Caro-Kann Verteidigung - B18

Tal, Mihail
Botvinnik, Mikhail

Moskau WM 1960 Partie 9

 

1.e4 c6

Caro-Kann war in drei aufeinander folgenden Weltmeisterschaften die Hauptwaffe Botvinniks. Diese zähe Verteidigung erwies sich als sehr erfolgreich, wenn es darum ging, die aggressiven Absichten von Smyslov und Tal zu neutralisieren.

2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Lf5 5.Sg3 Lg6 6.S1e2 Sf6 7.h4 h6 8.Sf4 Lh7 9.Lc4 e6 10. 0-0 Ld6

Die weiße Entwicklung sieht ziemlich hektisch aus - h2-h4 passt nicht gut zur kurzen Rochade. Aber Tal hat eine Fortsetzung vorbereitet, um die sterbende Initiative zu erhalten.

11.Sxe6!? fxe6 12.Lxe6 Dc7

Später empfahl Botvinnik 12...Sbd7 13.Te1 Dc7 um 13.Sh5 zu verhindern.

13.Te1 Sbd7 14.Lg8+ Kf8 15.Lxh7 Txh7 16.Sf5

Das ist die Stellung, die Tal angestrebt hat. Zwei Bauern sind zwar nicht genügend Kompensation für die geopferte Figur, aber wenn man die permanenten Probleme mit dem König sowie den verdächtigen Turm auf h7 dazuzählt, dann werden die praktischen Schwierigkeiten von Weiß etwas deutlicher. Solche halbkorrekte Opfer waren ein Merkmal von Tals phänomenaler Erfolgsserie in den späten fünfziger Jahren. Seine mystische Energie, gekoppelt mit dem Druck der tickenden Uhr, hat reihenweise zum Zusammenbruch des Gegners geführt. Im Falle Botvinnik stieß Tal auf einen eisernen Gegner, der mit präziser psychologischer Berechnung spielte. Auch einen so schrecklichen schachlichen Wirbelsturm vermag Botvinnik schadlos zu überstehen.

16...g6!

Er gibt den Bauern ab und ändert gleichzeitig den ganzen Charakter des Spiels. Aber hier erhebt sich eine nicht ganz unberechtigte Frage: wäre nicht ein vorgeschaltetes Schach angemessen gewesen? Schauen wir uns die Sache an: 16...Lh2+ 17.Kh1 g6 18.Lxh6+ Kg8 19.Se7+ [19.g3?! Lxg3! 20.fxg3 gxf5 und Schwarz gewinnt.] 19...Kf7 20.Lg5 Lf4 21.Sxg6! [21.Dd3? Lxg5 22.Dxg6+ Kf8 23.Dxg5 Txe7 24.Txe7 Kxe7 25.Dg7+ Kd8 26.Te1 Dd6 und Schwarz gewinnt.] 21...Lxg5 [21...Kxg6? 22.Dd3+ Kf7 23.Te7+!] 22.Te7+ Kg8 23.Txh7 Kxh7 24.Dd3! Kg7! 25.Se7 [25.hxg5? Sg4 -+] 25...Th8! 26.Dg6+ Kf8 27.Dxg5 Th5 28.Sg6+ Kg7! 29.Sf4+ Txg5 30.Se6+ Kf7 31.Sxc7 Tg4 und Schwarz hat gute Gewinnaussichten. Objektiv war also 16...Lh2+ der bessere Zug. Da die Varianten aber kaum zu berechnen waren, ist die Wahl Botvinniks aus praktischer Sicht sinnvoller.

17.Lxh6+ Kg8 18.Sxd6 Dxd6

18...Txh6 hätte den Bauern zurückerobert, aber Weiß hätte danach gewisse Angriffschancen: 19.Te6 Txh4 20.g3! Botwinnik zog es vor, das Wasser zu trüben, anstatt eine so risikoreiche Fortsetzung gegen einen Tal auszuprobieren. [20.Dd3 führt zu einem hübschen schwarzen Gewinn: 20...Sf8!! 21.Txf6 Dh7 22.Db3+ Kh8]

19.Lg5 Te7

Nun kann Weiß seine ehrgeizigen Angriffspläne vergessen. Statt dessen ist er gezwungen, sehr vorsichtig vorzugehen, da Schwarz im Mittelspiel mit der Mehrfigur einen sehr gefährlichen Angriff organisieren könnte. Die drei zusätzlichen Bauern von Schwarz sind weniger relevant, da keiner von ihnen ein Freibauer ist. Zweifellos war Tal ziemlich unglücklich und zeigte im Rest der Partie ganz deutliche Zeichen von Nervosität.

20.Dd3

Im Endspiel nach 20.Txe7 Dxe7 21.h5 gibt das zentralisierende 21...De4 Schwarz einen deutlichen Vorteil: 22.h6 [22.hxg6 Dxg6 23.Le3 Sg4] 22...Df5

20...Kg7 21.Dg3?

Die falsche Idee. Tal wollte die weitere Aktivierung der schwarzen Figuren verhindern - nach Tae8 übernimmt Schwarz die einzige offene Linie - und außerdem das gefährliche Trio Dame plus zwei Springer auseinanderbrechen. Aber das Endspiel mit der ramponierten Bauernstruktur bot keinen richtigen Ausweg. Korrekt war vielmehr 21.Txe7+ Dxe7 22.Db3! womit die weiße Aufmerksamkeit auf die andere Flanke gelenkt wird. 22...Sb6 [22...b6 23.Dc4, bzw. 22...b5 23.a4] 23.c4 Td8 [23...De6 24.d5! cxd5 25.c5] 24.Dc3 und Weiß hält noch die Waage.

21...Txe1+ 22.Txe1 Dxg3 23.fxg3 Tf8!

Schneidet den weißen König vom Zentrum ab.

24.c4

Es wird allmählich klar, dass Weiß die Bauern am Königsflügel nicht aktivieren kann, z.B. 24.Te7+ Tf7 25.Txf7+ Kxf7 26.Kf2 Ke6 27.Kf3 Kf5

24...Sg4 25.d5

Ein verzweifelter Versuch, die Blockade aufzuheben. Wahrscheinlich war die beste Option, passiv zu bleiben.

25...cxd5 26.cxd5 Sdf6 27.d6 Tf7 28.Tc1

Falls 28.Lf4, dann 28...Td7 gefolgt von 29...Sh5.

28...Td7 29.Tc7 Kf7 30.Lxf6

Da Botvinnik sehr effektiv die weißen Felder zur Mobilisierung seiner Kräfte verwendet, spielt der Läufer keine Rolle mehr.

30...Sxf6 31.Kf2

Der König eilt nach vorne, allerdings zu spät.

31...Ke6 32.Txd7 Kxd7 33.Kf3 Kxd6 34.Kf4 Ke6 35.g4 Sd5+ 36.Ke4

36.Kg5 Kf7 37.h5 wird von Schwarz einfach ignoriert: 37...Kg7! und nach 38.hxg6 Sb4 39.a3 [39.a4 Sd3 40.b3 Sc5] 39...Sd3 40.b3 [40.b4 b5 41.Kf5 Sb2] 40...a5 kann der weiße König das Brett nicht rechtzeitig überqueren: 41.Kf5 Sc1 42.b4 axb4 43.axb4 Sa2 44.b5 Sc3 45.b6 Sa4 46.Ke5 Sxb6 47.Kd6 Sc8+ 48.Kc7 b5 und der übriggebliebene Bauer läuft zur Dame.

36...Sf6+ 37.Kf4 Sd5+ 38.Ke4 Sb4 39.a3 Sc6 40.h5 g5

Nun erwacht der g-Bauer zum Leben, so dass der Tausch von Bauern auf der anderen Seite nichts mehr zu bedeuten hat.

41.h6 Kf6 42.Kd5 Kg6

Der Springer ist in der Lage, den Vormarsch des weißen Königs ganz allein zu parieren.

43.Ke6

Oder 43.Kd6 Sa5! 44.Kc7 b5 45.Kb8 Sc4 46.Kxa7 [46.b3 a5!] 46...Sxb2 47.Kb6 Sc4+ 48.Kxb5 Sxa3+ usw.

43...Sa5 44.a4 Sb3 45.Kd6 a5 46.Kd5 Kxh6 47.Kc4 Sc1 48.Kb5 Sd3 49.b3 Sc1 50.Kxa5 Sxb3+ 51.Kb4

51.Kb6 Kg6 52.Kxb7 Sc5+ und die letzte Hoffnung verschwindet, zusammen mit dem letzten weißen Bauern am Damenflügel.

51...Sc1 52.Kc3 Kg6 53.Kc2 Se2 54.Kd3 Sc1+ 55.Kc2 Se2 56.Kd3 Sf4+ 57.Kc4 Kf6 58.g3 Se2 0-1

Kommentar: Garry Kasparov