Angenommenes Damengambit – D23

Alekhine, Alexander
Fine, Reuben

Kemeri 1937 – Runde 16

 

1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 Sf6 4.Da4+

Zur Zeit, da die Partie gespielt wurde, war dieser Zug wenig bekannt. Heute weiß man, dass dieser Damenausfall dem Nachziehenden bequemere Verteidigungsmöglichkeiten gewährt als die normalen, mit 4.e3 beginnenden Systeme. (M)

4...Dd7

Schwarz spielt gegen den großen Angriffskünstler auf Damentausch. Aljechin führt jedoch den Nachweis, dass man den Gegner auch ohne Damen vor schwere Probleme stellen kann. (M)

5.Dxc4 Dc6 6.Sa3

"Wenn er die Damen tauscht, dann soll der Springer nach c4 zentralisiert werden!" (M)

6...Dxc4 7.Sxc4 e6 8.a3

Verhindert das Entlastungsschach Lb4+, droht gelegentlich b4 und verleitet den Gegner zu einem nicht genügend überlegten Vorstoß. (M)

8...c5?

Bei jedem Zug, besonders aber bei Bauernzügen, sollte man nicht nur vorwärts – sondern auch rückwärts blicken! Hat der gezogene Stein vor dem Zug nicht ein Feld gedeckt, das nun zur Schwäche neigt?
Auf die Partie bezogen: nach 8...c5? wurde das Feld d6 plötzlich schwach, und damit ist das positionelle Angriffsziel für Weiß gegeben. (M)
RR: Die ECO nennt nur diesen Zug – ohne "?" und Alternative.
8...a5!? verhindert b4, mit der Idee 9.Lf4 b5 10.Scd2 Ld6 (Aljechin)

9.Lf4 Sc6

Besser war 9...Sbd7 10.Sd6+ Lxd6 11.Lxd6 Se4 12.Lc7 b6 13.e3 Lb7 14.Ld3 Tc8 15.Lf4 dies hätte allerdings das Grundübel der schwarzen Stellung, die Schwäche der der dunklen Felder, auch nicht beseitigt. Immerhin bot diese Alternative günstigere Verteidigungsmöglichkeiten als die Partiefortsetzung. (M)

10.dxc5 Lxc5 11.b4 Le7 12.b5 Sb8 13.Sd6+ Lxd6 14.Lxd6 Se4 15.Lc7

Ein überraschender, doch wohl erwogener Zug.
15.Lb4 sieht zwar besser aus, doch nach 15...a5! 16.bxa6 Sxa6 wird der b4-Läufer von der Sperrschrägen b4-f8 abgedrängt.
15.Lf4 ist wegen 15...f6 nebst 16...e5 nicht empfehlenswert. (M)

15...Sd7 16.Sd4!

Das Übergewicht des Anziehenden erfordert eine weitere Verstärkungsoperation: Weiß plant den Vormarsch f3 nebst e4, dessen feine Pointe drei Züge später ersichtlich wird. (M)

16...Sb6 17.f3 Sd5 18.La5 Sef6

18...Sd6 19.e4 Se3 20.Lb4! e5 (20...Sxf1? 21.Lxd6 Se3 22.Tc1 Sxg2+ 23.Kf2 Sh4 24.Tc7) 21.Lxd6 exd4 22.Ld3! Sxg2+ 23.Kf2 Se3 24.Le5 ± (M)

19.Sc2!

Verwehrt dem Gegner das Feld e3, wonach der Springerstützpunkt d5 erobert wird. Die schwierige Stellungsschlacht ist jedoch noch lange nicht entschieden, da Schwarz nach der Besetzung der c-Linie Gegendrohungen aufstellen kann. (M)

19...Ld7 20.e4 Tc8 21.Kd2! Sb6 22.Se3

Die erste Zernierungsphase ist beendet. Es ist dem hervorragend manövrierenden Anziehenden gelungen, den feindlichen Springern sämtliche Aktivfelder zu nehmen. Im folgenden Teil dieser lehrreichen Partie wird die systematische Einengung des Nachziehenden mit dem Vormarsch des a3-Bauern wirkungsvoll fortgesetzt. (M)

22...0-0 23.a4

Weiß verhindert das Springermanöver Sb6-a4-c5.

23...Tfd8 24.Ld3 e5?!

Im Kampf gegen das Läuferpaar muss jede Felderschwächung (d5, f5) peinlichst vermieden werden! In diesem Sinne war 24...Le8 nebst 25...Sfd7 das Beste. Weiß hätte hierauf mit 25.Lb4 und 26.a5 seine Stellung weiter verstärkt. (M)

25.Thc1 Le6 26.Txc8 Txc8 27.Lb4

Der starke Läufer meldet sich zum Wort! Er legt Sperrfeuer gegen f8 und droht 28.Ld6.

27...Se8 28.a5 Sd7 29.Sd5!

Dieser feine Zug musste weit berechnet werden, denn bei oberflächlicher Prüfung scheint der nun auf d5 entstehende Freibauer eher schwach als stark zu sein. Man vergleiche übrigens die Anmerkung zum 24. Zug von Schwarz. (M)

29...Lxd5 30.exd5 Sc5

Ein verzweifelter Ausfall (mit der Idee Sd6), der von Aljechin mit einer scharf pointierten Gegenkombination zurückgeschlagen wird.
Auf 30...g6 plante Aljechin 31.d6 f5 32.Lb1! Kg7 33.La2 Kf6 34.Ld5 spielt Schwarz nun 34...b6, dann folgt 35.axb6 axb6 [oder 35...Sxb6 36.d7 Sxd7 37.Txa7] 36.Ta7 Td8 37.Tb7 diese Variante war die beste Chance für Schwarz, denn nun wird der Widerstand Fines mit einigen Kraftzügen gebrochen. (M)

31.Lf5! Td8

31...Sb3+? 32.Kd3 Sc1+ [32...Sxa1? 33.Lxc8 b6 34.axb6 axb6 35.Kc3 +-] 33.Ke3 Tc4 34.d6 +- (M)

32.Kc3! b6

32...Txd5? 33.Kc4 Td4+ 34.Kxc5 b6+ 35.axb6 axb6+ 36.Kxb6 Txb4 37.Ta8 +-

33.axb6 axb6 34.Lxc5!

Gewinnt in wenigen Zügen, da nun der b-Bauer das Rennen macht. (M)

34...bxc5 35.b6 Sd6

35...Tb8 wäre nicht besser, wegen 36.b7! Txb7 37.Ta8 Kf8 38.d6 +- (M)

36.Ld7! Txd7

36...f6 37.Lc6 Kf7 38.Ta8 und eine Figur ginge verloren. Daher wählt Schwarz die kürzeste Todesart. (M)

37.Ta8+ Se8 38.Txe8 matt

Die Kraft des "latenten" Läuferpaares wurde in dieser grandiosen Positionspartie genial zur Geltung gebracht. (M)

Kommentar: Kotov: Erbe II, 107