Klassischer Drachen – B73

Nevednichy, Vladislav - 2495
Rogozenko, Dorian - 2480

Bukarest 1993

 

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 g6

Im Sommer 1992 war ich vom Sizilianischen Drachen fasziniert und entschied mich, ihn in mein schwarzes Eröffnungsrepertoire mit aufzunehmen. Ich prüfte mehr oder weniger sorgfältig die Hauptvarianten eingeschlossen das weiße 0-0-0 (dies kostete mich ungefähr zwei Wochen harte Arbeit; manchmal habe ich zusammen mit anderen Spielern trainiert, die stärker sind als ich) und entschied, dass ich bereit war diese Varianten zu spielen.
    Beim Vorbereiten gegen den Klassischen Drachen gingen die Dinge viel schneller. Schon seit jeher war mein Fazit »Ich kann es direkt am Brett spielen«, die »Vorbereitung« für den Klassischen Drachen kostete mich ungefähr ein bis zwei Stunden (ich will den Leser daran erinnern, dass das alles geschah, als man das Wort »Computer« nur in den Nachrichten gehört hat. Heutzutage würde die selbe Vorbereitung kaum mehr als 10-15 Minuten dauern). All das wurde in einem allgemeinen Trainigslager durchgeführt, nicht für ein spezielles Tunier, sondern stattdessen für die nächste Spielsaison. Diese Partie von Anfang 1993 war meine erste Erfahrung mit dem Drachen.

6.Le3 Lg7 7.Le2

Große Enttäuschung hier.

7...Sc6 8.0-0 0-0 9.Dd2

Bei meiner, ein halbes Jahr vor dieser Partie, während diesen 1-2 Stunden in denen ich mich an den Klassischen Drachen gewöhnt habe, muss ich diese Stellung auch schon gesehen haben. Jedoch während der Partie war ich mir sicher, dass dieser sorglose Damenzug ein strategischer Fehler ist.

9...Sg4

Ich »bestrafe« meinen Gegner. Besser ist 9...d5

10.Lxg4 Lxg4 11.f4 Ld7?!

Ich war (noch) glücklich – Schwarz hat einen Springer gegen einen Läufer getauscht und hat keine Schwächen. Besser ist 11...Sxd4 12.Lxd4 e5. Dies garantiert ein vernünftiges Spiel, aber natürlich ist es mir während der Partie nicht eingefallen.

12.Tad1 Tc8 13.h3

Ich erinnere mich, dass ich an diesem Punkt angefangen habe meinen Enthusiasmus zu verlieren. Das war die erste Runde eines langen, geschlossenen GM-Turniers, möglicherweise das stärkste Turnier welches ich bis zu diesem Moment jemals gespielt hatte (es war Kat. 10, was das auch immer heißen soll) und ich hatte mir selber die ehrgeizige Aufgabe gesetzt meine zweite GM-Norm zu erreichen. Dies war von einer langen Vorbereitungsperiode gestützt und ich hoffte eine gute Form zu zeigen.
    Der Sizilianische Drache war meine »Geheimwaffe«, und während ich meinen Gegner bereits in der ersten Runde überraschte, war diese dazu gedacht zu dem sehr scharfen Spiel zu führen, das ich mir wünschte.
    Wie gewöhnlich, wenn ein ernstes, langes Turnier beginnt, übernimmt das erste Spiel eine wichtige Rolle. Der Sizilianische Drache passte perfekt – ich erwartete einen harten Kampf, wo ich viel auszurechnen und schnell ein Auge auf alles haben konnte. Aber die Dinge liefen anders in dieser ersten Partie des Turniers. Auf der Suche nach aktivem Spiel begann ich zu realisieren, dass es einfach kein aktives Spiel für Schwarz gab. Also ging ich zu einem anderen Extrem über und begann langsam meine Stellung zu hassen…
    Der nächste Teil des Spiels ist ein Beispiel für eine gute Strategie von Weiß und ein ziemlich dämliches Spiel von Schwarz.

13...b6?

Ich kann mich nicht an die Absicht dieses Zuges erinnern und heutzutage gelingt es mir nicht, eine Erklärung dafür zu finden.

14.f5!

Weiß hat einen Raumvorteil und er beginnt mit aktiven Aktionen. Es sollte beachtet werden, dass ALLE weißen Figuren sehr gut stehen und jede von ihnen eine oder mehrere Aufgaben hat.

14...Se5 15.b3 Lc6 16.Lg5 Lb7

Dieses Manöver muss sozusagen die Begründung für 13...b6 gewesen sein.

17.Sd5!± Lxd5 18.exd5 a6 19.a4 Dd7 20.c4

Eine Traumstellung für Weiß. Das Spiel ist bis zum Ende instruktiv. Ich kann mir selbst wirklich nichts vorwerfen für das, was als nächstes geschah. Ich kann mir etwas vorwerfen an dem, was in den ersten 20 Zügen geschah, oder besser an dem, was vor einem halben Jahr, während der genauen »Vorbereitung« ablief.

20...Tc7 21.Kh1 Tb7

Ein unrealistischer Traum vom Gegenspiel. Es ist nicht sehr schwer zu erkennnen, dass Weiß das Feld b5 etwas besser als Schwarz kontrolliert.

22.Lh6

Der Mangel von Schwarz an Raum und Linien um zwischen den Flügeln zu kommunizieren, macht den direkten weißen Angriff zur effektivsten Waffe in solchen Stellungen.

22...Tc8 23.Lxg7 Kxg7 24.Tde1 De8 25.Te4 Dh8

Eine schlimme Notwendigkeit um Matt auf h7 zu vermeiden.

26.Th4 Kg8 27.fxg6 Sxg6 28.Th5 f6

Ich schlage stattdessen Tbb8 und Sf8 vor. Aber auch so sieht die schwarze Stellung aus, wie ein erfolgsloser Versuch Schach und Dame in einem einzigen Spiel zu kombinieren.

29.De2 Kf8 30.Dg4 Kg7 31.Se6+ 1-0

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich auf Zeit verloren habe oder den Mut hatte aufzugeben bevor mein Blättchen fiel.
    Tatsächlich spielte mein Gegner sehr präzise und dies ist eine besonders anschauliche Partie, um die Ideen von Weiß im Klassischen Drachen zu sehen. Es stellte sich heraus, dass Nevednichy das System gegen den Drachen vor dem Turnier mit der Hilfe eines sehr starken Spielers vorbereitet hatte. Als sie merkten, dass Schwarz ausgleichen könnte, kamen sie auch zu dem Schluss, dass Schwarz ohne gute Vorbereitung leicht in Schwierigkeiten enden könnte. Leider hatten sie recht…
    Erwähnenswert wäre auch noch, dass Nevednichy eine große Form in diesem Turnier zeigte, dabei den ersten bis dritten Platz teilte und die GM-Norm erreichte. Andererseits war ich auch nicht schlecht in Form, wobei ich am Ende den alleinigen vierten Platz belegte (der jedoch nicht für die GM-Norm ausreichte). Dies bestätigt, dass der Klassische Drache wirklich einiges Gift enthaelt, wenn eine Person, die ein GM werden will, in solch einer Weise damit ueberwältigt werden kann.
    In mehr als 30 Spielen bei verschiedenen Turnieren mit dem Drachen mit Schwarz habe ich niemals so eine peinliche Niederlage erlitten, nicht mal gegen all jene Rauser-Angriffe…

Kommentar: Dorian Rogozenko