falle zu stellen: 10.Tb1 a6! [aber nicht 10...Sgxe5? 11.Sxe5 Sxe5 12.Tb5 +- mit Figurengewinn.] 11.e3 Sgxe5 12.Sxe5 Sxe5 materiell ist die Stellung wieder ausgeglichen; die schwachen Bauern auf der a- und c-Linie aber bleiben bestehen. Nach ...0-0, ...d6, ...b6 und eventuell ...Le6 spielt Schwarz ohne eigenes Risiko auf die weißen Schwächen.

9...f6

Vidmar entschied sich für ein richtiges Gambit: er opferte den Bauern und hofft, seinen Entwicklungsvorsprung für einen Angriff auf den gegnerischen König nutzen zu können.
Lange Zeit galt 9...Dxa2 als verdächtig, da der schwarze Königsflügel nach den Zügen 10.h3 Sh6 zur Schwäche neigen könnte, aber Analysen von Glaskov und Tseitlin haben neue Möglichkeiten für ein schwarzes Gegenspiel aufgezeigt. Ihre Hauptidee ist der Vormarsch des a-Bauern nach a4, gefolgt von ...Ta5 mit Angriff auf e5; währenddessen findet Weiß nicht genügend Zeit, Nutzen aus dem geschwächten schwarzen Königsflügel zu ziehen; zum Beispiel: 11.Lxh6 [11.e4 Da3!N – in der Enzyklopädie der Schacheröffnungen wird nur 11...Sg8? erwähnt, mit der Folge 12.c5 Da3 13.Lc4 ± Gligoric-Westerinen, Venedig 1971 – 12.e6 dxe6 13.Dd2 Da5 14.Lxh6 gxh6 15.Dxh6 Dc5 mit der Idee 16.Dg7 Df8 17.Df6 Tg8 mit Gegenspiel.] 11...gxh6 12.g4 Db2 13.Kd1 a5 14.Tc2 Db1+ 15.Kd2 a4 16.Lg2 Db6 17.e3 Ta5 18.De4 Dc5 19.Tb1 b6 mit Gegenspiel.
Wenn 9...Dxa2 spielbar ist, kann die Variante mit 4.Lf4 und 6.Sc3 im Grunde genommen nicht als Gambit bezeichnet werden. Diese Variante demonstriert dagegen eindrucksvoll, wie Schwarz gegnerische Bauernschwächen (hier e5, c3, c4 und a2) für den Rückgewinn eines Bauern und der Inszenierung von Gegenspiel nutzen kann.

10.exf6

Die taktische Abwicklung 10.e6 dxe6 11.Dh5+ g6 12.Dxg4 scheitert an 12...e5 13.Dh4 exf4 14.Dxf4 0-0 und Weiß hat den Mehrbauern unter ungünstigeren Umständen als in der Partie verteidigt. Folgen könnte beispielsweise 15.Dd2 Lf5 16.e3 Tad8 17.Sd4 Se5 mit schwarzem Angriff.

10...Sxf6 11.Dd2 d6

Nicht nur um c7 zu decken, sondern vor allem um ...Lf5 vorzubereiten. In dieser Art Stellungen ist es für Schwarz äußerst wichtig, das Feld e4 und die Diagonale b1-h7 zu kontrollieren.

12.Sd4

Der Springer e4 überdeckt das Feld f5 und »droht« gelegentlich, sich gegen den Springer c6 abzutauschen, was Vidmar, der einfach seine Entwicklung fortsetzte, aber nicht weiter beunruhigte.
Schwächere Spieler neigen hier oft dazu, mit 12.e3 und 13.Le2 fortzusetzen. 12.e3? ist jedoch überhaupt nicht empfehlenswert wegen 12...Lf5 wie Bogoljubow ausführte, sichert die Idee ...Se4 Schwarz bereits das bessere Spiel: 13.Sd4 Sxd4 14.exd4 Se4 beachten Sie, dass Schwarz durch die ständigen Angriffe des Springers sowie des Läufers auf die weiße Dame Zeit für die weitere Entwicklung und das Aufstellen weiterer Drohungen erhält. 15.De3 0-0 mit schwarzer Initiative.

12...0-0 13.e3

Endlich kommt Rubinstein dazu, die Rochade vorzubereiten, und das im 13.Zug! Und dann handelt es sich auch noch die Verkennung der Situation!
Springertausch bringt Weiß nur in größere Schwierigkeiten. Schwarz nutzt die dann offene b-Linie, um seinen Turm am Angriff teilhaben zu lassen: 13.Sxc6 bxc6 14.e3 Tb8! 15.Ld3 Tb2

13...Sxd4! 14.cxd4 Se4

Eine andere Möglichkeit zeigt Fritz auf: 14...g5! 15.Lxg5 [15.Lg3 Se4 16.Dd1 Da5+ 17.Ke2 Txf2+! der Knackpunkt 18.Lxf2 Lg4+ 19.Kd3 Sxf2+ 20.Kc2 Dxa2+ -+] 15...Se4 -+ hier wird das Vorpostenfeld e4 eindrucksvoll genutzt.

15.Dc2 Da5+ 16.Ke2

Und was nun? Nicht nur Rubinstein, auch Fritz beurteilt diese Stellung als besser für Weiß, aber …

16...Txf4! 17.exf4 Lf5 18.Db2 Te8 19.Kf3

Kann der König etwa entkommen?

19...Sd2+

Nein! Besser war das direkte 19...h5 wegen 20.h3 [20.g3 Sg5+ 21.fxg5 Le4+ 22.Kf4 Df5+ 23.Ke3 Lb1+ 24.Kd2 Dxf2+ 25.Kc3 Te3+ 26.Ld3 Txd3+ 27.Kb4 Dxb2+ 28.Ka5 Ta3 matt] 20...h4 21.Td1 Sg5+! 22.fxg5 Le4+ 23.Kf4 [23.Kg4 Df5+ 24.Kxh4 Df4+ 25.g4 Kf7 nebst Matt.] 23...Df5+ 24.Ke3 Dxg5+ 25.f4 Lxg2+ 26.Kd3 Dg3+ 27.Kc2 Lxh1 -+ stattdesen wiederholte Schwarz in der Partie die Züge, um seinem Gegner Gelegenheit zu geben, Fehler zu machen.

20.Kg3 Se4+ 21.Kh4

21.Kf3 Remis? 21...h5! nicht doch! Schauen Sie sich die Kommentare zum 19.Zug an.

21...Te6 22.Le2 Th6+ 23.Lh5 Txh5+ 24.Kxh5 Lg6+ 0-1

24...Lg6+ 25.Kg4 Dh5 matt

Kommentar: Dmitrij Oleinikov